Morgen ist auch noch ein Tag...

3  07.09.2009

Pro:
Vernichtet Krebszellen .  .  .

Kontra:
.  .  . aber nicht nur die

Empfehlenswert: Ja 

leonardo500

Über sich: "Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen." Georg Christoph Lic...

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Chemotherapie: schon der Name verursacht Übelkeit. Man denkt an Erbrechen und Kahlköpfigkeit, elendig aussehende Menschen und unheilbare Krankheit.
Die Nebenwirkungen von Zytostatika (Zellgifte)) sind heute aber weniger belastend als früher. Es gibt wirksame Medikamente gegen die Übelkeit, das Erbrechen und die Verschlechterung des Blutbildes.


In einer Chemotherapie werden Gifte eingesetzt, die in erster Linie Zellen schädigen, die sich in der Zellteilung befinden. Bei einer solchen Behandlung werden Medikamente in festen Zeitabständen miteinander oder hintereinander verabreicht, meist als Infusion, manchmal auch in Tablettenform. Sie werden an einem oder mehreren Tagen gegeben. Danach erfolgt eine Pause von zwei bis vier Wochen. Einen Abschnitt der Behandlung nennt man Zyklus. In der Regel gibt man mehrere Zyklen. Sinn der wiederholten Anwendung ist es, möglichst viele Krebszellen in der Teilungsphase zu treffen.
Vor der Chemotherapie werden die Funktion von Organen wie Leber, Herz und Nieren anhand von Blutuntersuchungen überprüft.
Das Blutbild spielt während der gesamten Dauer der Behandlung eine wesentliche Rolle. Bei Veränderungen, die eine weitere Behandlung in Frage stellen, muss sofort reagiert werden, um den Rhythmus der Zyklen nicht zu gefährden.


Allerdings teilen sich nicht nur Krebszellen schnell, sondern Zellen der Schleimhäute (Verdauungstrakt, Gebärmutter, Blase), Blutkörper und der Haarwurzeln. Als Nebenwirkungen der Therapie können Haarausfall, Übelkeit, Fieber, Erbrechen und Durchfall auftreten. Außerdem können Blutbildung und Immunabwehr gestört sein. Viele Patienten klagen außerdem über heftige Schmerzen in den Knochen.
Da bei dieser Therapie nicht gezielt nur das betroffene Organ, sondern das ganze System behandelt wird, spricht man auch von einer Systembehandlung.

Anfang des Jahres wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert. In meinem vorhergehenden Bericht habe ich darüber bereits ausführlich geschrieben.
Da mein Tumor fast drei Zentimeter groß war, hatte mir meine Ärztin zu einer Chemotherapie vor der Operation geraten.

Große Tumore kann man manchmal durch eine sogenannten neoadjuvante Chemotherapie so weit verkleinern, dass anschließend Brust erhaltend operiert werden kann.
Ein weiterer Vorteil: man sieht, ob die Krebszellen auf das Zellgift ansprechen und kann gegebenenfalls die Therapieform ändern.

Meine erste „Sitzung“


erlebte ich am 9. Februar in der Onkologischen Abteilung der Uni-Klinik in Leipzig. Gut zu wissen, dass man alles in einem Hause und ambulant erledigen kann. Befunde und Ergebnisse werden über das Netzwerk der Klinik verbreitet, so dass alle beteiligten Ärzte Zugriff haben und sich einen Überblick verschaffen können. So hat man das angenehme Gefühl, dass Hand in Hand gearbeitet wird. Ob es dann tatsächlich so ist, steht auf einem anderen Blatt.

In dem Raum, in dem mir nun sechs mal im Abstand von drei Wochen der Chemie- Cocktail verabreicht werden sollte, befanden sich vier Betten und neun Sessel. Ich durfte mich in so einen bequemen, verstellbaren Sessel setzen, was ich mit Genugtuung quittierte. Erstmal richtete ich es mir gemütlich ein, bekam Wasser hingestellt und drei Beutel mit geheimnisvoller Flüssigkeit lagen schon bereit. Um Verwechslungen vorzubeugen, war alles mit meinem Namen und dem Geburtsdatum versehen. Der Port, der mir oberhalb des Brustbeins im Vorfeld der Behandlung eingesetzt wurde, kam jetzt zum Einsatz. Durch ihn wurde die Infusion mit Hilfe einer Nadel direkt in die Blutbahn geleitet. Das erspart ein ständiges Suchen nach einer intakten Vene im Arm und verhindert Entzündungen. Außerdem sorgt diese Art der Chemogabe für Bewegungsfreiheit.

