Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Viele Erfahrungen fürs Leben, unvergessbar |
| Kontra: |
- |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Ich saß wie so ziemlich immer gelangweilt in der letzten Reihe. Ich erinnere mich nicht mehr, welche Unterrichtsstunde es war, auf jeden Fall freute ich mich, als die Tür aufging, denn das bedeutet im Normalfall mindestens eine halbe Minute Unterbrechung des Unterrichts. Das gerade dies mein Leben entscheidend verändern würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Auf jeden Fall trat ein anderer Lehrer ein, murmelte etwas von Schüleraustausch und wer Interesse hätte. Dann schrieb er eine Webseite des Rotary Clubs an die Tafel und ging wieder.
Informieren kann man sich ja mal, dachte ich mir im Stillen, ging also auf die Internetseite und meldete mich bald darauf für ein Gespräch mit einem Mitglied des Rotary-Clubs in der Schule. Es erschienen dann genau 2 Leute (von einer Schule mit ca. 800 Schülern), einschließlich mir. Nach einer kleinen Informationsrunde wurde ich dann in das Haus des Rotary-Mitglieds eingeladen, bei dem auch noch ein weiteres Mitglied anwesend war. Schon wenig später, nach einem kurzen Interview wurde mit mitgeteilt, dass ich der Auserwählte sei - immerhin hatte ich auch überhaupt keine Konkurrenz, es gab also einen Bewerber auf 4 Plätze!
Dann ging es los mit einem ca. 16 Seiten langen Formular, was auszufüllen war, unter anderem von Lehrern und Ärzten, aber wenn man nicht gerade die Pest mit sich herumschleppt, ist das kein Problem. Wenig später folgte dann ein großes Treffen allen möglichen zukünftigen Austauschschüler.
So langsam dämmerte mir, was ich mir da eigentlich eingebrockt hatte... .
Warum Brasilien?
Diese Entscheidung traf ich auf dem Treffen. Im Grunde sah meine Überlegung so aus: Brasilien-warm.
Aber ich dachte mir auch, dass ich in Südamerika eine andere Kultur kennen lernen würde, in den USA beispielsweise gäbe es nicht so krasse Unterschiede zwischen der Heimat und dem Austauschland. Irgendwie hatte ich es einfach im Gefühl, dass ich nach Brasilien muss, war vielleicht mein Ururgroßvater ein Brasilianer? (ich denke mal nein...)
Irgendwann bekam ich dann auch das Visum und eine erste Adresse. Ich schrieb eine E-Mail an meine künftige Gastfamilie, da leider nie eine Antwort erfolgte, rief meine Mutter sogar dort an, und schon da fiel mir auf, dass eigentlich niemand Englisch spricht. Ich versuchte dann ein wenig Portugiesisch zu lernen, und als ich ankam konnte ich bestimmt schon bis drei zählen und mehr oder weniger Ja und Nein sagen.
Auf ins Abenteuer!
Ich glaube, der Gedanke, dass ich bald in Brasilien sein werde, kam mir dann irgendwann am Flughafen. Also dann, ab nach Südamerika! Ich saß in einem Flugzeug irgendwo über dem Atlantik, hatte Angst vorm fliegen(das ist aber auch verdammt hoch) und sollte 10000 km weiter in einer unbekannten Welt landen.
Der Rotary-Club
Bevor es richtig los geht, hier ein paar Worte zum Rotary-Club, welchen ich auch in einem anderen Bericht genauer beschreiben werde. Der Rotary-Club wurde mit einer richtig guten Idee gegründet, nämlich der Welt zu helfen, deshalb kann man hier auch nicht von einer Austauschorganisation reden. Dieser versteht sich vielmehr als Teil des Clubs für ein besseres interkulturelles Verstehen. Ich musste jede Woche an einem Treffen teilnehmen, was zum Glück bei mir ganz in der Nähe war. Nun aber weiter mit der Reise.
