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Das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte, thematisiert ein Grundproblem unserer Gesellschaft und trägt als Roman den Titel "Brandstiftung". Elmar von Salm schrieb diesen Roman Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, der 1988 im Ensslin & Laiblin Verlag aus Reutlingen erschienen ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von Lupenglas über Brandstiftung / Elmar von Salm 25.05.2006
Produktbewertung des Autors:
Niveau
durchschnittlich
Unterhaltungswert
durchschnittlich
Spannung
ziemlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
sehr ergreifend
Pro:
wirklichkeitsnah, zeigt die rassistischen Stereotypen auf
Kontra:
nichts
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Herzlich willkommen zu meinem nächsten literarischen Erfahrungsbericht, liebe Leserinnen und Leser.
Das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte, thematisiert ein Grundproblem unserer Gesellschaft und trägt als Roman den Titel "Brandstiftung". Elmar von Salm schrieb diesen Roman Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, der 1988 im Ensslin & Laiblin Verlag aus Reutlingen erschienen ist. Mir persönlich liegt dagegen die 14. Auflage des ARENA-Taschenbuch-Verlages aus dem Jahr 2002 vor (Coverbild siehe Foto). In diesem Buch hat Elmar von Salm eine höchst beklemmende Romanerzählung abgefaßt. Damit ihr nun alle Merkmale besser nachvpollziehen könnt, habe ich meinen Bericht in folgende Kapitel untergliedert:
Buch Autor Personen Zielgruppe Geschichte Preis Fazit
B U C H +++++++
Das Büchlein trägt ein Coverbild, worauf zwei Portraitköpfe angeordnet sind. Der vordere stellt etwas unscharf den Kopf eines jungen Mädchens dar, der seitlich dahinter versetzte Kopf den eines jungen Mannes mit dunklen Augen, dichten dunklen Augenbrauen und einer unrasierten Kind- und Oberlippenpartie. Von oben wird es begrenzt durch einen orange-gelben Balken, auf dem in Schwarz der Schriftzug Brand- und darunter in Weiß der Schriftzug stiftung abgedruckt ist. Der Name des Autors steht oben rechts in Blau auf gelben Untergrund. Die Rückseite des Buches ist ganz in diesem orange-gelben Ton gehalten. Ein schwarzer Text gibt mit wenigen Worten einführende Auskunft über den Inhalt. Das Buch selbst liegt locker in der Hand, weil es kein allzu großes Gewicht besitzt; schließlich sind es nur 160 Seiten.
A U T O R +++++++++
Elmar von Salm wurde 1948 geboren, er studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften. Seit 1984 übt er den Beruf des Schriftstellers aus.
P E R S O N E N +++++++++++++
Selim Nuray, jugendlicher Sohn türkischer Eltern Monika Obranowicz, jugendliche Tochter deutscher Eltern Familie Ayden, türkische Familie im Wohnblock 32
Z I E L G R U P P E +++++++++++++++
jugendliche Leser von 12 bis 16 Jahren (also SchülerInnen); doch auch hier können Erwachsene eine Menge zum Nachdenken entdecken
G E S C H I C H T E ++++++++++++++++
Ort der Handlung ist das kleinstädtische Schwerstadt. An diesem Ort absolviert Selim Nuray, der Sohn von vor 20 Jahren eingeewanderten türkischen Eltern, eine Ausbildung als Elektriker bei der Stahlwerke Schwerstadt AG. Erst kürzlich ist er mit seinen Eltern aus dem Stadtteil Osterfeld, im Volksmund als Klein-Ankara bekannt, in eine 4-Zimmer-Wohnung in der neuen Wohnglück-Siedlung umgezogen. In dieser Betonblocksiedlung wohnen überwiegend deutsche Familien, lediglich acht weitere türlische Familien sind dort eingezogen, weil die Wohneigentümergesellschaft nicht an ausreichend deutschen Familien vermieten konnte.
