Bowling For Columbine

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Bowling For Columbine

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Land of the Free, Home of the Brave...

5 25. Nov 2002

Pro:
interessante Dokumentation mit einem Hang zur Satire / regt zum Nachdenken an und gibt teilweise Anlass zum Schmunzeln

Kontra:
läuft nur in wenigen Kinos

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor:

Spannung:

Anspruch:

Action:

Romantik:

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Espionne

Über sich: "Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt." Arabisches Sprichwort >>...

Mitglied seit:03.01.2001

Erfahrungsberichte:182

Vertrauende:229

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 173 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

...so sieht sich Amerika gerne selbst. Freiheit als höchstes Gut, auch die Freiheit, eine Waffe zu tragen... Ermutigt durch den zweiten Verfassungszusatz sehen viele Amerikaner es als ihr Recht, mit einer geladenen Waffe unter dem Kopfkissen zu schlafen. Viele sehen es sogar als ihre bürgerliche Pflicht, ihre Familien zu beschützen, indem sie sich bis an die Zähne bewaffnen. Alles Spinner?

Dieser Frage versucht Michael Moore in seinem dokumentarischen Film "Bowling for Columbine" auf den Grund zu gehen. Sind die Amerikaner waffenverrückt oder einfach nur verrückt? Moore, selbst Mitglied auf Lebenszeit in der NRA (National Rifle Association), zieht nach dem Amoklauf zweier Schüler an der Columbine High School in Littleton im April 1999 mit der Kamera durch das Land. Entstanden ist dabei eine Dokumentation die nach den Ursachen der Waffenbegeisterung und der hohen Mordrate in Amerika forscht.

Antworten versucht Moore in vielen Interviews zu finden. Er befragt Waffennarren, den Vorsitzenden der NRA, Opfer, Medienvertreter, Politiker und Betroffene. Alle Seiten kommen zu Wort. Entstanden ist daraus eine bunte Collage, die ein Bild des gegenwärtigen Amerika ergibt und den Zuschauer nachdenklich stimmt...


[ SZENEN EINER GESELLSCHAFT ]

Der Film beginnt an jenem denkwürdigen Apriltag im Jahr 1999: "Der Morgen des 20. April 1999 sieht nach einem ganz normalen Tag in Amerika aus. Farmer bestellen ihre Felder, Milchmänner liefern Milchflaschen aus, der Präsident lässt Bomben über einem Land abwerfen, dessen Namen wir nicht einmal aussprechen können..." Gleich im ersten Satz des Films schwingt schon eine große Portion Sarkasmus mit. Sarkasmus, der einen im Laufe des Filmes immer wieder zum Schmunzeln bringt. Obwohl das Thema an sich ein sehr ernstes ist, bringt Moore es unterhaltsam rüber, nicht unbeschwert humoristisch natürlich, sondern zynisch und ironisch.

Aus vielen Momentaufnahmen setzt Moore seine Dokumentation Stück für Stück wie ein Puzzle zusammen. Er beginnt mit dem Interview eines Farmers, der dem Oklahoma-Attentäter Timothy McVeith Unschlupf gewährte und mit einer geladenen 44er Magnum unter dem Kopfkissen schläft. Gandhi kennt er dafür nicht...

Dann kommt Moore auf den Amoklauf in Littleton zu sprechen. Er kombiniert Bilder der Überwachungskameras mit Tonbandaufzeichnungen des Polizeinotrufes und rekonstruiert so die Geschehnisse. Anschließend macht er sich auf die Suche nach Auswirkungen und Ursachen. Moore bemüht sich dabei immer beide Seiten zu zeigen. So zeigt er beispielsweise die Versammlung der NRA in Littleton nur 10 Tage nach dem Amoklauf, während vor dem Versammlungsort Angehörige der Opfer eine Gegendemonstration veranstalten. Er interviewt den Sündenbock Marilyn Manson, während ausschnittsweise immer wieder eine Kundgebung von Manson-Gegnern gezeigt wird.

Zur Ursachenforschung wirft Moore aber auch einen Blick über den Tellerrand. In einem Einspieler werden Einmischungen der USA in die Politik anderer Länder aufgelistet, unter Angabe der Zahl der Todesopfer, die die jeweilige Operation gefordert hat (Iran, Irak, Vietnam, Chile, Nicaragua, Afghanistan...). Wirklich schockierend, weil es auch viele Geschehnisse aus der aktuellen Politik in einem anderen Licht erscheinen lässt. In einem Cartoon stellt Moore sarkastisch die amerikanische Geschichte von der Auswanderung bis zur Gegenwart dar und versucht darin die Waffenvernarrtheit durch die stetige Angst der Auswanderer zu erklären.