Es war dann früh am Morgen als das Flugzeug über der Metropole Sao Paulo zum landen ansetzte. Da es noch dunkel war sah ich nicht mehr als ein unendliches Meer aus Lichtern. Am Flughafen erwartete mich die Gastfamilie mit einem verdammt großen "Welcome" Schild. Dann ging es los in meine neue Stadt.
Kulturschock und erste Eindrücke
Bereits während der Autofahrt, als es langsam hell wurde, sah ich überall Obdachlose die sich an Müllcontainern wärmten (genau so wie im Film), Dschungelartige Wälder und natürlich eine komplett andere Landschaft. Mit dabei war die Gastschwester meiner ersten Gastfamilie, welche aber schon bald nach Polen für einen Austausch gehen sollte, und mein Gastbruder der zweiten Familie. Sie teilten mir direkt, dass ich eine Woche lang keine Schule haben werde, weil gerade der Geburtstag der Stadt gefeiert wird. Schön.
Dann war ich endlich in meinem neuen Zuhause, und in einer völlig unbekannten und aufregenden Welt wollte ich erst einmal eines: Schlafen!
Meine neue Stadt
Die Stadt, in der ich also ca.12 Monate verbringen sollte trug den Namen Socorro, übersetzt heißt das ganz einfach "Hilfe", deshalb sagte mir man auch, dass ich in "Help-City" sei. Die Stadt liegt ca. 100km nordöstlich von Sao Paulo, in gut 4 Stunden mit dem Auto ist man in Rio de Janeiro. Für brasilianische Verhältnisse ist es eine kleine Stadt, ca.40.000 Einwohner. Das hatte natürlich auch den großen Vorteil, dass es dort nicht wirklich Slums gab und es nicht so gefährlich war.
Dann, endlich ausgeschlafen, war ich die nächsten Abende zusammen mit meinem neuen Gastbruder auf dem Straßenfest und lernte bereits dort unzählige Leute kennen, das war aber nur ein Bruchteil der ganzen Leute die ich bereits jetzt kenne. Ich wurde teilweise von den Leuten umrundet und eingeengt und mit Fragen bombardiert die ich natürlich überhaupt nicht verstand, denn damals hatte ich einen entscheidenden Nachteil: Ich konnte so gut Portugiesisch wie ein Durchschnitts-Brasilianer Englisch - so ziemlich überhaupt nichts.
Brasilianer und ihre Englischkünste
Jeder lernt natürlich Englisch in der Schule, aber irgendwie ist noch niemand auf die Idee gekommen, dass man die Sprache auch mal sprechen könnte. Also ähnlich, wie man hierzulande Latein lernt. Wer also Englisch spricht, der hatte Extra-Unterricht. Aber es gibt natürlich auch immer wieder Leute, die ihr Wissen aus der Schule auch anwenden. Aber selbst in der obersten Schulklasse spricht der Lehrer kein Englisch im Unterricht, aber zu der Schule kommen wir gleich....
Gastfamilie Nummer 1
In dem Austauschprogramm des Rotary-Clubs ist es vorgesehen, dass jeder Austauschschüler in 3 Gastfamilien wohnt, also jeweils für 4 Monate, was natürlich eine gute Idee ist, um einen besseren Eindruck zu bekommen. Mit meiner ersten Gastfamilie hatte ich richtig Glück. Die Mutter war geschieden und die Tochter ging ja schon bald nach Polen. Eine Woche nach meiner Ankunft zog dann meine Gastbruder wieder ein, da er sein Studium beendet hatte. Mit ihm habe ich mich immer recht gut verstanden, auch hatten wir die selben Interessen wie z.B. Computerspiele und auch den selben Musikgeschmack-guter alter Rock.
Die Gastmutter war Mitglied im Rotary-Club, war aber vor allem sehr tolerant und hat sich immer wieder für mich eingesetzt, ohne sie hätte man mich wahrscheinlich während meines Aufenthalts zurück geschickt.
Wer hat hier das Sagen??
Nach etwas mehr als einer Woche musste ich dann zu einem Orientierungsseminar des Rotary-Clubs. Dieses sollte ein ganzes Wochenende dauern. Im Nachhinein dachte ich mir, dass man das ganze auch in zwei Stunden geschafft hätte. Natürlich kostete das ganze auch 100 $, was von allen Austauschschülern selbst übernommen werden musste, so in einem Schreiben an die Gastfamilien.
