Böse Geister / F.M. Dostojewski

Böse Geister / F.M. Dostojewski

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Eine Stadt in Rußland wird von »Bösen Geistern« heimgesucht, die ein Labyrinth aus Angst, Qual und Obsession errichten. In der Mitte der taumelnden Welt steht Stawrogin, von dem...
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Über ein ganz und gar nicht alltägliches Buch
Erfahrungsbericht von innocence667 über Böse Geister / F.M. Dostojewski
05.05.2006


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Er ist ein psychoanalytisches und gesellschaftskritisches Kunstwerk
Kontra: Man braucht einen langen Atem

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Zunächst muss ich hier anmerken, dass ich das Buch als Schrift von Dostojewski beschreibe und Details zur Auflage, Übersetzung und dergleichen weglassen werde. Auch will ich die Geschichte nicht nacherzählen, sondern das Buch so beschreiben, dass einem die Überraschungen, die es enthält, nicht vorenthalten bleiben durch das Lesen des Berichts.

Das Buch ist ein glänzender Beweis der absoluten Vielschichtigkeit des Autors, es bewegt sich in den Themenbereichen der Psychoanalyse und der allgemeinen Psychopathologie genauso, wie es die aktuellen Fragen ( damals wie heute ) der Philosophie aufgreift. Ferner ist natürlich die Gesellschaftskritik nicht zu kurz gekommen, der russische Geldadel, den Dostojewski wohl nach diesem Buch zu urteilen, zum kotzen fand, bekommt ordentlich sein Fett weg.
Die Handlung, man könnte sie vielleicht auch als Rahmenhandlung betrachten, spielt in der russischen Aristokratie, Zentrum ist das Gut der Familie Stawrogin, deren Mittelpunkt die Frau des Hauses ist, Warwara Petrowna, welche sehr reich und mächtig ist. In diesem Haus gibt es einen gealterten Hauslehrer namens Stephan Trofimowitsch, als dessen Freund sich der Erzähler beschreibt, sehr gebildet, welcher sich in einer steten Existenzkrise befindet und ein bisschen an den alten Mann mit dem Drachen in Charles Dickens "David Copperfield" erinnert, da er allein vor lauter Gelehrsamkeit und Wissen, keine Chance mehr hat, in der normalen Welt ohne Hilfe sich zurechtzufinden, was auch veranschaulicht wird durch grosse Passagen, die er einfach französisch spricht, die Sprache der Intellektuellen damals.
Wie Camus schon richtig geschrieben hat (es findet sich nebenbei bemerkt eine hervorragende philosophische Analyse in "der Mythos des Sissiphos" zu "Die Dämonen", wie das Buch zu Camus´ Zeiten noch hieß), ist das Buch in seinem Hauptinhalt reduziert auf "die Dämonen", eine Metapher, wie man annehmen kann, entweder biblisch gemeint als unreine Geister, was nicht verwunderlich wäre für Dostojewski, der vom Atheismus zum Christentum konvertiert ist, oder es waren die damals kursierenden politisch aufwieglerischen Meinungen von Leuten wie Herzen ( dessen Selbstmord übrigens das Stück "der Sanfte" gewidmet ist) oder Fourier. Jedenfalls gibt es in der Nähe des Wohnsitzes der Stawrogins eine Stadt, in der eine politische Untergrundgruppe agiert, bestehend nur aus wenigen Leuten, angeführt von Pjotr Stephanowitsch, dem Sohn des Gelehrten aus dem stawroginschen Hause.
Von den Aktivitäten dieser Gruppe ist die ganze Geschichte durchzogen, wobei sehr oft der Erzähler, der sich selbst als einen Chronisten bezeichnet, sich in Nebenhandlungssträngen verliert, das wird der Dostojewski-Fan dem Erzähler verzeihen, da er das in sehr vielen seiner Bücher so macht.
Die Handlungen der Gruppe sind jedenfalls so eine Art roter Faden, der sich durch das Buch zieht, in den Diskussionen der Mitglieder werde verschiedene politische Themen angesprochen, es wird ein Umdenken in der russischen Gesellschaft geschildert, was die Position des Bauern zum Aristokraten anbelangt, es wird der Gedanke der Existenz Gottes diskutiert, es werden verschiedene Ansatzpunkte der Anarchie und der Demokratie und des Despotentums erläutert, meist in sehr verzerrter Form, so dass es alles recht krank wirkt.
Krank ist allerdings das grosse Stichwort für das Buch, denn man hat in dem Buch immer mehr das Gefühl, dass man in einem Strudel des Wahnsinnes versinkt.
Gerade darin liegt aber der Reiz des Buches, in Dostojewski´s psychoanalytischem Scharfsinn.
Es beginnt mehr oder weniger harmlos mit den zeitweiligen hysterischen Anfällen des Hauslehrers, die sich schließlich immer wieder mit Wahnvorstellungen bis hin zur Paranoia steigert.
Dann ist da Kirilow, die schillerndste Figur des ganzen Romans. Dieser zeichnet sich durch einen ebenfalls recht kranken Geist aus, denkt er doch, dass man beweisen müsse, dass es keinen Gott gebe, durch den eigenen Selbstmord, und damit selbst zu Gott werden müsse. Es handelt sich hier um eine extreme Form eines frühen existialistischen Denkens und wenn man Nietzsche mag, so wird man hier durchaus, wenn auch in verzerrter Form, Parallelen finden; das würde aber zu weit führen.
Eine weitere Figur des ganzen, neben der Warwara Petrowna wohl die zentralste Figur des Geschehens, ist der Sohn derselben, Nicolai Stawrogin. Er verkörpert eine Art nietzscheschen Übermenschen, denn er hat jede Unterscheidung von Gut und Böse, jegliche Moral abgelegt. Er lebt sozusagen komplett hedonistisch, ist jedoch ein Mensch von ausgefallenem Stolz und geradezu stoischer Gleichgültigkeit gegenüber seinem Schicksal. Hier zeigt sich Dostojewski als der Moralist, denn dieser wird von seinem teils ausschweifenden Leben eingeholt und wird, wie so viele Figuren des Buches schließlich wahnsinnig, nachdem ihm der einst von ihm begangene Mißbrauch eines Kindes und des durch ihn selbst verschuldeten Tod desselben immer wieder in Form von Wahnvorstellungen und Depressionen vor Augen kommt. Dostojewski übt hier Kritik an dem Gedanken Nietzsches, obwohl das gar nicht geht, denn 1881, als Dostojewski starb, war Nietzsche erst 31 Jahre alt und seine Theorien Dostojewski wohl noch nicht bekannt ( wobei aber wohl Dostojewskis Schriften bei der Meinungsbildung Nietzsches mitgewirkt haben, da dieser nachweislich sehr gerne Dostojewski gelesen hat ). Dieser Nicolai S. zeigt, wie es Dostojewskis Grundthese war, nachdem er Christ geworden war, dass es Moral nicht ohne Religion bzw. ohne Glaube geben kann, also das Gegenteil was Nietzsche sagt, der den Menschen überwinden will um zum Übermenschen zu gelangen. Es wird hier ein Wesen gezeigt, das frei von Angst und Gewissensbissen, sich selbst bereits vergöttlicht hat und eine bewundernswerte Stärke, Genauigkeit, Zielstrebigkeit und Ausdauer aufweist, allerdings auf Kosten seiner Identität als Mensch. Meine persönliche Lieblingsstelle ist das handschriftliche Geständnis von Nicolai, ein sehr anschaulich formulierter Vulkanausbruch von unterdrückter Schuld, geradezu eine schriftgewordene Depression, bei der man sich fragen muss, wie ein gesunder Mensch so etwas schreiben kann. Dies muss man wohl aus die grenzenlose Menschenkenntnis Dostojewskis zurückführen, der ein bewegtes Leben führte ( wen es interessiert, gebt den Namen mal bei google ein ) und sich ausgesprochene Mühe gegeben hat den Menschen zu studieren.