Auf Grund der Charakterisierung meines Karzinoms, dem Größe, Lymphknotenbefall, Wachstumsgeschwindigkeit und Hormonempfindlichkeit zugrunde liegen, wurde mir das sogenannte TAC-Schema empfohlen. TAC ist die Abkürzung für Docetaxel (Taxan), Doxurubicin (Anthrazyklin) und Cyclophosphamid.
Eine solche Kombinations- Chemotherapie ist sinnvoll, wenn der Tumor ein gewisses Risiko zur Resistenz gegen eines der Medikamente birgt, so dass das andere Mittel greifen kann. Bei meinem Karzinom ist es wohl die Hormonunabhängigkeit, die mich zum Risikopatienten degradiert.

Schon am Abend vor der Chemotherapie nahm ich eine kortisonhaltige Tablette ein, ebenso am Tag danach. Dieses Mittel macht die Venen aufnahmefähiger für das "Gift" und somit die Therapie erträglicher. Allerdings führt es auch dazu, dass man im Laufe der Behandlung aufgehen kann wie Hefeteig.

Zwischendurch brachte die freundliche Schwester weiter Pillen und Kapseln... nur her damit. Wenn's dem Wohlsein dient. Gelegentlich kamen mir allerdings Zweifel: Das eine Medikament, das gegen das Unwohlsein helfen sollte, hatte als Nebenwirkung: Unwohlsein und Erbrechen. Na prima, wenn's mir mal gut gehen sollte nehme ich so ein Teil und schon wird einem "geholfen" *g*

Gelangweilt habe ich mich in der Zeit, in denen mir die drei Infusionen plus dreimal Kochsalzlösung zwischendurch zum Spülen verabreicht wurde, nicht wirklich: ich hab gelesen, Leute beobachtet und bin pausenlos zur Toilette gelaufen. Na ja, bei so viel verabreichter Flüssigkeit. Getrunken habe ich zwischendurch auch reichlich, um die Nieren gut zu spülen.

Bei jedem Toilettengang hatte ich als treuen Begleiter den Infusionsständer an meiner Seite, wir waren ein schönes Paar. Obgleich er mir gelegentlich ein Bein stellen wollte, nur um meine Geschicklichkeit zu testen.

Während der Infusionsgaben hörte ich immer wieder in mich hinein. Die Vorstellung, dass das Gift den Krebszellen den Kampf ansagt, half mir ungemein. Ist wohl wirklich eine Kopfsache: mir ging es keinen Moment während der Sitzung wirklich schlecht. Vielleicht mal ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, aber das lies sich durch mein mitgebrachtes zweites Frühstück eindämmen.

Während der dritten Infusion legte mir die Schwester Eishandschuhe an, um die Durchblutung der Hände zu drosseln und somit meine Fingernägel zu retten. Ich kann sagen, dass sich diese Qual gelohnt hat. Meine Nägel wurden weder gelb, noch haben sie sich gerollt oder sind abgefallen. Was meine Hände allerdings vor Kälte fast taten, brrrr!

Mein Schwager, der mich schon zur Klinik gefahren hatte, holte mich nach 5 Stunden ab. Auf seine besorgte Frage, wie ich mich fühle, war meine ehrliche Antwort: sehr gut!

Der Nachmittag, der Abend und die Nacht verlief ohne Beschwerden. Ich horchte zwar nach wie vor ständig in mich hinnein, aber da war außer ein kleines Magenknurren, leichte Kopfschmerzen und ständiger Harndrang nichts.

Auch bei den Haaren zeigte sich noch nichts, alle fest verankert. Wenn ich morgens mal aufstehe und die Haare bleiben liegen oder nach dem Fönen die Frisur hinter mir an der Wand klebt, wird es Zeit für die Perücke (ha,ha!).

Der Tag danach war ebenso recht ruhig. Mir ging es wider erwarten so gut, dass ich sogar zur Post und zu meiner Mutter gelaufen bin. Etwas erschöpft war ich danach schon.

