Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
tänzerisch und gesanglich auf ganzer Linie überzeugend, gelungene Choreografie, heiße Kostüme |
| Kontra: |
einzig die Rolle der "Mama" war nicht so gut besetzt wie im Film |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Die Flitterwochen liegen hinter uns – 19 Tage voller einmalig schöner Erlebnisse und Eindrücke (über das ein oder andere werde ich sicher schreiben). Von einem absoluten Highlight unserer Reise möchte ich als erstes berichten, nämlich vom Besuch des Musicals "Chicago" auf dem New Yorker Broadway. An unserem letzten Abend in New York kamen wir in den Genuss einer einfach nur genialen Inszenierung!
Wie geht’s zu Chicago in New York?
"Chicago" wird in New York im Ambassador Theatre, 215 West 49th Street (Nähe Times Square) auf dem berühmten Broadway aufgeführt. Tickets kauft man am besten vor Ort, weil man dann die Möglichkeit auf fantastische Schnäppchen hat. Mein Reiseführer wies bereits darauf hin, dass am sog. tkts-Stand (der am Times Square nicht zu übersehen ist) ab nachmittags um 15 Uhr die restlichen Karten für den gleichen Abenden zu stark reduzierten Preisen abgegeben werden. Also begaben wir uns bereits am ersten Nachmittag zum Ticketschalter, stellten uns brav an und fragten nach Karten für Chicago. Leider gab es aber nur noch Plätze mit eingeschränkter Sicht – und das für knapp 70 US-Dollar. Daher beschlossen wir, unser Glück an einem anderen Tag zu versuchen und kehrten dem Ticketschalter den Rücken zu. In dem Moment hörte ich hinter mir (bei dem Getümmel am Times Square eigentlich eine Unmöglichkeit, aber das Schicksal wollte es wohl so) jemanden "Chicago-Tickets 50 % off" rufen. Kurzerhand drehte ich mich um und sprach den Mann an, wie ich denn an vergünstigte Tickets käme. Er drückte mir dann einen Voucher in die Hand und versprach mir, dass ich damit im Vorverkauf am offiziellen Ticketschalter im Ambassador Theatre Karten zum halben Preis bekäme. Und tatsächlich gab es satte Rabatte: Wir bekamen für Dienstagabend, den 28. Juli, Karten für 76,50 Dollar (etwa 54 Euro), die laut Aushang über 130 Dollar kosten sollten.
Vorführungen gibt es zu folgenden Terminen:
Dienstag: 20 Uhr
Mittwoch: 14:30 und 20 Uhr
Donnerstag: 20 Uhr
Freitag: 20 Uhr
Samstag: 14:30 und 20 Uhr
Sonntag: 19 Uhr
Die Preise für die Tickets fangen bei etwa 64 Dollar an und gehen bis zu mehr als 140 Dollar. Aber wie gesagt: Wer am tkts-Stand kein Glück hat, sollte ein wenig über den Times Square schlendern und nach Leuten Ausschau halten, die das passende T-Shirt zum Musical tragen, dort gibt es dann ab und an Voucher, mit denen man Tickets vergünstigt bekommt. Ich habe an den folgenden Tagen jedenfalls auch noch andere Werbeaktionen auf dem Times Square gesehen.
Und wer ist dabei?
Die New Yorker Musicalstars kenne ich zugegebenermaßen nicht, sodass mir auch von unserer Besetzung sämtliche Darsteller unbekannt waren, obwohl die weibliche Hauptrolle – Samantha Harris – in New York am Broadway ziemlich offensiv gefeiert wurde. Der Vollständigkeit halber möchte ich die Besetzung des Abends aber nicht auslassen:
Velma Kelly – Amra-Faye Wright
Roxie Hart: Samantha Harris
Fred Casely – David Kent
Sergeant Fogarty – Adam Zotovich
Amos Hart – Tom Riis Farrell
Liz – Nicole Bridgewater
Annie – Dylis Croman
June – Donna Marie Asbury
Hunyak – Jill Nicklaus
Mona – Jennifer Dunne
"Mama" Morton – Roz Ryan
Billy Flynn – Brent Barrett
Mary Sunshine – R. Lowe
und andere
Dirigent: Leslie Stifelman
Choreografie: Ann Reinking (in the style of Bob Fosse)
Mehr Infos zum Musical unter www.chicagothemusical.com
Worum geht es eigentlich?
Vielleicht gibt es noch Leute, die den Oscar-gekrönten Film "Chicago" (den ich jedem hiermit ans Herz legen möchte) noch nicht gesehen haben, daher will ich zumindest kurz den Inhalt schildern:
Nachdem Roxie Hart ihren Liebhaber erschossen hat, kommt sie ins Gefängnis. Dort bestimmt die berühmt-berüchtigte Mörderin Velma Kelly den Knastalltag. Sie hat die Aufseherin Mama und den Staranwalt Billy Flynn um den Finger gewickelt. Doch dann läuft Roxie ihr den Rang ab. Velma ist vergessen, während Roxie sich im Rampenlicht sonnt. Als ihr Stern zu sinken beginnt, erklärt sie kurzerhand, sie sei schwanger und wird daraufhin wieder zum hellsten Stern am Chicagoer Gefängnishimmel.
