Ich habe eine Geschichte zu erzählen ...
21. Mai 2003
(30. Dez 2003)
Pro:
eine mitreißende, traurige, stimmungsgeladene Geschichte
Kontra:
man muss sich auf die Geschichte einlassen können, nichts für zwischendurch
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
mehr
 mr.matze
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Der Schwede Henning Mankell, der mittlerweile in Mosambik lebt, will keine Kriminalromane um den schedischen Komissar Kurt Wallander mehr schreiben ... und das ist vielleicht auch gut so. Denn obwohl sich die Geschichten rund um den geschiedenen Vater einer Tochter, der mit den Verbrechen einer schwedischen Kleinstadt zu tun hat, gut lesen lassen, stellte sich nach diversen Veröffentlichungen ein Gewöhnungseffekt ein und vor Allem die späteren Fälle Wallanders waren nicht mehr ganz so fesselnd wie noch am Anfang. Vor einiger Zeit bin ich dann eher zufällig über das Buch "Chronist der Winde" von Henning Mankell in einem Buchladen (aus Fleisch und Blut, kein virtueller Laden) gestolpert und habe ziemlich kurzentschlossen zugegriffen. Erwartet habe ich nach kurzen Lesen der Klappen- und Empfehlungstexte eine ernste Geschichte rund um einen kleinen Jungen irgendwo in Afrika, bekommen habe ich allerdings wesentlich mehr ...
Der Bäcker José Antonio Maria Vaz findet eines Nachts während seiner Arbeit den 10-jährigen Nelio, durch eine Schusswunde schwer verletzt. Warum Nelio diese Verletzung davon getragen hat, weiß der Bäcker ebenso wenig wie die Umstände, unter denen Nelio sein kurzes Leben verbracht hat. Beides soll er aber in den kommenden neun Nächten erfahren, in
denen Nelio ihm seine Lebensgeschichte erzählt, bevor er schließlich am Ende der neunten Nacht stirbt. Nelio's Leben scheint länger gewesen zu sein als diese zehn Jahre, gemessen an seiner Erfahrung, seiner Weisheit und seiner Vernunft. Und all das trotz oder gerade wegen seiner unglücklichen Geschichte. Als Kind und Opfer eines Bürgerkriegs wird Nelio früh erwachsen - in der Nacht nämlich, als er seine komplette Familie verliert und zum Guerillakrieger ausgebildet werden soll. Statt aber seinen Kameraden zu erschießen, wie ihm befohlen, erschießt er den Mann, der seine Familie auf dem Gewissen hat und flieht in die Stadt, in eine ungewisse Zukunft. Ohne Heimat, ohne Geld, ohne Familie, ohne Freunde und ohne Dach über dem Kopf lernt er zu überleben.
Und er findet Gleichgesinnte, die aber dennoch nicht unterschiedlicher sein könnten. Den anderen Straßenkindern nähert er sich vorsichtig an und wird vom Anführer einer kleinen, inhomogenen Gruppe integriert. Und trotzdem bleibt er ein Außenseiter, der abends für alle anderen unsichtbar zu verschwinden scheint und am nächsten Morgen wieder auftaucht. Nelio wurde nie verprügelt und erlangt aufgrund seiner Klugheit und seiner Weisheit Respekt von vielen Seiten. Stets hat er ein offenes Ohr und ein hilfreiches Wort für seine Lebensmitstreiter, die sich mit vielfältigten Problemen konfrontiert sehen. Darüber und über vieles mehr erzählt Nelio Nacht für Nacht dem Bäcker Jose, der gegen Ende von Nelios Leidenszeit seinen Job aufgibt, um sich ganz und gar um den Jungen kümmern zu können. Schon bald merkt er, dass Nelio auf keinen Fall in ein Krankenhaus gebracht werden will. Nelios letzte Aufgabe besteht nur darin, seine Geschichte dem Bäcker zu erzählen und dann zu sterben und damit seinen Frieden zu finden.