Die Handlung in Kürze

Die Handlung zu beschreiben ist ein schweres Stück Arbeit, ich fasse mich ausgesprochen kurz, da, wie ich finde, die Handlung Nebensache ist.
Sie ist meist nach den Personen aufgebaut, zuerst der Hauslehrer und seine Beziehung zu Warwara Petrowna sowie seine eigene Geschichte, die Geschichte von Nicolai, die sehr bewegt ist, durchzogen von spannenden Duellen, verrückten Aktionen und der Heirat einer Geisteskranken namens Marja Timofewna.
Ein anderer Handlungsstrang beschreibt die durch Warwara Petrowna beschlossene Heirat des Sephan Trofimowitsch.
Dann gibt es gegen Schluss immer mehr traumatische Ereignisse, es wird gemordet, Brände werden gelegt, es ist, wie wenn die Stadt mehr und mehr von Dämonen heimgesucht, die scheinbar politische Ideen sind, aber sich immer mehr als Manipulationen des selbst wahnsinnigen Pjotr Stephanowitsch herausstellen.
Wie man sieht, gelingt es nicht wirklich gut, die Handlung zu beschreiben, sie ist, wie eine Chronic eben ist, geradezu unzusammenhängend und beschreibt einfach die Geschehnisse um die Stadt mit dem archimedischen Punkt der stawroginschen Familie. Der Anfang vom Ende, vielleicht das wirklich wichtigste Ereignis des Buches ist so eine Art Literaturabend, den die Frau eines hohen Polizeibeamten der Stadt veranstaltet, um sich bei den reichen und mächtigen einzuschleimen, dieses wird durch Manipulation jedoch zu einem Desaster, nachdem ein Kampf zwischen den alten pathetischen Ansichten der Klassik, vertreten duch Trofimowitsch, und den neueren Strömungen utilitaristischer und freidenkerischer Art.

Meine letztendliche Beurteilung Dieses Buches ist, dass es eines der besten Werke Dostojewskis ist, eben wegen seiner Vielschichtigkeit, allerdings ist es eher was für eingefleischte Dostojewski-Fans, da die ersten 350-400 S. selbst für mich fast eine Qual waren ( und ich bin dem Kerl doch sehr zugetan ), sie sind doch recht langatmig und mitunter sogar langweilig. Das wird allerdings von den letzten 300 S. wieder gut gemacht, denn die sind brilliant. Sie sind, wie so manche Bücher Dostojewskis, eine Grenzerfahrung des menschlichen Geistes, man befürchtet zeitweilig, selbst verrückt zu werden. Gerade das ist aber das faszinierende an dem Buch, denn Dostojewski hat diese unglaubliche Geschichte so gefühlvoll und geschickt eingefädelt, dass man ihm das tatsächlich abkauft, in diesem Buch ist nichts real, alles ist krank und verzerrt, und doch kann man sich lebhaft vorstellen, dass die manipulativen Fähigkeiten des Menschen so weit reichen, dass so etwas bewerkstelligt wird. Das Buch lässt einen erschaudern vor dem Monster, das in uns allen steckt, diesen "bösen Geistern".................    
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Bewertung für Böse Geister / F.M. Dostojewski von superdjango

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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als hilfreich
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29.01.2001


Böse Geister / F.M. Dostojewski

Haupteigenschaften

Autor: F.M. Dostojewski

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