Christentum

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Egotrip Christentum
Erfahrungsbericht von Pik7 über Christentum
29.04.2008


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Kompletter Erfahrungsbericht

Der Glaube an Gott läßt sich damit vergleichen, daß Eltern ihrem soeben eingeschulten Kind ein Auto zum Abitur versprechen, wenn es immer fleißig lernt, gute Zensuren nach Hause bringt, bei der Hausarbeit hilft und sich anständig benimmt. Das Kind weiß weder, was es mit einem Auto soll, noch bekommt es genaue Definitionen von fleißig, gut, helfen oder anständig - oder gar Unterstützung bei den Schulaufgaben. Belohnungen und Bestrafungen, ausdrückliche Bestätigung oder Tadel gibt es bis zum Tag X nicht. Das Kind muß darauf vertrauen, daß die Eltern Wort halten, daß es eines Tages herausfindet, was es mit einem Auto soll, und daß es mit seinen Bemühungen, alle Anforderungen zu erfüllen, richtig liegt. Wenn das Kind also nicht allein vom abstrakten Traum, eines Tages ein Auto zu besitzen, befeuert wird, frustriert die Angelegenheit mehr, als daß sie motiviert.

Das christliche Elterntum geht sogar noch so weit zu sagen, daß es ausreicht, wenn das Kind kurz vorm Abitur die Voraussetzungen erfüllt, in der stillen Hoffnung, daß es dennoch von Anfang an sich bemüht, weil das besser fürs Kind selbst wäre.

Und genau das ist die bisher in erstaunlichem Maße unbekannte Botschaft des Christentums:
Tu's für Dich und nur für Dich.

Während, wer sich mit dem Buddhismus beschäftigt, weiß, daß die Befreiung von Leidenschaften nicht nur ins Nirwana führen, sondern auch schon zu Lebzeiten Frucht tragen soll, wird die Befolgung der christlichen Lehre als Leben für Gott und Mitmenschen aufgefaßt, dessen Erfüllung erst nach dem Tode stattfindet.

Doch das Christentum ist in Wahrheit mit der Behauptung der Verfechter des Kapitalismus zu vergleichen, die besagt, daß das egoistische Gewinnstreben des Unternehmers automatisch und unabwendbar zu positiven Nebeneffekten führt, deren Nutznießer alle anderen (zumal Arbeitnehmer und Kunden) sind. Während ich den Wahrheitsgehalt dieser Aussage dahingestellt sein lassen will, nutze ich sie, das Bild vom Christentum vom Kopf auf die Füße zu stellen:
Nicht das Leben für Gott und Mitmenschen hat positive Effekte für einen selbst, sondern das Leben für sich selbst hat positive Effekte für Gott und Mitmenschen.

Parallel zum Buddhismus ist jedoch die richtige Einstellung hierbei entscheidend. Im Gegensatz zu Buddha lehrt Jesus aber, daß Leidenschaften nicht getötet, sondern befriedigt werden müssen. Doch die richtigen müssen es sein. Dummerweise sind wir größtenteils von den falschen erfüllt und die richtigen sind oft getrübt.

Richtig sind u.a.:
Barmherzigkeit (Hilfsbereitschaft und Freigiebigkeit)
Demut
Gerechtigkeit
Fleiß
Treue
Aufrichtigkeit
Selbst verleugnung

Neutral sind Bedürfnisse, wie:
Hunger
Durst
Schlaf
Geschlechtstrieb

Falsch sind:
Selbstaufgabe
Angst
Trotz
Pervertierung guter Leidenschaften
und das Streben nach Übermaß (auch Nebeneffekten) von neutralen und guten Leidenschaften, vor allem manifestiert in dem Streben nach den Mitteln zur Leidenschaftserfüllung

Daß erstgenannte Eigenschaften und Verhaltensweisen Leidenschaften sind und nur aufgrund ihrer Trübung oft nicht so erscheinen, läßt sich am einfachsten anhand der Hilfsbereitschaft erläutern:

Wer nicht Nein sagen kann, wenn er um etwas gebeten wird, fühlt sich ausgenutzt und hat das Gefühl, die eigenen Belange zu vernachlässigen - und wird dennoch dazu getrieben von der Angst vor Ablehnung und das mehr noch, als vom originären Bedürfnis zu helfen. In Wahrheit aber entspringt die Hilfsbereitschaft einer Leidenschaft, die durch Hilfeleistung befriedigt wird. Wenn man erkennt, daß man also zur Bedürfnisbefriedigung anderen hilft, wie man für sich selbst ißt, dann entfällt der schale Geschmack und allein der Genuß bleibt, der schon Belohnung der Tat ist und als Motivation nicht mehr Angst vor Ablehnung als Ausgleich für den Ärger über vorgeblich verschwendete Zeit oder verschwendete Chancen bedarf.
Außerdem gibt es noch eine psychologischen Nebenwirkung: Es fällt leichter, selbst um Hilfe zu bitten, wenn man Hilfeleistung nicht mehr als Belastung, sondern als Quell von Freude für den Helfenden ansieht. Wer so denkt, kommt nicht mehr darauf, nicht Nein sagen zu können; er will nicht mehr Nein sagen.

