Brieffreundschaften

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Erfahrungsbericht über "Brieffreundschaften"

veröffentlicht 26.11.2004 | SabineG1959
Mitglied seit : 16.10.2004
Erfahrungsberichte : 283
Vertrauende : 59
Über sich :
Ihr Lieben, ich wünsche Euch allen eine scholne Adventszeit frohe Weihnachten und einen guten Rutsch :)
Ausgezeichnet
Pro ... was daraus geworden ist
Kontra nix
sehr hilfreich

"Wie alles begann ..."

Ich wollte schon immer gern eine Brieffreundin haben. Was habe ich mit meinen damaligen „leibhaftigen“ Freundinnen nicht alles angestellt, um an eine Brieffreundin oder einen Brieffreund zu kommen! Wir fanden die Idee total aufregend, und mit Menschen aus anderen Gegenden Deutschlands oder gar der Welt auszutauschen. Wir haben an Adressen aus der BRAVO geschrieben oder an solche, die wir an Wänden von Jugendherbergen etc. gefunden haben. Aber nie erhielten wir eine Antwort und waren ziemlich deprimiert des wegen. Da muss ich wohl so zwischen 11 und 13 gewesen sein.

Als ich 14 war, änderte sich das dann endlich. In den Ferien war ich viel bei der Familie meiner leider schon allzu früh verstorbenen Mutter. Aber dankenswerterweise wurden die Kontakte zu diesem Teil der Familie nie abgebrochen. Meine Mutter hatte eine Kusine, die auch gleichzeitig meine Patentante war und eine Tochter hatte, die nur ein Jahr jünger war als. Wir beide haben uns super verstanden und hatten damals auch ähnliche Interessen, die u.a. in Blödsinn machen bestanden und gemeinsamem Musizieren. Da ich ja nur in den Ferien dort sein konnte, wurde sie meine erste Brieffreundin. Wir erzählten uns, was so passierte in unserem Leben und sandten uns gegenseitig Noten. Leider habe ich sie komplett aus den Augen verloren. Wir haben doch sehr verschiedene Lebenswege eingeschlagen.

Mit 16 fand ich im Urlaub eine Freundin. Wir beide waren unzertrennlich, lebten aber nicht im selben Ort, so dass wir uns nach den vier Wochen schweren Herzens trennen mussten. Aber es war ja nicht für ewig, denn es gab ja Papier und Stifte und Briefmarken, so dass wir noch jahrelang Kontakt halten konnten. In den Ferien habe ich sie auch öfters mal besucht. Bei uns war sie höchstens einmal, wir waren zu fünft, und meine Stiefmutter stand nicht so auf Besuch für mich, da wir uns nicht so super verstanden haben, war deswegen auch sowieso lieber selber weg.

Irgendwann verloren wir uns dann auch aus den Augen. Jahre später – ach was, fast schon Jahrzehnte später – stand sie dann auf einmal auf der Matte bei mir, weil sie wissen wollte, was aus mir geworden war. Ich hatte mich riesig gefreut und war total platt, wie sie mich gefunden hatte. Sie erzählte mir, dass sie dafür diverse Einwohnermeldeamtsanfragen loslassen musste, bis sie mich endlich gefunden hatte. Wir waren zu dem Zeitpunkt beide alleine erziehende Mütter und hatten uns viel zu erzählen, aber dann doch irgendwie wieder aus den Augen verloren, weil ich zu der Zeit total überfordert war und nicht in der Lage war, Kontakte zu halten, zu der Zeit habe ich so einige Menschen verloren, weil ich so fix und fertig war und immer nur funktionieren musste – aber das ist ein anderes Thema.

Ab Ende der siebziger Jahre hatte ich erstmal keine Brieffreundschaften mehr, weil ich wegen Arbeit, Ehe und später Kinder keine Zeit mehr dazu hatte. Kurz vor der Geburt meines ersten Kindes 1985 bin ich in eine andere Stadt gezogen und habe brieflich nur losen Kontakt zu meinen Lieben daheim gehalten.

Ende 1986 brach meine Ehe dann auseinander, und ich zog wieder zurück in die alte Heimat. Da ich abends ja nicht gut weg konnte, habe ich dann gezielt angefangen, Brieffreundschaften aufzubauen, um abends nicht allein zu sein – Internet gab es da ja noch nicht *g*

Meine ersten Brieffreundinnen fand ich über die Zeitschrift „freundin“, wo ich Anfang 1987, nachdem ich mit der Wohnung fertig war, eine Anzeige aufgegeben hatte, die dann auch tatsächlich abgedruckt worden ist. Auf einige Anzeigen hatte ich auch geschrieben, und einige davon sind zu wahren Freundinnen geworden, die viel Freud und Leid miteinander geteilt haben.