Er trifft zwei Opfer von Littleton und begibt sich mit ihnen zur Konzernzentrale von K-Mart, wo die Amokschützen ihre Munition gekauft haben. Erst als sie mit vielen Pressevertretern auftauchen, gelingt es ihnen, sich Gehör zu verschaffen...

Und dann wäre da noch der Ort Flint in Michigan, wo ein 6-jähriger in der Schule ein gleichaltriges Mädchen erschossen hat. Auch hier sucht Moore wieder nach den Ursachen und dokumentiert dabei die Ungerechtigkeiten des amerikanischen Sozialsystems als Einflussfaktor. Wie soll eine alleinerziehende Mutter, die durch ein "Welfare-Programm" gezwungen wird, 70 Stunden die Woche für einen Hungerlohn zu schuften, der nicht einmal zum Bezahlen der Miete reicht, noch Zeit für die Erziehung ihres Sohnes haben?

Ein Blick auf den Rest der Welt bringt Moore dann ein ganzes Stück näher an die Antwort. Warum passieren in den USA jährlich etwa 11.000 Morde, während es in anderen Ländern so fundamental weniger sind (in Deutschland knapp 400, in Japan nur 39), auch wenn viele Rahmenbedingen ähnlich sind? Mit dieser Frage konfrontiert er auch seine Interviewpartner immer wieder, aber die meisten reagieren ratlos. Dass die Ursachen der Gewalt nicht da liegen, wo viele Amerikaner sie gerne sehen würden, versteht sich fast von selbst. Weder Marilyn Manson, noch South Park, Gewaltvideos, Computerspiele oder eine von Gewalt geprägte Geschichte sind Schuld am gewaltsamen Tod so vieler Menschen.

Moore stellt im Laufe des Filmes die These auf, dass Abgrenzung und Angst die Wurzeln der Gewalt in den USA sind. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der sich die weiße Mittelschicht in den Vororten verbarrikadiert und bewaffnet, aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen. In Amerika sind etwa eine Viertelmilliarde Waffen im Umlauf, die meisten davon in weißen Stadtteilen mit nur niedriger Kriminalitätsrate. Angestachelt wird die weiße Mittelschicht dabei durch die Medien, die durch ihre Berichterstattung Ängste schürt und die Einschaltquoten in die Höhe treibt. Das Resultat ist bekannt und beispielsweise auch durch den Heckenschützen von Washington noch in beklemmend frischer Erinnerung.


[ EINE DOKUMENTATION DER ANDEREN ART ]

"Bowling for Columbine" ist sicherlich keine normale Dokumentation, das zeigt sicherlich auch schon die Tatsache, dass der Film im Kino läuft. Dennoch kann man natürlich keine durchschnittliche Kinokost erwarten. Bei allem Sarkasmus bleibt "Bowling for Columbine" eine Dokumentation. Sie ist halt nur etwas anders gemacht...

Durch die Art wie der Film zusammengeschnitten ist und verschiedenste Filmfragmente später ein Ganzes ergeben, wirkt "Bowling for Columbine" wie eine Collage, die nachdem sie zusammengesetzt wird, eine Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft zeigt. Gemixt werden dabei Film- und Fernsehaufnahmen der unterschiedlichsten Epochen, Interviews, Cartoons und dokumentarische Fragmente.

Die lockere Art, mit der das ganze Thema abgehandelt wird, trägt sicherlich zum Unterhaltungswert des Filmes bei und verhindert, dass der Film mit Statistiken und historischen Fakten langweilt. Vieles wird zynisch und sarkastisch betrachtet. Oft wirkt der Film mehr nach einer Satire als nach einer Dokumentation. Die Botschaft bleibt aber trotz der lockeren Art das wichtigste im Film: eine Analyse der Ursachen von Gewalt. Die Bilder sind dabei teils satirisch, teils aber auch erschreckend und nachdenklich stimmend.

Moore hat eine sehr direkte Art vorzugehen, was insbesondere die Interviews sehr interessant macht. So konfrontiert er beispielsweise den Vorsitzenden der NRA Charlton Heston mit einem Foto des in der Schule von Flint erschossenen 6-jährigen Mädchens, worauf dieser sich einfach abwendet und Moore stehen lässt. Dann wäre da noch der jugendliche Napalmbomben-Bastler, der enttäuscht darüber ist, dass er es nicht auf Platz 1 der Verdächtigenliste gebracht hat. Irgendwie schafft Moore es immer genau die richtigen Fragen zu stellen und den Film damit treffsicher auf den Punkt zu bringen. Spitzfindig und zielstrebig bringt er seine Theorie unterhaltsam rüber.