In dem Wochenende ging es wahrscheinlich nur um eine Sache, nämlich dass keine Austauschschüler jemals an der Autorität der Rotary-Club Vorsitzenden zweifeln sollte. Wir bekamen z.B. eine Liste wann wir wo zu erscheinen hatten, sollte jemand nicht erscheinen, wird ein Rückflug in Rekordzeit gebucht. Auch als ich und 3 andere noch keine Versicherung hatten, wurde uns ein Ultimatum gestellt. Mir hatte man vorher in Deutschland gesagt, diese könnte ich noch später in Brasilien abschließen. Auch wurden noch einmal die 4 Gebote immer und immer wieder gefestigt:
No Driving
No Drinking
No Dating
No Drugs
Es ist zu bezweifeln, so lernte ich bei anderen Treffen, dass ein Austauschschüler diese Regeln einhält, auch wenn die Strafe wie immer Rückflug lautet. No Driving ist einfach zu verstehen, denn was wäre, wenn ein Austauschschüler einen tödlichen Autounfall hat. No Drinking und no Drugs ist eine Frage des Images, denn wenn z.B. der einzige Japaner den die Stadt je gesehen hatte ständig in der Gegend rumtorkelt, dann wäre der Eindruck aller Japaner hin, in meinem Fall ist es ein Deutscher... .No Dating soll Ablenkung von der neuen Kultur erwarten, wäre auch wahrscheinlich nicht so gut wenn eine Austauschschülerin schwanger wieder nach Hause kommt oder ein Austauschschüler später regelmäßig Unterhalt in sein früheres Gastland überweisen muss. Diese sowie die No Drinking Regel wird aber nicht so schlimm gefahndet.
Als ich dann wieder zu Hause war, bekam ich einen Anruf und wurde kurz in einem grauenhaften Englisch angebrüllt, dass ich bald in Deutschland sei, wenn ich nicht sofort eine Versicherung abschließe. Habe ich dann auch getan...
Der erste Schultag
Ja, auch bei einem Schüleraustausch bleibt das nicht erspart, ist ja auch logisch wenn man sich das Wort Schüleraustausch mal betrachtet. Irgendwann beendete der Lehrer seinen Unterricht, weil mich alle über die unterschiedlichsten Sachen befragt, auch in der Pause war es nicht anders. Mit der Zeit gab sich das, ich saß entspannt im Unterricht und hörte Musik, da ich noch immer nichts verstand. Die Englisch-Lehrerin bot mir dann an, mir Unterricht zu geben, ich glaube insgesamt waren es dann 5 Stunde da sie dann meistens doch keine Zeit hatte. Ich lernte also auf eigene Faust Portugiesisch im Unterricht.
Die Schule in Brasilien unterscheidet sich enorm von dem, was man in Deutschland kennt. Erst einmal gibt es nur 11 Jahre, und auch nie mehr als 6 Stunden. Die Vorstellung, dass man in Deutschland ab der 5.Klasse unterteilt klang dort für alle ziemlich verwirrend. Wer dann aber studieren will, muss einen Aufnahme Test machen. Sagen wir es mal so: Hier wird einem nach der 4.Klasse gesagt, dass man dumm ist, dort leider erst wenn man die Schule beendet hat.
Der Lehrer stellt außerdem keine Fragen, er erklärt nur, was bedeutet, dass 10 % zuhört und der Rest sich unterhält oder pennt. Auch ich habe immer wieder einfach mal 2 bis 3 Stunden geschlafen oder "Snake" auf den Handys meiner Mitschüler gespielt ( Ich hatte irgendwann einen astronomischen Rekord).
Die ersten Probleme
Als ich mich unbedacht in meiner Schule über meine positive Einstellung zum Thema Hanf geäußert habe, war es Zeit für das erste Gespräch mit meiner Gastfamilie. Aber wie schon gesagt, sie war da sehr tolerant. In Brasilien ist der Konsum von Cannabis weitaus populärer als hier, kostet ja auch nur ca.30 Cent so ein Gramm, dennoch wird es von der "guten Gesellschaft" sehr geächtet.