Allerdings gibt es Menschen, die gerne helfen und dennoch etwas falsch machen: Sie sehen die vertikale Distanz zum Hilfsbedürftigen. Hierbei gibt es zwei Arten von Helfern. Die einen kranken an Hochmut, die anderen an Angst, beide an Minderwertigkeitskomplexen.
Erstere sehen den Hilfsbedürftigen nicht nur im Minus, sondern sich selbst im Plus. Helfen zu können steigert ihr Selbstbewußtsein auf zwei Weisen: Sie beweisen, daß sie was können, und sehen, daß ein anderer es nicht kann. Sie können keine Hilfe annehmen, da sie davon ausgehen, daß ihr Helfer sich auch über sie erhebt, so wie sie sich über die erheben, denen sie helfen. Dieser Menschenschlag wird ausfällig gegenüber Helfern, deren Dienste sie annehmen müssen, denen sie aber nicht zurückzahlen können. Auf diese Weise kommen sie nicht aus dem Minus, können aber den Helfer zu sich runterreißen. Es gibt auch genug Menschen, die ganz ohne Not andere kleinmachen, um sich selbst größer zu fühlen.. Die leiden dann grundlos an Minderwertigkeitskomplexen.
Die andere Sorte Helfer, die die vertikale Distanz spürt, fühlt sich nicht erhoben, sondern sieht lediglich, wie tief unten der Hilfsbedürftige ist. Dieses Bild übertreibt sie dann maßlos. Sie kann in jedem das verlassene Vogeljunge sehen, daß dem Tode geweiht Hilfe von jedem annehmen muß, ob das nun klug ist oder nicht. Diesen Helfern mangelt es nicht nur an Selbstbewußtsein, sie haben fast keines. Deswegen werden sie immer anderen den Vortritt lassen, die sie für kompetent halten. Und das ist so gut wie jeder. Sind sie allerdings allein auf sich gestellt oder befinden sie sich in einer Situation, in der sie von ihrer Sachkenntnis überzeugt sind, stürmen sie bedenkenlos vorwärts. Wenn jemand ohne Erste-Hilfe-Kenntnisse Unfallopfern hilft ohne sich Sorgen darüber zu machen, alles nur noch schlimmer zu machen, dann sie. Hilfe können sie aber vor allem dann nicht annehmen, wenn sie sie am dringendsten brauchen. Dann wären sie selbst das hilflose Vogeljunge. Sie würden sich fühlen, als haben sie ihr eigenes Todesurteil unterzeichnet. Umso verzweifelter sie sind, umso mehr wollen sie es selbst schaffen. Und kann man sie dazu zwingen, Hilfe anzunehmen, werden sie so tun, als wollten sie dem Helfer einen Gefallen tun, als wäre die Hilfe aber unnötig, weswegen sie sich vollkommen unkooperativ verhalten. Sie rennen panisch davon und lassen den Helfer allein.
Diesen beiden Sorten von Helfern ist auch damit geholfen, ihre Leidenschaft der Hilfeleistung zu reinigen. Allerdings tragen sie keine materiellen Bedenken, sondern kranken an Hochmut als Überkompensation von Minderwertigkeitskomplexen, bzw. Angst aus Minderwertigkeitskomplexen. Minderwertigkeitskomplexe sind ein Übermaß an Demut. Beiden hilft es, wenn sie sich als Helfer dem Hilfsbedürftigen im Geiste unterordnen, oder sich zumindest auf selber Stufe mit ihm sehen. Ein Vogeljunges wächst irgendwann heran und kann für andere sorgen. Und wer sich nicht über den Hilfsbedürftigen erhoben sieht, der wird sich auch nicht vorstellen, daß ein Helfer sich über ihn erhebt.

Ich habe kein Problem damit, um Hilfe zu bitten oder angebotene Hilfe anzunehmen, weil ich selbst helfe, um mich gut zu fühlen - nicht, um mich nicht schlecht zu fühlen. Hingegen fällt es mir schwer, die Freigiebigkeit anderer anzunehmen, weil ich selbst knickerig bin. Ich will nichts hergeben, weil ich befürchte ausgenutzt zu werden, gebe aber doch, weil ich befürchte, bei anderer Gelegenheit selbst ausnutzen zu müssen.

Das aber ist ein Problem jeder Leidenschaft: Bedenken, die die Motivation mindern und dann durch negativen Antrieb kompensiert - ja fast immer sogar auf ungesundes Maß aufgebläht werden (durch Verdopplung der Bedürfnisse: das ursprüngliche plus das Bedürfnis nach Beruhigung der Angst, bzw. dem Ausleben des Trotzes).
Das können wir von skrupellosen Sündern lernen: Sie machen zwar das Falsche, das aber richtig: Bedenkenlos.

Ein weiteres Problem jeder guten und neutralen Leidenschaften ist das Übermaß - nicht die übermäßige Leidenschaft für etwas, was dem übermäßigen Bedürfnis nach ihrer Befriedigung gleichkommt, sondern das Bedürfnis nach Übermaß an sich, das einem Bedürfnis an Übermaß der Mittel oder der Nebeneffekte zur Befriedigung des eigentlichen Bedürfnisses gleichkommt.
Ein gutes Beispiel ist eine der sieben sogenannten Todsünden: Völlerei. Nicht der Hunger, noch nicht mal nur der Appetit wird gestillt, sondern das Bedürfnis nach Essen, dem Mittel zum Hungerstillen, bzw. dem guten Geschmack des Essens, einem Nebeneffekt.

Die schlechten Leidenschaften kennen kein Übermaß. Teils deswegen nicht, weil sie selbst schon ein Übermaß darstellen: Wer nach Geld strebt, strebt nach dem Mittel zur Lebenserhaltung, bzw. nach den Möglichkeiten, die Geld über die Lebenserhaltung hinaus bietet. Wer nach Bewunderung strebt, der strebt nach einem Nebeneffekt guter Leistung. Teils aber sind die schlechten Leidenschaften auch ungesunde Verstärker für Bedürfnisse (Angst, Trotz) und deswegen erst mit diesen lebensfähig, also uneigenständig, teils Pervertierungen guter Leidenschaften, wie etwa die Vergeltungssucht, die ein Abfallprodukt des Gerechtigkeitsempfindens ist, für gewöhnlich sich dann aber als Übermaß manifestiert, indem die Vergeltung in den Vordergrund rückt, die Gerechtigkeit hintanstehen muß.

Mit dieser Formel lassen sich die schlechten Leidenschaften erkennen: Sie sind abhängig von den guten und den neutralen.
Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit besteht darin, daß bei näherer Betrachtung der eigenen Gefühle jeder gern glücklich wäre, ohne auf die Befriedigung der schlechten Leidenschaften angewiesen zu sein, niemand aber die guten loswerden möchte, sondern lediglich deren Trübung, also die Bedenken und deren ungesunde (Über-)Kompensation.

Wer möchte nicht hilfsbereit und freigiebig sein, wenn er es nur ohne Bedenken und aus freiem Antrieb (also ohne Zwangsgefühle wie Angst vor Ablehnung) sein könnte?
Die neutralen Leidenschaften zeichnen sich demgegenüber dadurch aus, daß sie sich nicht abschaffen, sondern höchstens unterdrücken lassen, die meisten auch nur auf gewisse Zeit.

