Manon ist ein Superstar! Doch was ist, wenn alles nur eine Lüge ist, ein gnadenloses Spiel? Denn Derek Delano, dem Milliardär, verdankt sie alles. Er hat ihr den Traum erfüllt und... mehr
Erfahrungsbericht von mary-p über Bubble Gum - Roman / Lolita Pille 23.01.2006
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
hoch
Spannung
ziemlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
berührt ein wenig
Pro:
fantastischer Schreibstil und messerscharfe Beobachtung der Pariser Oberschicht
Kontra:
verworrener Plot
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
"Der Alptraum, reich und berühmt zu sein" prangt dick und fett auf der Rückseite vom zweiten Werk der Französin Lolita Pille und verfehlt damit nicht seine Wirkung. Was für den Normalverdienenden wie ein Paradoxon klingt, findet in Pilles Büchern immer seine Berechtigung. Erinnern wir uns nur an "Pradasüchtig", das Debüt, das eine zynische, depressive Betrachtung der gehobenen Pariser Oberschicht war.
Mit "Bubble Gum" entfernt sich die Autorin nicht allzu sehr von diesem Thema, auch wenn sie wo anders beginnt, nämlich in einem kleinen französischen Kaff namens Terminus. Dort lebt die einundzwanzigjährige Manon, die nicht vorhat in dem Dorf zwischen all den Bauern und Supermarktkassiererinnen zu versauern. Als sie eines Tages von einem Mann angesprochen wird, der Leiter einer Modelagentur ist und sie groß herausbringen will, sieht sie ihre Chance und packt wenig später ihre Sachen, um nach Paris zu ziehen. Dort stellt sich allerdings nicht der erhoffte Model- oder Schauspielerruhm ein und stattdessen schuftet Manon in einer abgewrackten Kneipe, wo sie die Kellnerin Sissi kennen lernt. Sissi hegt heimlich natürlich genau die gleichen Träume wie Manon - wie ungefähr jeder in dem Buch - aber immerhin ist sie schon so weit, dass sie mit den Promis und Filmproduzenten in die Kiste hüpft und trotzdem nicht engagiert wird. Ständig lernt sie irgendwelche wichtigen Leute kennen, die ihr ermöglichen, als Promischlampe berüchtigt zu sein. Eines Abend schleift sie Manon mit auf die Premiere eines Films, wo diese dem jungen Milliardär Derek Delano auffällt. Sie ist natürlich im siebten Himmel, als er sie zu sich an den Tisch bestellen lässt und abfüllt, doch sie ahnt nicht, was für ein perfides Spiel er mit ihr treibt.
"Ich beschloß, jemanden zugrunde zu richten, eine Existenz zu vernichten, ein Schicksal zu zerstören, zufällig und völlig ungerechtfertigt würde ich einen Unschuldigen auswählen, einen Menschen, der hätte glücklich sein können, der noch nicht verdorben war, der noch an alles glaubte, vor dem noch das ganze Leben und jede Hoffnung lag, und ich würde aus ihm ein Wrack machen, wie ich selbst eines bin. Es würde ein Mensch sein, der in diesem Augenblick schläft, von der Liebe, von der Zukunft träumt und keine Sekunde lang ahnt, daß ich gerade seinen Untergang beschlossen habe. Und genau in diesem Moment höre ich auf, mich zu langweilen." (Seite 70)
Wie zerstört man denn eine Existenz?, wird der unbedarfte Leser zu Recht fragen und Pille liefert die Antwort. Alles, was man braucht ist Macht und Geld. Derek Delano hat beides und zudem noch eine grenzenlose Langeweile, die nur dadurch zu verschwinden scheint, dass er einen "Pseudofilm", wie er es selbst nennt, schafft, in dem Manon die Hauptrolle spielt. Nach der Filmpremiere nimmt er sie (natürlich) mit auf sein Hotelzimmer und als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist sie nicht mehr der unbedeutende Bauerntrampel aus Terminus, sondern Manon D., Model und Schauspielerin. Derek baut ihr anhand eines hörigen Mitarbeiterstabs, bestehend aus Doubles aller möglichen Promis sowie Komparsen wie Rezeptionisten, einer Modelagentur und Fans, eine Scheinwelt auf, die sie vergöttert und ihre Träume wahr werden lässt. Beinahe über Nacht ist sie auf sämtlichen Titelfotos von (gefälschten) Modemagazinen zu sehen, wird auf offener Straße von Fans belästigt, Derek organisiert sogar einen unechten Filmdreh mit einem unechten Adrien Brody und unechter Promotion. Manon gerät während diesem "Pseudofilm" immer mehr in einen Strudel aus Reichtum, Festen, Drogen, Beruhigungsmitteln und ihrer eigenen Arroganz. Sie merkt nicht, dass Derek sie von der Außenwelt isoliert und wie sehr sie abhebt, bis Derek das Spiel eines Tages abrupt beendet - oder es jedenfalls versucht...
