Bowling For Columbine

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Live by the gun, die by the gun

4  11.01.2003

Pro:
geniale Erörterung eines gesellschaftlichen Problems

Kontra:
Übersetzung durch Untertitel

Empfehlenswert: Ja 

e.psion

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:7

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 119 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Die US-amerikanische Bevölkerung ist wahrscheinlich besser bewaffnet als so manch europäische Armee. Nachdem ich nun Michael Moore’s Buch gelesen hatte und sehr begeistert war, konnte ich mir auch seinen Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ nicht entgehen lassen, in dem es nicht etwa um Bowling geht, sondern hauptsächlich um die Waffenbegeisterung der Amerikaner und die daraus resultierenden blutigen Folgen.

Moore bleibt seinem Stil treu und stellt in seiner Dokumentation nicht nur die unangenehme Realität dar; vielmehr versucht er, die Gründe für die über 11000 Schußwaffenopfer ausfindig zu machen, die in USA Jahr für Jahr zu beklagen sind. Mit diesem Leichenberg liegen die Staaten auf Platz eins in der Welt; warum, das ist gar nicht so leicht zu beantworten, da die Zahl der Waffen ganz offensichtlich nicht die eigentliche Ursache ist, wie Moore beweisen kann.

Das unappetitliche Thema hindert ihn natürlich nicht daran, den Inhalt mit jeder Menge Ironie und Sarkasmus an den Mann zu bringen. Wesentlicher Bestandteil sind dabei Interviews. Moore, der stets höchstpersönlich im Schlabberlook präsent ist, befragt Waffennarren, von denen ein ganz Irrer tatsächlich mit der Knarre unterm Kissen schläft (!); er interviewt Revolverheld Charlton Heston, der die eigenartige Angewohnheit hat, amerikanische Städte, die von einem Massaker erschüttert wurden, sogleich mit Kundgebungen für die NRA (National Rifle Association) zu beglücken. Er redet mit einem Verantwortlichen eines großen, amerikanischen Rüstungskonzerns, der natürlich nur zur Verteidigung gegenüber ausländischen Aggressoren produziert...

An dieser Stelle läßt Moore es, wie schon in seinem Buch, ein weiteres Mal nicht an Kritik gegenüber der Außenpolitik seiner Regierung fehlen. In einem sehr bedrückenden wie auch komischen Ausschnitt bekommt man die Aggressionen der USA gegenüber anderen Ländern seit Ende des Zweiten Weltkrieges präsentiert, während im Hintergrund „What a wonderful world“ spielt...

Natürlich läßt Moore auch vernünftige Leute zu Wort kommen, unter anderem einen Staatsanwalt, der gegen das von den Medien gepflegte Image der Schwarzen als Prototypen des Verbrechers anredet; denn tatsächlich müssen die "blacks" im Fernsehen stets als Sündenböcke herhalten. Die Dokumentation zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die Medien auch im allgemeinen die Angst in der Bevölkerung schüren. Wer Angst hat, will natürlich nicht schutzlos sein – und greift auch gern zur Waffe, vor allem, wenn laut Verfassung jeder eine haben darf.

Wie in Deutschland auch, diskutiert man in den USA über die Ursachen der zunehmenden Verrohung der Jugend, vor allem seit dem Littleton-Massaker. Besonders gern werden brutale PC-Spiele und jede Art dubioser Musik beschuldigt. In einem Interview äußert sich Marilyn Manson zu dem Thema, der für die besorgten Eltern wohl so etwas wie das fleischgewordene Böse ist. Da kann man mal erstaunt sein, welch clevere Gedanken jemand hat, der wie ein Zombie aussieht.

Ganz nach seiner Lebensauffassung meckert Moore nicht nur herum, sondern geht mit gutem Beispiel voran. Mit zwei Überlebenden von Littleton, denen noch die Kugeln im Leib stecken, begibt er sich zu ebenjenem Einkaufszentrum, wo die Täter ihre Geschosse erworben haben – (habt Ihr bei Aldi auch schon mal Munition für Eure Halbautomatik gekauft?) -, um dort etwas Trouble zu machen. Nach einigen Scherereien rückt das Trio mit der Presse an und erreicht in der Tat etwas…

Nachdem festgestellt ist, daß es auch in anderen Ländern Gewaltfilme, Ballerspiele und Marilyn-Manson-Konzerte gibt und die Todesrate durch Waffen dort trotzdem wesentlich niedriger ist, wird Moore stutzig. Die Historie hilft auch nicht weiter, denn die meisten sogenannten zivilisierten Staaten haben meist eine ebenso blutige Geschichte wie die USA selbst. Das Verlangen, seine Mitmenschen möglichst effizient ins Jenseits zu befördern, kann also nicht traditionell bedingt sein. Da kann es nur noch an der Menge der Waffen liegen, die in Umlauf sind.

In einem Kurztrip nach Kanada kommt Moore aber zu der erstaunlichen Erkenntnis, daß die Kanadier ebenso wie ihre Nachbarn im Süden bis an die Zähne bewaffnet sind. Dennoch gibt es dort kaum Schußwaffenopfer. Aber das Entscheidende: Während in Kanada eine soziale und tolerante Atmosphäre herrscht, leben in den USA viele Menschen in einem Klima permanenter latenter Angst, die aufrecht zu erhalten wohl im Interesse einiger Leute liegen muß…

Meiner Meinung nach eine Dokumentation, die gesehen werden muß. Die Aufbereitung des Themas ist einfach genial – witzig und erschütternd zugleich. Besser kann man die Thematik nicht darstellen. Einziger Nachteil: Eine Synchronisation gibt es nicht und die deutschen Untertitel stören manchmal etwas, da die Aufmerksamkeit zwischen Sprache (Englisch) und Einblendung (Deutsch) hin und hergerissen wird. Im Original dürfte Moores Werk aber auch schwer zu verstehen sein, da viele Amerikaner die Angewohnheit haben, beim Sprechen so wenig wie möglich den Mund zu bewegen (Energiespartaktik? Coolnessfaktor?) und die Hälfte jedes Wortes gleich verschlucken. In jedem Fall einer der wenigen Filme, der die astronomischen Kinopreise (hier: über 6 €) rechtfertigt.

e.psion


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Romantika999

Romantika999

09.04.2003 21:10

SUPER Bericht! Und scheint ja auch ein klasse Film zu sein. Werde ich mir auf jeden Fall anschauen :)

OttoB

OttoB

22.03.2003 13:41

Der Film es echt der Hammer, ich hab mich auch wirklich sehr oft todgelacht aber trotzdem übermittelt er etwas. Super BerichT!

der_dominator

der_dominator

01.02.2003 19:56

den hätte ich auch gerne gesehen, aber in meiner nähe lief er nirgends an und 50 kilometer wollte ich für den film auch nicht fahren... liebe grüße, der_dominator

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  1. Hajott
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