Am ehesten geht das mit dem Geschlechtstrieb. Und sowohl aus diesem Grunde, als auch deswegen, weil mancher gern glücklich wäre, ohne seinen Geschlechtstrieb zu befriedigen, scheint der nicht neutral, sondern schlecht zu sein. Aber erstens ist eine entsprechende Assoziation nur unbewußt (denn jeder dürfte gute und schlechte Leidenschaften danach einteilen, wie er ihnen gegenüber empfindet), zweitens ist ein Übermaß vorstellbar: Sex, das Mittel, als Zweck (Sex um des Sexes willen) oder nur/hauptsächlich um der Nebeneffekte willen, wie etwa zur Bestätigung der eigenen Attraktivität.
Aus dem Nebeneffektelement läßt sich jedoch auch ein Gegenargument basteln: Sex ist nicht nur Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, sondern auch der Fortpflanzung. Und es läßt sich vorstellen, Sex vorrangig als Mittel dafür einzusetzen. Das kann sich keiner als etwas Schlechtes vorstellen. Und wer das kann, dem kann man das alttestamentarische "Seid fruchtbar und mehret Euch" entgegenhalten, sowie das wissenschaftliche Argument, daß der Geschlechtstrieb nur ein Trick der Natur ist, uns zur Fortpflanzung zu bringen. Wenn der eigentliche Zweck also Fortpflanzung ist, ist die sexuelle Befriedigung nicht nur Nebenprodukt und Sex nur zur Erlangung ihrer nicht das Übermaß?
Nein. Denn Hunger und Durst sind nur ein Trick der Natur, uns zur Aufnahme von Nährstoffen zu bewegen, woraus folgen würde, daß jemand, der nur zur Stillung dieser Triebe sich ernährt, schon sündigen würde - und wer aber ißt und trinkt, obwohl er der Nährstoffe bereits ausreichend zu sich genommen hat, nicht, weil er dem Zweck weiter dient. Schließlich hat die Natur für die meisten Nährstoffe eine Speicherung im Körper vorgesehen.

Daraus folgt: Was sich die Natur gedacht hat, ist egal. Nur, was wir uns denken, ist wichtig. Befriedige Deine Leidenschaften um ihrer selbst willen, nimm die Nebenwirkungen mit und erfreue Dich ihrer, wie des Geschmacks von Essen; Du kannst auch den natürlichen Zweck im Hinterkopf behalten und Dich gesund ernähren oder Dir ein Kind wünschen; doch erhebe die Mittel, die Nebeneffekte und die natürlichen Zwecke nicht zu Deinem Ziel. Das Ziel einer jeden Leidenschaft soll deren Befriedigung sein.

Doch ist Sex nicht nur aufgrund seiner schwierig zu erkennenden Einordnung ins System von Leidenschaft, Mittel, Befriedigung und Übermaß ein Quell von Unsicherheit und Mißtrauen, sondern wegen seiner mannigfaltigen Nebeneffekte und Verwicklungen, die vor allem dadurch entstehen, daß man nicht allein ist. Das ist man zwar beim Ausleben der meisten guten Leidenschaften auch nicht, aber dort sind beteiligte Mitmenschen nicht auf gleicher Ebene: Der eine ist passiv, der andere aktiv.
Die Verwirrung diesbezüglich führt als erstes dazu, daß aufgrund des Drangs zur Gleichmacherei der Geschlechtstrieb wie die anderen Bedürfnisse gestellt wird, was eine Ungleichheit zwischen den Beteiligten fordert (die man sowieso ignorieren sollte): Geber und Nehmer (in Anlehnung an die guten Leidenschaften), bzw. Bevorteilter und Benachteiligter (in Anlehnung an die schlechten Leidenschaften, bzw. die Trübung der guten), bzw. Aktiver und Passiver. Da Heterosexualität überwiegt, kann man anhand der Geschlechter auch gleich noch festlegen, welches Geschlecht gibt, welches nimmt: Frau gibt, Mann nimmt. Diese verdrehte Einstellung führt dazu, daß wie bei der falschen Einstellung zur Hilfeleistung der eine sich ausgenutzt, der andere sich verpflichtet fühlen kann. Und mal ehrlich, wer hat nicht zumindest das Gefühl (was anderslautender Erkenntnis mit erstaunlicher Zähigkeit standhalten kann), daß der Mann mehr vom Sex hat als die Frau? Insbesondere, wenn man nicht an fortgesetzte Zusammenkünfte denkt, sondern an die verdichtete Form: Den One-Night-Stand. Verdichtet, stärker ist hier auch das Gefühl, daß der Mann bei Abwägung der Interessen besser weggekommen ist. Wie auch immer die Interessen lauten mögen, in Wahrheit geht es ausschließlich um die Befriedigung des Geschlechtstriebs. Und da die Beteiligten nur ihrem Geschlechtstrieb folgen sollen, sind sie auch jeder allein verantwortlich für dessen Befriedigung und nur dafür. Denn auch das tun sie für sich selbst. Und selbst wenn der eine mehr davon hat, als der andere, weil sein Geschlechtstrieb größer ist, so ist die Befriedigung absolut zu betrachten, weswegen beide gleiches erhalten.

Aber da sind noch weitere Nebeneffekte außer der Vermehrung: Sex kann Verbundenheit herstellen. Des weiteren läßt sich beim Sex das Verhalten im normalen Leben ausgleichen: Wer die ganze Zeit Kontrolle zu haben gewohnt ist, verliert sie beim Sex gerne - oder gibt sie ab. Auch andere, gefährliche Bedürfnisse lassen sich einbeziehen: Gewalt sei genannt.
Und das ist in Ordnung, so lange alles Nebensache bleibt bei der schönsten Nebensache der Welt, außer der Triebbefriedigung - und Sex nicht zum Mittel zur Erreichung von Zielen mißbraucht wird, die nichts mit der Leidenschaft zu tun haben. Art und Umfang des Sexes aber spielen keine Rolle.