Sowohl Selim als auch seine drei Geschwister, zwei Schwestern und ein kleiner Bruder, sind alle in Deutschland geboren und gefördert durch ihren Vater empfinden sie sich auch als Deutsche. In seiner Ausbildungsklasse (1. Lehrjahr) scheint er akzeptiert zu sein, obwohl er dort auf recht viel Unkenntnis in bezug auf sein Herkunftsland, die Traditionen und v.a. sein Selbstverständnis als Deutscher türkischer Abstammung herrscht. Seine Kolleginnen und Kollegen erkennen lediglich Selims deutsche Tugenden an, nämlich Fleiß, Ordnung und Anpassungsfähigkeit, was ihn in ihren Augen von allen anderen Türken unterscheidet. Selim selbst mag auch keine türkische Musik, den Knoblauchgeruch und das permanente Geschreie, das er im Türkenghetto Osterfeld tagtäglich ertragen mußte. Also scheint der Umzug für ihn ein weiterer Fortschritt zu sein. Aber sein Äußeres läßt sich nicht kaschieren: dunkle Augen, dichtes, schwarzes lockiges Haar, bräunliches Gesicht und eine spitze, schmale Nase klassifizieren ihn in den Augen seiner Mitmenschen, auch seiner ArbeitskollegInnen, zu dem was er zu sein hat: ein Ata, ein dreckiger Türke.
Von Anfang an ist er den unterschwelligen Vorurteilen in seiner neuen Wohnsiedlung unterworfen. Zunächst treffen sie ihn zwar nicht, denn Stein des Anstoßes ist vielmehr die Familie Ayden acht Blocks weiter. Sie feiern laut, auch zu später Stunde, was die Ehefrau eines deutschen Ehepaares zunehmend stört. Zum Eklat kommt es als der Ehemann darum bitten möchte, die Musik etwas leiser zu stellen. Der türkische Familienvater versteht allerdings nicht genug Deutsch, weil er erst vor kurzer Zeit nach Deutschland kam, so gibt ein Wort das nächste. Am Ende stehen sich beide tiefbeleidigt als unversöhnliche Kontrahenten gegenüber. Daraufhin beginnen die deutschen Mitbewohner aus Block 32 gegen (die) Türken zu hetzen, so daß sich die Atmosphäre in der Siedlung allmählich vergiftet und auch Selim trifft, der bis dahin eher in einer Selbsttäuschung gelebt hat.
Das erste Mal bemerkt er es als die Frauen, die er jeden Morgen auf dem Weg zur Bushaltestelle trifft, ihn nicht grüßen. Wenig später zockt ein Zigarettenautomat ihm das letzte Geld ab, ohne die gewünschte Packung auszuspucken. Daraufhin versucht er dem Automaten vergeblich nachzuhelfen, was einen Rentner auf den Plan ruft, der ihn wüst beschimpft und die Polizei rufen will. Zum Schluß wird er gar konfrontiert mit rechtsextremistischem und faschistoidem Gedankengut: er nähme den Deutschen die Arbeitsplätze und die Frauen weg, den Alten ließe er keine Ruhe, früher hätte so etwas nicht gegeben - da hätte schließlich Zucht und Ordnung geherrscht. Anschließend wird er vom Trinkhallenbesitzer in einem unverständlichen Kauderwelsch (Babysprache für Ausländer) angesprochen, was Selim innerlich wütend werden läßt.
Kurzum, die Hetze aus Block 20 hat innerhalb von wenigen Monaten den Ruf der türkischen Mitbürger völlig ruiniert. Es schwelt unter der bürgerlichen Decke. Seine Träume gehen vorerst nicht in Erfülllung. Weder Selim noch seine Schwestern haben deutsche Freunde/ Freundinnen gefunden, stattdessen erlebt er zunehmend böse Bemerkungen, die sich Schritt für Schritt in offene Feindseligkeiten entladen. Er entdeckt im Hausflur seines Wohnblocks Parolen wie "Ata verrecke", sogar Kinder beteiligen sich an diffamierenden Aktionen. So wird er eines Morgens von einem kleinen Jungen angesprochen, ob es stimmte, daß Türken Katzen die Köpfe abfräßen. Daraufhin betätigt er sich als Kinderschreck und ... lernt dadurch ein deutsches Mädchen namens Monika Obranowicz kennen. Eine verhängnisvolle Begegnung, denn ihre Brüder haben sich mittlerweile der sog. "Glatzenbande" angeschlossen. Das Unheil nimmt trotz einer beginnenden Hochstimmung seinen Lauf. Mehr möchte ich, wie üblich, nicht verraten.
