Chronist der Winde / Mankell, Henning

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Der Chronist der Winde

5 12. Apr 2003

Pro:
Bewegt und regt zum Nachdenken an

Kontra:
kann ich nicht sagen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau:

Unterhaltungswert:

Spannung:

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scotty75

Über sich: »Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich!« Johannes Rau ... ...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 125 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

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Geschrieben im Rahmen des BÜCHERFRÜHLINGS, initiiert von ESPIONNE und BLANKATTACK! Danke für die Idee ;o)

Henning Mankell ist sicherlich vielen von Euch ein Begriff, denn seine Wallanderkrimis fehlen schon längst in keiner Buchhandlung mehr und machen viele Leser nahezu süchtig. Auch ich habe schon den einen oder andern Wallanderkrimi verschlungen. Durch einen Bericht hier bei Ciao bin ich nun aber auf ein ganz anderes Buch von Mankell aufmerksam geworden: Den Roman „Der Chronist der Winde“, von dem Mankell selbst sagte, er habe einen besonderen Platz in seinem Herzen. Mich hat dieses Buch auch ganz besonders berührt, weshalb ich es Euch auch durch diesen Bericht ans Herz legen möchte.


HENNING MANKELL ALS PERSON ...
Ein ganz paar biographische Daten zu HENNING MANKELL sind sicherlich wichtig:
Er wurde 1948 in Härjedalen, Schweden geboren und ist dort auch aufgewachsen. Seine Bücher verfasst er auf Schwedisch, und z.B: die Wallander-Krimis spielen alle in Südschweden und binden die dortige Kultur, Städte und Landschaft sehr lebendig mit ein. Leben tut Mankell heute in Maputo / Mosambik, wo er als Autor und Regisseur tätig ist.
Mankell hat schon diverse Auszeichnungen erhalten, u.a. von der Schwedischen Akademie für Kriminalliteratur.


IN AFRIKA
spielt auch „Der Chronist der Winde“. Es ist die Geschichte eines Straßenkindes, nämlich des Jungen Nelio, die auf besondere Art und Weise geschildert wird und einen immer wieder aufwühlt. Mankell schafft es mit seinen einzigartigen Beschreibungen, die stille Überlegenheit und Weisheit des etwa 10jährigen Nelio herauszustellen, und die Darstellung seiner scheinbar übersinnlichen Kräfte und seines Gerechtigkeitsempfindens und seiner Liebe zu den Menschen ziehen sich durch das ganze Buch.
Ungewöhnlich an diesem Roman ist, dass man das Ende des Buches schon am Anfang der Geschichte erfährt: Nelio liegt auf einem Dach, ist von einem Schuss schwer verwundet, und der Ich-Erzähler des Buches, selbst Angestellter in einer Bäckerei, auf deren Dach er sich um Nelio kümmert, berichtet, dass Nelio sterben wird, sobald er ihm seine Geschichte erzählt hat. Diese Tatsache nimmt der Geschichte aber keineswegs ihre Spannung, denn Nacht für Nacht erzählt Nelio dem Erzähler all jenes, was er in seinem kurzen aber an Erfahrungen sehr reichen Leben gesammelt hat. Dabei weigert sich Nelio beharrlich, in ein Krankenhaus gebracht zu werden, und der Erzähler spürt eine solche Kraft von dem Jungen ausgehen, dass er es nicht wagt, sich dieser Bitte zu widersetzen.
Nelio erzählt dem Erzähler seine Geschichte, wo er herkam und von seiner Reise, die als Flucht begann, und die ihn schließlich in die Stadt führte, wo er sich einer Gruppe Straßenkinder anschloss. Als deren Anführer die Stadt und somit auch die Gruppe verlässt, bittet er Nelio, die Kindergruppe zu führen – eine Aufgabe, der Nelio sich stellt, wobei er aber in manchem bewusst seine Distanz zu der Gruppe behält.
Die einzelnen Mitglieder der Kindergruppe werden von Mankell sehr individuell beschrieben.

Auf wunderbare Weise schafft Mankell es, ein ganz besonderes Lebensgefühl zu vermitteln. Er macht nicht nur aufmerksam auf das Problem der Straßenkinder, sondern er beschreibt im einzelnen ihre Sorgen und Nöte, und auch ihre Tricks und ihre List, um ihr Überleben zu sichern, ja, an manchen Tagen sogar so etwas wie eine gewisse Lebensqualität herzustellen. Nelio kommt dabei die Aufgabe zu, die anderen Kinder mit seiner Weisheit und seiner Würde zu führen, dazu kommt sein bereits erwähntes ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. All diese Eigenschaften machen Nelio zu einem anerkannten Gruppenführer.


