Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Alles was man von Bush braucht auf einer DVD |
| Kontra: |
Viele Songs als Video und nochmal live |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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I’m just a pretty piece of flesh.
Diese Geschichte ist auch die eines immerwährenden Klischees – als Girlie-Girl mochte ich nur die großen Hits der Band. Wenn eins der Videos auf Viva lief, guckte ich dem Sänger in den Nabel statt in die Augen. Statt zuzuhören grölte ich die Texte viel zu laut mit. Und statt Bush als Band gut zu finden, konsumierte ich sie als Produkt.
Dann ein großes Gefühlswirrwarr. Fegefeuer und Wirbelstürme. Erwachsenwerden. Den Kindskopf dabei nicht unbedingt verkleinern. Weniger Pickel, dafür erhält jeder einzelne größtmögliche Beachtung und die königliche Vernichtungsattacke. Boyfriends. Girlfriends. Und dann die große Krise und mit ihr der Verlust aller Alternative-Bands, weil ich jetzt bessere Musik höre (basta!) aber aufheben tu ich die CDs mal, wegen der alten Zeiten. Alles andere, was schwer zu erklären oder zu ertragen ist in die Tonne und nichts wie weg damit. Ende der Geschichte. Vorerst.
Is this the end or is it a new beginning?
Vor ein paar Wochen kam es zu einer überraschenden Begegnung vor meiner Glotze. Durch eine Verkettung von Zufällen sah ich mal wieder das von 1999 stammende Live-Konzert von Bush. Nicht auf DVD, sondern auf VHS. Auf der Cassette befanden sich außer Bush auch Konzerte von Ministry und den Nine Inch Nails, was bedeutet dass dieses Tape nur aus einer ganz bestimmten Quelle stammen konnte. Sogar aus einer ganz alten Quelle, denn ich hatte es per Post bekommen, zu einer Zeit als wir nur Freunde waren. Noch Freunde waren. Heute sind wir irgendwo dazwischen, vor allem zwischen allen Stühlen, aber das nur am Rande. Wie das nun mal so ist – Musik und Bilder haben wohl die stärkste Fähigkeit, Erinnerungen zu wecken. Und so erinnerte ich mich einen ganzen Abend lang. An mich, an Bush und an den edlen Spender des noch edleren Videobandes. Diese Geschichte ist wohl immer noch ein Klischee, denn die Zeit heilt tatsächlich viele Wunden und je mehr Zeit vergeht, desto klarer sieht man die Dinge, die früher zu schmerzhaft waren, um sie zu betrachten. Klarheit ist eine feine Sache, jedoch reicht sie nicht aus um alle Fragen endgültig und eindeutig zu beantworten. Was ist die Klarheit, die Wahrheit und warum scheint sie manchmal den Standpunkt zu wechseln? [genial in diesem Zusammenhang eine Zeile aus dem Song „Little things“ - Here comes the L I E: We will always be T R U E !] Aber ich wollte ja eigentlich über Bush schreiben.
First there was silence.
Bush sind eine tolle Band. Ich habe sie unglaubliche 12 Jahre lang unterschätzt und sie haben mir das nie übel genommen. Ausgesprochen großzügig von ihnen. Oberflächlich betrachtet besteht die Band aus drei Menschen im Schatten eines überirdisch gutaussehenden Frontmanns. In der Wirklichkeit sieht man vier Freunde, die es seit langem genießen, Musik zu machen, die gemeinsam Weltruhm erlangt haben und nicht daran zerbrochen sind, die Stadien füllen und sich die kleinen Bühnen ihrer Heimat England trotzdem nicht wegnehmen lassen. Es ist fast zu gut, um wahr zu sein. Aber eben nur fast. Dabei muss ich gestehen, dass für mich die Zeit an einem gewissen Punkt stehen blieb. Was machen Bush heute, außer in 2tklassigen Dämonen-Comicverfilmungen (Constantine) mitzuspielen und Familien zu gründen? Ich habe keine Ahnung und ehrlich gesagt ist es mir ziemlich gleichgültig. Ich sehe die Vergangenheit (meine und die der Band) heute in einem völlig anderen Licht. Das ist mir wichtig. Wer weiß schon, wohin das führt? Was meine Vergangenheit angeht wohl zu einem endgültigen Abschluss, aber was die Band angeht zu weiterhin ausgelassener Euphorie. Und das ist doch was Schönes, so mitten im Sommer.
