Borat - der Film

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Ich Borat - Du Jane?

2  03.11.2006

Pro:
ein absolut überzeugender Sasha Cohen, teilweise witzige Situationskomik

Kontra:
derbe Sprüche, abstoßende Nacktrauferei im Hotelzimmer, der Balanceakt auf der Grenze des guten Geschmacks endet mehrmals in einer Bruchlandung

Empfehlenswert: Nein 

Poldipold

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 77 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Wenn mir vor einer Woche jemand gesagt hätte, daß ich mir einen Film mit einem gewissen Sasha Baron Cohen in der Hauptrolle ansehen würde, dann hätte ich ihn ausgelacht. Erstmal deshalb, weil ich nicht die leiseste Ahnung gehabt hätte, wer das überhaupt ist und sobald man mir gesagt hätte, daß das der Typ ist, der hinter dem Charakter des "Ali G" steckt, hätte ich noch mehr gelacht.

Doch das Leben geht oft sonderbare Wege und da mich neulich ein Freund davon überzeugt hat, daß dieser Film ziemlich satirisch und verdammt provokant sein soll, habe ich mich dann doch überreden lassen, ihn mir anzusehen.

Ob das gut war oder nicht, das sagt Euch: Mein Bericht ;-)

Worum es geht
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Borat, ein Fernsehmoderator aus einem kleinen Bergdorf im fernen Kasachstan tritt zusammen mit seinem Produzenten eine Reise nach Amerika an. Vorgeblich tut er das, um seinem wirtschaftlich arg zurückgebliebenen Land dokumentarische Anregungen aus dem erfolgreichen Amerika übermitteln zu können.

Nachdem Borat also dem leicht verblüfften Kinopublikum seine als Prostituierte arbeitende Schwester, seine hässliche Frau sowie ein paar mit echten Waffen spielende Kinder und seinen verhassten Nachbarn vorgestellt hat, macht er sich auch schon auf den Weg.

In den USA angekommen, mieten sich Borat und sein Produzent erstmal in einem Hotel ein. Dort sieht Borat zufällig eine Folge der Serie Baywatch und verliebt sich unsterblich in Pamela Anderson und möchte sie unbedingt treffen. Dazu überzeugt er seinen nichtsahnenden Produzenten, doch nach Californien zu fahren und auf dem Weg dorthin jene Interviews zu machen, die zu machen ja eigentlich sein Auftrag wäre.

Auf dem Weg trifft und interviewed er dann einige Landsleute, sammelt einen echten Bären auf, streitet mit seinem Produzenten als dieser dahinterkommt warum Borat wirklich nach Californien möchte und kommt schließich doch noch an. Er schafft es sogar, sich in eine öffentliche Autogrammstunde von Pamela Anderson zu schmuggeln und stülpt ihr dort in dem Versuch, ihr einen Heiratsantrag nach kasachischer Sitte zu machen, kurzerhand einen Stoffsack über. Daß das Ganze nicht gutgeht liegt natürlich auf der Hand.

Schlußendlich kehrt er mit einer unterwegs aufgesammelten Prostituierten und seinem Produzenten aber wieder heim nach Kasachstan und alle sind glücklich.

zusätzliche Infos
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Die Kritiken in diversen Zeitungen haben sich nahezu vor Lob überschlagen und kaum ein böses Haar an dem Film gelassen obwohl hier eigentlich Provokation der schlimmsten Sorte betrieben wird und so komisch ist das in Wahrheit eigentlich auch alles gar nicht, zumindest nicht auf den ersten Blick.

Alle Leute, die Borat interviewt glauben angeblich tatsächlich, daß er ein Reporter aus dem fernen Kasachstan ist und tatsächlich so ahnungslos und dämlich ist wie es den Anschein hat. Ohne dieses Wissen im Hinterkopf sind die meisten Interview-Szenen eher peinlich und mäßig lustig, aber wenn man das weiß kann man schon des öfteren über die eingebildete Überlegenheit von Borats's Interviewpartnern lachen, da diese am Ende meist ziemlich blöd dastehen und Dinge gesagt haben, die sie so wahrscheinlich nur hinter vorgehaltener Hand ihrem besten Freund erzählen würden.

