Bram Stoker's Dracula (1992)

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Bram Stoker's Dracula (1992)

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Ganz großes Kino

5  26.04.2011

Pro:
So muss Kino sein

Kontra:
nix

Empfehlenswert: Ja 

Spassprediger

Über sich: “We're all mad here. I'm mad. You're mad.” “How do you know I'm mad?” said Alice. “You must be,” sai...

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Das Jahr 1992 verbinde ich gedanklich sehr eng mit „Bram Stoker’s Dracula“. Als der Film damals in den Kinos anlief, habe ich mir Francis Ford Coppolas Verfilmung des Stoffs gleich am ersten Tag angesehen – und dann, in derselben Woche, gleich noch zweimal.

Als der Film auf Video erschien, habe ich mir umgehend die englischsprachige Originalversion zugelegt. Auch die zunächst nur für den US-Markt verlegte DVD-Version von „Bram Stoker’s Dracula“ habe ich unmittelbar nach Erscheinen gekauft. Keine Frage: Ich bin ein bekennender Fan des Films, und dazu bin ich schon in der ersten Minute Laufzeit des Films geworden.

„Bram Stoker’s Dracula“ ist ein gewaltiges Spektakel, im ursprünglichen Wortsinn und von der ersten bis zur letzten Minute. Kameramann (pardon: „Director of Photography“ heißt das ja heute) Michael Ballhaus durfte für seine betörenden Bilder seinerzeit ebenso einen verdienten Oscar mit nach Hause nehmen wie Designerin Eiko Ishioka, die den Look des Films mit ihren Staunen erregenden Kostümentwürfen ebenfalls ganz entscheidend prägte.

Verfilmungen der Romanvorlage (die ich übrigens als überraschend langweilig empfunden habe, als ich erstmals das unbearbeitete Original gelesen habe) hat es natürlich auch schon vor 1992 en masse gegeben. Leidlich werkgetreu sind allerdings nur einige wenige mit der Vorlage umgegangen; beim Gros der Filme, in deren Titel irgendwo der Name des Grafen Dracula vorkommt, handelt es sich bestenfalls um recht freie Adaptionen. Zu den gelungeren Versuchen, Stokers Roman werkgetreu wie unterhaltsam für die Leinwand in Szene zu setzen, zählen für mich Todd Brownings Version aus dem Jahre 1939 mit Bela Lugosi und John Badhams 1979er „Dracula“, in dem Frank Langella die Titelrolle spielt. Max Schreck als „Nosferatu“ in F.W. Murnaus Stummfilm von 1922 muss hier natürlich auch genannt werden, denn auch bei diesem Film handelt es sich um eine „Dracula“-Verfilmung – dass das nicht im Titel offenbar wird, hat weniger inhaltliche denn rechtliche Gründe.

Vom Vorbild Lugosis haben sich freilich nur wenige Regisseure und ihre Hauptdarsteller lösen wollen. Das schwarze Fledermauscape des Vampirs etwa ist mit den Jahren die Standardgarderobe für die Herren Dracula & Co. geworden; spätestens mit Christopher Lees Auftritten in den legendären Filmen aus den „Hammer“-Studios ist daraus so etwas wie die amtliche Uniform für Blutsauger geworden. Das ist sie dann auch für lange Jahre geblieben.

Erst Regisseur Coppola hat dann den Ausbruch aus dem visuellen Klischee gewagt – und dafür dann auch ordentlich Prügel einstecken müssen: wie eine japanische Geisha sehe sein Dracula aus, mäkelten Kritiker. Die hatten dann, immerhin, ríchtig auf die fernöstliche Heimat der Kostüm-Designerin geschlossen, waren aber offenkundig vergrätzt, dass der Graf aus Transsilvanien 1992 plötzlich anders aussah als in den gut 60 Jahren davor. Auf dramaturgischer Seite wurde meist bekrittelt, der Film sei nicht gruselig oder doch zumindest nicht gruselig genug. Was die Damen und Herren vom Feuilleton damals standhaft ignoriert haben: Coppolas „Dracula“ ist eine Klasse für sich, und man sollte ihn deshalb auch nicht am Gros der „Dracula“-Filmchen messen. Und es hat auch sicher seinen Grund, warum Coppola dem geistigen Vater Draculas im Filmtitel die Reverenz erweist. Unter anderem ist „Bram Stoker’s Dracula“ endlich der Film, der eine meiner liebsten Roman-Passagen zur Abwechslung mal nicht schludert: Warum den meisten Regisseuren Jonathan Harkers nächtliche Postkutschenfahrt durch die Karpaten keinen Meter Film wert gewesen ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass die Nachtfahrt für mich einfach zur Exposition des Romans dazugehört (das ist mal eine Passage, die schon beim Lesen ordentlich Eindruck gemacht hat), und Coppolas Vision davon gefällt mir.

