Mitleiderregend
30. Jun 2000
Pro:
erklärt Kafkas Werk . . .
Kontra:
. . . leider nur zu genau .
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Stil:
Unterhaltungswert:
Wie ergreifend ist die Story?
Informationsgehalt:
Aufmachung:
mehr
 Tiamat
Über sich:
Mitglied seit:23.06.2000
Erfahrungsberichte:19
Vertrauende:2
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 13 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Kafkas "Brief an den Vater" habe ich erst gelesen, als ich den größten Teil seines Werkes schon kannte. Ich war begeisterte Kafka-Leserin und habe ihn fast als Genie verehrt, aber sein autobiographischer Brief, in dem er seine Seele offenlegt und das nicht für die Leserschaft gedacht war, hat mich den Respekt vor ihm verlieren lassen. Nicht vor seinem schriftstellerischen Können, seiner einzigartigen Sprache und der Art, wie er mit schlichten Worten Stimmungen und Eindrücke hervorruft, sondern vor ihm als Person. Sein Brief an den Vater ist der einzige Weg, sich Kafkas Werk realistisch zu nähern. Er macht allerdings den Eindruck, den Geschichten wie zum Beispiel "Die Verwandlung" beim Leser hinterlassen, kaputt. Bevor ich den Brief kannte, waren Kafkas Werke für mich Stimmungsbilder; längere Texte handeln teilweise von einem einzelnen, prägnanten Augenblick, während kurze, prägnante Texte ein ganzes Weltbild wiederspiegeln. Der Brief an den Vater ist eine einzige, langatmige Selbstmitleidsarie. Kafka war kein Fall für den Möchtegernpsychologen, sondern lediglich ein seelisch armer und hilfloser Mensch, der zeit seines Lebens nicht in der Lage war, sein eigenes Leben einmal objektiv zu betrachten, geschweige denn sein Schicksal und seine Person selbst in die Hand zu nehmen. Er sah sich immer nur als Opfer, das Opfer seines Vaters, seiner Abstammung, seiner Freunde, der Gesellschaft, in der er lebte, nie als Individuum, das immer und überall in einem gewissen Rahmen sein Leben selbst in die Hand nehmen kann. Er scheint sich in dieser Opferrolle gefallen zu haben, ich würde sogar so weit gehen zu sagen, er liebte es, das Opfer von allem und jedem zu sein, denn davon und nur davon handelt sein gesamtes schriftstellerisches Werk. Immer geht es um ein namenloses Individuum, dass keinen Weg sieht, sich gegen das, was mit ihm geschieht, zu wehren. Mit dem kleinen Unterschied: Kafkas Figuren können sich nicht wehren, Kafka selbst hätte es gekonnt, hätte er ein bisschen mehr Rückrat besessen. Aus Kafkas Opferrolle im wirklichen Leben scheint seine ganze kreative Kraft entsprungen zu sein. Hätte er sich selbst zu helfen gewusst oder hätten seine sogenannten Freunde ihm geholfen, würde vielleicht heute niemand seinen Namen kennen und der deutschen Literaturgeschichte würde ein markanter und in dieser Art einzigartiger Abschnitt fehlen, aber der Mensch hätte ein besseres Leben gehabt. Niemand, der ihn kannte, schien seine verzweifelte Situation zu erkennen oder falls doch, gewillt zu sein, ihm zu helfen. Es hätte nur einen kräftigen Tritt in den *sit venia verbo* Arsch gebraucht. Ein besonderer Fluch hier auf seinen sogenannten besten Freund Max Brod, der ihn wohl kannte wie kein zweiter. Ebenso wie alle anderen Freunde von Kafka hat er wohl mehr Interesse an seinem schriftstellerischen Werk gezeigt als an der Verzweiflung, der es entsprungen ist. Kafka wurde von den wenigen Menschen, von denen er geliebt wurde, eher für sein Exotendasein und sein Talent geliebt als einfach um seiner selbst willen. Lieber ließ man ihn innerlich vereinsamen und dafür gute Bücher schreiben (hätte Brod Kafka geliebt, wäre alles unveröffentlicht geblieben, aus Pietät hätte man wenigstens den Brief an den Vater aussparen können), als dass man ihm praktische Lebenshilfe bot und dadurch einen großen Schriftsteller verlor; ein zufriedener Dichter ist nunmal kein richtiger Dichter mehr. Ich bereue, den Brief gelesen zu haben, es ist, als hätte ich das Tagebuch einer Freundin gelesen, das mich nichts angeht.
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Brief an den Vater / Kafka, Franz
Buch, gebundene Ausgabe, 78 S., Erschienen: 2008
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Taschenbuch, 112 S., Erschienen: 1995
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Taschenbuch, 163 S., Erschienen: 2008
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13.02.2004 02:06
Du spiegelst meine Meinung über Kafka wieder. Ich habe den Brief an den Vater leider nicht gelesen; hätte gern noch ein paar mehr inhaltliche Angaben dazu gehabt, vielleicht sogar ein Zitat.. Brod ist wirklich verachtenswert!
14.06.2002 11:00
Sehr guter Bericht. Ich bin auch begeisterter Kafka-Leser. Mir fehlen eigentlich nur noch "Das Schloß" und halt die Tagebücher. Ich muß jetzt nur noch "Das Parfum" zu Ende lesen und dann ist wieder Kafka dran. Wie Du schon zu Beginn Deines Berichtes sagtest, waren diese Tagebücher sicherlich nicht dafür vorgesehen publiziert zu werden, deshalb solltest Du nicht so hart mit K. ins Gericht gehen. Wichtig ist doch hauptsächlich das, was uns an seinen Büchern begeistert. Vielleicht hat man nach zweimaligen Lesen wieder eine andere Meinung, schon alleine daduch das Du dann mit weniger Vorurteilen ans Lesen gehst. Ansonsten weiter so......ich schau mir auch mal Deine anderen Berichte an. Gruß Metulski
21.10.2001 15:59
Vielen vielen dank für diese klaren Worte, du legst deine Meinung brilliant dar und verknüpfst es mit dem Produkt /dem Buch in diesem Fall. Ein Bericht ist mit Abstand der beste dieser Kategorie und du hast es vollbracht, dass ich dieses Buch ganz ans Ende meiner Kafka Liste stelle! Danke: Marco M.