Erst am dritten Tag waren Veränderungen zu spüren. Ich bekam Kopfschmerzen, im Mund hatte ich einen seltsamen Geschmack und eine gewisse Unruhe erfasste mich. Nicht spektakulär. Aber dennoch etwas unangenehmer als die Tage vorher.
Meine Befürchtung, dass die schlimmen Nebenwirkungen nun losgehen, bestätigte sich nicht. Der Tag verlief ohne großartige Zwischenfälle, es kamen weder Schmerzen hinzu noch wurde mir wirklich schlecht. Höchstens etwas schwindelig, aber immer nur für eine ganz kurze Zeit.

Sogar das Essen schmeckte mir noch, ich würzte die Mahlzeiten zwar so wenig wie möglich: kaum Salz, keinen Pfeffer dafür ganz viele Kräuter, aber immerhin: der Appetit hatte noch nicht gelitten.



Ohne einen wirklichen Grund hatte ich am Vormittag in der Praxis meiner Schwester (und Hausärztin) angerufen, wollt nur wissen, wann sie die Fäden vom Port zieht, und plötzlich brach ich in Tränen aus. Genau das wollte ich ihr nicht antuen, man fühlt sich immer so hilflos, wenn am anderen Ende des Telefons jemand weint. Aber wie schon alle prophezeit hatten: das bricht mal ganz plötzlich aus dir raus, ohne bestimmten Anlass.
Auf alle Fälle erreichte ich damit, dass meine große Schwester ihre letzten Patienten im Flug abfertigte (was sonst nicht ihre Art ist) um Seelentröster bei mir zu spielen.

Beim Abtasten der Brust glaubte ich zu spüren, dass der Knoten nicht mehr ganz so hart war. Na, sicher wieder so eine Sinnestäuschung, ich wollte es beobachten. Auf alle Fälle ist es der angenehme Nebeneffekt, wenn man bei einer Chemotherapie vor der OP das Schrumpfen des Tumors förmlich ertasten kann.

Einige Tage später bestätigte sich diese Annahme: Eindeutig veränderte sich das Karzinom, es wurde weniger. Diese Tatsache lies mich sogar das leichte Fieber, das Kratzen im Hals und den Durchfall vergessen, obwohl der mit bösen Bauchschmerzen einher ging. Diese Zustände waren aber immer nur sporadisch, von einem Moment zu anderen gleich wieder weg und erträglich.


16.02.2009


Alles in allem waren die Nebenwirkungen meiner ersten Chemotherapie auszuhalten. Selbst mit den Blutwerten war meine Schwester zufrieden. Natürlich war die Anzahl der roten und weißen Blutblättchen im Keller, aber alles im Rahmen des Regenerierbaren. Das verursachte bei mir so eine Art Hochgefühl, von Depressionen keine Spur. Selbst die Haare hielten noch, das war aber nur noch eine Frage der Zeit, wie mir durchaus bewusst war.

Aus diesem Grunde besorgte ich mir diverse Kopfbedeckungen, um nicht nur mit der Perücke herum laufen zu müssen. Ein Hut, zwei Mützen und meine Jüngste brachte mir auch noch ihr gesamtes Hut- Sortiment, und das war nicht wenig. Ich suchte mir drei tragbare Modelle aus und fühlte mich gewappnet (inzwischen habe ich zu jedem Outfit die passende Kopfbedeckung). Sicherlich hatte ich nicht gerade ein Hochgefühl bei dem Gedanken, bald die Haare zu verlieren. Eine gewisse Unsicherheit macht sich breit, aber von schierer Verzweiflung konnte nicht die Rede sein.


18.02.2009


Etwa zehn Tage nach dem ersten Zyklus konnte ich meine Mahlzeiten schon wieder normal würzen. Mein Appetit steigerte sich zusehends und ich entwickelte sogar richtigen Heißhunger.
Nun begriff ich auch, wieso so viele Frauen darüber klagten, während ihrer Brustkrebserkrankung zuzunehmen. In meinem schlauen Brustkrebs- Ratgeber las ich auch auf Seite 289, dass viele Frauen im Laufe der Chemotherapie und danach an Gewicht zulegen und diese Pfunde auch schwer wieder weg bekommen. Na prima, und mit so etwas wird man auf Seite 289 konfrontiert. Hatte ich nicht frohen Mutes vor der Behandlung alles in mich hinein gestopft um auch ja die schwere Zeit der Chemotherapie zu überstehen. Mit welchem Genuss habe ich Schokolade und Pralinen verdrückt, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: ich darf ja, nur her mit der fetten Schokolade. Und dann erfährt man so was? Solche Offenbarungen gehören doch ganz groß auf die erste Seite, was sage ich: auf dem Cover hat das zu stehen, als Warnung, sozusagen!