EIN BEISPIEL
für Mankells wunderbare Beschreibungen möchte ich Euch noch geben:

„Mitten auf einem offenen Platz befand sich ein Riesenrad, das in den letzten zwanzig Jahren niemand zu besteigen gewagt hatte, da die Ketten der Gondeln vom Rost zerfressen waren. Dennoch war der Besitzer, Senhor Rodrigues, der das Riesenrad noch zu Zeiten von Dom Joaquim importiert hatte, jeden Abend zur Stelle. Wie bei einem Wunschbrunnen kaufte man eine Eintrittskarte, ohne zu fahren, und wünschte sich zugleich ein langes Leben. Senhor Rodrigues, der einen starken Raucherhusten hatte und von Rosinen lebte, saß in seinem Kassenhäuschen und spielte mit sich selber Schach. In seinen vielen Jahren auf dem Festplatz hatte er großes Geschick darin entwickelt, gegen sich selber zu verlieren. Er wußte, daß er ein schlechter Schachspieler war. Doch in ihm wohnte ein heimlicher Genius, der ein unschlagbarer Meister war“ (S. 140/141) ...
Ist es nicht unglaublich, was für ein Bild hier entsteht?


MEIN FAZIT ...

„Der Chronist der Winde“ ist ein Buch, das ich sehr gerne, mit großem Interesse und mit viel Nachdenken gelesen habe. Es ist nicht unbedingt seichte Lektüre abends fürs Bett, sondern ein Buch, das aufwühlt, in manchem unter die Haut geht – und einen eben vor allem zum Nachdenken bringt. Mich hat es jedenfalls sehr bewegt, und ich bin froh, dass mir dieses Buch über den Weg gelaufen ist.
Meines Erachtens weicht dieses Buch - ebenso wie „Die rote Antilope“ – vom üblichen Stil Mankells ab. Dies kommt zum einen dadurch zustande, dass es in einem vollkommen anderen Kulturkreis spielt, zum anderen ist das Thema des Buches ganz anders gelagert als in den bekannten Krimis, und die Herangehensweise an dieses Thema ist es auch. Wie in allen Werken Mankells, die ich bisher kennen gelernt habe schafft er durch Sprache sehr eigene aber nachvollziehbare Bilder, die es sich vorzustellen sehr lohnt. Hut ab vor Mankell, der wieder einmal gezeigt hat, dass er sehr verschieden geartete Werke produzieren kann – viele Autoren sind ja doch eher auf ein Genre spezialisiert (oder soll ich sagen: „beschränkt“?) ... mein nächstes Projekt von ihm ist: „Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war“ – ein Kinderbuch ... mal sehen, wie er sich auf diesem Metier schlägt :o)

Ich kann das den Chronisten der Winde nur wärmstens empfehlen ... viel Spaß beim Lesen ...


DATEN DES BUCHES, die ihr für eine eventuelle Bestellung benötigt:
Henning Mankell: Der Chronist der Winde
Übersetzt aus dem Schwedischen von Verena Reichel
DTB April 2002
276 Seiten
ISBN: 3 – 423 – 12964 – 6
Preis dieser Ausgabe: 9 €

 
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Kuechenmonsterle

Kuechenmonsterle

09.01.2005 14:24

Man kann aus jedem deiner Sätze spüren wie sehr dich dieses Buch gefangen nimmt. Zurzeit fehlt mir aus vielen Gründen die Ruhe mich beim Lesen richtig fallen zu lassen. Irgendwann denke ich, wird es bei mir wieder ruhiger und dann wird auch erneut gelesen. Auch wenn sich die Rezension sehr traurig liest ... so geht eine deutliche Faszination davon aus ... Habe mir den Titel aufgeschrieben.

gracie2

gracie2

09.12.2004 16:02

Mankell ist einer meiner Lieblingsautoren. *gg* LG

Mocat

Mocat

18.06.2004 21:23

Hej, dir ist zu diesem Buch ein sehr schöner, tiefer und dichter Bericht gelungen!

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