Waffenbesitz als Bürgerpflicht
23.02.2003
Pro:
Interessante Ein - und Ansichten eines kontroversen Themas .
Kontra:
Gerade die Mitschnitte der Columbine Highschool Überwachungskameras verlangen einen starken Magen .
Empfehlenswert:
Ja
 Michi78
Über sich:
Kulturwissenschaftler, Bücherwurm, Vampirbesessen, Tätowiert, Kurzsichtig und leicht verrückt.
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Waffenbesitz als Bürgerpflicht „Wenn du keine Waffe hast, bist du nicht verantwortungsbewußt. Es ist dein Job, deine Familie und dich zu verteidigen“, verkündet ein Mitglied der Michigan Militia schon innerhalb der ersten zehn Minuten von „Bowling for Columbine“ und setzt damit das Motto des Films. Das amerikanische Gesetz legt das Recht auf den Besitz von Waffen (und das schließt im Prinzip auch eine Atombombe ein, provoziert Filmemacher Michael Moore) schon im Grundgesetz fest - eine Tatsache, die sich Millionen von Amerikanern zur Grundlage nehmen, um Waffen und Munition zu horten, Gewehre geladen in ihren Häusern zu verwahren - und eben auch das ein oder andere Massaker zu veranstalten.
Michael Moore, der außer dem Film „Bowling for Columbine“ auch Schlagzeilen mit seinem Buch „Stupid White Men“ gemacht hat, hat in seinem zweistündigen Dokumentarfilm einen Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft zum Thema Waffen befragt, im Hintergrund immer die Frage: Warum sind Amerikaner so verrückt danach, sich gegenseitig umzubringen? Wenn in anderen Ländern die Mordrate höchstens im dreistelligen Bereich liegt, so werden im Unterschied dazu in den USA jährlich über 10000 Menschen erschossen. Ist es die Verfügbarkeit? (In den USA kann man bequem in jedem Supermarkt Waffen und auch Munition kaufen.) Die Tatsache, daß Amerikaner ihre Waffenliebe hätscheln wie andere Leute ihre Katze? Sind es die Gewaltfilme, die Videospiele und die böse Rockmusik? Oder sind die Wurzeln in der Geschichte der USA zu suchen, die - natürlich - mit Waffen bestritten wurde? „Bowling for Columbine“ gibt keine endgültigen Antworten, aber zumindest Vorschläge und Denkansätze. Ausgehend von dem Massaker an der Columbine Highschool in Littleton 1999, bei dem zwölf Schüler und ein Lehrer getötet wurden, fragt sich Michael Moore, wie es zu diesem Unglück kommen konnte. Die beiden Attentäter, die sich am Ende selbst erschossen, waren zwei Stunden zuvor noch im lokalen Bowling Center gewesen, um einige ruhige Kugeln zu schieben. Wenn dies also direkt vor dem Massaker geschah, sollte man dann nicht dort auch nach den Ursachen forschen? Eine groteske Vorstellung, natürlich. Aber laut Michael Moore ist sie auch nicht grotesker als der vereinte Medien- und Politikertenor, der Gewaltfilme, Videospiele und in Deutschland auch kurzerhand mal Slipknot verantwortlich macht. So einfach kann es ja nun nicht sein, behauptet Michael Moore und befragt Waffennarren, Einwohner von Littleton, Grostädter, Kleinstädter und Bewohner von Vororten.