Einiges ist schon ziemlich heftig, zum Beispiel die Szene in der Borat sich ein Auto kaufen möchte. Es beginnt damit, daß er den Verkäufer fragt, ob er ein Auto mit Muschi-Magnet hat, also ein Auto, mit dem man Frauen beeindrucken kann. Der Verkäufer zeigt ihm einen Hummer und erklärt ihm, daß dieser bei Frauen sehr gut ankommt. Als Borat ihn daraufhin fragt, ob der Wagen beschädigt werden würde, wenn man damit in eine Gruppe von Zigeunern hineinrast, verzieht der Autoverkäufter keine Miene und erkärt ihm nur, daß es natürlich dabei drauf ankommt, wie schnell man in die Gruppe von Zigeunern hineinrast. Borat treibt es dann noch auf die Spitze indem er das Thema weiter vertieft, aber der Verkäufter wirkt nicht wirklich auch nur ansatzweise erschüttert.

die Stimme der Unschuld
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Mein erster Gedanke ist der, daß der Film eigentlich absoluter Mist ist. Warum aber überschlagen sich die Kritiker so derartig vor lauter Lob? Bin ich tatsächlich der einzige, der es nicht schnallt wie genial dieser Film doch ist?

Ich möchte hier einmal ganz schamlos die Theorie aufstellen, daß es sich mit Borat so verhält wie mit dem Märchen "des Kaisers neue Kleider". Kennt vermutlich jeder: Der Kaiser läßt sich von seinem Schneider einreden, daß er die teuersten und besten Kleider bekommen hat, in Wahrheit ist er aber nackt. Keiner traut sich zu sagen, daß der Kaiser nackt ist weil jeder Angst hat, sich vor den anderen Leuten zu blamieren. Bis ein Kind aus der Menge ruft "Der ist ja nackt!". Dieses Phänomän kann man auch des öfteren auf Vernisagen beobachten bei denen moderne Kunst ohne jeglichen Anspruch ausgestellt wird. Man will sich keine Blöße geben und erklärt lieber, daß man das alles schön und toll und genial findet, nur damit man bei Freunden und Kollegen keinen schlechten Eindruck hinterläßt und das Ganze entwickelt dann eine solche Eigendynamik, daß plötzlich jeder diese Kunstwerke gut findet und keiner möchte eigentlich der erste sein, der zugibt, daß ihm das alles in Wahrheit gar nicht gefällt.

Tja, so scheint es mir eben auch mit Borat zu sein. Keiner möchte der erste sein, der zugibt, daß er den Film einfach nur schlecht findet. Man denkt sich, daß es doch nicht sein kann, daß jemand einfach so schamlos und öffentlich über Juden, Zigeuner, Feministinnen und andere Gruppen lästern kann ohne daß da nicht ein tieferer Sinn dahinter ist. Da muß doch eine Botschaft dahinterstecken! Und keiner möchte zugeben, daß er sie nicht bemerkt hat. Nun, ich gebe es zu. Mir ist keine besondere Botschaft aufgefallen.

Natürlich ist das Übliche drin, es wird die amerikanische Gesellschaft bloßgestellt und so weiter bla bla bla, aber das ist ja heutzutage auch nichts neues mehr. Wenn ich sehen möchte wie die amerikanische Gesellschaft bloßgestellt wird, dann reicht es, wenn ich 10 Minuten "Clipmix mit Sonya" oder "Voll Total" im Fernsehen ansehen und warte bis ein paar Ausschnitte aus amerikanischen Talkshows gezeigt werden.

Die ach so schlimmen Reaktionen der Amerikaner auf Borat's peinliche Fragen kommen mir auch nicht so sonderlich schlimm vor. Der Autoverkäufer, der keine Miene verzieht als Borat fragt was passiert wenn man in eine Gruppe von Zigeunern fährt ist jetzt für mich keine sonderlich große Überraschung. Klar, bei uns wäre das was anderes, aber man muß bedenken, daß Borat vorgibt, ein wirklich sehr teures Auto zu kaufen. Es kommt sicher nicht jeden Tag jemand vorbei und kauft sich mal eben einen Hummer. Also macht der Verkäufter gute Miene zum bösen Spiel und läßt den augenscheinlich sozial völlig gestörten Kunden in seinem Glauben.

