In der Celle und trotzdem frei geboren

4  17.05.2008

Pro:
Für unser Frühchen :  angeschlossene Kinderklinik

Kontra:
Die Parkplatznot

Empfehlenswert: Ja 

Swinja2000

Über sich: Bin einer jener bedauernswerten Menschen, die in nachlässiger Kleidung Steine zerklopfen und in der ...

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Fortsetzung des unter "Gebärabteilung KRK Großburgwedel" begonnenen Berichts

Ich muß, als Vorbemerkung, zugeben, daß ich so viel über Krankenhaus und Gebärabteilung gar nicht schreiben kann, da einem all die Details bei einem Aufenthalt gar nicht sichtbar werden. Also gehe ich das Risiko, ein, an dieser Stelle teilweise einen Erlebnisbericht über eine Geburt abzuliefern, und vom eigentlichen Thema nur recht nebenbei zu berichten. Ich fürchte, es geht nicht anders.

Im AKH Celle drängte sich, als ich eintrat, ein größerer Aufmarsch Personal um die werdende Mutter, die mitlerweile die Wehen auch ohne Wehenschreiber (ein Gerät, das per Sensoren an der Bauchdecke die Wehen registriert und als Kurve graphisch darstellt) wahrnahm. Hier war, nach der Ruhe in Burgwedel, Hochbetrieb wie auf einem Bahnhof. Der Kreißsaal liegt im Erdgeschoß, gleich neben der Notaufnahme und wirkt auf den ersten Blick etwas wie eine Tunnelröhre. Auch hier gibt es mehrere Gebärzimmer, die zur Unterscheidung in verschiedenen Pastellfarben ausgemalt sind und etwas enger sind als die in Burgwedel, die Ausstattung ist aber weitgehend vergleichbar.

Auch hier mein Eindruck: das Personal, hier immer ein Paar - Hebamme zusammen mit Schülerin - ist sehr liebevoll zur Patientin.
Es ist 18.00, irgendwie läßt die Konzentration nach, und die Geburt will nicht in Gang kommen. Das Baby läßt sich Zeit. Es sollte das nicht tun, denn der Startschuß war heute früh der Blasensprung, und zu lange sollte das Kind nicht mehr darin herumschwimmen.

Ich bringe Frau zum WC. Die Hebamme hat es in der Geburtsvorbereitung schon gesagt: die Anstrengung beim Geburtsvorgang führt unweigerlich auch zur Darmentleerung, und auch wenn es nach ihren Aussagen fast jeder Frau passiert, ist es auch fast jeder trotzdem peinlich. Außerdem erleichtert es etwas, und nimmt den Druck vom Unterleib.

Erschöpft, als wäre die Geburt schon gelaufen, fahre ich Frau zurück - die Hebamme hat einen Krankenfahrstuhl bereitgestellt. Frau liegt wieder im Gebärzimmer und wünscht sich einfach nur noch weg. Zwei Zimmer weiter läuft, als psychologische Unterstützung, eine Geburt, und die werdende Mutter dort schreit planvoll ihre Wehen hinaus, ähnlich wie bei einer Urschreitherapie. Es klingt, als würde sie lebendig in Scheiben gehobelt.

Bis halb 11 passiert gar nichts. Bis die Hebamme noch einmal "reintastet" und große Augen macht. Jetzt muß es auf einmal schnell gehen.

Der Arzt ist sofort zur Stelle, spricht beruhigend auf Frau ein, die ihre Wehen hinausatmet, und aus der Kinderklinik treffen zwei weitere Damen mit großem Instrumentarium ein. Mein Kind kommt in der 35. Woche, und wird daher noch einige Zeit hier verbringen müssen.

Nachdem es bis kurz vor Mitternacht gewartet hat, schiebt sich unser Sohn vorwärts, und Frau beißt in meinen Unterarm. Es wird wirklich Zeit, die Situation, daß der Fötus ins eigene Fruchtwasser kotet und diese Suppe in die Lungen bekommt, ist nicht nur unappetitlich, sondern aufgrund der Infektionsgefahr auch sehr gefährlich.
Frau liegt auf dem Gebärbett, Beine angewinkelt, die klassische Haltung eben, und Arzt und Hebammen spähen gebückt in Richtung der hohlen Gasse, durch die er kommen muß, wie in ein zu kleines Fernsehgerät.