Was sich dabei herauskristallisiert, ist der Begriff „Angst“. Erstmals wird er im Interview mit Marylin Manson erwähnt (der natürlich auch für Littleton verantwortlich war), einem der kritischsten Musiker in den heutigen USA überhaupt, dem nur leider niemand zuzuhören scheint. Amerika sei eine Nation völlig verängstigter Bürger mit dem Recht auf Waffenbesitz. Und eine geladene Waffe in der Hand einer verängstigten Person kann recht schnell tödlich wirken. Moore behauptet, die Medien und auch die Politiker würden durch ihre Berichterstattung den Rassissmus weiter schüren und stetig die Angst des weißen Vorortbewohners vor dem schwarzen Mann verstärken. Reality Shows, die die Verfolgung von Straftätern zeigen oder Nachrichten, die dem Zuschauer einreden, hinter jeder Ecke könne der sichere Tod lauern - wenn man sich nicht schütze - , machen die Amerikaner zu einem paranoiden Volk, die sich in ihren Häusern verbarrikadieren und mit Waffengewalt ihre Familien beschützen. Bestes Beispiel für die Lächerlichkeit dieser Einstellung ist das abschließende Interview mit Charlton Heston (nicht nur alternder Schauspieler, sondern auch Vorsitzender der amerikanischen Waffenliga, der NRA). Außer der Begründung, daß ihm das Recht auf Waffen im Grundgesetz zugesichert sei, kann Heston kein brauchbares Pro zum Waffenbesitz liefern. Nein, er sei noch nie in seinem Hause bedroht oder gar ausgeraubt worden. Ja, er habe geladene Waffen im Haus. Die Diskrepanz dieser Aussagen kann sowohl beim Zuschauer, als auch beim ansonsten sehr wohlwollenden Interviewer Moore nur noch Sprachlosigkeit hervorrufen. So kann man Hestons Überzeugung als Beispiel für ein ganzes Volk von Amerikanern sehen, denen von den Medien vorgegaukelt wird, ihr Land, ihre Stadt, ja ihre Nachbarschaft würden in Gewalt ersticken und es wäre dringend erforderlich, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, sich zu schützen. Ergo: Waffen müssen her. Die reale Tatsache, daß Waffen in erster Linie zum Töten gedacht sind, scheint im kollektiven Bewußtsein der USA so lange keinen Platz zu haben, bis die Waffen auf die falschen Personen gerichtet werden. Ein kurzer Exkurs in die kriegerischen Auseinandersetzungen der USA zeigen, daß der Amerikaner durchaus gern schießt, wenn es gegen Vietnamesen, Iraner, Iraker und sonstiges Nicht-Amerika-Volk geht. Aber sobald die Waffe gegen einen weißen Mittelklassebürger erhoben wird, ist der Aufschrei der Nation laut und nachhaltig. So vermögen auch die Bilder der Überwachungskamera der Columbine Highschool den Zuschauer tief erschüttern. Schafft man es, sich auch auf etwas anderes, als die um sich schießenden Jugendlichen und die panisch flüchtenden Schüler zu konzentrieren, wird man sich vielleicht fragen, warum in der Cafeteria einer High School drei Überwachungskameras angebracht sind...
Michael Moore hat einen Film mit vielen bewegenden Bildern und Interviews geführt. Sein Film wirkt spontan und vor allem beherzt. Er schenkt jedem zunächst mit gleicher Aufmerksamkeit sein Ohr: Dem paranoiden Farmbesitzer, der mit der geladenen Waffe unterm Kopfkissen schläft und der Lehrerin, die mit ansehen mußte, wie ein Erstlässler eine Klassenkameradin erschoß. Gerade durch diese Unvoreingenommenheit und den Wunsch zu erfahren und vor allem zu verstehen, macht „Bowling for Columbine“ beim Zuschauer viele Punkte. Man kommt sich nicht bevormundet vor wie in den vielen Talkshows und Diskussionen zum Thema (Counter Strike war schuld, logisch). Michael Moores Art des Filmemachens regt den Zuschauer an und fordert ihn auf, die Situationen auf dem Bildschirm zu beurteilen und einzuordnen: Eine Denkleistung, die heute kaum noch ein Film vom Zuschauer verlangt. So fühlt man sich mit einbezogen und direkt angesprochen: Mach dir ein Bild, forme dein Urteil! Zu guter Letzt versteht er es natürlich auch, seinen Stoff gut zu verpacken. Mit eingefügten Nachrichtenschnipseln, Commercials für bestimmte Waffen, Trickfilmen und nicht zuletzt der geschicht eingesetzten Musik (von Beethoven bis Bing Crosby), macht Moore seinen Film zu einem packenden Dokument, das man unbedingt gesehen haben sollte, wenn man von den müden Erklärungen der Medien und Politiker genug hat. Moore besitzt sicherlich nicht den Schlüssel zur Wahrheit, aber ist wenigstens klug und mutig genug, zu (hinter)fragen und die ausgetretenen Pfade zu hinterlassen. -----------------------------------------------------
Allgemeine Infos: „Bowling for Columbine“ Regisseur/Sprecher: Michael Moore USA, 2002 Webseite: http://www.bowlingforcolumbine.com / http://www.bowling-for-columbine.de Carpe Noctem! © Michi, Februar 2003
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04.08.2003 00:43
Tja, ich muß zugeben, den Film nicht gesehen zu haben, aber nach Lektüre dieses Berichtes sind mir zwei Dinge klargeworden: a) warum der Film "Bowling for Columbine" heißt und b) daß ich ihn wohl noch anschauen sollte...
22.03.2003 13:42
Der Film es echt der Hammer, ich hab mich auch wirklich sehr oft todgelacht aber trotzdem übermittelt er etwas. Super BerichT!
13.03.2003 22:04
Die Logik der Amerikaner ist manchmal nur schwer nachzuvollziehen. Einerseits erlauben sie den Waffenbesitz quasi für jedermann im eigenen Lande, andererseits spielen sie die Weltpolizei und schreiben anderen Ländern vor, das sie abrüsten sollen. Gruß Peter