Wie war es nun?
Eine halbe Stunde vor der Vorführung begaben wir uns zum Ambassador Theatre und entdeckten eine lange Menschenschlange vor der Tür, denn die Tore des Musicaltheaters waren noch geschlossen, sodass alle Besucher vor der Tür anstehen mussten. Glücklicherweise blieben wir an diesem Abend von einem Gewitter verschont, denn erst etwa zehn vor acht rückten die Menschen vor uns weiter, sodass wir uns langsam dem Ambassador Theatre nähern konnten. Dort wurden wir auch bereits an der Eingangstür von Platzanweisern empfangen, die einen bis an den Platz brachten – sehr praktisch! Auf dem Sitzplatz lag bereits ein kleines Programmheft bereit, in dem die Musicalbesetzung, Infos zu den Darstellern, eventuelle Wechsel der aktuellen Besetzung, Werbung für weitere Musicals und einige begleitende Artikel zu finden waren. Aus diesem Grund habe ich mir das offizielle Programm nicht mehr gekauft.
Dank des späten Einlasses begann die Vorstellung etwa zehn Minuten später, aber das störte an diesem Abend niemanden, denn die Vorfreude stieg dadurch nur noch weiter an! Bevor die Show los ging, trat eine der Tänzerinnen vor den Vorhang, begrüßte die Zuschauer und leutete damit den Chicago-Abend ein. Als sich der Vorhang lüftete, war ich zunächst etwas enttäuscht, denn den Großteil der Bühne nahm das kleine Orchester (bestehend aus Dirigent, drei Holzbläsern, zwei Trompetern, zwei Posaunen, einem Pianisten, einem Akkordeon-, einem Banjo- und einem Tubaspieler, einem Violinisten und einem Schlagzeuger) ein, das auf einem riesigen Podest saß. Für die Darsteller war lediglich etwas Platz an der Seite und natürlich vor dem Podest. Doch so viel vorweg: Alle Darsteller nutzten den vorhandenen Platz perfekt aus und brachten das Ambassador Theater wahrlich zum Kochen.
Für den fulminanten Auftakt sorgte Amra-Faye Wright in der Rolle der Velma Kelly mit dem bekannten "All that Jazz". Begleitet wurde sie nicht nur von dem hervorragenden Orchester, sondern auch von den sehr beweglichen Nebendarstellern. Die erste – sehr positive – Überraschung war für mich die Lautstärke der gesamten Aufführung, denn in Deutschland ist man manchmal durchaus geneigt, sich Ohrstöpsel mitzubringen, weil die Lautsprecher dermaßen aufgedreht sind, dass die Musik zum Lärm wird, nicht so am Broadway! Amra-Faye Wright sang (!) "All that Jazz" mit viel Ausdruck und ohne nur einmal zu laut zu werden. Deutsche Musicaldarsteller verfallen leider viel zu häufig in Geschrei oder "Geschräkel", wenn die Passagen hohe Tonlagen erreichen oder hohe Lautstärken erfordern, aber sämtliche Darsteller an diesem Dienstagabend schafften auch forte-Passagen ohne jegliches Geschrei. Für mich und mein Gehör war das eine sehr angenehme Überraschung und wunderbare Abwechslung, die mir zeigte, dass die Broadwaystars nicht nur tänzerisch deutlich mehr auf dem Kasten haben als die meisten deutschen Musicaldarsteller, sondern dass sie auch deutlich besser mit ihrer Stimme umgehen können und genau wissen, wann diese unangenehm wird. Das zeigte sich auch daran, dass man jedes Wort genau verstehen konnte, selbst wenn alle Darsteller zusammen sangen!
Die gesamte Aufführung fand mit diesem einen – praktisch nicht vorhandenen – Bühnenbild statt. Es gab keinerlei Kulisse, wenn man einmal von dem Podest für das Orchester und ein paar Stühlen absieht. Auch Kostümwechsel fanden kaum statt. Einzig Velma und Roxie trugen zwei verschiedene Outfits. Im Übrigen verdienen die heißen Outfits ohnehin eine eigene Erwähnung, denn kaum ein Outfit dürfte in den USA als jugendfrei gelten. Eine Tänzerin erschien im Stringtanga und einer Netzstrumpfhose darüber, eine andere trug lediglich knappe Unterwäsche, die nächste hatte eine knallenge Hose, einen schwarzen BH und eine durchsichtige und bis zum ultraflachen Bauch aufgeknöpfte Bluse an. Die Männer standen dem kaum etwas nach, denn jede Hose war so eng, dass man die knackigen Hintern der Tänzer genauso bewundern konnte wie ihre muskulösen Beine. So war das Musical nicht nur wegen der gekonnten Tänze eine absolute Augenweide!
