Vom bengalischen Dorf in die Londoner Brick Lane
18.08.2004
Pro:
sensible, glaubwürdige und überzeugende Darstellung eines Frauenschicksals
Kontra:
ab und zu etwas langatmig
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 Die_Buchhaendlerin
Über sich:
"Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn" Zitat von Erasmus von Rotterdam...
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 114 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Gerade eben habe ich einen Bericht bei Ciao über dieses Buch gelesen. Was sage ich: ein Bericht? Nein, es war ein absoluter Verriss. Da ich diesen Roman nicht nur sehr gerne gelesen, sondern ihn darüber hinaus auch gut verkauft, oft empfohlen und mit etlichen Leuten darüber gesprochen hatte, und bisher nur positive Rückmeldungen darüber erhielt, muss ich einfach einen „Gegenbericht“ schreiben. Ich möchte also eine Lanze für Monica Ali und ihren Debütroman „Brick Lane“ brechen…. Zur Autorin:Monica Ali wurde 1968 in Bangla Desh geboren. Sie lebt heute in London, gemeinsam mit Mann und zwei Kindern. Sie arbeitete, nachdem sie in Oxford einen Studienabschluss erhielt, in mehreren Verlagen in der PR – Abteilung und später in diversen Agenturen. Allerdings lebt sie nicht in der Brick Lane, sondern in einem „reicheren“ Viertel Londons, betrachtet sich selbst als privilegiert und musste sich selbst erst einfinden in das Leben der Brick Lane Bewohner. Ihr vorliegender Roman ist also nicht autobiografisch, wenn er auch sicher ihre Herkunft ein Anlass für das Thema gewesen ist. Mit „Brick Lane“ gelang ihr ein durchschlagender Erfolg. Das Buch ist im Droemer Knaur Verlag erschienen, kostet 19,90 Euro und hat folgende ISBN: 3-426-19620-4 Zum Inhalt:Nazneen ist 19 Jahr alt, als sie aus ihrem bengalischen Dorf heraus verheiratet wird. Sie folgt ihrem Mann Chanu, der nicht nur wesentlich älter ist als sie, sondern auch recht unansehnlich wirkt, nach London, genauer gesagt in die Brick Lane, eine Straße in der fast nur indische, bengalische und pakistanische Immigranten wohnen. Nein, eine Liebesheirat ist das auf keinen Fall, und zwar auf beiden Seiten nicht. Chanu möchte endlich verheiratet sein und eine brave anständige Frau sein „eigen“ nennen. Nazneen, ein etwas unbedarftes, recht bescheidenes Mädchen, das ohne große Vorurteile in die Ehe geht, ist hin- und her gerissen zwischen Dankbarkeit dafür, dass sie in einem „modernen“ Haus mit echten Möbeln wohnt, der Freude darüber, dass ihr Mann kein brutaler prügelnder Macho ist, einerseits und dem leisen Bedauern darüber, dass sie weder echtes Liebesglück erlebt noch ein schönes spannendes Großstadtleben führt. Eigentlich sitzt sie den ganzen Tag mehr oder weniger in der Wohnung fest, versucht durch Blicke aus dem Fenster sich das Leben der Menschen um sie herum bekannt zu machen, während sie tatsächlich nur zwei Menschen näher kennen lernt: die Nachbarin Mrs. Islam und Razia, beide ebenfalls aus Bangla Desh immigriert. Während Mrs. Islam eine Furcht erregende und unsympathische, in der Community aber bedeutende Persönlichkeit ist, der man sich schlecht entziehen kann, freundet sich Nazneen mit Razia, der anderen Nachbarin schnell an. Ihr Mann hält diese zwar für nicht „ehrenhaft“ (sie hat ein etwas lockeres Mundwerk), verbietet aber den Umgang mit ihr nicht. Als Nazneen einen Sohn bekommt, scheint das „junge Glück“ erstmal vollkommen zu sein; das mag sich jetzt ironisch anhören, aber tatsächlich erlebt Nazneen durch die Geburt ihres Kindes ein tiefes Glück, auch kommt sie Chanu dadurch näher. Als der gemeinsame Sohn noch als Kleinkind stirbt, bricht eine Welt zusammen. Im Roman kommt es zu einem gewaltigen Zeitsprung: mittlerweile ist Nazneen Mutter zweier Töchter im Teenager – Alter, von denen zumindest die ältere gegen den Vater im Besonderen und gegen die starren Lebensvorschriften der bengalischen Community im Allgemeinen rebelliert. Chanu, der anfangs große Pläne hatte, beruflich erfolgreich zu werden – er ist ein Mann, der großen Wert auf Bildung legt – entpuppt sich als Loser, dessen Jobs immer schlechter wurden; seinen Anspruch auf Intellektualität hat er aber noch nicht vollständig abgelegt. Da die finanzielle Situation immer angespannter wird, erlaubt Chanu schließlich, dass Nazneen eine Arbeit aufnehmen darf, sie näht zu Hause auf der Nähmaschine – ein junger Mann bringt ihr die Aufträge und die Stoffe. Dieser Mittelsmann, Karim, wird Nazneens Geliebter. Als Mittdreißigerin erlebt sie zum ersten Mal in ihrem Leben Herzklopfen, Leidenschaft, sexuelle Lust und Liebe zu einem Mann. Karim ist, wie sich bald herausstellt, einer der jungen Männer, die die Lösung aller Probleme im politischen Islam sehen. Er ist einer der Anführer einer radikalen islamischen Gruppe, die in der Brick Lane und darüber hinaus an Einfluss gewinnen. (Wie sich die islamische Moral mit der Tatsache verträgt, dass