Doch auch jetzt bleibt noch ein Zweifel übrig: Der Geschlechtstrieb kann sich so weit in den Vordergrund drängen, daß er andere Bedürfnisse verdrängt, sogar solche, die der Erhaltung des eigenen Lebens dienen. Das ist nicht gesund, dient nicht den Interessen des Menschen und kann daher nicht richtig sein. Also muß was mit der Leidenschaft, die dahintersteht, verkehrt sein.
Falsch. Auch diese Befürchtung geht von dem Gedanken aus, daß Bedürfnisse einen über ihre Befriedigung hinausgehenden Zweck haben, der relevant wäre. Doch die Befriedigung ist allein das Ziel, die daraus folgende Freude die Belohnung. Wenn ein Bedürfnis sich in den Vordergrund drängen kann - und auch wenn es immer dasselbe ist -, so verspricht seine Befriedigung die größte Freude. Und solange die anderen Bedürfnisse sich wieder melden, ist alles bestens.

Doch erst mal genug von Sex, jetzt geht es weiter mit Crime: Wer über das Christentum nachdenkt, kommt an den Kirchen nicht vorbei. Und die haben sich der fast vollständigen Verkennung der Lehre Jesu schuldig gemacht. Dort liegt des Pudels Kern. Die Verfehlungen, auf denen so gerne rumgetrampelt wird, wie die Kreuzzüge, die gewaltsamen Missionierungen oder die Einmischung ins tägliche Leben sind nur Symptome. Die Krankheit ist Mißinterpretation, ausgelöst unter anderem vom kalten Hauch der Rechthaberei, der aus dem Versuch weht, wie Jesus zu sein (was an sich erstrebenswert ist). Wer aber wie Jesus ist, der hat auch recht. Um diese Anfechtung in Grenzen zu halten, muß jeder und gerade, wer sich zur Interpretation der Lehre Jesu berufen fühlt, sich in ständiger Demut üben. Sie sollte vor alles andere gestellt werden und jeden Gedanken begleiten.
Ich gebe zu, daß auch ich mich an der Rechthaberei angesteckt habe, ohne die heilende Wirkung der Demut zu spüren. Dennoch hoffe ich recht zu haben.

Die katholische Kirche predigt, daß Taten über Erlösung oder Verdammung entscheiden, die protestantische, daß es allein der Glaube ist (sola fide). Beide haben oberflächlich betrachtet recht, den Kern treffen sie jedoch nicht. Der Glaube ist lediglich die Eintrittskarte zur, die Taten nur Ausfluß der Erlösung bereits zu Lebzeiten: Der richtigen Einstellung. Die guten Leidenschaften müssen von ihren Trübungen befreit, die schlechten nicht unterdrückt, sondern getötet und die neutralen vor Übermaß geschützt werden.

Insofern hat sich die katholische Kirche verdient gemacht, als daß sie Übermaß und Pervertierung der guten und neutralen Leidenschaften erläutert: Die sieben Hauptlaster. Dummerweise hält sie diese für gleichbedeutend mit dem Problem, obwohl sie nur Symptome sind - und das auch noch für ganz unterschiedliche Aspekte der Krankheit:

Völlerei: Leidenschaft fürs Essen und Trinken, den Mitteln zum Hunger- und Durststillen
Wollust: Sex als Zweck oder als Mittel in erster Linie für Dinge außerhalb der Befriedigung des Geschlechtstriebs
Habsucht/Geiz: Das Streben nach irdischen Gütern, Nebenprodukte von Fleiß und Mittel zum Selbsterhalt oder Ausfluß der Bedenken gegenüber der Barmherzigkeit
Zorn: Abfallprodukt der Verkehrung von Demut zu Trotz, übersteigertes Gerechtigkeitsgefühl oder ausgelöst durch Bedenken gegenüber der Vergebung
Neid: Pervertiertes Gerechtigkeitsempfinden
Trägheit: Resultat der Selbstaufgabe oder der Leidenschaftslosigkeit(!)
Hochmut/Stolz: Streben nach oder Ergebnis von Bewunderung (auch der Selbstbewunderung), einem Nebeneffekt von Leistung, oder Verkehrung von Demut oder Überkompensation der Angst vor mangelnder Bewunderung

Meine Laster sind: Geiz, Zorn, Trägheit und Hochmut.

Luther hinwiederum hat dadurch Verdienst erworben, daß er mit "sola scriptura" (allein die Schrift) klargestellt hat, daß für die Auslegung der Bibel ausschließlich die Bibel herangezogen werden darf. Hierbei vermeidet er sämtliche möglichen Fehler: Er fordert nicht den Buchstabenglauben, sondern die Erkenntnis der Botschaft, das Wort Gottes. Auslegungsversuche anhand anderer Bezüge bringen den Menschen ein, einen unendlichen Quell von Fehlern, der schon ausreichend dadurch einfließt, daß das Wort Gottes von Menschen niedergeschrieben wurde.
Doch auch die selbstherrliche Neufassung des Neuen Testaments durch Kaiser Konstantin (die dann auch noch verloren ging) und Übersetzungen (auch die von Luther) können die Botschaft nur verwässern, nicht auslöschen. Die Verwässerung verlangt allerdings eine gewisse Anstrengung, um den Kern zu erkennen. Luther nimmt richtigerweise an, daß es hierzu der Gnade Gottes bedarf. Fälschlicherweise jedoch geht er davon aus, daß das ein Ausschlußgrund wäre, was daraus folgt, daß angeblich nicht jedem diese Gnade zuteil würde. Recht hat Calvin, denn die Gnade Gottes wird jedem zuteil, man muß sie nur annehmen.
Während der Leitspruch "sola scriptura" stets im Hinterkopf bei der Auslegung der Bibel behalten werden sollte, um zu vermeiden, daß man aus einem Beispiel ein falsches Prinzip ableitet, aus einem Prinzip ein falsches Beispiel ableitet oder Verbindungen knüpft, die nicht da sind, darf er nicht davon abhalten, die Botschaft vor den Ausdruck zu setzen.
Jesus redete in Gleichnissen. Er verwendete dazu Bilder. Doch die hat er nicht erfunden. Er hat Bilder benutzt, die in den Köpfen seiner Zuhörer bereits vorhanden waren, hat Details hervorgehoben, einen Zusammenhang hergestellt und auf diese Weise einen Film produziert, der ohne weiteres in den Köpfen der Zuhörer ablaufen konnte, weil das Material von dort stammte.
Und heute versucht die protestantische Kirche, genau wie die katholische, dieselben Filme abzuspulen, ohne Rücksicht darauf, daß die Bilder zumindest hierzulande und heutzutage nicht mehr ganz selbstverständlich in den Köpfen der Zuhörer vorhanden sind. Und wie bei einem Film Noir bedarf es dann einer nachgeschalteten Erklärung für den unbedarften Zuschauer. Doch während ein Kunstfilm auch gar nicht für jeden geeignet sein soll, ist das Wort Gottes für alle da. Und das individuell. Wer sich als Bote Gottes nicht traut, aus Bildern in den Köpfen heutiger Menschen Filme mit denselben Botschaften zu kreieren, die Jesus verbreitete, mag demütig sein und vielleicht auch berufen. Aber er ist nicht auserwählt. Doch fast jeder darf mitmachen, weil die Kirchen den Satz "Betet, daß Gott Arbeiter in seine Ernte schicke" als Aufforderung an sie mißverstehen.