Das Programm selbst ist dann eigentümlich kurz. Es beginnt mit der Beobachtung, daß der Arzt zur Schere greift und einen Dammschnitt durchführt. Man sollte dieser Prozedur nur dann zusehen, wenn man genau weiß, daß man die ganze Zeit vorher nichts gegessen hat, zumindest nichts Teures. Der Schnitt ist manchmal zur Entlastung notwendig, um - wenn die Körperöffnung schon reißt - dann dies kontrolliert geschehen zu lassen. Das Zunähen des Dammschnitts nimmt der Arzt mit der Routine eines Reifenwechsels beim Boxenstopp vor, unter lokaler Betäubung. Dammschnitte sind manchmal Ausgangspunkt von Komplikationen, etwa kleinerer Entzündungen, bei denen sich in der Naht dann kleine Eiteransammlungen bilden. Es dauert dann keine fünf Wehen mehr, innerhalb derer das kleine Etwas sich seinen Weg in die Welt bahnt. Zusammen mit einem Schwall Blut, einer Nabelschnur (die in etwa so aussieht wie das Kabel, das das Telefon mit dem Hörer verbindet) und später noch der abgestoßenen Plazenta, die aussieht wie eine mit roher Leber belegte Pizza, die vor kurzem schon einmal gegessen wurde. Das Ganze sieht wie ein Horrorszenarion aus.

Ich darf, wie Herr Landrat bei der Einweihung der Ortsumgehung, die Nabelschnur durchschneiden, die erstaunlich fest ist und dementsprechend viel Widerstand leistet.

Die Anwesenheit der Oberärztin aus der Kinderklinik ist auch dringend notwendig, denn unser neues Familienmitglied hat nicht nur eine Infektion durch Erreger im Fruchtwasser und außerdem eine noch recht unfertige Lunge, so daß er in der folgenden Woche auf eine Atemhilfe und auf Antibiotika angewiesen war.

Auch wenn dies jetzt mehr die angeschlossene Kinderklinik betrifft: es gibt ein Zweibett-Mütterzimmer für die Mamas, die nahe an ihrem Kind auf der Intensivstation sein wollen. Allerdings ist es eine relativ beengte Klause, wenn auch mit Bad und WC, Telefon (nur von außen anrufbar) und TV. Die Verpflegung erfolgte dort per Essensmarke dann in der Cafeteria, und dies war doch eher durchschnittlich in der Qualität - Catering-Niveau.

Ein Extra-Drama ist im AKH Celle allerdings das Parken. Wo in Burgwedel ein kostenloser Großparkplatz zur Verfügung steht, gibt es hier einen relativ kleinen Parkplatz, der kostet. Ist er bis zum letzten Platz belegt, läßt die Schranke am Eingang einen trotzdem ein, worauf man dann eine Weile sucht oder um besetzte Parkplätze herumrotiert. Es läßt sich allerdings auch nicht viel daran ändern, denn das AKH liegt recht innenstadtnah und daher steht hier weniger Platz zur Verügung. Schließlich sind die Parkplätze dann doch recht preiswert, und die erste halbe Stunde parkt man gratis.
Dennoch kann man AKH Celle zum Kinderkriegen vor allem für die "Frühchen" weiterempfehlen. Minuspunkte sind lediglich Cafeteria und der Parkplatz.

Ziemlich genau 24 Stunden, nachdem ich am Ostersonntag früh aus dem Bett gefallen war, fand ich wieder in dieses - und nachdem ich zwischendurch an der Tanke noch eine Pulle Wodka eingekauft hatte, war der Aufprall im Bett umso weicher.



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
sannahschnuffi

sannahschnuffi

16.07.2008 12:19

Irgendwie ist mir gerade der Appetit auf Schwangerschaft in den nächsten zwei Jahren vergangen ...

Manuo

Manuo

01.07.2008 23:43

Dein Schreibstil ist einfach nur genial..... und die Vergleiche brilliant :O)

GrafenMark

GrafenMark

31.05.2008 19:30

Glückwunsch! Wären noch ein paar Fotos nett von der Familie!

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