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Jeffrey Beaumont lebt in einer Welt die keine Fragen offen lässt. Der blaue Himmel der sich über den weißen Zaun und den roten Rosen seines Vorgarten neigt, ist frei von Überraschungen und Unheil. Alles in dieser Welt trägt einen Namen und, wer darauf achtet, bemerkt das es darin nur so wimmelt von Schildern, die etwas benennen oder auf etwas hinweisen. Gleich zu Beginn des Filmes rüttelt der Regisseur DAVID LYNCH an dieser Idylle und lässt Jeffreys Vater, an den Folgen eines Schlaganfalles, beim Rasensprengen, zusammenbrechen. Aus heiterem Himmel versteift sich der Mann greift sich in den Nacken und geht zu Boden. Ein Hund kommt und trinkt aus dem Schlauch, den der Mann noch in der Hand hält. Dahinter ein Kleinkind das neugierig guckt. In Zeitlupe wird diese Sequenz noch einmal vergrößert dargestellt. Danach fährt die Kamera, mit einem bedrohlichen Dröhnen unter die Rasenfläche bis sie zu einem ohrenbetäubenden Haufen schwarzer Käfer gelangt.
-----SCHNITT------
Diese Kamerafahrt nimmt im Prinzip den weiteren Geschichtsverlauf voraus. Jeffrey steht vor seinem Leben als erwachsener Mann. Gleichzeitig wird er, durch den Gesundheitszustand seines Vaters, mit Sterblichkeit konfrontiert.
In dieser Situation findet Jeffrey, auf dem Heimweg über eine Waldlichtung, das abgeschnittene Ohr eines Menschen. Für ihn ist dieses Beweismittel zu einem Gewaltverbrechen gleichzeitig auch der Eintritt in eine Reise durch die eigene Seele.
Das Ohr gibt er natürlich bei der Polizei ab. Dank Sandy, der Tochter des Polizeichefs, erfährt er von der Nachtclubsängerin DOROTHY VALANCE. Ihr Vater vermutet das sie “in der Sache mit drinsteckt”. Die beiden finden heraus, wo die Frau wohnt und kurz darauf beschließt Jeffrey in die Wohnung dieser Frau zu gehen um etwas über “Das Ohr” herauszufinden. Er wittert die Gelegenheit, “etwas zu sehen, was man sonst nicht sieht“.
Durch die Mithilfe von Sandy schafft Jeffrey es tatsächlich in die Wohnung einzudringen. Als er von Dorothy überrascht wird muss er sich in ihrem Schrank verstecken. Von dort aus kann er beobachten wie sie sich auszieht und sich duscht. In diesem Moment könnte er die Wohnung verlassen, doch er tut es nicht, die Rolle des Voyeurs zieht ihn zu stark in ihren Bann.
Als dann ein Mann namens FRANK in der Wohnung auftaucht, wird Jeffrey, aus seiner Position heraus, Zeuge wie die Frau zu einem perversen Rollenspiel gezwungen wird, das mit einer Vergewaltigung endet.
Diese groteske Szene entspricht keiner realistischen Darstellung einer Vergewaltigung. Vielmehr wird hier in überspitzen Metaphern der psychologische Hintergrund einer unintakten, vom Mann dominierten Beziehung dargestellt.
Dorothy muss alles tun was Frank von ihr verlangt. Er will aber auch, das sie Fehler macht, für die er sie rüde tadeln kann. Dorothy beherrscht dieses Schauspiel perfekt und nimmt die Erniedrigungen mit einem “JA Frank” hin. Woraufhin er zu ihr sagt: “ Es heißt ‘SIR’ Du F***ze”. Beim nächsten Mal sagt sie gleich: “ Ja Frank, äh Sir”. Dorothy darf Frank nicht anschauen. Je nachdem wie sehr er sich davon gestört fühlt brüllt er sie an: “Schau mich nicht an Du F***ze” oder schlägt ihr gleich mit voller Wucht ins Gesicht.
Wenn Frank zur sexuellen Vergewaltigung übergeht, wechselt er vom vorher gespielten Ehemann zum Kind/Sohn über. Er beginnt eine Droge zu inhalieren und befiehlt ihr die Beine breit zu machen. Von nun an nennt er sie ‘Mami’, während er ihr zwischen den Beinen rumspielt. “Daddy kommt nach Hause” brüllt er, während er sich an Dorothy vergeht. Sie muss ganz still unter ihm liegen (“Baby will fi***n“), während er sich wie ein Wahnsinniger auf ihr abreagiert und dabei sichtlich Probleme hat zum Höhepunkt zu kommen. Dabei hat er sich und ihr jeweils das Ende eines Bandes blauen Samtes in den Mund gesteckt.
Sieht man den Film zum ersten Mal, muss man diese Szene erst einmal verdauen, sei bildet das Zentrum des Filmes. Sie kommt für, Jeffrey und für den Zuschauer völlig unerwartet. Dennoch ist Jeffrey nur oberflächlich gesehen unbeteiligt an dieser Szene, denn aus seinem Versteck heraus benutzt er Franks Gesicht als Spiegel, in dem er seine eigenen, geheimsten sexuellen Phantasien findet, die er sich natürlich nicht eingestehen würde.