P R E I S ++++++++
EUR 5,90
F A Z I T +++++++
Als ich diesen Roman las, fühlte ich mich anfangs an meine eigenen Erfahrungen erinnert, die ich als "Gastarbeiter" im Ausland durchlebt hatte. Doch je weiter das literarische Geschehen voranschritt, desto mehr verlor sich die Übereinstimmung. Am Ende dachte ich vielmehr an den Brandanschlag rechtsextremistischer Mörder auf ein türkisches Wohnhaus in Solingen Mitte der 90er Jahre. Dabei verbrannten bei lebendigem Leibe sowohl Eltern als auch mehrere Kinder. Soweit ich mich noch entsinnen kann, haben lediglich eine oder zwei Personen dieses feige Verbrechen überlebt. Was ich damit ausdrücken möchte, ist die Tatsache, daß dieser Roman in der Lage war, Gefühle und die Trauer von einst in mir wieder wachzurufen.
Elmar von Salm besticht durch seinen Erzähltakt, der durchaus scheinbare Züge eines Dramas, also eines enormen Spannungsbogens mit Verzögerung und anschließender Entladung, beinhaltet. Nur handelt es sich in diesem Fall um kein Drama, denn die Ereignisse waren nicht schicksalsgebunden, sondern wären aufzuhalten gewesen. Sein allwissender Erzähler hält dabei sehr geschickt alle Fäden in der Hand und läßt den richtigen Faden im passenden Moment los, damit dieser seine Wirkung entfalten solle.
Im Rahmen seiner Erzählung kommt v.a. das Manko unserer, der deutschen Mehrheitsgesellschaft, zum Vorschein. Wie kaum ein anderes Volk erwarten wir von Zuwanderern absolute Anpassung ohne auch nur einen einzigen Schritt in die Richtung der Neuankömmlinge unternehmen zu wollen. Nur wenige zeigen offenes und ehrliches Interesse für Fremdes und Fremde, nur wenige erlernen die jeweilige Sprache - sei es auch nur ansatzweise -, nur wenige helfen Fremden in ihrer neuen Umgebung. Dabei gebietet es der Anstand und der Respekt vor jedem Menschen, ganz gleich woher er stammt, welchen Gott er anbetet, ob er seßhaft oder nomadisch lebt, welche Hautfarbe er trägt oder Sprache spricht etc. Dieses ausgesprochen passive gar abweisende Verhalten, was auch in anderen (europäischen) Ländern in abgeschwächter Form anzutreffen ist, schält der Autor schrittweise und augenscheinlich heraus. Seine nüchterne und schnörkellose Sprache läßt zudem das Gesagte viel nachempfindbarer im Raum stehen, es gibt Passagen, da blieb mir ein Kloß im Hals stecken. Am Rande sei erwähnt, dieses Verhalten stand und steht im übrigen einer erfolgreichen Integration (wie man heute erkennen muß) stets im Weg.
Goethe sagte einmal, ein Staat, der seine Fremden nicht schütze, sei dem Niedergang geweiht. Mag er wohl Recht haben?
Wer also keine Berührungsängste oder gar Furcht vor dem eigenen Spiegel hat, der also das Geschilderte nicht als ideologisch gefärbtes Gequatsche abtut, sondern sich mit den Themen Ausländer, Einwanderungspolitik, Integration und Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auseinandersetzen will, dem kann ich diese Schullektüre nur wärmstens empfehlen. Meine beiden Jungen waren von diesem Roman sehr angetan; sie stellten jedenfalls über einen längeren Zeitraum viele Fragen.
Vielen Dank an alle Leserinnen und Leser, die vielleicht auch noch den Bericht bewerten und / oder einen Kommentar dazu hinterlassen wollen.
1.Vorbereitung
Wie ich zu diesem Buch kam? Wir mussten es mal in der Schule lesen(das ist aber schon länger her) und ich fand es gar nicht schlecht. Neulich hatte ich dann nichts mehr zu lesen und da dachte ich :´Warum nicht mal wieder das lesen?´ . Un ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich