Als gelernter Bankkaufmann mit Zusatzausbildung zum Versicherungsfachmann werde ich hier einmal versuchen, die vor einigen Jahren auch in Deutschland boomenden britischen Lebensversicherungen dem interessierten Laien etwas näher zu bringen.
Bitte seht mir nach, dass ich dies "nur" auf Grundlage der Erfahrungen mit meiner selbst abgeschlossenen Versicherung von der Clerical Medical, dem Produkt "Wealthbuilder Essential" tun kann. Alle Produkte einer Gesellschaft zu beurteilen ist in einem solchen Bericht schlicht nicht möglich. Jedoch denke ich, dass die Vorgehensweise der Gesellschaft im Fall meines Produktes deutliche Rükschlüsse auf die Geschäftsgebaren der Clerical medical zulässt.
Ende 2004 (damals noch als Bank-Azubi) erlag auch ich der allgemeinen Panikmache der Versicherungen, jetzt schnell noch eine Kapitallebensversichung (kurz "KLV") abzuschliessen, da diese später im Rentenbezug besteuert werden, wenn man ab dem 01.01.2005 abgeschlossen hat.
Für mich war schnell klar, dass es eine fondsgebundene Versicherung sein sollte, da ich mich allein von Berufswegen viel mit der Börse beschöftige und aufgrund der langen Sparzeit bis zu meiner Rente Aktien die lukrativste und auch gar nicht soooo riskante Anlageform sind. Schliesslich sind Aktien wie allgemein bekannt Schwankungen unterworfen, auf Sicht von mehreren Jahrzehnten haben sich die Werte allerdings über sämtliche Reformen, Kriege und Krisen insgesamt positiv entwickelt.
Wegen im Vergleich zu deutschem Recht lockererer gesetzlicher Rahmenbedingungen versprachen engliche KLV´s höhere Renditen. Dies möchte ich jetzt nicht allzu sehr vertiefen. Nur so viel: Nach deutschem Versicherungsrecht müssen die Gesellschaften ihre mit dne Kundengeldern erwirtschafteten Gewinne sehr vorsichtig in die Bilanz schreiben, woran die Kunden dann zu beteiligt wurden. Hier wurde vor Kurzem übrigens zu Gunsten der Kunden anchgebessert, aber das ist ein anderes Thema. In Großbritannien konnten bzw. können die Kundengelder zu einem höheren Prozentsatz direkt in die Aktien oder anderen Wertpapiere gesteckt werden und wenn diese sich gut entwickeln, hätte der Kunde davon mehr. Jedenfalls in der Theorie.
Zusammengefasst: Während in deutschen KLV´s ohne Fondsbindung nur Renditen von ca. 3-6% zu erwarten sind und dafür Garantien zum Schutz des Geldes bieten, fallen diese Garantien bei fondsgebundenen Versicherungen weg, dafür ist aber nach oben hin kaum eine Grenze gesetzt. Britische KLV´s versprachen und versprechen ähnliche Garantien wie die der deutschen Gesellschaften verbunden mit Renditen von ca. 8-10% jährlich auf die gesamte Laufzeit betrachtet.
Ende 2008 las ich erstmals meine Jahresabrechnung der Versicherung durch um mal zu sehen, wie "es bisher so gelaufen ist". Zu meinem Entsetzen hatte sich der Wert der Police gegenüber dem Jahresendwert von 2007 kaum nach oben verändert, obwohl ich doch weiter eingezahlt hatte und eine Garantie im Vertrag besagt, dass der Wert um 1,5% steigen würde.
Daraufhin las ich mich genauer in die Versicherungsbedingungen ein und fragte telefonisch bei Clerical Medical nach. Die endgültige Antwort bekam ich dann einer Email, deren Inhalt mich schwer enttäuschte. Clerical Medical wollte mir weismachen, dass die KLV sich doch positiv entwickelt hätte, weil der Wertt innerhalb des einen Jahres ja um etwa 3% gestiegen war. Nämlich von etwa 1.000 Euro auf ca. 1.030 Euro. Im Laufe des Jahres hatte ich etwa 700 Euro eingezahlt.