Eine zerstörerische Beziehung - Pilles Hauptmotiv hat sich nicht wirklich geändert, auch wenn sie dieses Mal deutlich mehr Plot ins Spiel bringt. Sie schreibt zwar weiterhin in Monologen, wie auch schon in "Pradasüchtig", doch dieses Mal gibt es so etwas wie einen äußeren Handlungsstrang, nämlich das Spiel, das Derek mit Manon treibt. Dass er dabei selbst Teil eines Spiels ist merken weder er noch der Leser, was das Verständnis des Buches erschwert. Viele Dinge werden erst beim zweiten Lesen klar, doch welcher Leser, es sei denn er ist Kritiker, macht sich die Mühe, ein Buch zweimal zu lesen? Eine etwas klarere Struktur wäre definitiv hilfreich gewesen, obwohl Pilles ausgefeilte Verwirrtechnik fast schon wieder Anerkennung verdient.
Ansonsten erzählt die Entdeckung von Frédéric Beigbeder flüssig und dicht und verlangt die volle Aufmerksamkeit ihres Lesers nicht nur zum Durchschauen der Handlung. Auch ihre detaillierten Monologe, die von einer sehr bildhaften, von rhetorischen Mitteln schwangeren Sprache getragen werden, sind keine leichte Kost. Ihre Bandwurmsätze mit vielen Kommata und Reihungen sowie Wiederholungen und Verstärkungen erfordern Konzentration, denn sie hat ihren Schreibstil perfektioniert, ja man möchte sagen, noch mehr durchkomponiert. Jedes einzelne Satzelement scheint eine tragende Bedeutung zu besitzen und sollte nicht überlesen werden, jedes Wort scheint direkt aus der Seele der Protagonisten zu kommen, jeder ihrer konsumkritischen Absätze trifft ins Schwarze.
"Ich kann die Werbung nicht ausstehen, die ihr Möglichstes tut, um die Kauflust auf ein Produkt zu wecken, das man überhaupt nicht braucht, die einen duzt, um einem Fanta Lemon zu verkaufen, die einen duzt, wenn man jung ist, denn junge Leute sind cool und zurückgeblieben, und man muß sie duzen, sonst verstehen sie nämlich nicht, was man ihnen sagt, ich kann die Off-Stimme des rolligen Kätzchens nicht ausstehen, die für Deos, Lippenstift und Enthaarungscremes wirbt, denn alle Mädchen zwischen fünfzehn und zwanzig sind nun mal rollige Kätzchen, hysterisch und besessen davon, daß ihr Deo hält, und sie schmelzen dahin vor Freude, wenn sie erfahren, daß es nun Enthaarungscremes als Spray gibt, die, ohne Hautrötungen hervorzurufen, in drei Minuten wirken, also genau in der Zeit, in der der Junge, den sie von irgendeiner Fete abgeschleppt haben, eine Fanta Lemon kippt und seinen steif werdenden Schwanz wächst." (Seite 12-13)
Dieses Zitat repräsentiert Pilles Schreibstil sehr gut. Direkt, offen, vulgär und mit einer guten Portion Zynismus, die sowohl das gesamte Buch als auch die Protagonisten selbst durchzieht. Und der Leser bekommt das zu spüren, denn eine der großen Stärken der Autorin ist die Wiedergabe von jedem von uns nur allzu bekannten Gemütszuständen wie Depressionen, Langeweile oder Wut. Sie weiß, wie sie anhand der bereits erwähnten rhetorischen Mittel die Sache genau auf den Punkt bringt. Alleine durch ihren Schreibstil schafft sie es keine Langeweile aufkommen zu lassen und den manchmal etwas verwirrenden Plot auf weiten Strecken ansatzweise auszugleichen.
In der Summe kommt "Bubble Gum", was die Handlung angeht, zwar nicht an "Pradasüchtig" heran, was auch daran liegen mag, dass das Debüt einen anderen Aufbau verfolgte. Trotzdem treibt Pille das Verwirrspiel mit Leser und Protagonisten manchmal ein bisschen zu weit. Ihr gereifter Schreibstil, der mit seiner direkten Sprache, die dem einen oder anderen aufgrund der derben Ausdrücke vielleicht sauer aufstoßen mag, die Sachen auf den Punkt bringt, ist dagegen besser denn je und rettet das Buch davor nur eine mittelmäßige Wertung zu erhalten.
DATEN Lolita Pille Bubble gum 2004 zum ersten Mal erschienen bei Éditions Grasset & Fasquelle, 2005 zum erstenmal in Deutschland als Taschenbuch bei Piper Original 339 Seiten 14,00 Euro