Gleich zu Beginn erhielt ich mit der Post auch Briefe, in denen nicht nur ein Brief sondern auch kleine Heftchen enthalten waren, in die man seine Adresse eintragen konnte und die dann immer zum nächsten weiter geschickt werden mussten, bis sie voll waren. Auf der ersten Seite stand dann der Name derjenigen, für die dieses Heftchen bestimmt war, und der Name derjenigen, die es gebastelt und auf die Reise geschickt hatte. Die Dinger namens FB, Abkürzung für Friendshipbook oder Freundschaftsbuch, waren einfach genial zum damaligen Zeitpunkt, da sie teilweise um die ganze Welt gegangen waren und ich auf diese Weise an viele Adressen aus der ganzen Welt gekommen bin, auch einige wenige männliche Brieffreunde. Ich war überglücklich, da das genau das war, was ich brauchte, um all meine Sprachen, die ich je gelernt hatte, nicht wieder zu vergessen.

Haken an diesen FB’s: sie werden wohl auch in Ländern der Dritten Welt gehandelt, und so erhält man auf seinen Eintrag auch immer wieder Heiratsangebote aus Afrika vor allem, besonders aus Kenia, Ghana und Algerien. Da habe ich mich halt übe die schönen Briefmarken gefreut und die Briefe einfach weggeworfen. Allerdings habe ich auch immer mal wieder in Afrika nette Briefkontakte gehabt, die oft genug wegen Geldmangel der anderen Seite zu Ende waren – oder wegen meinem eigenen. Ich konnte mir eine Weile auch kaum Briefmarken leisten und schon gar nicht nach Übersee.

1991 erhielt ich dann ein volles Heftchen zurück, das eine finnische Brieffreundin mir gestartet hatte, in dem es nicht einfach nur Adressen sondern auch Fragen zum Beantworten gab, was ich ja wesentlich interessanter fand als nur die Adressen. So nach und nach tauchten diese Heftchen, genannt Slams und wohl eine Erfindung von Schulmädchen in USA – keiner weiß es so 100% genau – auch in der deutschen Post auf, wodurch dann etwas ganz Neues Interessantes entstand, was man mit den Foren im Internet vergleichen kann: man kennt sich untereinander durch die Beiträge, selbst wenn man sich nicht direkt schreibt. Daraus folgten dann auch – wie beim Chatten halt, nur eben Jahre früher schon, die ersten Treffen, wo wir uns auch persönlich kennen lernten und viel Spaß hatten – wie man es eben auch von Chattertreffen her kennt.

Eine weitere Entwicklung dieser FB’s war es, die Namenseinträge schön zu dekorieren, woraus dann die sog. Deco-FB’s entstanden, die zum Teil richtige Kunstwerke geworden sind, insbesondere die finnischen Einträge.

In den Slams gab es auf Dauer nicht nur Fragen sondern auch andere Aufgaben, aber das würde ja jetzt hier zu weit führen.

Persönliche Begegnungen mit Brieffreundinnen hatte ich schon früher. Als meine Älteste, damals 6, über Silvester bei der Oma war, fuhr ich mit meinem 5-jährigen Sohn zu meiner Brieffreundin nach Wien, wo wir Silvester unter’m Stephansdom verlebten. Eine ganze Woche haben wir da Wien unsicher gemacht, zum Teil haben wir auch die Nachbarskinder mitgenommen, mein Kleiner sollte ja auch was davon haben. Geschlafen haben wir zu dritt in einem einzigen Zimmer, wenn mein Sohn im Bett war, quetschten wir uns zwischen zwei Wände, die eine Küche sein sollte, wo alles drin war – nur halt kein Platz, aber es war ja so gemütlich und so lustig. Im Jahr darauf war sie zwei Wochen bei mir, was auch sehr schön war, aber auch etwas stressig, weil ich arbeiten musste und wir in der ersten Nacht meinen Sohni in einer Nacht- und Nebelaktion in die anthroposophische Klinik nach Herdecke bringen mussten und dann viel zeit da verbracht haben.

Eine besondere Rolle haben meine türkischen Brieffreundinnen gespielt. Dazu muss ich kurz etwas erzählen, was eigentlich nicht hier hin gehört aber ohne dem das Folgende nicht verständlich wird: 1988 wurde meine Jüngste als nicht-eheliche Tochter eines türkischen Grundschullehrers geboren, der damals nicht mehr unterrichtete sondern eine Umschulung oder so machte. 1990 entführte er seine(!), nicht unsere, Tochter in die Türkei, und seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen, allerdings zweimal mit ihr telefonieren dürfen. Eine dieser beiden Brieffreundinnen besorgte mir die Telefonnummer der Großeltern meiner Tochter. Die Auslandsauskunft gibt die Nummern nur nach Rücksprache raus, aber im Telefonbuch stehen sie ja zur Einsicht für alle – wenn man halt dran kommt. Wie gesagt: heutzutage kein Problem via Internet, aber das gab es ja in den 90ern nicht so.