Es folgten 2 Portugiesisch Tests des Rotary-Clubs, da der erste sehr einfach war und ich wahrscheinlich mir 0 Fehlern bestand, lehnte ich mich beim zweiten zurück und habe ihn mehr oder weniger vermasselt, was meine Lage eher verschlechterte.
Ein anderes Leben
Ich bekam immer mehr Freunde, denn in Brasilien sind die Menschen weitaus kontaktfreudiger als hier, aber später hatte ich auch viele "richtige Freunde", solche, die für einen alles tun würden und genau so würde man alles für sie tun. Sehr populär war das Spielen in Internetcafes, immerhin auch zu einem Preis von ca. 30 Cent bis maximal 1 Euro die Stunde. Besonders begeisterte mich das Billard spielen. Auch spielte ich viel Basketball. Es gibt dort einen Club, in dem sich die meisten Jugendlichen trafen. Dort bezahlt man monatlich eine Mitgliedschaft, welche ich umsonst bekam. Es gibt dort eine Sporthalle, einen Basketballplatz, ein Schwimmbad und eine Bar. Dort verbrachte ich die meiste Zeit. Ich habe fast überhaupt kein Fernsehen mehr geguckt und auch so nie zu Hause Zeit verbracht. Ich kaum aus der Schule, habe gegessen und bin los zu Freunden, ins Lan-House, einfach auf die Straße oder in den eben erwähnten Club. Was mich besonders freute, war die Tatsache, das sehr viele Leute in diesem Land Gitarre spielen, also war ich öfters mal bei einigen Jam-Sessions, auch war ich mit einer Rockband befreundet, die mich mit zu ihren Auftritten nahm und immer eine offene Tür für mich bei ihren Proben hatte.
Allmählich wurde es dann Sommer, fast jeden Tag 40 Grad machten mich ziemlich fertig, aber auf so etwas hatte ich mich ja eingestellt, außerdem konnte ich ja in dem Club schwimmen gehen und kannte genug Leute mit einem Swimmingpool. Dazu muss man nicht einmal reich sein, schließlich lohnt es sich in einem so warmen Land ja auch.
Das düstere Kapitel oder Gastfamilie Nummer 2
Dann, nach 4 Monaten hieß Zeit zum Umzug. Meine neue Gastfamilie wohnte nur 2 Straßen weiter, hatte einen eigenen Swimmingpool, ein mächtig großes Haus 2 schicke Autos usw. Schon beor ich dort einzog hatte sich mein 2. Gastvater regelmäßig beschwert, beispielsweise als ich anfing zu rauchen, erst als der Rotary-Club bestätigte, dass ich rauchen darf, gab er in dem Punkt Ruhe. Aber auch später veranlasste er ein Treffen mit allen Gastfamilien und ein paar Vorsitzenden des Rotary-Clubs ein nettes kleines Treffen um darüber zu reden, was für einen miserablen Austauschschüler ich abgebe, denn in Brasilien muss man eigentlich ein ziemlicher Streber sein um an einem Austausch teilzunehmen, und genau so etwas erwartet man dann auch.
Ca. 1 Woche lang versuchte ich mir einzureden, dass es nicht so schlimm sei und ich die 4 Monate irgendwie überstehen werde. Zunächst einmal hieß es, dass ich immer um 7 Uhr abends zu Hause sein solle, nur Samstags mal ein bisschen länger. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, standen die großen Sommerferien vor der Tür. Ich rede hier nicht von irgendeinem Dorf in Mitteleuropa, nein, das hier ist Brasilien, vor Mitternacht war nirgendwo Einlass in einem Club, erst ab 10 Uhr abends fing das Leben auf der Straße erst an.