er mit der Frau eines Mitmoslems schläft, wird übrigens nicht ganz klar). Erwähnen muss ich noch einen nicht unwesentlichen Nebenstrang der Handlung: Nazneen hat eine Schwester namens Hasnia, die sich als Jugendliche durch eine heimliche Liebesheirat der Tradition entzogen hatte, aber in der Ehe nicht glücklich wurde. Die Schwester schreibt immer mal wieder Briefe an Nazneen, in denen ihr erschütterndes Leben in Bangla Desh, das sie als geschiedene Frau, die durch diesen Status nahezu keine Rechte hat, bruchstückhaft dem ruhigen und behüteten Leben in der Brick Lane gegenüber gestellt wird. Während Nazneen voll ihrer neu entdeckten Liebe lebt, träumt Chanu immer konkreter von einer Rückkehr nach Bangla Desh, denn England hat ihn enttäuscht. Shahana und Bibi, die Töchter, möchten unbedingt in London bleiben, Nazneen natürlich auch, der Konflikt spitzt sich zu…Zum Stil: Monica Ali schreibt einfach, ohne Spitzfindigkeiten, man könnte auch sagen, ohne große Raffinesse; ihr Stil ist klar und gut verständlich. Es gelingt ihr allerdings, einen sehr subtilen Humor einzubauen, so sind die Spintisierereien Chanus, wenn er von einer Karriere träumt, sich dabei den immer dicker werdenden Bauch reibt oder die absurden abendlichen Vorlesestunden im Hause Chanu/Nazneen ebenso ironisch gelungen wie etwa die Selbstgespräche Karims, wenn er vom Sieg des Islams träumt, der aber nicht nur der Welt das Heil brächte, sondern gleichzeitig auch all seine persönlichen Ablösungsprobleme mit dem Vater löse … Auch das Auftreten der geldgierigen Mrs Islam entbehrt nicht einer gewissen Komik. Andere Stellen wiederum sind sehr gefühlvoll und sensibel gestaltet, so z.B. die Kindheit der beiden Mädchen in Bangla Desh oder der Tod des Sohnes. Auch die Briefe der Schwester, deren Sprache extrem einfach und voller Fehler ist, bilden einen reizvollen Kontrast zum Grundton.Meine Meinung: Ich fand das Buch sehr gelungen, ich habe es ausgesprochen gerne gelesen. Besonders gelungen fand ich das Vermeiden von Schwarz – Weiß – Malereien. Ali wird ihren Romanfiguren gerecht, sie zeichnet keine Schemata, die für irgendetwas stehen sollen, sondern sie beschreibt Individuen. So ist Chanu zwar einerseits der typische bengalische Mann, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass Frauen den Männern zu dienen haben; auch wird er mit all seinen Fehlern (und das sind weiß Gott nicht wenige) gezeigt, dennoch gerät er nie zur Karikatur, Ali beschreibt ihn eben auch als Mensch mit Träumen, mit Anstand, gutem Charakter und letztendlich mit mehr Größe als gedacht… Auch das Thema radikaler Islam im heutigen England bietet sich ja gerade zu an dafür, Polemik zu betreiben, auch hier gelingt es Monica Ali, auf sensible Weise ein Annäherung an die möglichen Motive dieser „angry young men“ zu skizzieren, keiner wird bei ihr in eine fertige Schublade gesteckt. Das größte Plus ist meiner Meinung nach der Schluss: sehr viele ansonsten gute Romane scheitern an einem entweder zu glücklichen, zu unglaubwürdigen oder zu holprigen Ende. Beim Lesen des Buchs dachte ich mir immer: wie kann denn dieser Konflikt gelöst werden? Es kann ja nur ein kitschiges Happy- end oder aber ein total trauriger Show-down herauskommen, beides würde nicht befriedigen. Wie Monica Ali die Geschichte wirklich enden lässt (kann ich ja jetzt nicht verraten) hat mich wirklich völlig überzeugt!Fazit: Monica Alis „Brick Lane“ wurde – wie Insider verlauten lassen – als stärkster Konkurrent zu DBC Pierres Gewinnertitel des Booker Prizes 2003 „Jesus von Texas“ gehandelt. Hätte sie gewonnen, wäre ich es sehr zufrieden gewesen. Allerdings hat mir persönlich – auch wenn man diese beiden Bücher weder vom Stil noch von der Thematik vergleichen kann – der bissige, satirische schwarze Humor Pierres doch noch viel mehr zugesagt.
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Brick Lane - Ali, Monica
Taschenbuch, 541 S., Erschienen: 2003
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Brick Lane, Monica Ali
2003, 541 Seiten, Maße: 10,6 x 17,2 cm, Taschenbuch, Englisch
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02.01.2005 00:39
Habe es immer noch nicht ganz durchgelesen, hab's im Original angefangen und erstmal wieder beiseite gelegt. Schlecht fand ich's aber nicht. Gruß Sabine
30.09.2004 13:01
Das steht ganz oben auf meiner Leseliste...
17.09.2004 14:40
Ohne es zu wissen, habe ich jetzt schon auf Chop Suey geantwortet. Übrigens habe ich eine Freundin aus Kalkutta, deren Ehe arrangiert wurde. Sie ist sehr glücklich geworden - und sie hat keineswegs als unterdrücktes Heimchen am Herde geendet, sondern im Gegenteil während der Ehe einen Oxforder Doktortitel erworben, und sie arbeitet in einem renommierten Verlag. Ihr Mann und sie wechseln sich bei Kinderbetreuung ab, weil er als Softwareingenieur auchvon zu Hause aus arbeiten kann. Also, Vorsicht mit Klischees!