Wenn man die Logik der Gesellschaft verfolgt, hätte ein Girokonto, auf dem 1.000 Euro liegen und in das ich 700 Euro einzahle ja eine Rendite von 70% weil der Wert des Kontos ja um 70% gestiegen ist. Ist klar, oder? :-) Spätestens hier wurde ich verdammt misstrauisch und auch sauer auf die Clerical Medical.
Zunächst behielt ich allerdings die KLV und stellte sie nicht beitragsfrei oder kündigte sie, wozu ich zuerst wirklich große Lust hatte. Letztendlich hielt mich allerdings die Überlegung davon ab, dass ich ja nun mehr Anteile an dem Fonds in der Versicherung hatte, die sich ja in Zukunft noch im Wert steigern könnten. An dieser Stelle möchte ich nun das System einer solchen KLV Schritt für Schritt erläutern:
- Das Geld, dass ich monatlich einzahle, fliesst in einen Fonds, den die Clerical Medical nach eigenem Gutdünken verwaltet. Enthalten sind in einer meiner Meinung nach recht vernünftigen Mischung Aktien, festverzinsliche Wertpapiere und auch sehr konservative Geldanlagen. Die Entwicklung dieses Fonds wird in einem Euro-Wert pro jedem Anteil den man besitzt angegeben. Der Fonds an sich hat über die Jahre eine recht gute Wertentwicklung gehabt. Allerdings schlägt sich diese wenig im Wert der Anteile nieder DENN:
- Als Zweites wird durch ein so genanntes Glättungsverfahren ("Smoothing") der Wertentwicklung der im Fonds enthaltenen Papiere ein paar Prozent hinzugefügt oder abgeschöpft. In der Praxis bisher leider nur abgeschöpft. HIER LIEGT NUN DER HUND BEGRABEN!
Die Abschöpfung von Wertentwicklung und damit barem Geld begründet die Clerical Medical in ihren verschachtelten Bedigungen und Ausführiungen in Emails und am Telefon mit:
1. Finanzierung der Werterhaltungsgarantien. Meiner Meinung nach absolut legitim.
2. Ausgleich vergangener negativer Börsenentwicklungen (Doppelt gemoppelt?!). Bei meinen Recherchen stellte sich heraus, dass ich hier auch im Gegensatz zum Konzept deutscher Versicherungen auch die Verluste anderer versicherter Personen mit ausgleiche. Eine hübsche Idee, wenn ich denn auch irgendwann mal von guten Börsenzeiten wirklich profitieren würde. Das war aber nie der Fall.
3. Rückstellung einiger Gelder, um dem Versicherten bei Auszahlung der KLV einen so genannten Fälligkeitsbonus auszuzahlen. Davon habe ich nie auch nur einen Cent gesehen. In meinen Abrechnungen wird dieser Wert seit Abschluss mit 0,00 Euro ausgewiesen.
Dieses Verfahren kann theorethisch das ganze Geld auffressen, dass ich in einem laufenden Jahr in die Versicherung eingezahlt habe.
- Als Drittes wird der so genannte deklarierte Wertzuwachs dem Wert meiner KLV hinzu gerechnet. Diesen Prozentsatz legt die Clerical Medical jedes Jahr neu fest und er lag in der jüngeren Vergangenheit zwischen 0,5 und 4%. Nicht besonders üppig.
Beuspiel:
Am Ende des Jahres 1 liegen 1.000 Euro in der Police. Für das Jahr 2 wird nun ein deklarierter Wertzuwachs von 2% garantiert. Also dass der Wert der Police am Ende von Jahr 2 bei mindestens 1.020 Euro liegen muss. Aaaaaaaber, ich habe ja in Jahr 2 weiter Beiträge eingezahlt, die in diesem :
lättungsverfahren versickern können UND:
- Als Viertes werden die Verwaltungsgebühren von 1% des Policenwertes und eine Gebühr von ca. 6 Euro im Monat abgezogen.