Ein weiterer Fehler beider Kirchen ist die Verteufelung von Leidenschaften, Verhaltensweisen, ja sogar der ganzen Menschheit. Und verteufeln ist wörtlich gemeint. Erst durch die Bedenken erhält Neutrales und sogar Gutes einen faden Beigeschmack. Allein der Glaube, der Teufel könne irgendwo drinstecken, lädt den Teufel dort ein, wo er sonst keinen Einlaß findet.
Und auch ich verteufele. Darum (und um der Demut willen) beschränke ich mich auf: Befreie Dich von Angst und Trotz, fülle Dein Herz mit Vertrauen und Freude, dann erkennst Du selbst, was schlecht ist: Was dann Deiner Freude nicht dient oder sie trüben kann. Und ich bin mir sicher, daß Übermaß und Pervertierung von Leidenschaften, wie ich sie definiert habe, also etwa Streben nach Geld oder Rachegelüste, dort ins Schwarze treffen. Wirf die Bedenken über Bord, daß Deine (für gewöhnlich materiellen) Interessen in den Hintergrund rücken könnten, wenn du Deinen guten Leidenschaften Ausdruck verleihst.

Doch weiter mit dem Protestantismus: Im Gegensatz zum Katholizismus, der gewachsen ist und dabei Wucherungen getrieben hat, die den Blick auf den Kern verstellen, ist der Protestantismus aus recht unterschiedlichen Ansätzen zusammengewachsen, die im Wesentlichen nur die Gegnerschaft zum Katholizismus gemein haben.

Luther beispielsweise soll seinen Leidenschaften gefrönt haben, was richtig war (auch wenn er vermutlich übertrieben hat), doch hat er den Dienst am Mitmenschen in den Vordergrund gerückt, was ihn zu der Aussage verleitete, daß Mönche Egozentriker seien, weil sie nur für sich leben, was er für falsch hielt. Doch hier irrt er, weil jeder nur seine eigene Seele erretten soll, wenn er nicht zum Prediger auserwählt ist.
Auch kannte er nicht alle Leidenschaften, wie etwa die zur Leistung nicht, sondern nur seine eigenen, was ihn einen guten Christen sein läßt, jedoch einen schlechten Lehrmeister aus ihm macht.

Zwingli war zwar ein Verfechter der Idee, daß die Religion für den Menschen gemacht ist (was ihn dann Religion als Lebenspraxis festschreiben ließ), nicht umgekehrt (was ihn hölzerne Heiligenbilder als Feuerholz verwenden ließ), aber er war auch gegen Freude.

Noch schlimmer war aber Calvin, der Leidenschaftslosigkeit forderte, was durch Selbstdisziplin ermöglicht werden soll. Als Ersatz wollte er die Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge. Da wird man eine Sache los, und soll sie dann sogleich durch eine andere ersetzen. Wozu soll das gut sein? Calvin kannte die Leidenschaft zur Arbeit und das Bedürfnis zu helfen nicht. Er hielt beides für äußere Zwänge. Und er dachte wohl, daß die Leidenschaften als innere Zwänge eine Fremdbestimmung sind, während die äußeren Zwänge durch willentliche Umwandlung in innere soviel Eigeninitiative aufweisen, daß so Selbstbestimmung erreicht werden kann.
Doch was in uns ist, ob wir wollen oder nicht, gehört zu unserem Selbst, ob wir wollen oder nicht. Und wenn unser Selbst unser Selbst bestimmt, dann ist das Selbstbestimmung. Dem können gern noch äußere Zwänge als zu inneren umgewandelte hinzugefügt werden, aber wieso von außen nehmen, was in uns bereits angelegt ist?
Und dann hielt er auch noch Angst und Trauer für fruchtbar, besonders die, die Hilflosigkeit und Elend in uns hervorrufen, weil die auf die Gnade Gottes hoffen lassen. In Wirklichkeit ist aber die Überwindung von Angst und Trauer produktiv. Hilflosigkeit und Elend helfen sich dessen bewußt zu werden, daß man sich selbst helfen muß. Und nur Gott ist bereit einen zu unterstützen ohne sich einzumischen. Und so ist es Vertrauen, das einen zu Gott führt und Freude, die einen bei Gott hält.

Wie aber kann es zu einer derartigen Fehleinschätzung durch Calvin und Zwingli kommen? Wieder nur ein Symptom der Krankheit Fehldeutung der Bibel: Jesus sagt, daß der Weg ins Himmelreich nur durch Selbstverleugnung zu finden ist. Wäre damit die Verleugnung der Leidenschaften gemeint, würde deren Ersetzung durch Selbstzwänge auch nicht weiterhelfen. Die bildeten dann das Selbst. Ersatzlos befreien kann man sich nur von den Bedenken, seinen eigenen Interessen zu schaden, wenn man gottgefällig lebt. Und das macht man am besten, indem man sich gleich von seinen Interessen befreit. Muß aber nicht sein.

Die beste geistige Vorbereitung darauf, Gott in sein Leben zu lassen, ist dennoch die Erkenntnis, daß nichts eine Bedeutung hat, es sei denn, wir geben ihm eine. Und wenn wir Bedeutung verleihen können, dann können wir Bedeutung auch wegnehmen. Und darum geht es im Christentum: Den Dingen Bedeutung zu verleihen, die Freude bereiten, und denen Bedeutung zu nehmen, die Leid bereiten. Da man bisweilen aber nicht weiß, welches Ding was tut - insbesondere weil es eine Menge Dinge gibt -, gibt es Hilfestellung in der Bibel. Außerdem sind die Dinge miteinander verbunden und es bedarf einer Anleitung zur Trennung, bzw. Umwandlung.