Moore's Gedankengang bleibt dabei immer gut nachvollziehbar, einzig die Frage nach der Glaubwürdigkeit bleibt hier und da ein wenig unbeantwortet. So zieht er beispielsweise in Kanada von Haustür zu Haustür um zu sehen, ob die Kanadier wirklich nicht so ängstlich sind wie die Amerikaner und ihre Türen nicht abschließen. Aber ist er dabei wirklich auf keine einzige verschlossene Tür gestoßen? Auch die Szene in einer Bank, in der Moore zu seiner Kontoeröffnung eine Waffe geschenkt bekommt wirkt schon etwas merkwürdig. Ist das alles wirklich so authentisch, wie es im Film wirkt? Eines erzielt Moore durch diese Bilder trotzdem sehr gut: Den Waffenfetischismus und die angstdurchsetzte Paranoia der weißen amerikanischen Mittelschicht aufzuzeigen. Vor dem Hintergrund des 11. Septembers und des dadurch bedingten Patriotismus ein durchaus mutiges Unterfangen.

Seine Wirkung erzielt der Film durch die Ironie und die direkte Art sehr genau. Mich hat der Film schon sehr stark zum Nachdenken angeregt. Es ist auf jeden Fall ein Film, der einem auch lange nach dem Abspann noch im Kopf umherschwirrt und die Gedanken auf Trab hält. Man denkt zwangsläufig viel über das Gesehene nach und versucht Bezüge zur Situation in Deutschland und der Weltpolitik herzustellen. Mit meinem Freund habe ich nicht nur auf der Rückfahrt vom Kino, sondern auch eine ganze Weile später noch sehr lebhaft über den Film diskutiert.

"Bowling for Columbine" ist sicherlich kein Film für jedermann und auch keine leichte Kost. Man muss sich beim Gucken schon einigermaßen konzentrieren, denn teilweise wird nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln gearbeitet. Es ist keine gewöhnliche Kinounterhaltung und ein gewisses Interesse an der Problematik sollte man schon mitbringen. Wer das aber tut, dem wird der Film sicherlich viel interessanten Gesprächsstoff liefern.

Ich habe mir den Film genau aus diesem Grund angesehen und auch weil mir Doppelmoral der meisten Amerikaner und insbesondere der Bush-Administration (die ja nicht einmal demokratisch gewählt wurde...) stinkt. Doch diese Vorurteile versucht der Film gar nicht breit zu treten. Die Herangehensweise ist trotz aller Ironie und trotz aller Zynik durchaus emotional und tiefgreifend. Für das Bestätigen schnöder Vorurteile bleibt da kaum Platz...


[ FAZIT ]

Als Fazit bleibt eigentlich nur festzuhalten, dass "Bowling for Columbine" ein absolut empfehlenswerter Film ist, sicherlich nicht für den Massengeschmack geeignet, für Interessierte aber zu 100% sehenswert. Der Jury-Spezialpreis beim Filmfestival in Cannes kommt schon nicht von ungefähr.

Für mich ist "Bowling for Columbine" die beste Dokumentation, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Ein Film der mich sicherlich noch eine ganze Weile beschäftigen wird und der 5 Sterne durchaus verdient...


Cineastische Grüße,
Meike
 

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
YeahGuy1

YeahGuy1

13.11.2005 16:32

nie und nimmer verdient dieses linke, dämagogische Geschwätz 5 Sterne!!!!! ärgere mich noch heute, dass ich mir diesen Schwachsinn im Frühjahr 2003 angesehen hab und a) Moore Geld in die Tasche warf und b) meine Zeit unnötig verschwendete!!!

Rouspeteur

Rouspeteur

04.08.2003 18:50

Zu mehr Selbsterkenntnis wird dieser Film in den Staaten wohl nicht führen, oder was meinst Du, Meike ? Zu randgruppig, zu intellektuell, zu zynisch. Wir Europäer mögen das (zumindest DER Teil, der nicht nachmittags "Fliege" guckt). In Amerika würde mich mal die Zahl der Kinobesucher interessieren. Ich fürchte, sie war verschwindend gering. Oder sollte ich mich da - was mich freuen würde - irren ? Beeindruckender Bericht. Gruß, R.

Fel15

Fel15

01.08.2003 18:24

Ich habe seit gestern die DVD zu Bowling for Columbine und kann dir nur zustimmen, dass diese Dokumentation die beste ist die es seit langem gegeben hat. Gruß FEL

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