24.02.2009


Gestern sind mir die ersten Haare ausgefallen. Schon beim Duschen fiel mir auf, dass jede Menge Haare im Abfluss waren. Beim Kämmen dachte ich dann noch: „Dieses mal ziept es doch gar nicht.“ Die Bürste ging butterweich durch das Haar. Kunststück, die boten ja auch keinerlei Widerstand. Ein großer Teil der Haare befand sich zwischen den Borsten. Immer noch besser, als wenn ich sie mir mit dem Fön vom Kopf gepustet hätte.
Jetzt galt es natürlich, meine Friseuse zum Kopf rasieren zu bestellen. Bei der Gelegenheit wollte ich mir auch meine Perücke noch etwas zurecht schneiden lassen.


25.03.2009


Ja, nun war ich mein Kopfhaar los, und das Elend hielt sich in Grenzen. Es floss keine Träne, ich war nicht entsetzt und erschüttert gleich gar nicht. Meine Friseuse, die auch eine gute Freundin von mir ist, war der Meinung, ich sei deshalb so ruhig, weil ich mich gut informiert und vorbereitet habe. Sie lobte auch meine Haut und die Form des Kopfes. Ganz so lustig und ausgelassen wie beim Perücke aussuchen ging es zwar nicht zu, aber wenigstens machten wir auch unsere Späßchen. Beispielsweise meinte sie, dass sonst nicht so viele Haare unten liegen, wenn sie bei mir schneidet. Ich wiederum fand, dass es für alle Haare verdammt wenig sind, die nun den Boden zieren. Na ja, eine Löwenmähne hatte ich nie. Aber vielleicht wächst mir eine, wenn das ganze Drama vorbei ist. Dann wagte ich einen Blick in den Spiegel und fand, dass wenn die abstehenden Ohren nicht wären mir der neue „Look“ recht gut stand. Etwas komisch fühlt es sich natürlich an und beim darüber streichen krabbelte es an der Hand.

Diese Nacht kam auch das erste mal meine Schlafmütze zum Einsatz, eine einfache Wintermütze aus ganz weicher Wolle. Ohne das natürliche "Fell" auf dem Kopf kann es verdammt kalt werden in der Nacht. Kaum zu glauben, an was man alles denken sollte.
Zum Beispiel überlegte ich, welchen Einladungen zu Feierlichkeiten ich Folge leisten kann (wegen der Infektanfälligkeit).Ja, Anfangs war ich da noch ganz vorsichtig
Die Leipziger Buchmesse in diesem Jahr fiel aus, da waren meine Leukos gerade erst in der Erholungsphase. Später machte ich mir dann weit weniger Gedanken, hatte aber auch nie Probleme damit.

Zweiter Chemotag am 03.03.2009


Nun hatte ich schon die zweite Chemotherapie hinter mir, und auch dieses mal war alles weniger belastend, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich litt etwas unter Schlaflosigkeit, wachte mitten in der Nacht auf, nachdem ich schon recht spät eingeschlafen war. Nicht, dass es mir schlecht war oder dass ich vielleicht Schmerzen hätte. Nach wie vor ging es mir recht gut. Morgens fünf Uhr wuselte ich schon durch die Wohnung.
Meine Tochter freute es: So muss sie nicht allein frühstücken.
Ich trank viel Tee und Wasser, um das Gift möglichst schnell aus dem Körper zu spülen. Natürlich sollte es vorher sein Werk tun und die bösen Krebszellen vernichten, schien auch zu funktionieren. Ich konnte jedenfalls schon jetzt keinen Knoten mehr ertasten.
Nun hatte ich mich auch dafür entschieden, während der täglichen Spaziergänge Jogging- Touren einzulegen. Natürlich Eile mit Weile, man muss es ja nicht gleich übertreiben. Aber ich denke, die Bewegung tat mir gut und mit einer Umstellung des Speiseplans (was ich ja bereits ganz gut bewerkstelligte) rückte ich auch den überflüssigen Pfunden zu Laibe. Das wäre ja gelacht, wenn ich das nicht auf die Reihe bekäme.
So lange es mir gut geht, wollte ich auch etwas tun. Wer weiß, was da noch kommt.