Was hat der Film sonst noch zu bieten?
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Einiges an witziger Situationskomik gibt es schon, aber es ist eigentlich nichts dabei, was man nicht schon in anderen Filmen gesehen hat. Ein tollpaschiger Moderator, der in einem Antiquitätenladen einen Haufen Porzellan zertrümmert ist ebensowenig neu wie zwei nackte Männer die sich durch die Gänge eines Hotels verfolgen.

Was hat der Film nicht zu bieten?
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Was mir gefehlt hat waren die eigentlich erwarteten zahlreichen Interviews mit amerikanischen Landsleuten. So richtig viel gab es davon nicht und es hat auch alles nicht wirklich besonders autentisch gewirkt. Das könnte allerdings auch an der deutschen Synchronisation gelegen haben. Dadurch wirken die angeblich improvisierten Interviews leider nicht annähernd so echt wie sie es eigentlich sein sollten.

Auch so manche andere Szene wie jene im Wohnmobil als Borat per Anhalter fährt wirken auf einmal ganz anders, wenn man sich bewußt macht, daß ja immer ein Kameramann dabei sein muß, der das Ganze filmt und so eine Kamera, die in der Lage ist, Kinofilmqualität zu produzieren fällt mit Sicherheit auf. Also somanches dürfte dann doch eher abgesprochen sein und ist dann im Endeffekt nur mehr halb so lustig.

Schauspielerische Leistung
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Wirklich herausragend ist jedoch die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers. Cohen hat ja schon in der bekannten "Ali G Show" gezeigt, daß er spontan und witzig sein kann und die Leute dabei immer wieder mit absolut dämlichen Fragen aus dem Konzept bringt ohne selbst auch nur den leisesten Zweifel daran zu lassen, daß er das alles absolut ernst meint. Er hat seine Gesichtsmukeln wirklich perfekt unter Kontrolle. So auch als Borat: Alleine sein absolut ernster Gesichtsausdruck als er in einer Gruppe von Feministinnen die Frage stellt, wie Frauen Bücher schreiben können wo sie doch so kleine Gehirne haben ist sehenswert.

Fazit
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Wer Cohens Art, Leute zu interviewen gerne sieht der wird in diesem Film vermutlich auf seine Kosten kommen, allerdings reicht es dazu sicher aus, sich das Ganze daheim auf der Mattscheibe anzugucken. Dafür muß man nicht unbedingt in einem Kinosaal sitzen.

Ansonsten bleiben die im Film gezeigten Gespräche mit den Landsleuten qualitativ doch recht deutlich hinter dem in der Ali G Show gezeigten Material zurück. Wer also einfach nur eine Runde über Borat's dämliche Fragen lachen möchte, dem kann auch anders geholfen werden, denn im Netz findet man jede Menge Videos von Borat.

Ich muß auch gestehen, daß ich mir nach wie vor nicht 100%ig sicher bin, ob der Film zu blöd für mich oder ich zu blöd für den Film bin, tendiere aber naturgemäß eher zu ersterem :-)

Prädikat: Zerrspiegel für die Gesellschaft der den Zuseher mit einem großen Fragezeichen zurückläßt

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
smurfkarl

smurfkarl

05.01.2008 20:43

"..und keiner möchte eigentlich der erste sein, der zugibt, daß ihm das alles in Wahrheit gar nicht gefällt." So scheint es mir auch, auch, wenn ich nur Ausschnitte des Films gesehen und weiteres über den Film gehört und gelesen habe. Ein sehr guter, differenzierte Bericht! Deshalb BH von mir! LG smurfkarl

Je-pense-donc-je-suis

Je-pense-donc-je-suis

30.10.2007 16:52

Guter Bericht! Ich selbst fand den Film aber ganz gut :-) (Werd ich jetzt gesteinigt?) :p Aber sowas ist halt Geschmackssache. Ich hab mich jedenfalls köstlich amüsiert und Sasha Baron Cohens Schmerzfreiheit hinsichtlich Selbstverarschung ist einfach genial.

Leneory

Leneory

23.09.2007 13:51

Wir haben uns den Film mal ausgeliehen und ihn schon nach ner viertel Stunde wieder ausgemacht... schrecklich sage ich nur... halt Geschmackssache... LG, Lenchen

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