Doch dann ging es immer weiter, immer mehr wollte mich dieser Gastvater unter seine Kontrolle bekommen. Auch rauchen durfte ich weder im Haus noch in Gegenwart seines Sohnes. Die Mutter rauchte natürlich in so ziemlich jeder Ecke des Hauses. Mein Gastbruder war 15, ich war immer gut mit ihm befreundet, auch als es zur Eskalation kam bis hin zu meiner Abreise aus Brasilien, wir haben uns nie wirklich gestritten, ich konnte ihn ja auch kaum verurteilen, für das, was seine Eltern waren. So ziemlich jeden Tag kam dann eine neue Regel hinzu, die mein Leben weiter einschränken sollte. So durfte ich keine schwarzen T-Shirts mehr anziehen, ich durfte nicht Freunde einladen, wenn es nicht Freunde meines Gastbruders waren und auch nie bei anderen übernachten. Er sagte mir nicht mehr "Hallo" oder "Guten Morgen". Er wurde wütend und fing an mich zu beleidigen, wenn ich fragte ob ich nicht vielleicht noch eine Stunde länger wegbleiben kann. Auch versuchte er immer wieder mich mit Alkohol zu erwischen.
Nach drei Wochen, ich hatte mehr Regeln zu befolgen als Tage die ich da war, war es soweit. Die Party war in vollem Gang, alle sagten, ich solle noch bleiben, aber ich musste natürlich als erster gehen und war eine halbe Stunde zu spät. Meine Gastmutter öffnete mir die Tür (einen Schlüssel haben sie mir nie anvertraut) und sagte ich solle mich setzen. Wir waren gerade dabei alles zu bereden was vielleicht schief gelaufen war, als ein total übergeschnappter und mit Aggressionen geladener Gastvater herein sprang und anfing los zu brüllen. Leicht angetrunken dachte ich mir, ich lass ihn einfach ausreden anstatt mich jetzt noch gegen ihn zu stellen und mir vielleicht sogar noch eine zu fangen. Hätte ich mich dann gewehrt, wäre ich sofort wieder in Deutschland gewesen. Einmal schlug er meinen Gastbruder, da er nicht wirklich um ihn zu verletzen, aber dennoch zeigte es nur seine Gewaltbereitschaft. Der Auslöser war übrigens, dass der Bus Verspätung hatte und er nicht angerufen hatte.
Nachdem er fertig mir brüllen war, stand eines fest: Er würde mit allen Mitteln versuchen, dass man mich zurückschickt. 2 Tage später bestätigte der Rotary-Club, dass ich sofort die Gastfamilie wechseln kann, was ich dann auch tat. Der Gastvater ist sogar noch in eine andere Stadt gefahren um Rotary Mitglieder davon zu überzeugen, dass ich wieder zurück nach Deutschland soll. Alles in allem gewann ich diesen Krieg, den ich blieb in Brasilien, er hatte am Ende sogar noch Lügen über mich erzählt. Doch es erschien auch dem Rotary-Club klar, dass diese Verhältnisse unzumutbar waren. Es soll nie wieder ein Austauschschüler in diese Familie kommen, was Pflicht ist, wenn man selbst einen Austausch macht, somit wurde dies für meinen Gastbruder unmöglich, dem ich damit einen Gefallen getan hatte, denn natürlich wollte nur sein Vater, dass er einen Austausch macht, er selber hatte wenig Interesse daran.
Das Leben ging wieder weiter...
Trotz allem blieben mir unzählige Erlebnisse der brasilianischen Kultur und dem Leben dort. Ich war wirklich in jeder möglichen Minute nicht zu Hause und lernte immer mehr Leute kennen. Ich habe mich auch wo es ging amüsiert, nie werde ich die Partys vergessen, wie z.B. ein 2 Tage langes BBQ einer Motorrad-Gang, die verstehen wirklich wie man feiert. Ich war nicht länger ein Austauschschüler oder ein Fremdling, ich war einfach Teil des ganzen, und genau da liegt das Besondere bei einem Austausch: Man erlebt das Land von Innen, nicht etwa von Außen wie ein Tourist.