11.03.2009


Die kritische Phase nach dem Chemotag hatte ich gut überstanden. Bis auf ein paar Magenprobleme und Verdauungssachen ging es mir erstaunlich gut. Manchmal machten sich nun doch Stimmungstiefs breit: was, wenn nach erfolgreicher Behandlung der Krebs wieder kommt oder doch Metastasen bildet. Gut, dass ich eine große Familie und immer jemanden zum Reden hatte.


21.03.09


Der Samstag war dann wieder der absolute Aufheller. Tags über bin ich draußen herumgelaufen (bitterkalt) und Abends war ich zu einer Geburtstagsfeier eines sehr guten Freundes. Es war ein wunderbares Erlebnis- ich habe weder an Krankheit, Chemotherapie, Leukos oder weiß der Deipel an was gedacht, einfach nur gefeiert.
Meine Schwester riet mir, möglichst niemanden die Hand zu schütteln, wegen des Körperkontaktes. Dazu kam ich gar nicht: die haben mich sowieso alle in den Arm genommen und feste gedrückt.

Am 23.März


war mein dritter Chemotag, und was soll ich sagen? Alles gut gelaufen, mir ging es gut, soweit und ich hoffte, dass sich daran nicht allzu viel ändern wird. Meine ehemaligen Bettnachbarin, mit der ich telefonierte, hatte es nicht so toll getroffen. Bei ihr stellten sich sowohl nach der ersten als auch nach ihrer zweiten Chemotherapie starke Nebenwirkungen wie Fieber, Durchfall, Atemnot und Schmerzen ein. Allein durch ihr kleines Kind war sie ständig irgendwelchen Infektionsgefahren ausgeliefert. Schon, wenn sie ihre Kleine aus der Kita abholt, begab sie sich sozusagen in die Bakterienschleuder schlechthin. Wie hätte sie dem auch ständig aus dem Weg gehen sollen?

Im Laufe des Monats erhielt ich die Bestätigung, dass ich zu 50 % schwerbeschädigt bin, ein komisches Gefühl. Zumal man sich gar nicht so fühlt. Sicher, etwas von der Kraft nimmt einem die Chemotherapie schon. Würde mich auch wundern, wenn alles unverändert wäre. Auch die Seele und die Psyche macht einem schon zu schaffen, wenn auch nicht so extrem, wie man es sich vielleicht vorstellen würde. Zum Beispiel hätte ich vor einem halben Jahr nie geglaubt, dass ich so gefasst mit einer solchen Situation umgehen kann. Ich, die vor allem und jeden Angst hatte. Jetzt sitze ich hier und schreibe darüber, als wäre ich an einer Grippe erkrankt, die ich morgen oder übermorgen wieder in den Griff bekomme. Natürlich ist es gut, wenn man es sich nicht noch zusätzlich schwer macht: man soll sein Leben leben und nicht seine Krankheit. Positiv denken ist kein Garant für Heilung, doch es verbessert den Augenblick und die Lebensqualität.

Die vierte Chemotherapie


am 15. April verlief noch angenehmer als die vorhergehenden, denn ich hatte meine gute Freundin und Zimmergefährtin Ines an meiner Seite. Die Schwestern hatten unser Flehen erhört und unseren Termin angepasst und die Folterstühle zusammen gestellt. Wir hofften auch die nächsten Chemotherapien gemeinsam verbringen zu können, schließlich hatten wir uns Bände zu erzählen.