Frank selbst erscheint als völlig Besessen. Nicht nur von Dorothy, dessen Mann und Sohn er entführt hat und an deren Stelle er sich in Dorothys Leben zwingt, sondern auch von einer Potenz, die er verloren hat. Jedes zweite Wort ist “fuck” und Frank scheint seine, selbst nicht erkannte, Impotenz durch Gewalt ersetzen zu wollen. Trotz dieser Aura eines Amokläufers schafft es Dennis Hopper, der den Frank spielt, dem Charakter einen Hauch von Sehnsucht und Verzweiflung einzuhauchen. Dies wird besonders dann deutlich wenn Frank sich in seiner latenten Homosexualität zuwendet. Dazu schickt er “Tittsstar” Dorothy in einen Nebenraum. Ein tuntiger Freund muss dann, mit einer Baulampe als Mikrophon, die Lippen zu Roy Orbisons “A Candy Colored Clown they called the Sandman” bewegen, während Frank stumm mitsingt und wieder ein blaues Stück Samt dazu streichelt. Noch deutlicher wird es, wenn Frank Jeffrey gegenübersteht, er sich den Mund mit Dorothys Lippenstift vollschmiert um Jeffreys Gesicht mit Küssen zu übersehen: “Fuck ich schick Dir einen Scheiß Liebesbrief, Fucker und der kommt von Herzen”, dann: “Ich bin wie Du”.
Nachdem Jeffrey von Dorothy entdeckt wird, übernimmt er die Rolle des liebevollen Kindes, das die Mutter auch sexuell begehrt, wenn der Aggressor Vater (Frank) nicht zuhause ist. Im Gegensatz zum Geschlechtsakt mit Frank sind hier beide Darsteller nackt zu sehen. Doch Dorothy wünscht immer wieder geschlagen zu werden. Als Jeffrey sich traut diesem Impuls nachzugeben, sagt Dorothy zu ihm “Jetzt habe ich Dein Gift in Dir”. Von diesem Moment an steigt in Jeffrey ein unterschwelliges Gefühl auf zu sühnen, was letztendlich die Konfrontation mit Frank heraufbeschwört. Letzlich aber konnte sich auch Jeffrey nicht von der Erotisierung der Gewalt abwenden.
Zwischen diesen nächtlichen Trips, trifft Jeffrey immer wieder auf Sandy, die Tochter des Inspektors. Sie bildet die andere Seite des primitiven Männerbildes einer Frau, sie wird gezeigt wie eine Heilige. Nicht zufällig erinnert das Haus in dem sie lebt eher an eine Kirche als an ein Familienhaus. Und wenn Sandy damit anfängt von den tausend Rothkehlchen zu erzählen, mit denen die Liebe zurückkehrt (ein Traum von ihr), dann wird dem Zuschauer dieser Kitsch so peinlich, das er sich mit einem spöttischen “Ogott” abwendet. Diesen Einsatz führt David Lynch zum Höhepunkt als Sandy, zum Ende des Films, das ganze Ausmaß von Jeffreys Nachtleben mitbekommt. Das naive, blonde Gesicht verzerrt sich zu einer heulenden Fratze und ich kenne keinen der bei dieser Szene nicht laut angefangen hat gehässig zu lachen oder zu fluchen. Diese Szenen bilden natürlich einen herben Kontrast zu der Vergewaltigungsszene und auch Jeffrey scheint sichtlich verwirrt über diese Visionen seiner Freundin. Sie dagegen misstraut ihm auch kräftig in Bezug auf Dorothy. Natürlich findet Jeffrey am Ende des Films einen Ausweg aus seiner Reise durch das Unbewusste.
FAZIT: --------
Das hier, am Rande noch eine Kriminalgeschichte erzählt wird, fällt wohl kaum jemanden auf. Zu stark sind die traumatischen, unwirklichen Bilder die David Lynch in Blue Velvet malt. Sein Film ist wie eine Reise nach ganz unten um dann wieder aufzutauchen. Natürlich ist es auch ein Film den man entweder komplett ablehnt oder begrüßt. Seine große Stärke ist die Zeitlosigkeit der Bilder und seine uneingeengte Erzählweise. David Lynch gibt dem Zuschauer viel Freiraum für Interpretationen und entzieht seinem Film einer eindeutigen Betrachtungsweise. Sieht man den Film zum ersten Mal, lässt er einen verstört zurück. Damit schafft David Lynch die Verfilmung eines Traumas das er, auf dreiste Weise, unerwartet im Gedächtnis des Zuschauers ablädt und ihn somit zu einer wiederholten Konfrontation einlädt. Wer sich nicht komplett abwendet, oder den Film mittendrin ausmacht, der wird ihn sich immer wieder anschauen, um zu versuchen ihn zu verstehen.
ANMERKUNG: --------------------
Ich habe versucht detailliert über den Film zu schreiben, ohne die Spannung beim Sehen zu nehmen, insofern der Film noch unbekannt ist und dieser Bericht “Lust” gemacht hat. Also ruhig mal reinschauen, sie wissen noch nicht alles.......
Interessanter Bericht. Ich habe den Film bisher nur einmal gesehen, aber es war in der deutschen Synchronisation. Und da hört sich z.B. das Gefluche einfach nur lächerlich an.
23.02.2008 20:38
Interessanter Bericht. Ich habe den Film bisher nur einmal gesehen, aber es war in der deutschen Synchronisation. Und da hört sich z.B. das Gefluche einfach nur lächerlich an.
03.01.2002 13:14
Manche Menschen haben schon einen weiteren Schritt getan...
01.01.2002 22:27
Habe mir den Film noch nicht angeschaut, bin doch auch noch viel zu jung für sowas *höhö* Liebe Grüsse Mike :-)