Ich erkenne da vieles wieder, das ich aus dem Roman kenne; angefangen beim Lenore-Zitat „Denn die Toten reiten schnell“, mit dem eine von Harkers Mitreisenden dem Passagier ein Kruzifix-Amulett zusteckt über gekreuzigte Wolfskadaver bis hin zu Irrlichtern am Wegesrand. Von der wilden Jagd über steile Bergpässe entlang gähnenden Schluchten mal ganz zu schweigen. Seltsam, dass dieses Verdienst Coppolas keinem der vielen Kritikaster aufgefallen zu sein scheint – vielleicht war’s einfach zu lange her, dass die Damen und Herren den Roman selbst gelesen hatten.

Dass mir der Film gefallen würde, wusste ich aber noch früher, denn allein der Prolog, den Coppola der aus dem Roman bekannten Handlung voranstellt, ist bildgewaltig und lässt den Zuschauer erahnen, dass nichts an diesem Film kleiner ist als unbedingt nötig – das gilt übrigens auch für die düstere, wuchtige Musik von Wojciech Kilar, die mir auf Anhieb ins Ohr gegangen ist und die Kinogängern seit 1992 immer mal wieder in Form eines so genannten „temp track“ begegnet, mit dem Regisseure ihre Teaser-Trailer gern unterlegen, solange der eigene Score für ihren Film noch auf sich warten lässt (der Teaser für „Die Mumie“ ist so ein Fall – wer den sieht und hört, ahnt, was für ein schauriger „FSK ab 18“-Film „Die Mumie“ ursprünglich hätte werden können oder sogar sollen).

Denn bevor’s richtig losgeht, erfahren wir erst einmal, wer und was dieser Dracula zu seinen Lebzeiten einmal war. Und, siehe da: Zunächst ist der Fürst der Finsternis ein tapferer Ordensritter, der sich den türkischen Armeen, die Europa im 17. Jahrhundert erobern, mannhaft und zur höheren Ehre Gottes entgegenstellt. Ja, was denn – klingt das etwa nach einem dieser Werke, denen die schreibende Zunft gern mal die „ungahnte Aktualität“ bescheinigt? Warum nicht – „Bram Stokers’s Dracula“ ist vielschichtig, und zwischen Schauermär und Love Story (dazu später mehr) finden sich Ebenen, auf denen „Dracula“ von Aids und 100-jährigem Jubiläum erzählt, das das Medium „Film“ Anfang der 90er erlebte. Dass das Ganze dann noch mit einem deutlichen Schuss Humor serviert wird, hat den einen oder anderen Rezensenten dann wahrscheinlich vollends überfordert. Wer genau hingesehen hat, dem dürfte die augenzwinkernde Ironie nicht entgangen sein, die darin steckt, dass Dracula seine geliebte Wilhelmina Harker beim ersten Date zum Kinobesuch einlädt – und wer das entdeckt hat, hat sich wahrscheinlich darüber genauso amüsiert wie auch über Bildgestalter Ballhaus’ visuelle Gags.

Da ist von einem Etikett auf einer Flasche Absinth plötzlich nur noch der Ausschnitt „Sin“ zu lesen – und genau darum geht’s in „Bram Stoker’s Dracula“: um Sündenfälle. Erst nämlich fällt Dracula vom Glauben ab (richtig: der Mann ist in Wahrheit ein gefallener Engel), dann verfällt Jonathans Verlobte Mina (Winona Ryder) dem geheimnisvollen Fremden. Was man insofern versteht, als Jonathan Harker, gespielt von Keanu Reeves, vergleichsweise sehr, sehr langweilig wirkt. Unbestrittener Star des Films ist und bleibt Gary Oldman. Mit seiner Darstellung erweist er nicht nur den großen Vorbildern Schreck und Lugosi („Listen to them – the children of the night … what sweet music they make!“– das ist nicht nur werkgetreu, sondern auch Oldmans schwerer slawischer Akzent passt hier wie das Tüpfelchen aufs I) die Ehre, sondern spielt auch den Rest des Ensembles mühelos an die Wand.

Dagegen wirken nicht nur Winona Ryder und Keanu Reeves ziemlich blass, sondern auch Anthony Hopkins als Dr. Abraham van Helsing läuft nie wirklich zur Bestform auf. Da hilft auch sein seltsamer Akzent im Original nichts, der wohl Niederländisch sein soll, dabei aber leider eher gewollt denn gekonnt klingt.