Das Gespräch mit der Ärztin an diesem Tag verlief vielversprechend und hoffnungsfroh. Auch sie konnte keinen Knoten mehr ertasten, mit meinem Blutbild war sie ausgesprochen zufrieden und ansonsten machte sie mir einfach nur Mut. Einer Brust erhaltenen OP steht wohl nichts mehr im Wege. Das hieße dann natürlich auch anschließend Bestrahlung, aber damit würde ich leben können, denn nur das zählt: Leben!
Trotz all der Hiobsbotschaften: Sie meinte natürlich auch, dass sich der weitere Verlauf durchaus als schwieriger erweisen kann: Ich sollte möglichst Anstrengungen vermeiden, wie zum Beispiel schwere Gartenarbeit, Vergesslichkeiten wären an der Tagesordnung (oh ja, ich weiß) Wassereinlagerungen könnten mir das Leben und auch den Körper schwer machen. Aber dagegen gibt es Medikamente. Ich kann das Wort allerdings nicht mehr erhören. So viel Tabletten, wie ich bereits nehmen musste, gingen auf keine Kuhhaut. Dieses Arsenal wollte ich auf keinen Fall noch vergrößern.


20.04.09


Heute war ein recht "aufgeräumter" Tag. Die an sich schon geringen Beschwerden hielten sich noch mehr zurück: leichtes Sodbrennen, etwas verwirrte Gedankengänge, Erschöpfung, ein bisschen Müdigkeit... aber alles erträglich, und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es von mal zu mal schlimmer wird. Beschwerden waren da, sie waren auch unangenehm, aber man konnte sie ertragen. Da machten mir die Dauerfolgen mehr Sorge, immerhin sind es ja Gifte, die in meinen Körper gepumpt wurden. Aber ich stehe nun mal auf dem Standpunkt, dass etwas getan werden muss, und bei diesem hormonunabhängigen Brustkrebs gibt es als einzige Kampfansage nur die Chemotherapie.


25.04.09


Die in den vergangenen Tagen auftretenden Unannehmlichkeiten, wie zum Beispiel Entzündungen im Mund, ein vereitertes Nagelbett am Zeh und Müdigkeit, waren zurück zu führen auf die weniger guten Blutwerte. Seltsamer Weise ging es mir gleich schlechter, als mir meine Ärztin von den gesunkenen Leukozyten berichtete. Aber an dem Tag war das alles schon kein Thema mehr. Ich fühlte mich wieder wohl, die Sonne schien und der nächste Chemo- Termin war erst in reichlich einer Woche.

Auch die fünfte Chemotherapie brachten keine gravierenden Verschlechterungen meines allgemeinen Befindens. Mag sein, dass es mir mal weniger gut ging, die Blutwerte etwas länger brauchten, um sich hoch zurappeln- im Großen und Ganzen hatte ich keine unerträglichen Beschwerden.
Ich konnte es kaum fassen, wie gut ich damit zurecht kam und meinte, mein Körper hätte sich daran gewöhnt. Dass es nicht ganz so war, zeigte mir die letzte Behandlung.

Die sechste und voraussichtlich letzte Chemotherapie


war am 27.Mai 2009 und vier Tage später ging es mir schlecht: Durchfall, unangenehmer Geschmack im Mund, Appetitlosigkeit… das kleine Programm. Ich sollte viel trinken, aber alles, was ich probierte, hingt mir irgendwann zum Hals raus. Bei Wasser hatte ich das Gefühl, dass mein Mund immer mehr austrocknete, Saft ging gar nicht und Tee? nach der zweiten Tasse hatte ich ihn auch über.
Eigentlich wäre ein Spaziergang angebracht. Die frische Luft und die Bewegung hatten bisher immer gut getan. Aber mir fehlte der innere Antrieb. Letztendlich raffte ich mich aber doch auf und war stolz wie Oscar, wenn ich es ohne zusammen zu brechen einmal bis zum Garten und wieder zurück schaffte.

Auch das Lesen fiel mir schwer, da ich mich kaum noch konzentrieren konnte. Ich kam mir unausstehlich vor und ging meiner Umwelt sicherlich auf die Nerven. Natürlich möchte mir das im Nachhinein keiner bestätigen. Noch habe ich den Status einer wertvollen Porzellanvase, die man mit Samthandschuhen anfasst. Und doch habe ich mir auch ein ganzes Stück Normalität geschaffen. Gerade im Umgang mit Familie und Freunden versuche ich möglichst gelassen zu wirken. Ich lache über mich und meine derzeitigen Unzulänglichkeiten und das macht es meinen Mitmenschen leichter, auf mich zuzugehen und nicht jedes Wort an mich auf die Goldwaage zu legen.