What is it in itself?
Was ist denn nun eigentlich alles drauf auf der DVD? Jede Menge gute Sachen.
# 10 Videos, durch MTV und Viva sattsam bekannt, aber auch mindestens ein Video darunter, das garantiert nicht vor 0 Uhr gesendet wurde (Greedy Fly, aber dazu später mehr).
# Das genannte Konzert (Woodstock 1999) mit 9 Livesongs.
# 3 kurze Specials mit Interviews, einem Radioauftritt, Making of Video „The chemicals between us“, Fanhysterie, Unsinn treiben im Tourbus und was es sonst noch so gibt hinter den Kulissen.
Must be your skin I’m sinking in
Folgende Videos sind einzeln ansteuerbar oder durch den Button „play all“ nacheinander abzuspielen:
- Everything Zen
- Little Things
- Comedown
- Glycerine
- Machinehead
- Swallowed
- Greedy Fly
- Warm Machine
- The Chemicals Between Us
- Letting The Cables Sleep
Am Ende jedes Videos wird der Regisseur genannt, im Fall von „Letting the cables sleep“ gar die Berühmtheit Joel Schumacher (keine Angst, im Video fliegt nichts in die Luft). Einige der Videos dürften durch die örtlichen Musiksender weitreichend bekannt gemacht worden sein, wie „Swallowed“ und „Chemicals between us“, die sind sogar zu meinen Zeiten schon hunderte Male gelaufen. Die Videos sind schön anzusehen aber nicht wirklich herausragend. Liveauftritte oder zumindest Ausschnitte von Liveauftritten wechseln mit Nahaufnahmen auf den sexy Sänger (Machinehead, Warm Machine) oder gar einer Solonummer desselben (Glycerine).
Nähere Beobachtung verdient vor allem „Greedy Fly“, was mich geradezu umgehauen hat, weil erst mal gar nicht zu Musik und Band passend. Die Szenerie ist düster und bizarr. Hochhäuser, Polizeiabsperrungen, strömender Regen. Ein Helikopter bringt einen Gefangenen (Gavin Rossdale) zum Verhör. Mit abrupten Schnitten wechselt die Kamera zwischen den Geschehnissen hin und her. Hinter der Absperrung muss etwas Schreckliches passiert sein, zwischen drängelnden Reportern übergeben sich Polizisten. Ein Leichnam wird abtransportiert. Danach sieht man Ausschnitte mit dem „Tathergang“, wobei alles recht verworren ist. Es ist immer noch sehr düster und unheimlich und der seltsame Vogelmensch macht die Sache nicht besser. Dann schlüpfen auch noch Menschen aus Eiern. Und ein großes zappelndes Spinnen-Wesen mit vielen haarigen Beinen wird operiert. So furchtbar appetitlich ist das alles nicht, selbst wenn es nur wenige Nahaufnahmen gibt (dürfte sonst auch nicht ins Fernsehen). Oft gezeigt wurde das garantiert nicht. Aber ein höchst interessantes, stimmungsvolles Video hat „Greedy Fly“ auf jeden Fall. Das ich von dieser Band auf gar keinen Fall erwartet hätte. Respekt!
Wunderschön ausgefallen ist dagegen „Letting the cables sleep“. Schrecklich einsam, schrecklich verstummt, was ist es – Liebe oder bloß Sex? Und kennen sich die Beiden oder schlafen sie einfach so miteinander, während der Besichtigung einer schäbigen Wohnung? Kennt man sich eigentlich jemals in einer Beziehung oder bleibt man sich ein Leben lang (und wenn es nur ein begrenztes „Beziehungsleben“ lang ist) fremd? Gavin läuft der schönen Geliebten auf der Straße nach, doch sie bleibt stumm im wörtlichen Sinn und geht mit jemand anderem weg. Und es gibt keine unnötigen Zooms auf die halbnackten Darsteller, nur das was sein muss. Und das ist gerade genug zum befremdet und verlassen und irgendwie doch tief berührt fühlen. Ein tristes Video zwischen Liebe, Geilheit und der ewigen Suche und ein wunderbares Lied – zusammengenommen fast so etwas wie ein kleines Kunstwerk.
