Kinospass nach wahrer Gegebenheit
04.02.2000
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Kontra:
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Ja
 Mr.Niceguy
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Mitglied seit:02.02.2000
Erfahrungsberichte:20
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BOYS DON'T CRY Echte und falsche Männer Wahre Geschichten sind manchmal alles andere als leicht verständlich. "Boys Don't Cry'' erzählt so eine: die von Teena Brandon, körperlich und nach allen Papieren eine Frau, dem Gefühl nach jedoch ein Mann im falschen Körper. 1993 kommt Teena Brandon ins US-Provinznest Falls City, Nebraska, und wagt gerade hier, in der bedrohlich überschaubaren Enge, einen verwegenen Identitätswandel. Mit herumgedrehtem, maskulinem Namen - als Brandon Teena - umwirbt der junge Neuankömmling die Frauen und schließt Männerfreundschaften, stellt sich durch Spendierfreude in den Mittelpunkt und ergaunert das dafür nötige Geld durch Diebstähle und Betrügereien. Ende 1993 fliegt der Schwindel auf. Zwei der sich getäuscht und in Frage gestellt fühlenden "echten'' Männer nehmen brutale Rache. Brandon wird vergewaltigt und ermordet.
Als Film über eine bedrohliche, zugleich werteunterhöhlte und doch noch rollenstarre US-Provinz ist Kimberley Peirces Spielfilm kaum zu übertreffen. Unauffällig, aber unerbittlich zerrt uns die Kamera in einr klaustrophobische Welt, in die sozialen badlands, wo das ziellose nächtliche Herumfahren, gruppenweise eingezwängt in Autos, als großes Entkommen aus dem trostlosen Muff der Wohnwagensiedlungen herhalten muss. Peirces äußerst eindrucksvolle junge Darsteller wirken manchmal wie traumatisierte Kriegsveteranen, Hilary Swank als Brandon und Chloe Sevigny als Lara sind ein zutiefst rührendes Liebespaar, Peter Sarsgaard und Brendan Sexton III als Mörderpaar verkörpern jenseits aller Klischees und mit beklemmender Authentizität Kids ohne Hemmschwelle. "Boys Don't Cry'' stellt nicht die Frage nach individueller Schuld, sondern nach den Zersetzungsprozessen einer ganzen Kultur. Als Porträt Teena Brandons aber lässt einen dieser Film verwirrt zurück. Die Hauptfigur entzieht sich mit ihrer manischen Energie beständig der genaueren Betrachtung, je länger man ihr zuschaut, desto weniger versteht man sie, und gegen Ende - das ist eine ziemlich fragwürdige Entwicklung - wird Brandon für uns einfach das, was ihr/ihm zustößt. Das liegt zum einen natürlich an der Rätselhaftigkeit dieser Figur. Zum anderen aber liegt es an Peirce, die hier von radikaler Neuerfindung erzählen will, vom Versuch, durch die Schaffung eines sozialen Korsetts einen neuen Körper zu erzwingen.
Um das Bild der selbstzerstörerischen Rebellin nicht zu trüben, spielt Kimberley Peirce Brandons kleinkriminelle Hochstapelei herunter. Sie hat zwar kleine Hinweise auf Diebstahl und Betrügereien eingebaut, aber diese Spuren kann nur lesen, wer Brandons Geschichte schon besser kennt. Doch der Wille zur wohlwollenden Retusche bleibt seltsam bemerkbar. Brandon Teena wird konturunscharf, so als laufe dieser menschliche kleine Illusionsmotor nach Entfernung einiger von Peirce als überflüssig empfundener Komponenten vollends so unrund, dass die Vibration kein genaues Ins-Auge-Fassen mehr erlaubt. Endgültig verwirrend aber ist, dass "Boys Don't Cry'' manchmal wie ein Genrestück wirkt. Traum, Verwirklichungsversuch und mörderische Disziplinierung durch die Gesellschaft, das ist genau das bis zur Erschöpfung ausgelaugte Schnittmuster des durchschnittlichen Schwulen- und Lesbenfilms. Peirce kann manchmal, will sie nicht ganz den Fakten untreu werden, nicht anders erzählen, als hätte sie den einfallslosesten aller Drehbuchautoren zum Partner: "Boys Don't Cry'' versucht eine Wirklichkeit zu retten, die längst zum Genrebrei zerkaut ist. Dass das szenenweise gelingt, ist ein Triumph, dass es szenenweise scheitert, ein Infragestellen der unermüdlichen und alles verschleißenden Erzählmaschine Kino.
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