Gastfamilie Nummer 3
Die Tochter war bereits in Belgien, weshalb ich auch endlich mal wieder ein eigenes Zimmer hatte. Die Mutter war Grundschullehrerin und der Vater, na ja, er war Lehrer ein meiner Schule, hatte dort ein führende Position und nebenbei arbeitete er auch noch als Professor an der Uni und auch dort hatte er eine hohe Position. Das bedeutet, dass ich ihn fast nie sah, und es bedeutete, dass das Wort Schule das aller wichtigste in der Familie sei. Die beiden waren leider überängstlich mit allem, und auf andere, vielleicht etwas positivere Gedanken waren sie einfach nicht zu bringen. Und obwohl es ähnlich Regeln gab wie das aus dem Haus gehen, ließ sich mit ihnen bestens reden. Ich denke die beiden sind richtig gute Menschen, nur leben sie eher in ihrer kleinen Welt und haben einfach zuviel Angst. Auch sie setzten sich dafür ein, dass ich weiter in Brasilien bleiben konnte. Sie nahmen mich auch mehrmals mit auf ein Wochenende in der Stadt Campinas, damit ich mehr von Brasilien kennen lerne.
Karneval!
Der Sommer meines Lebens in der ich mich nicht eine Minute gelangweilt hatte ging allmählich zu Ende, und es gibt dort ein kleines Fest, dass symbolisch den Sommer beendet. Erst einmal hatte ich es geregelt, dass ich 5 Tage lang bei einem Freund wohnen konnte, somit hatte ich unbegrenzte Freiheit. Er gab mir auch einen Schlüssel und sagte noch: "Aber denk nicht, dass hier alles lockerer ist, auch ich gebe dir ne Uhrzeit, sei um 8 Uhr morgens wieder zu Hause!". Ein paar Freunde von mir organisierten dann mehr oder weniger eine Alkohol Sammelstelle. Über 80 Leute bezahlten ca. 10 euro für die Miete eines kleinen Raumes direkt am Kirchplatz und eine LKW Ladung voller Bier und Wodka, ich glaube ein bisschen Cola war auch dabei.
Ich glaube mir wurde klar, dass das hier nicht mehr mit Deutschland zu vergleichen ist, als lockere Schlägereien ausbrachen, die Polizei mit Tränengas warf, Rauchkerzen durch die Gegend flogen, Schrottautos umgeschmissen wurden und das ganze von Musik begleitet wurde.
Auch ist es eine Art Tradition, sich mit ein paar Freunden alte Autos zu kaufen und mit ihnen in einer Art selbst gemachten Parade ihre letzte Reise anzutreten und sie dann zu zerstören. Einige kamen in Bademantel und Duschhaube auf die Straße, andere als Frauen. Das Verkleiden wie es hier üblich ist wird dort aber nicht praktiziert, auch sind die Paraden nur Show und keine Möglichkeiten ein paar Tafeln Schokolade an den Kopf zu bekommen. 5 Tage dauert der ganze Spaß, im Prinzip wiederholte sich die ganze Prozedur jeden Abend einfach noch einmal, teilweise kam ich erst nach 7 Uhr morgens ins Bett, schlief dann, stand auf und es ging weiter. Wenn man auf Alkohol nicht verzichtet ist man danach ziemlich fertig....
Eine Woche später konnte ich dann noch einmal eine Karnevalsparade sehen, um genau zu sein die in Rio de Janeiro, und DAS übertrifft jegliche Vorstellungskraft!
Dann wurden die Tage wieder kälter, es gab immer wieder unzählige Feste, wie z.B. Ostern, was man doch einfach mal 5 Tage lang in den Clubs zelebriert. Ich lebte so als hätte ich schon immer dort gelebt. Meinen zweiten Gastvater sah ich nie wieder, war er doch ohnehin fast nie auf der Straße oder auf Partys, viele Freunde hatte er auch nicht wirklich. In meiner ersten Gastfamilie war eigentlich immer jemand gerade zu Besuch, und wenn nicht dann hatte ich ein paar Freunde da. Einmal, kurz vor meiner Abreise sah ich ihn auf einem Straßenfest. Ich hätte hingehen können um zu sagen was auch immer ich wollte, denn da er mich kurz vor meiner Abreise kaum zurück schicken konnte, hatte er keine Macht mehr. Ich tat einfach gar nichts, dachte wenn er mich sieht sag ich kurz Hallo und wie es ihm geht, im Grunde war ich froh nichts mehr mit ihm zu tun zu haben.
