Anrührende Geschichte eines Straßenkinds
2. Dez 2002
Pro:
flüssig erzählt, interessant durch Erzählstil mit Rückblicken
Kontra:
Charaktere teilweise ein bisschen flach
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
mehr
 luzzimonster
Über sich:
Beruflich bedingt zurzeit nicht so oft online...
Mitglied seit:22.10.2002
Erfahrungsberichte:31
Vertrauende:3
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 28 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wie bin ich zu dem Buch gekommen? _ Als absoluter Wallander-Fan, der von Mankell geschaffenen Hauptfigur in einigen Kriminalromanen, war ich sehr enttäuscht, dass diese Serie ausläuft. Beim Stöbern bei Amazon bin ich auf den "Chronist der Winde" gestoßen, das Buch wurde von vielen sehr gut bewertet, und so habe ich es mir gekauft. Der Preis lag bei 9 Euro. Das Cover zeigt einen kleinen Afrikaner und ist ansonsten hellblau und ziemlich schlicht.
Um was geht es eigentlich? ___ Ich will hier den Inhalt nur kurz widergeben - weil man ihn schon vielfach in den anderen Berichten und in einschlägigen sonstigen Seiten nachlesen kann: Der "Chronist der Winde" spielt in Afrika. Erzählt wird aus der Sicht des Bäckers José, der eines Tages einen schwer verletzten afrikanischen Straßenjungen, Nelio, findet und diesen auf dem Dach der Bäckerei heimlich pflegt. Nelio weiß wohl, dass er sterben wird und erzählt in 9 Nächten die gesamte Geschichte seines kurzen Lebens, angefangen von einer glücklichen frühen Kindheit im Dorf über Flucht
und Elend, sein Leben auf den Straßen der Stadt und letzten Endes die Geschichte seiner Verwundung. Dabei strahlt er eine Art von Weisheit aus, die viele Erwachsene nie erreichen werden. José schreibt die gesamte Geschichte des Jungen auf.
Und so hat das Buch auf mich gewirkt... _ Schon zu Beginn des Buches ist klar, dass Nelio sterben wird. "Herkömmliche" Spannung nach dem Muster 'wird er überleben?' oder 'wie geht es mit dem Jungen weiter?' baut Mankell damit bewusst erst garnicht auf. An Spannung fehlt es dem Buch dagegen auf keinen Fall, was an dem Erzählstil liegt. Mankell beschreibt immer wieder kleinere oder größere Episoden aus dem Leben von José, und darin eingebettet ist die eigentliche Handlung, das Leben und die Geschichte von Nelio. Diese erschließt sich dem Leser immer dann, wenn José am Lager seines kleinen und todkranken Freundes wacht und sich von diesem zwischen Fieberschüben erzählen lässt, wie alles kam. Damit hat das Buch eigentlich 2 Handlungsstänge, und zumindest mir ging es so, dass ich die Episoden von José nur flüchtig und ungeduldig gelesen habe und immer nach einer Fortsetzung von Nelios Geschichte gegiert habe.
Nelios Geschichte ist sehr anrührend und emotional geschrieben, so dass ich das eine oder andere Mal meine Tränen nicht zurückhalten konnte. Die Figur des Nelio wird zunehmend klarer und er ist in meinen Augen der einzige Charakter, der soviel Tiefe bekommt, dass der Leser fast meint, ihn vor sich zu sehen, wenn er die Augen schließt. Die anderen Figuren in dem Buch, José, weitere Straßenkinder, der Bäcker, das Kräuterweiblein etc. bleiben vergleichsweise blaß und undeutlich. Zum einen liegt das sicher daran, dass die Handlung so sehr auf Nelio konzentriert ist und der Leser vielleicht über die sonstigen Personen nichts lesen will, zum anderen fehlt mir persönlich auch ein bisschen die "Liebe zum Detail" bei den anderen Charakteren, die sie mir menschlicher und einzigartiger erscheinen lassen. Die Handlung insgesamt verliert eigentlich nie ihren roten Faden, nur manchmal gibt es kleinere Umwege. Insgesamt steuert aber das gesamte Buch auf den Höhepunkt, der Schussverletzung von Nelio, wie es dazu kam und dem anschließenden Tod des Jungen, zu.
Insgesamt gibt der "Chronist der Winde" einen ganz guten Einblick in das Leben in Afrika, wenngleich dieser für meine Begriffe teilweise auch klischeehaft erscheint. Dennoch wirkt die gesamte Location glaubwürdig. Weniger glaubwürdig wirkt auf mich manchmal der Charakter des Nelio, einerseits wird er als ganz normales Kind geschildert, das eben schon früh erwachsen werden musste, andererseits ist er schon fast ein Heiliger mit übersinnlichen Fähigkeiten. Dies ist eine Gratwanderung, die für mich nicht ganz schlüssig ist, leider. Aber mit der zeit gewöhnt man sich als Leser daran. Und das Fazit: ___
Der "Chronist der Winde" ist auf jeden Fall ein lesenswertes Buch, das sprachlich niemanden überfordert und für einige angenehme Lesestunden sorgt. Ich persönlich hätte mir bessere Recherchen für die afrikanische Kulisse und klarere Charaktere gewünscht. Aber ich glaube, Mankell kann schreiben was er will - für mich wird es nie an Wallander heranreichen ;-) Insofern ist mein Urteil vielleicht etwas voreingenommen...
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05.11.2009 16:44
Wirklich sehr gut geschrieben. Habe das Buch auch gelesen und muss dir in den (meisten) Punkten Recht geben! Viele Grüße
02.12.2002 17:21
Deine Rezension gefällt mir prima. Keine endlose Handlungswiedergabe und man weiß trotzdem, worum es geht. Dafür viele eigene Eindrücke. Sehr interessant. LG Michi
02.12.2002 12:19
Dein Bericht gefällt mir. Keine endlos langatmig nacherzählte Handlung, keine "Leseproben" zum Zeilen schinden, keine aus dem Internet kopierte Autorenbio. Einfach gerade heraus und nachvollziehbar deine Meinung. Sehr gut. Da kann sich hier noch mancher ne Scheibe abschneiden.