Letztendlich kann ich auf die Dauer also einzahlen wie ein Idiot und sehen fast nichts von dem Geld wieder. Die Hoffnung besteht darin, dass der Wert des Fonds und damit meiner Police mal richtig nach oben geht, wenn die Börsen gut laufen.
Genau das war in meinen Beitragszahlungsjahren 2005 bis 2007 und auch im Jahr 2009 absolut der Fall, es waren wirklich tolle Börsenjahre! 2008 war wegen der Finanzkrise nicht gut, weswegen ich die Police ja auch erst mal behalten habe.
Vor einigen Tagen habe ich nun meine Jahresabrechnung der Versicherung für 2009 studiert und festgestellt, dass von meinen eingezahlten 720 Euro 105 Euro verschwunden sind, obwohl die Börsen übers Jahr betrachtet klasse liefen. Der EuroStoxx 50, also die Aktien der 50 grössten europäischen Aktiengesellschaft, stieg von Anfang bis Ende 2009 um satte 40%. Der Fonds gewann 16,3%, was vollkommen OK ist. Denn es sind ja nicht nur Aktien, sondern auch konservativere Geldanlagen im Fonds enthalten.
Fazit: Die Fondsmischung und die Garantie in diesem Vertrag sind grundsätzlich gar nicht so schlecht. Der gewaltige Haken ist das ominöse Glättungsverfahren, deren exakte Funktionsweise selbst für Fachleute undurchsichtig ist. Ganz offensichtlich nutzt Clerical Medical hier eine Art Gesetzeslücke, um sich im Rahmen dieses Glättungsverfahrens nach Herzenslust an den Kundengeldern zu bedienen.
Dies hat mich zum Entschluss veranlasst, die VErsicherung zu kündigen und mir das übrig gebliebene Geld auszahlen zu lassen, um in Zukunf tnicht noch mehr zu "verbrennen"
Mein Empfehlung: Finger weg davon! Altersvorsorge mit Kapitallebensversicherunge ist an sich nicht schlecht. Im Jahr 2010 sollte man als Arbeitnehmer allerdings unbedingt zunächst eine betriebliche Altersvorsorge und / oder eine Riester-Rente abschliessen! Für Selbständige ist die Rürup-Rente ein ebenbürtiges Pendant. All diese Produkte lassen sich - wenn man möchte - an Fonds binden und damit in der Rendite gealtig steigern. Ausserdem werden diese Produkte sehr hoch staatlich gefördert.
Die einzigen Nachteile sind, dass die Abschlusskosten dieser Verträge an den Anfang der Laufzeit gestellt werden. Wenn man sie nach 2-3 Jahren dann doch aus Geldnot kündigen möchte, bekommt man zunächst kein Geld zurück. Ausserdem wird das Geld später im Alter komplett oder zum größten Teil (je nach Produkt) als lebenslange monatliche Rente ausgezahlt. Eine Auszahlung des angesammelten Geldes "auf einen Schlag" ist nicht möglich. Wer allerdings noch gar nichts für die Altersvorsorge hat, sollte zunächst damit seine staatliche Rente aufbessern und sich danach Gedanken machen, in welcher Form und zu welchem Zweck er mehr ansparen möchte.
Hoffentlich habe ich mich trotz der späten Stunde (Schreibbeginn ca. 1 Uhr), meiner Wut auf die Gesellschaft und gelegentlichem Verfall ins Fachchinesisch (siehe Berichtsbeginnn) einigermaßen verständlich ausgdrückt. Dies war mein erster cia-Bericht seit über 6 Jahren.
Bei Fragen könnt ihr mich gerne anschreiben und über Kommentare würd ich mich sehr freuen!
25.03.2010 13:40
Ich schließe mich Sydneysider47 an! Das ist der erste Bericht, den ich vor dir lese und er überzeugt!
19.03.2010 10:34
Ich finde es wirklich sehr hilfreich, eine solche Einschätzung von einem Profi zu lesen - sehr hilfreicher Bericht! Viele Grüße!
19.03.2010 07:27
Eine ausschließliche Auszahlung in Form einer Rente finde ich auch sehr frech. Da müsste man ja die wohlverdiente Weltreise möglicherweise in Raten zahlen ;-)