Nachdem ich nun 4 Monate in meiner dritten Gastfamilie verbracht hatte kam ich wieder zurück in die erste, also die beste. Meine nun totale Freiheit konnte ich viel besser nutzen, den mittlerweile kannte ich jeden und sprach nahezu perfekt Portugiesisch. Ich kannte nun die Stadt und ihre Leute im Detail. Hier einmal ein paar Sachen, die ich über Brasilien gelernt habe:
Was so ziemlich als erstes auffällt ist die Mentalität der Leute. Sie sind viel offener und sofort bereit einen aufzunehmen. Meistens bleibt es dann aber auch dabei, doch mit der Zeit findet man auch viele richtig gute Freunde.
Vielleicht liegt es am Klima, den Sonnenschein ist hier Standard. Der Winter ist nicht viel kälter als unser Sommer, und der Sommer natürlich dem entsprechend. Im Süden des Landes kann es auch gefrieren, Schnee gibt es aber nie. Dort leben viele Deutsche und Italiener, in Blumenau wird auch das Oktoberfest gefeiert.
Auch wenn dieser Bericht fast nur positives über Brasilien zeigt, so ist die hohe Armut nicht zu vergessen und die Kluft zwischen arm und reich. Ich habe mal Essen und Kleidung gesammelt, dies zeigt zum einen eine sehr große Spenden Bereitschaft, andererseits zeigt es, dass selbst in einer kleinen Stadt Leute leben, die nicht einmal das Nötigste besitzen. Am Stadtrand stehen vielleicht 3-4 Holz- und Blechhütten, in Rio gibt es Slums mit mehr als 100.000 Einwohnern. Auch wenn man in die Stadt Sao Paulo fährt, dann kommt man erst einmal an den ganzen Slums und Elendsvierteln vorbei. In Salvador ( Bericht folgt bald) , war ich sogar mal in den Slums und hatte wie es sich für einen weißen unter 20 Schwarzen gehört auch ziemliche Angst. Allerdings sind dort die Slums lange nicht so schlimm wie in Sao Paulo oder Rio.
Wenn Leute dort wenig besitzen haben sie dennoch viel mehr Lebensfreude als in reichen Ländern. Denn der materielle Besitz ist dort längst nicht so wichtig, vielmehr zählt es, wie dei Person ist. Ein gutes Beispiel ist hier der Vergleich meiner ersten Gastfamilie mit meiner zweiten. Die erste wohnt in einem kleinen, ziemlich schäbigen und billig eingerichteten Appartment, das Bad war so klein, dass man sich kaum bewegen konnte, der Fernseher funktionierte nicht richtig und blieb deshalb auch meistens aus, und diese Leute waren immer gut gelaunt und fröhlich. Natürlich will ich nicht sagen, dass sie arm waren, aber betrachtet man Gastfamilie Nummer 2 und wie fröhlich die drauf waren... .
Die Armut bringt natürlich eine enorme Kriminalitätsrate mit sich. Als ich zwei Tage in Rio war wurden bald darauf an der Copacabana, wo ich noch zum schwimmen war, 3 Menschen durch Blindgänger getötet. Die Polizei befindet sich dort in einem Krieg in dem Handgranaten und andere Kriegswaffen zum Einsatz kommen. So ziemlich genau vor meiner Haustür wurde jemandem die Kehle durchgeschnitten. Es war der Cousin eines Freundes von mir, dieser hatte aber kaum noch Kontakt zu ihm gehabt. Der Mord war Resultat eines Streits um Geld wegen Drogenhandel. Als ich einschlief hatte ich die beiden gehört, ich dachte es hätte sich um eine kleine Auseinandersetzung gehandelt, irgendwann schrie der eine immer wieder "Wach auf, steh auf!" Am nächsten Morgen war ich dann etwas überrascht als ich hörte, was wirklich passiert war. Auch der Vater meiner ersten Gastmutter wurde einmal ausgeraubt, aber selbst das lies sie nicht von ihrer guten Laune abbringen.