Eigentlich habe ich auch den letzten Chemoblock so einigermaßen gut überstanden, wenn man mal die schlechten Tage vergisst.
Das Warten auf die angekündigten Knochen- und Muskelschmerzen hat sich gelohnt:
Jetzt, Wochen später, plagt mich ein böser Muskelkater und jede Aktivität lässt ihn wieder aufflammen. Ich fühle mich wie eine alte Frau, kann mich kaum bücken, nicht in die Hocke gehen oder schwer heben, Hände und Schultern tuen weh Ja, das Gift macht sich nun doch bemerkbar und mein Körper gibt mir zu verstehen, dass es ganz schön heftig war, was man ihm zugemutet hat.

Aber es hat was gebracht. Das MRT zeigte, dass der Knoten um die Hälfte geschrumpft ist, pathologisches Gewebe kaum noch nachweisbar. Meine Ärztin war beeindruckt und gab mir zu verstehen, dass die dadurch Prognosen sehr gut sind. Natürlich sollte ich nicht vergessen, wie groß der Tumor war und dass es ein Tripl- Negativ ist (eine Hormontherapie würde ihn nicht beeindrucken). Wie könnte ich.

Auf meine Frage hin, ob ein so gutes Ergebnis die Norm sei, meinte Frau Doktor, dass maximal 20 Prozent einen solchen Befund haben. Oftmals lacht sich der Tumor nur ins Fäustchen. Meiner hat nicht gelacht.

Trotz des Traumergebnisses blieb mir weder die Operation noch die Bestrahlung erspart, aber die Grundvoraussetzungen waren optimal und so konnte ich alles Kommende recht gelassen angehen.

Ich versuche, mit diesem Bericht Erlebtes zu verarbeiten. Nicht Betroffene werden ihn lesen,manche werden Mitgefühl äußern und es sogar haben und dann zur Tagesordnung übergehen. Aber vielleicht vermittele ich hiermit auch eine bleibende Nachdenklichkeit, dass das Leben Situationen bereit hält, die unüberwindbar scheinen, die man aber dennoch angehen muss. Manchmal ist es der Mut der Verzweiflung, der einem hilft. Ich selbst habe mir sehr viel Wissen angeeignet, jeden Erfahrungsbericht, viele Krebstagebücher habe ich gelesen. Damit kann man sich auch überfordern und inzwischen glaube ich zu erahnen, wie groß die Dosis sein darf. Denn zu viel Wissen kann die Angst auch schüren, aber den Kopf in den Sand stecken ist auch nicht besser.

Chemotherapie ist oftmals die einzige Alternative, der Strohhalm, an den man sich klammert. Keiner kann mir die Garantie geben, dass ich durch diese Behandlung geheilt wurde. Auch Langzeitschäden sind nicht ausgeschlossen, das Wissen darüber gilt noch als begrenzt. Natürlich sollte man Nutzen und Schaden gegeneinander abwägen. Sei's drum, für mich zählt der Augenblick. Dem Ausbreiten der Krebszellen wurde vorerst Einhalt geboten, vielleicht für immer. Es macht keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Morgen ist auch noch ein Tag und den werde ich erleben.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
manuelmama

manuelmama

09.11.2013 12:46

BH! LG Sabine

shoparella

shoparella

19.09.2013 23:11

Ich möchte mich Loewie mit ihrem Kommentar anschließen. Dein Bericht zeigt nicht nur von Stärke sondern ist sicherlich auch eine Hilfe für viele Betroffenen. Man darf so ein Thema nicht totschweigen, denn das macht es nur noch schlimmer Meine Tante hat dasselbe mitgemacht wie du, daher war ich von deinem Bericht auch ganz besonders berührt. Mich persönlich hast du wieder daran erinnert, dass jeder Tag zählt und wie dankbar man dafür sein muss wenn man einigermaßen gesund ist. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und viel Kraft (aber bei deinem Bericht habe ich das Gefühl dass du eine sehr starke Frau bist). Das BH ist selbstverständlich. LG und viele Gute Gedanken, Sophie

tommynews

tommynews

14.08.2013 15:12

Wie versprochen.

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