Mankell ist es gelungen, die Geschichte eines Straßenkindes in Afrika zu vermitteln, ohne dabei gewollt auf die Tränendrüse drücken zu müssen oder an gewissen Stellen pathetisch zu werden. Kaum eine Stelle im Buch, an der ich gezweifelt hätte, dass es Nelio irgendwo wirklich gegeben hat und dass nicht jede Einzelheit sich wirklich genauso hätte zugetragen haben können. Sprachlich einfach gehalten, ist es dennoch eine anspruchsvolle Geschichte, die man nicht einfach so aufnimmt und wieder vergisst. Ohne auf einen finalen Höhepunkt abzuzielen, ist die Technik und Dramaturgie stärker als in jedem Roman, den ich bisher von Mankell zuvor gelesen hatte.
Eine Geschichte, ein afrikanisches Märchen, das einem wieder ins Bewusstsein ruft, wer man ist, wo man herkommt und wo man hinwill. Und auch, wenn sich das etwas viel anhört, so muss man nur ein wenig in sich hineinhorchen und wird Selbiges entdecken, wenn man nur will. Das Buch ist keineswegs darauf angelegt traurig zu machen. Aber gerade dann, wenn man sich über Lustiges, Fröhliches oder Erheiterndes im Leben von Nelio amüsiert, wird man wieder an Nelios kurzes Leben erinnert, an dessen Ende der Leser teilhat.
Es ist ein interessantes Wechselspiel, das Mankell inszeniert. Die nächtlichen Erzählungen von Nelio wechseln sich ab mit den Gedanken des Bäckers Jose, der Nelios Geschichten einen würdigen Rahmen gibt. Keine religiöse Mission, keine Anprangerung der Armut in der Welt, kein Scharfzeichnen von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß. Es ist nur die Geschichte eines bemerkenswerten, zehnjährigen Jungen. Wenn man am Ende des Buches nochmal die ersten Seiten aufschlägt und den Beginn der Geschichte liest, so findet man Folgendes: "Ich, José Antonio Maria Vaz, ein einsamer Mann auf einem Dach, unter dem tropischen Sternenhimmel, habe eine Geschichte zu erzählen ...." Und in meinen Augen ist das noch zu wenig. Es war ein Buch, das mich nach langer Zeit wieder zu Tränen rühren konnte, das mich bewegt hat, das mich nachdenklich gemacht hat und das es geschafft hat, mich auch wieder zum Lächeln zu bringen. Vielleicht nicht ganz so unbeschwert wie zuvor, aber aufrichtiger, tiefer und glücklich über das, was ich bin und was ich habe ...
Der Chronist der Winde von Henning Mankell Preis: EUR 9,00 267 Seiten - Dtv-Verlag Erscheinungsdatum: April 2002 ISBN: 3423129646 Andere Ausgaben: Gebundene Ausgabe , Audio Cassette Grüße, euer mr.matze (c) 21.5.03 Respect all Colours
Dieser Bericht ist mein Beitrag zum Bücherfrühling, den Espionne und Blankattack initiiert haben. Danke dafür.
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18.03.2004 18:51
sehr guter Bericht ,jetzt kaufe ich nach einigem Zögern doch dieses Buch ,um es meiner besten Freundin zu schenken.Sie ist ein Mankell-Fan. danke!
06.01.2004 12:57
ein sehr guter bericht, der mich neugierig auf dieses Buch gemacht hat...ich als Krimi - Vielleserin mochte Mankell bisher nicht. Dieses Buch scheint geeignet, meine Meinung zu ändern. LG Feliz
01.07.2003 20:46
Du hast einen wunderbaren Bericht über ein Buch geschrieben, das zu kaufen ich schon länger überlege. So, wie Du es beschreibst, muss ich es jetzt haben - mein nächster Klick wird mich zu amazon führen. Ich bin neugierig, was es in MIR auslösen wird; Deine Eindrücke hast Du ja sehr plastisch geschildert - danke dafür.