Bei jeden Erdbeben in der Türkei fragte ich also nach, ob alles okay ist. Die andere meiner beiden Brieffreundinnen machte sich bei dem Erdbeben 1995 oder 1996 auf den Weg, um zu gucken, ob alles okay ist. Sie traf den Vater meiner Tochter an und dessen neue Frau, aber meine Tochter versteckte er vor ihr. Um an die reale Adresse zu gelangen – ich hatte nur eine Postadresse aber keine vom Haus – musste sie erst noch die Leute da austricksen, die alle instruiert waren, niemandem, vor allem keinen Ausländern, den Weg zum Haus zu zeigen oder zu erklären. Jedenfalls hat sei es geschafft und mir dann davon berichtet.

Jahre später, 1999, gab es das verheerende Erdbeben bei Izmit, das auch die Außenbezirke von Istanbul zerstörte. Ich hatte eine Adresse einer Verwandten meines Ex und fragte beim Konsulat in Istanbul nach, ob mein Kind unter den Opfern wäre. Da man sich von Amts wegen ja nicht für die entführten Kinder zuständig fühlt, für die Opfer aber sehr wohl, dachte ich, dass dies eine Chance wäre, etwas über mein Kind zu erfahren, glaubte aber nicht ernsthaft daran, dass sie in Istanbul sein könnte. Ich erfuhr also, dass sie in Istanbul in dem zerstörten Stadtteil gelebt hat, dass das Haus aber nicht zerstört war und es in Istanbul längst nicht solche Schäden geben würde, wie die geschickt gefilmten Szenen von dort es uns glauben machen sollten. Dies zum beruhigenden Teil. Der andere war: ich erhielt eine Meldebestätigung der Stadt Istanbul, aus der hervorging, dass meine Tochter das leibliche Kind einer Türkin ist, nämlich seiner neuen Frau. Irgendwann war sie da gemeinsam mit einem Brüderchen als vergessene Kinder eingetragen worden, also quasi Hausgeburten, die man vergessen hatte, eintragen zu lassen. Ihr könnt Euch wohl vorstellen, wie es mir ging, als ich das gelesen hatte!

Jedenfalls habe ich es geschafft, einen türkischen Anwalt zu finden, der dafür sorgte, dass mein Kind auch in der Türkei wieder mein Kind ist, und dafür musste meine Brieffreundin wegen einer Zeugenaussage ebenfalls zum Gericht, wofür ich ihr unendlich dankbar bin. Ich selber hätte nie in die Türkei einreisen dürfen, da ich da eine Verbrecherin bin gegen die türkische Staatssicherheit: die türkischen Behörden wissend davon, dass ich einer anderen Mutter 1991 von ihr aus geholfen hatte, ihre Kinder aus der Türkei zurück zu entführen … So wäscht halt eine hand die andere …

Und nun bin ich bei einer weiteren Brieffreundin, bei der ich dankenswerterweise hemmungslos den PC nutzen darf. Dieses Jahr habe ich, nachdem meine beiden Großen nun auch wegen Volljährigkeit das Haus verlassen haben, alles aufgegeben, um in die weite Welt hinaus zu ziehen und u.a. all diejenigen zu besuchen, die ich nie besuchen konnte, weil ich kein Geld dafür hatte. Viel Geld habe ich jetzt auch nicht, aber ich muss nun nicht mehr den größten Teil in eine Wohnung stecken, in der ich gar nicht bin, sondern bezahle nur da das Wohnen, wo ich auch wirklich bin.

Alles in allem kann ich mir ein Leben ohne Brieffreunde gar nicht mehr vorstellen. Ich bin durch viele so bereichert worden, das kann ich gar keinem erzählen. Ich habe so viel Schönes erlebt dadurch, so viele verschiedene Menschen und Kulturen kennen gelernt. Ach ja, eins vielleicht noch zum Schluss: in Brasilien hatte ich mal einen ganz süßen Brieffreund, der auch nicht so viel Geld hatte und nur 2x im Jahr oder so schrieb. Als er merkte, dass ich mich für sein Land interessierte, schickte er mir lauter brasilianische Zeitschriftenausschnitte mit schönen Bildern aus dem Regenwald etc. Eines Tages erhielt ich eine Musikkassette von ihm mit von ihm selbst aufgenommenen Titeln brasilianischer Musik, am Anfang ein paar einleitende Worte von ihm und am Schluss eine Aufzählung aller Titel. Und bevor die Kassette zu Ende war hatte er noch – wie er sagte, ei Lied extra für mich aufgenommen. Und dann hörte ich „Wish you were here …“

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Steffimaus_1305 veröffentlicht 23.01.2008
    toller bericht liebe sabine.
  • Baerchen2571 veröffentlicht 06.12.2004
    Interessanter Bericht! Ja und so lernten Sabine und ich kennen und sind heute noch sehr gute Freundinnen! Klasse geschrieben, alles Liebe von Heike
  • Plavalaguna21 veröffentlicht 03.12.2004
    Hach ja, Brieffreundschaften. Ich wollte immer so gerne ein paar zuverlässige Brieffreunde haben, habe auch ein paar Ansätze gestartet, aber so richtig über lange Zeit geklappt hat das nie...Liebe Grüße, die Nina!
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