So kann Überwindung von Leid große Freude bereiten, obwohl man einfach nur in den Normalzustand zurückgekehrt ist, der ohne vorangegangenes Leid gar nichts hervorruft.
Wer schon mal mit einem schweren Rucksack eine gewisse Strecke zurückgelegt hat mit der Aussicht, diese Last noch weiter tragen zu müssen, und sie dann überraschend los wird und den Rest der Strecke ohne sie zurücklegen kann, der weiß, wie leicht man sich dann auf einmal fühlt, viel leichter, als wenn man die Last nie gehabt hätte.
So ist es auch mit der Vergebung. Zunächst belastet man sich mit den Konsequenzen der Versündigung eines anderen an einem selbst, trägt diese Last mit sich herum, ohne daß ein Ende abzusehen wäre, und nur die Hoffnung bleibt, daß man sich an die Last gewöhnt, so daß sie nicht mehr so schwer zu wiegen scheint. Doch, wenn man sie statt dessen abwirft, fühlt man sich frei und beschwingt. Und das spürt man auch körperlich. Das kann so weit gehen, daß das Atmen weich und süß wird.
Was also hält einen ab? Nicht nur die psychische, vielleicht sogar seelische Verletzung an sich, die im Gegensatz zu den meisten körperlichen nicht von selbst verheilt, sondern höchstens vernarbt. Entweder bedarf es eines weiteren äußerlichen Aktes - oder aber (und da braucht es kein Glück oder Bemühungen eines anderen) der inneren Anstrengung. Dafür aber muß man wissen, was man tut.
Denn auch der Irrglaube, die Vergebung brächte nur dem Sünder was (so wie der Irrglaube, die Hilfeleistung brächte nur dessen Empfänger was), behindert: Der Sünder bekommt eine zweite Chance und behält den Vorteil, den er aus der Sünde gezogen hat. Man selbst bleibt auf dem Nachteil sitzen und erhält keinen Ausgleich. Statt dessen geht man sich und ihm auf die Nerven mit Vorbehalten. Aber auch und besonders dann, wenn der Sünder nichts von der zweiten Chance hat, weil er nichts weiter mit einem zu tun hat, hält man an seiner Verletzung fest, weil man dann keinen Sinn in der Vergebung sieht, schließlich steht die Verletzung nicht im Wege beim Umgang mit ihm.
Sowohl die Entscheidung zu vergeben, als auch die nicht zu vergeben werden von Vorteils-Nachteils-Denken bestimmt. Doch in Wahrheit hat der Sünder nichts von der Vergebung. Im schlechtesten Falle wird ihm gar die Möglichkeit genommen aus seiner Verfehlung zu lernen (so wie der Hilfeempfänger eventuell nicht lernt, sich selbst zu helfen). Materiell mag der Vorteil auf Seiten des Sünders liegen. Geistig und emotional liegt er auf der Seite des Vergebenden. Seine Erleichterung ist größer. Er lernt. Und er durchtrennt die vielleicht einzige Verbindung zum Sünder: Wer auf Ausgleich hofft, der kann ihn doch nur von dem erwarten, der aufgrund seines Fehlverhaltens die Pflicht dazu hätte. Und das gilt ganz besonders dann, wenn die Verletzung nicht objektiv, sondern subjektiv schwer war, dann nämlich, wenn sie von jemandem stammt, dem man sich vorher schon verbunden fühlte, jemandem, den man gar liebt, der also auch unabhängig davon, daß er die Verletzung verursacht hat, für einen dasein sollte. Wer das noch nicht erlebt hat, aber schon mal gesehen hat, wie ein Kind sich um Trost an seine Mutter drängt, die es gerade erst geschlagen hat, weiß dennoch was ich meine.
Und so tust Du Dir selbst etwas Gutes, erleichterst Dich, wenn Du vergibst, statt Ausgleich zu verlangen, indem Du Deine Last über Bord wirfst, statt sie also zu behalten und dafür zusätzlich noch was anderes kriegst.
Die Überwindung von Nachteilen kann einem oftmals größeren Vorteil bringen als die Ausnutzung von Vorteilen, weil man die Notwendigkeit eher einsieht. Etwas gut zu machen hat nicht die gleiche Befriedigung, wie etwas besser zu machen.