Ein Freund von mir wohnte im miesesten Teil der Stadt, man kann hier ruhig von einem Ghetto sprechen. Er bekam einen Job als Bauarbeiter und verdiente am Tag ca. 3 Euro, und das machte ihn mächtig glücklich. 3 Euro sind in Brasilien natürlich mehr wert als hier, die Währung dort ist der Real. 1 Euro entspricht 3-4 Reais, würde man aber einen deutschen und einen Brasilianischen Supermarkt vergleichen, müsste man nur die Währung ändern und die Zahlen beibehalten.
Was Brasilianer besonders ausmacht is natürlich ihre Art zu feiern. Jeden Samstag ab 10 Uhr abends sind die Straßen voll mit Menschen die sich das eine oder andere Bierchen gönnen. Das gute daran ist, das man selbst Mitternachts noch im T-Shirt rumlaufen kann und somit erst recht keinen Grund hat nach Hause zu gehen. Kein Anlass wird ausgelassen um "auf den Putz zu hauen", wie Ostern, Christi Himmelfahrt, oder auch Weihnachten. Als ich mich an meinem Geburtstag entspannen wollte, wie ich es eigentlich vorziehe, gab es eine nette kleine Überraschungsparty für mich, wie rührend diese Brasilianer doch sind... .
Ich glaube der Plan, der sich hinter einem Austausch verbirgt, ist bei mir ganz gut aufgegangen. Ich wurde offener für neue Kulturen, lernte eine natürlich bestens kennen und verstand mich dort einzufügen. Ich denke, dass es jedem hilft einen Austausch zu machen. Nicht zu vergessen ist das Erlernen einer neuen Fremdsprache innerhalb eines Jahres.
Zeit zum Abschied....
Schon einige Zeit vor meiner Abreise war ich richtig mies gelaunt, ich wollte dieses Land nie wieder verlassen, die Leute habe ich immer mit den Worten "Ich komme wieder vertröstet" . 3 Wochen vor meiner Abreise kam dann auch meine Mutter um einen Eindruck von meiner neuen Stadt zu bekommen. Es stand noch ein Fest an, das Rodeio. Das bedeutet eigentlich eine Reitshow und Bullenreiten, meiner Meinung nach Tierquälerei, aber dies war auch nicht wirklich das Hauptinteresse, denn wie immer stand das Feiern und Trinken ganz im Mittelpunkt. Auch dieses Fest dauerte 4 Tage, und dann war es soweit, ich musste gehen. Ich mietete einen Tag vor meiner Abreise und veranstaltete dort eine Abschiedsfeier, obwohl es ein Montag Abend war, war es doch richtig gut besucht, was mich ein wenig fröhlich stimmte, und dann war es endgültig vorbei. Kein Samstag mehr mit diesen Leuten, keine Feier mehr auf der mich einfach alle kennen und vielleicht nie wieder das Gefühl im Paradies zu sein. Der Bus fuhr durch das Stadttor, ein Moment den ich nie vergessen werde. Im Flugzeug fühlte ich mich, als wäre ich aus einem langen Traum wieder auf erwacht, wieder in Deutschland hatte sich so ziemlich gar nichts verändert.
Alles was ich jetzt noch habe sind ein paar regelmäßige Telefonate, E-Mails und reichlich viel Kontakt über MSN Messenger und ICQ, und unzählige, nie vergessene Erinnerungen. Und eines Tages werde ich wieder dorthin zurück kehren....
Mit diesem Bericht lässt sich Brasilien natürlich nicht verallgemeinern, alleine einige Bundesstaaten sind größer als Deutschland. Es handelt sich hier vielmehr um einen winzigen Ausschnitt eines unendlich großen und unterschiedlichen Landes.
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04.02.2003
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16.01.2003
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