"Chicago" beschränkt sich einzig auf Gesang und Tanz, und das ist in diesem Fall auch gut so. Die Songs sind dermaßen eingängig und der Musik der 20er-Jahre angepasst, und die Tanzeinlagen so perfekt durchchoreografiert, dass jegliche Kulisse nur stören würde. Sämtliche Darsteller überzeugten tänzerisch auf ganzer Linie. Mir ist es ein Rätsel, wie man sich zweieinhalb Stunden lang so verbiegen und so verdrehen kann, ohne dass die Stimme einmal ins Schwanken kommt – meine Hochachtung! Zwar waren die Bewegungen der Tänzer nicht immer hunertprozentig synchron, aber bei dem Tempo der Musik mag man das durchaus nachsehen. Ein besonderes Highlight war für mich die Vorstellung Billy Flynns, denn Brent Barrett nahm man die Rolle des rücksichtslosen, schleimigen und geldgierigen Anwalts in jeder Sekunde ab. Und im Gegensatz zu Richard Gere im Film konnte er erstklassig singen und sich auch durchaus bewegen. Während er auf der Bühne stand, umtanzten ihn die weiblichen Darsteller mit Federschmuck, den sie wie einen Kranz um den Staranwalt herumführten, während sie im Kreis weitertanzten. Schwer zu beschreiben, aber sicherlich noch deutlich schwieriger nachzutanzen!
Auch den dicklichen und tapsigen Tom Riis Farrell in der Rolle von Amos Hart, dem naiven und gehörten Ehemann Roxies, möchte ich erwähnen, denn sein "Mr. Cellophane" war einfach großartig. Da er sich nicht sonderlich gut bewegen kann, musste er dies mit seiner Stimme wettmaschen, aber nicht nur das: Auch Mimik und Ausdruck in der Stimme sorgten dafür, dass das Publikum anschließend in großen Jubel ausbrach, obwohl Farrell sich zuvor noch beklagt hatte, dass er unsichtbar ist.
Da wir vorne in der vierten Reihe saßen, konnten wir die Darsteller so gut sehen, dass ich selbst die angeklebten Wimpern der Tänzerinnen erkennen konnte. Was mich wirklich fasziniert hat, war der Gesichtsausdruck aller Darsteller in jeder Situation. Sehr viel Inhalt wurde nur durch die Mimik transportiert, ein Beispiel dafür ist "We both reached for the gun", das Lied, in dem Billy Flynn Roxie seine Verteidigungsstrategie erklärt und ihr erzählt, was sie auszusagen hat. Bei diesem Song saß Roxie wie eine Handpuppe auf Billys Schoß und er sang wie ein Bauchredner für sie. Zwar sah man seine Mundbewegungen, aber auch Roxie bewegte synchron dazu die Lippen und verzog so sehr das Gesicht, als würde sie genau das leben, was Billy Flynn ihr da in den Mund legte bzw. sang. Einfach faszinierend! Ebenso beeindruckend war R. Lowe in der Rolle der Mary Sunshine, denn hinter R. Lowe verbirgt sich eindeutig ein Mann. Das sah man auf der Bühne zwar erst auf den zweiten Blick, an der Stimme merkte man es aber bis zum Schluss nicht!
Zu "bemängeln" gibt es eigentlich nur eins: Und zwar konnte Roz Ryan als Mama leider nicht an die erstklassige Darstellung von Queen Latifah in der Chicago-Verfilmung heranreichen. Auch Roz Ryan bringt einen recht großen Resonanzkörper und ein entsprechendes Stimmvolumen mit, doch gefiel mir Queen Latifah in der Rolle der Mama noch etwas besser.
Die schönste Stadt in New York
"Chicago" war für mich der absolute Höhepunkt des gesamten New York-Aufenthaltes! Die Inszenierung konzentrierte sich neben den heißen Kostümen einzig auf die Musik und den Tanz – und genauso sollte es eigentlich auch sein. Die Darsteller überzeugten tänzerisch und gesanglich so sehr, dass gar keine Kulisse und auch kein Schnickschnack erforderlich waren, um von eventuellen gesanglichen Mängeln abzulenken. Für umgerechnet etwa 50 Euro haben wir eine geniale Aufführung erlebt, an die ich sicherlich noch viele Jahre zurückdenken werden und bei der definitiv der Funke übergesprungen ist. Selbst mein Mann – ein bekennender Musical-Muffel – fieberte mit, hatte hinterher die Chicago-Songs im Ohr und gab ungefragt zu, dass er absolut begeistert war. Wer die Chance hat, diese Aufführung auf dem Broadway zu erleben, sollte sich das definitiv nicht entgehen lassen. Am liebsten würde ich sechs Sterne verteilen!