Doch (wieder) zurück zum Protestantismus. Die Idee des "sola gratia" (allein durch Gnade Gottes) trieb ja schon bei Luther seltsame Blüten, doch Calvin schoß den Vogel ab. Er hat zwar wie gesagt recht damit, daß jeder die Gnade Gottes erhalten kann, denn sie ist kein knappes Gut, man muß nur zugreifen, aber er startete vom selben falschen Ausgangspunkt wie Luther, um von dort dann auch noch falsch abzubiegen: Er glaubte auch, daß die Gnade schon im Vorhinein verteilt wäre, man aber noch was abbekommen kann, wenn man mit Glauben gesegnet wurde. Letztendlich bedeutet das nur, daß der eine sich nicht anstrengen muß, der andere schon, der dritte gleich aufgeben kann (weil ihm noch nicht mal Glauben vergönnt ist). Praktisch allerdings folgt daraus, daß man aufgrund mangelnder Kenntnis über die Verteilung der Gnade generell sich strebend bemühen muß, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn man könnte ja auch zur zweiten Gruppe gehören.
Und anstelle einzelner guter Taten oder Buße wie im Katholizismus sieht Calvin die Aufgabe in einer Fortschreibung, der Annahme einer Verhaltensweise also. Das geht in die richtige Richtung. Doch wählte er hierfür statt einer Leidenschaft oder der aus der Befriedigung folgenden Freude eine Tätigkeit aus (also ein Mittel), die einem selbst am meisten bringt (zumindest bringen soll): Arbeit. Und da Arbeit einen Gegenwert hat, läßt sich der Erfolg der Arbeit anhand des Gegenwertes bemessen. Und der Gegenwert läßt sich auch gleich noch als Bemessungsgrundlage für die Gnade, die Gott einem zuteil werden läßt, heranziehen. Denn durch Arbeit soll man frei werden. Und wer viel gute Arbeit leistet, verdient viel gutes Geld. Und wer viel gute Arbeit leistet, verdient sich Gottes Gnade. Da ist die Parallele. Du siehst, man kann die Parallele zum Kapitalismus auch andersrum ziehen.
Falschrum. Denn, auch wenn Calvin richtig damit lag, daß ein Unternehmer seinem Interesse folgen und sich an seinem Werk erfreuen soll, ohne jedoch sich an seinem Reichtum zu erfreuen, definierte er Interessen, Motivation und Ergebnis falsch. Er war auf dem richtigen Weg, ist aber leider nicht angekommen.
Das Interesse liegt allein in der Erfüllung der Leidenschaft und der daraus folgenden Freude. Die Leidenschaft ist etwas zu erschaffen (wäre Marx nicht so spät geboren worden, hätte Calvin vielleicht was lernen können) oder einfach nur etwas zu leisten. Das Ergebnis ist die Erfüllung dieser Leidenschaft. Und darin liegt der Lohn. Eines Gegenwertes bedarf es nicht, der ist bloß Nebenprodukt. Und dieses Nebenprodukt ist auch gleichzeitig Mittel zum Lebensunterhalt. Aus dem Nebenprodukt mehr zu machen - und wenn es nur zu einem Symbol wird - bedeutet, ein Streben danach zu erwecken, auch wenn nur die Erlangung Freude hervorrufen darf, nicht der Besitz. Die Erlangung eines Nebenproduktes darf auch Freude hervorrufen, doch nicht mehr als die Erfüllung der Leidenschaft, denn sonst wird das Streben nach dem Nebenprodukt zur Leidenschaft, die der ursprünglichen, reineren das Wasser abgräbt. Man endet schließlich noch damit, das Geld nicht mehr nur zum Lebensunterhalt und zur Effizienzsteigerung für das Erschaffen von Werken und Erbringen von Leistungen einzusetzen, sondern unmittelbar zur Geldvermehrung, denn als Gegenwert zur Leistung erhält es nach dieser Einstellung eigenständige Bedeutung. Die katholische Kirche hatte schon recht damit, dem Christenmenschen Zinsgeschäfte zu verbieten.
Außerdem führt der Scheuklappenblick auf nur eine Leidenschaft - das Arbeiten - dazu, andere Leidenschaften zu vernachlässigen. So wird alsbald einen der vielen Wege zur Glückseligkeit zur Glückseligkeit selbst. Soll heißen, es wird genügen, seine Arbeit anständig zu machen. Der Weg wird zum Ziel. Und das ist nur im Sinnspruch gut. Denn das Mittel ist nicht der Zweck.
In Wahrheit hat es einfach der eine leichter, der andere schwerer, die Gnade Gottes zu erlangen. Was wäre der Freie Willen, wenn jeder vom selben Punkt aus starten würde? Das Zeichen, wie weit man bei der Annahme der Gnade Gottes ist, ist Freude und die Gewißheit, auf dem rechten Weg zu sein. Äußere Zeichen gibt es nicht - schon gar keine, die sich messen ließen.

Während Calvin durch seine Lehre von der Vorherbestimmung durch Gnade den Grund in der ungleichen Verteilung der Güter sah, machen andere die Sünde dafür verantwortlich (derjenigen, die wenig haben). Dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen. Allein, daß es jemanden schert, wer wieviel materielles Gut hat, zeigt, daß er vielleicht erhellt, aber nicht erleuchtet ist. Interessant ist allein die Frage, wieso der eine sich durch seiner Hände Arbeit ernähren kann, der andere nicht. Und so wird das Pferd richtig aufgezäumt: Es liegt an der ungleichen Verteilung der Güter. Und die sind ungleich verteilt, weil durch den Freien Willen die Möglichkeit besteht, die falsche Einstellung anzunehmen und dem Übermaß zu frönen. Und so, wie das Ausleben der guten Leidenschaften automatisch gute Nebeneffekte für andere hat, hat das der schlechten zwar in erster Linie schlechte Auswirkungen auf einen selbst, doch andere müssen unter den Nebeneffekten leiden: Wer etwa viel Geld haben will, nimmt es anderen weg.

Wenn nun aber neutrale Leidenschaften ein Übermaß haben, so scheint es doch geboten, zur Sicherheit deren Befriedigung oder sie selbst so weit einzuschränken, daß Übermaß auf jeden Fall vermieden wird. Das ist richtig. Vor allem aber ziehen Leidenschaften Energie und fordern Zeit. Und ein jeder hat nur ein gewisses Maß davon. Wenn er also die neutralen Leidenschaften deckelt, bleiben mehr Zeit und Energie für die guten übrig. Während die Befriedigung der guten und neutralen Leidenschaften einem selbst vorübergehend Freude bringen (um die es geht: strebe nach dem scheinbar Vergänglichen), bringen die nur die guten auch anderen Freude, vor allem aber Vorteile, an denen die sich langfristig erfreuen können. Und darüber kannst Du Dich freuen. Und über Deine Freude könne die sich freuen, worüber Du Dich freuen kannst. Und so geht das unendlich weiter. Hört sich komisch an, ist aber so. Sich über anderer Leute Glück zu freuen ist nicht nur die reinste Freude, sondern auch ohne eigene Anstrengung immer und überall zu haben.

Da Freude das Ziel ist, ein Ziel, das sich selbst zu erhalten in der Lage ist, so daß Freude, der angestrebte Zustand, zum Dauerzustand wird, so wird die Erfüllung der guten Leidenschaften in der Ausführung zum Selbstzweck und damit ohne Nutzen für einen selbst. Übrig bleibt der Nutzen für andere. Doch die Handlungsweise entspricht dabei nicht einem hohlen Abarbeiten von Gewohnheiten, sondern das Ziel wird zum Weg: Die Freude wird zur Triebkraft.
Ich erläutere das anhand einer Parallele bei den neutralen Leidenschaften: Wenn ich langanhaltend fröhlich bin (etwa glücklich verliebt), steigt mein Appetit, nicht der Appetit auf etwas Besonderes, sondern der allgemeine Appetit, der ein Bestandteil des Hungers ist. Es wächst also mein Hunger. Ich esse mehr, und das Essen schmeckt besser. Doch die Freude über die Befriedigung meines Bedürfnisses geht in der bereits vorhandenen Freude auf, sie kann sie nicht steigern. Auch spüre ich den Hunger nicht, sondern nur die Freude. Und die bringt mich zum Essen. Natürlich geht der Hunger nicht unter und würde sich alleine und pur melden, wenn ich lange genug faste.
Doch genauso würden sich auch die guten Leidenschaften melden, wenn ich sie vernachlässigte, obwohl sie nicht überlebensnotwendig sind. Solange ich aber mich von der Freude angetrieben meinen Leidenschaften hingebe, wird die Freude allein schon ausreichen mich zu motivieren.

