Wenn Stress krank macht

1  11.10.2011

Pro:
Es gibt Hilfe .

Kontra:
Es ist schwierig, umzudenken .

Empfehlenswert: Nein 

pinkdawn

Über sich: "Ciao? Das ist eine ziemlich üble Seite - ein Zeitdieb der bösesten Art." (Tam Hanna) Fre...

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Eines Tages schaffst du es nicht einmal mehr zum Telefon, wenn es läutet. Bevor du die Wohnung verlässt, schaust du aus dem Guckloch, ob auch ja niemand da ist, den du begrüßen und freundlich „besmalltalken“ müsstest. Läutet es an der Tür, stellst du dich tot. Du willst niemanden sehen, sprechen, hören. Jede Interaktion mit anderen wird zum Spießrutenlauf, weil du dich ständig „beurteilt“ fühlst und dabei schlecht abschneidest. Du siehst dich nur mehr mit den als überkritisch empfundenen Blicken der anderen. Morgens das Bett zu verlassen, bedarf ungeheuerer Anstrengung. Gehst du aus dem Haus, hast du das Gefühl, dich schutzlos in einem Kriegsgebiet zu befinden, in dem von allen Seiten Gefahren drohen. Da musst du jetzt durch. Die Angst frisst deine Seele auf. Du versuchst, tapfer zu sein. Aber schon der Weg zum Supermarkt kostet dich so gut wie alle Kraft, die du hast. Rückzug ist angesagt. Denn du fürchtest den Kontakt mit anderen, denen du vorspielen musst, dass du okay bist. Du hast das Gefühl, dass dich keiner versteht, weil jeder erwartet, nein, verlangt, dass du funktionierst, obwohl du weißt, dass du das längst nicht mehr kannst.

Der Weg in den Burnout ist mit guten Vorsätzen gepflastert

Der Weg in den Burnout ist von zu hohen Erwartungen an sich selbst geprägt: Ich muss perfekt, erfolgreich, attraktiv sein. Denn nur dann werde ich geliebt und anerkannt …

Burnout-KandidatInnen sind nicht nur Manager mit übervollen Terminkalendern, wie manche glauben, sondern verletzliche Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl, die vielleicht als Kinder von ihren Eltern die Botschaft bekommen haben: „Ich mag dich nur, wenn du so bist, wie ich dich haben will.“

Diese Menschen definieren sich in ihrer Unsicherheit ausschließlich über die Anerkennung durch andere und müssen daher stets beweisen, wie tüchtig, begabt, gebildet, intelligent, beliebt und charmant sie sind. Oft wissen sie gar nicht mehr, was sie eigentlich selbst wollen, weil sie zu sehr vom Ehrgeiz getrieben sind, allen zu gefallen und überall zu brillieren.

Der Drang nach Anerkennung wird oft zur Sucht. Der österreichische Komponist Anton Bruckner war bekannt dafür, dass er sich trotz erwiesener Genialität immer wieder von hochrangigen Musikexperten prüfen ließ - um z. B. zu hören: „Er hätte uns prüfen sollen“, wie es der Dirigenten Johann von Herbeck einmal formulierte.

Niederlagen erleben Burnout-KandidatInnen als desaströs, da sie sich aufgrund ihres unrealistisch hohen Anspruchs an sich selbst ohnehin immer als VersagerInnen fühlen. Doch dies gilt es zu verbergen – hinter einem perfekten Auftritt. Die Fassade wird so lange aufrecht erhalten, bis sich die Kränkungen zu sehr häufen – durch subjektiv empfundene Misserfolge bei allem, was stresst. Ob das nun ein Haushalt ist, der perfekt sein muss, ein Job, in dem man sich gemobbt fühlt, die Arbeits- oder Partnersuche. Dann bricht das ganze Potemkinsche Dorf in sich zusammen und zurück bleibt nur – Leere: Nichts macht mehr Freude, man kann sich zu nichts aufraffen, alles ist mühsam, man fühlt sich ständig erschöpft und man weiß nicht, wie man die „innere Batterie“ wieder aufladen kann.

Ratschläge sind auch Schläge …

Ich kenne diese Gefühle nur zu gut und weiß, dass auch gut gemeinte Ratschläge Schläge sein können und die Ratgeber oft beleidigt sind, wenn man ihre Anregungen nicht befolgt. Man fühlt sich dann sehr allein. Denn Aufforderungen wie: „Gönn dir doch etwas mehr Ruhe, denk einmal an dich, mach etwas, das dir Freude macht, da muss es doch was geben!“ werden schon wieder zum Stress, weil sie überfordern.

„Mach doch einmal Urlaub!“, hört man da etwa. Dass aber ein Urlaub alleine für viele mehr Belastung als Erholung ist, wird übersehen.

Und selbst wenn man es sich gönnt, einfach einmal „nichts“ zu machen und zu „faulenzen“, wird das Stress. Denn man hat dabei ein schlechtes Gewissen, weil ja so viel zu tun wäre …
Ohne fremde Hilfe kommt man aus diesem Teufelskreis der Schuldgefühle meist nicht heraus.

Ich wage es nicht, Ratschläge zu geben, wie man Burnout vorbeugen oder therapieren könnte. Denn das muss individuell entschieden werden - am besten im Rahmen einer Psychotherapie oder Selbsthilfegruppe. Aber ein tröstlicher Gedanke fällt mir zum Schluss doch noch ein: Die Leere, die so lähmt, bietet Platz für Neues und kann - wenn die Zeit reif dafür ist - wieder mit Inhalt gefüllt werden, der das Leben bereichert.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
schmusenase

schmusenase

08.11.2011 14:59

Ich bin vor gut einem Jahr durch dieses tiefe, finstere Tal gewandert, und dank meines Hausarztes und meiner Familie inzwischen wieder heraus. Der Weg war steinig, hart und schmerzhaft. Viele wollen sich nicht eingestehen, dass sie am Ende sind, ich wollte das auch nicht wahrhaben. Mit 40 Burnout, lachhaft. Heute lache ich nicht mehr darüber. GlG,

AnnaHaeberle

AnnaHaeberle

08.11.2011 07:44

BH

RoneryWulf

RoneryWulf

01.11.2011 13:47

Ich war früher immer der Ansicht, dass man sich den meisten Stress selber macht. Unnötiger Weise. Aber wir leben in einer Welt, die sich immer schneller dreht und ein Burnout fördert... nicht zuletzt, seit Menschen in der Wirtschaft als Kostenfaktor und "humane Ressource" gesehen werden, die es gilt möglichst perfekt auszuquetschen. Einen Burnout habe ich meiner Begriffe nach trotz oftmal sehr hohen Erwartungen noch nicht erlebt. Aber es musste mir erst ein gesundheitlicher Nackenschlag zeigen, dass es so nicht auf Dauer weitergehen kann und man sich nur selber für nix und wieder nix kaputt macht... "mach mal Urlaub!", wahrlich leicht dahergesagt, nicht nur wenn man alleine ist, sondern eben auch wenn man nie Zeit hat. Oder Einen eben selbst der Urlaub eher Anspannung bringt... wirklich außerordentlich gut geschrieben und nachvollziehbar. Ich bin geradezu froh, dass dieser Beitrag anscheinend einen Batzen der 7 Euros gewonnen hat.

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