Das tut dem Vergnügen aber keinen wirklichen Abbruch, und das ist, wie gesagt, in erster Linie visueller Natur. Michael Ballhaus’ einfallsreiche Kameraarbeit, ein üppiges Set Design sowie außergewöhnliche Kostüme und Masken vereinen sich zu einem Bilderrausch, der seinesgleichen sucht. „Bram Stoker’s Dracula“ braucht sich hinter den technicolor-bunten Erzeugnissen aus den „Hammer“ Studios nicht zu verstecken. Einige der visuellen Effekte irritieren allerdings: Beim von Wölfen umheulten Borgo-Pass handelt es sich, wie auch bei einigen anderen Schauplätzen im Film, ganz offensichtlich um ein Set. Das ist so deutlich erkennbar, dass sich die Frage aufdrängt, ob die operettenhafte Wirkung mit Absicht geschieht und Teil der Inszenierung ist. Beim kürzlichen Wiedersehn sind mir außerdem einige von Michael Pangrazios („Das Imperium schlägt zurück“) Matte-Gemälde als solche aufgefallen. Das Paradoxe daran: Ich habe mich sogar darüber gefreut, mal wieder ein paar handgepinselten Bildhintergründen zu begegnen, die als Handarbeit erkennbar sind.

Als ein Film, der gewissermaßen am Vorabend der CGI-Welle entstanden ist, verzichtet „Bram Stoker’s Dracula“ auf Computeranimationen, und das empfinde ich als überaus wohltuend. Ich mag die ganzen glattgerenderten Viecher und Gebäude mittlerweile nicht mehr sehen und freue mich inzwischen wieder über jeden visuellen Effekt, der noch sehr von Hand und ohne Kollege Rechenknecht getrickst ist – tja, so ändern sich die Sehgewohnheiten.

Und wie sieht’s mit der inhaltlichen Seite des Films aus? “Love never dies“ lautet der Slogan, mit dem der Film seinerzeit für sich warb. Tatsächlich betont Regisseur Coppola vor allem die erotische Komponente des Romans. Das ist insofern werkgetreu, als genau dieses Element Stokers Roman im viktorianischen England erst zum Bestseller gemacht haben dürfte. Coppola setzt vieles von dem in Bilder um, das im Roman eher zwischen den Zeilen steht. Sein Dracula ist eleganter Verführer und, als gefallener Engel, eine tragische Gestalt. Am Ende von Coppolas Dracula steht nicht nur die Erlösung des Vampirs durch die Liebe einer Frau, sondern auch die Versöhnung zwischen gefallenem Engel und Göttlichem. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ und „Es ist vollbracht“ legt das Drehbuch dem sterbenden Dracula in den Mund. Das ist geradezu pastös dick aufgetragen, dabei aber durchaus folgerichtig, denn das Motiv des ewigen Lebens spielt im „Dracula“-Stoff schließlich eine zentrale Rolle. Auch die betont Coppolas Verfilmung ziemlich stark; Draculas Jünger, der wahnsinnige Renfield (wunderbar gespielt von Tom Waits), verweist während des ganzen Films immer wieder darauf.

Fazit: „Bram Stoker’s Dracula“ ist sehenswertes, intelligentes Kino, das sich immer wieder mal selbst auf die Schippe nimmt und das optisch wirklich prächtig gelungen ist. Leider werden weder die Veröffentlichung auf VHS-Kassette noch auf DVD dem Film wirklich gerecht, denn das „Making of“ bietet nicht viel mehr als das übliche Werbegeklingel. Es wäre schön, wenn das Bonusmaterial, das das Label „Criterion“ seinerzeit für die Veröffentlichung des Films auf Laserdisc erstellt hat, endlich einem breiteren Fanpublikum zugänglich gemacht würde.

R e s ü m e e

„Bram Stoker’s Dracula“ ist von der ersten bis zur letzten Minute ein echter Augenschmaus. Anders als viele seiner Vorgänger betont Francis Ford Coppola in seiner Version des Stoffs vor allem die erotische Komponente der Geschichte. Sein Dracula ist ein gefallener Engel, der schließlich von der Liebe einer Frau erlöst wird.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
CiaoFonzie

CiaoFonzie

30.04.2011 08:40

der Bericht ist auch ganz großes Kino! LG Matthias

mp3undlos

mp3undlos

28.04.2011 12:23

auch wenn ich Keanu Reeves niemals blass finden werde, bin ich in diesem Film auf Oldman gestossen und finde ihn ganz wunderbar! In "True Romance" einfach nur schrill;-)

MissVega

MissVega

27.04.2011 15:27

Na ja, der Film ist ok, aber sicher kein Meisterwerk. ;-)

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