Da es diesen Zustand gibt, so ist der Egotrip nur der erste Schritt. Allerdings der erste Schritt, den nur Auserwählte überspringen können, so daß es von Wichtigkeit ist, den ersten Schritt bekannt zu machen, da er so viel leichter ist, als sich als ersten Schritt zu zwingen gleich den zweiten zu machen.
Das ist nur dann ratsam, wenn einem die tiefere Einsicht fehlt. Dann soll man behandelt werden wie ein Schulkind, dem im Unterricht nützliche "Lügen" erzählt werden. Lügen, die nur einen Teil der Wahrheit preisgeben, die als Tatsachenwissen oder Ergebnis eines Denkprozesses stehen, aber über diesen keine Auskunft geben.
So ist es bisher jedem selbst überlassen herauszufinden, daß erstens mehr hinter den Dingen steckt, die Botschaft tiefer geht als die Worte, wenn er denn zweitens, nachdem er herausgefunden hat, daß man ihn bevormundet und nicht ernstnimmt, das überhaupt noch will.

Spätestens seit der Aufklärung ist vernünftig denkenden Erwachsenen eine derartige Behandlung unzumutbar. Es dient deren Interessen mehr, wenn ihnen gleich die Wahrheit offenbart wird, statt sie mit einem scheinbar natürlichen Interessen zuwiderlaufenden schwer verständlichen Maßnahmenkatalog zu bevormunden und genau dadurch von einer willensgetragenen Entscheidung abzuhalten.

Religion ist was für Erwachsene. Kindern kann man Befehle erteilen und Leitsätze aufzwingen. Doch der Erwachsene muß die Idee verstehen, von der sich der Grundsatz für die Leitsätze ableitet. Denn letztendlich ist man der Idee verpflichtet. Und das fordert oft genug, vom Grundsatz abzuweichen, um dem Sinn zu dienen.
Wie das Arbeiten mit bloßen Leitsätzen ohne Kenntnis des Grundsatzes schiefgehen kann, zeigt eine Anekdote aus meiner Kindheit: Es war mir das übliche Verbot mitgegeben worden, mit Fremden zu sprechen. Ich lernte Freunde von Freunden kennen und wurde in deren Wohnung eingeladen. Dort spielte ich stundenlang - bis mich der Vater ansprach und nach meinem Namen fragte. Ich verweigerte die Antwort, denn er war mir fremd. Doch der Vater fragte freundlich ein weiteres Mal. Erschreckt rannte ich heulend nach Hause. Meine Eltern amüsierten sich, als sie den Grund meiner Aufregung erfuhren. Ich hatte mich sinnentleert sklavisch an ihre Anweisung gehalten.
Ich kannte den hinter der Anweisung stehenden Grundsatz nicht, wonach Kinder Fremden nicht vertrauen und sich ihnen nicht ausliefern dürfen. Noch weniger war mit die Idee bekannt, die lautet, daß Kinder vorsichtig sein müssen, weil sie sich nicht wehren können, vertrauensselig sind und arm an Erfahrung, um andere und Situationen einschätzen zu können.
Als Kind hätte ich aus dieser Idee kein Prinzip ableiten können, als Erwachsener schon. Und darum brauche ich nicht nur den Grundsatz, aus dem sich die Leitsätze ergeben, sondern auch die Idee, die zum Grundsatz führt, um vernünftig handeln zu können. Keiner will ein Prinzipienreiter sein - und keiner fühlt sich wirklich wohl mit einem Grundsatz, der nicht seinen Überzeugungen entspringt. Seine Überzeugungen zu kennen ist aber auch wichtig, wenn man in einer Zwickmühle steckt, bei der man sie abwägen muß.
Jesus verlangt sich umzukehren und zu werden wie die Kinder. Dazu muß man wissen, wo man steht und in welche Richtung es zurückgeht. Es bedarf der Erkenntnis für denjenigen, der nicht mit einem kindlichen Gemüt gesegnet ist. So wird der Sündenfall (das Kosten der Frucht vom Baum der Erkenntnis) die wirksamste Möglichkeit für den, der mit Einsicht gesegnet ist, sündenfrei zu werden.

Also:
Übernimm keine Verpflichtung zur Errettung anderer Seelen, denn Du bist nur für Deine Seele verantwortlich.
Reinige Deine guten Leidenschaften von Bedenken um materiellen Verlust (Interessen wie Zeit, Geld, Nerven, Erfolg, Anerkennung etc.) und von Pervertierung. Sodann befreie Dich vom Übermaß der neutralen Leidenschaften (Bedürfnis nach dem Mittel und den Nebeneffekten), sowie von Angst und Trotz. Und wenn Du dann das Gefühl hast, daß Du durch Einschränkung Deiner neutralen Leidenschaften mehr Energie für das Ausleben der guten hast, dann tue das.
Übe Dich in der guten Leidenschaft der Demut, damit Du immer bereit zu lernen bist. Denn Du kannst nicht nur vom Geringsten lernen, sondern auch durch den geringsten Anlaß: Selbst wenn Dir jemand Übles will also.
Erfreue Dich an der Befriedigung Deiner guten Leidenschaften, aber auch der neutralen. Perpetuiere nicht die Mittel (etwa Arbeit) für die, sondern die Freude (etwa Leistungserbringung) an der Befriedigung der Leidenschaft (etwa Leistungsstreben).
Dann werden die als Selbstzweck dargestellten christlichen Handlungsweisen durch die Wirkung der richtigen Einstellung eines Tages tatsächlich zum Selbstzweck. Aber nicht auf Befehl, sondern von selbst, weil Du die richtige Einstellung gewählt hast. Und Dein Leben wird mit unendlicher Freude erfüllt sein.    

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