This one goes out to the one I love
Folgende Songs werden während des Konzerts gespielt (nicht einzeln ansteuerbar, man kann sich den Auftritt nur komplett ansehen und muss ggf. vorspulen -> kleines Manko):
- Machinehead
- Greedy Fly
- Warm Machine
- Everything Zen
- The Chemicals Between Us
- Glycerine
- Swallowed
- The One I Love (Cover von REM)
- Little Things
Fast alle Songs hat man bereits als Videos angeschaut, sehenswert sind Bush live natürlich trotzdem. Und hörenswert, der Sound ist relativ gut, wenn auch leicht matschig. Als legendär würde ich diesen Gig nicht gerade bezeichnen. Da leisten sie auf ihren Headliner-Touren sicher mehr als bei einem Festivalauftritt mit 50 Minuten Spielzeit. Dennoch wird man als Fan reichhaltig bedient und darf seiner Band beim Hüpfen und Abfeiern und den 70.000 Zuschauern beim Strippen, im Schlamm wälzen und Pogen zusehen. Herzerwärmend natürlich das REM-Cover „The one I love“. Die Band (und zwar die ganze Band, nicht nur Sänger Gavin) ist mit Leib und Seele dabei. Und obwohl ich keine Mammutveranstaltungen mag und mir kleine intime Konzerte viel lieber sind, kommt etwas dabei rüber. Etwas Besonderes. Aber ach, dafür muss sich die Band schon gewaltig anstrengen. Der Mainstream steht in persona bei Bush vor der Bühne und das ist kein schöner Anblick. Schubsend und nervend und aufdringlich darauf bedacht, auch ja ein besonders großes Stück aus dem Kuchen herausreißen zu können. Mich hätte es da geschüttelt. Den 4 Jungs scheint’s zu gefallen, sie schlagen sich sehr tapfer. Vielleicht waren sie auch einfach nur überwältigt von dieser Menschenmasse.
Bonedriven
Fehlen noch die Special Features; im einzelnen:
- Interviews zu "Science Of Things"
- Making of "The Chemicals Between Us"
- Filmausschnitte der Doku "Alleys And Motorways"
Muss man als Fan natürlich mal gesehen haben. Mega umfangreich ist das alles nicht, ich schätze komplett ca. 25 – 30 Minuten. Aber besser als nichts. Bush als Band mit Freundschaft und gegenseitigem Respekt und Spaß bei der Sache funktioniert ausgezeichnet, es tut gut das bestätigt zu sehen. Bei HIM liegt der Schwerpunkt auf dem Frontmann und nur auf dem Frontmann, das könnte auch heißen „Valle und Anhang“. Bush besteht aus 4 Personen und verfügt über echten Zusammenhalt. Schön ist das und lustig, nur sind die Herren nicht immer problemlos zu verstehen (aus welche Ecke Englands stammen die eigentlich noch mal?). Allerdings kann man bei so was ja auch schlecht Untertitel anbieten, das wäre irgendwie albern.
Hell is where the heart is
Nur zu wahr, manchmal. Mit der Hölle im Herzen werde ich noch ein paar Mal zu kämpfen haben. Haben wir das nicht alle? Jeder von uns hat eine Vergangenheit und die sieht nicht immer rosig aus. Bush kann ich trotz allem genießen, obwohl sie vieles aufgewirbelt haben. Und seltsam – ich kann mich nicht erinnern, dass wir Bush jemals gemeinsam gehört haben. Vielleicht mal einen Song im Auto, aus Zufall. Und ich glaube eine CD, Golden State. Und dann haben wir beide beschlossen, dass wir sie verkaufen weil sie ziemlich schlecht ist (es ist eine der neueren). Bush machen keine deprimierende Musik und ihre Texte sind sicher alles andere als tiefschürfende Lyrik. Aber sie lassen mich öfter als die anderen Grungebands stehen bleiben und verweilen und nachdenken und manchmal auch im Bodensatz herumgraben, der voll mit Würmern ist und den man am liebsten mit bloßen Händen gar nicht berühren möchte. Und der große Wunsch, der größte Wunsch, der einzige und sehr dunkle Wunsch – er muss sich nicht mehr erfüllen.