Closet Land

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Kloß im Hals

5  23.01.2004

Pro:
unglaubliche Performance der beiden Akteure, der Film geht durch Mark und Bein

Kontra:
nichts für einen gemütlichen Abend mit Popcorn, künstlerischer Anspruch liegt nicht unbedingt allen

Empfehlenswert: Ja 

tairrie

Über sich: Habe pausiert, da neben dem Job und turbulentem Privatleben nicht mehr dazu komme, zu schreiben.

Mitglied seit:19.01.2000

Erfahrungsberichte:81

Vertrauende:9

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 37 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Prolog: Closet Land....? Nie gehört!

Closet Land ist ein - meiner Meinung nach völlig zu Unrecht - eher unbekannter Film weit ab vom Mainstream. Es ist hierzulande leider auch relativ schwer seiner habhaft zu werden, ich habe ihn über ebay aus Australien bekommen. Ich glaube sogar, dass er in deutscher Übersetzung gar nicht existiert.

Wie komme ich nun zu einer solchen kineastischen Randgruppenerscheinung? Das ist relativ schnell erklärt. Ich bin seit damals "Sense & Sensibility" herauskam leidenschaftliche Alan-Rickman-Verehrerin und diese Leidenschaft hat sich über die Jahre - nicht zuletzt nachdem er auch noch meinem heißgeliebten Snape filmisches Leben eingehaucht hat - derart gesteigert, dass ich erst ruhen werde, bis ich jeden Film in meinen Händen (oder zumindest gesehen) habe, in dem der Mann mitgespielt hat.

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Zur Story:
Die Rahmenhandlung ist die Folgende: In Closet Land geht es um eine junge Frau in einem nicht näher bezeichneten totalitären Staat, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaftet und zum Verhör gebracht wird. Schon auf dem Weg dorthin wird sie misshandelt. Die ganze Handlung spielt sich fortan in einem einzigen Raum und zwischen nur zwei Personen - der jungen Frau (Madeline Stowe) und dem Mann, der sie verhört (Alan Rickman), ab.

Die Frau ist Kinderbuchautorin und wird nun aufgrund eines bei ihr gefundenen Manuskripts für ein neues Buch namens "Closet Land" verhaftet. Es wird behauptet, ihr Buch rufe zum Widerstand auf. In dem Buch verarbeitet die junge Frau traumatische Kindheitserlebnisse. Es geht dort um ein Mädchen, das in einen Schrank eingesperrt wird und nun mittels ihrer Fantasie die dort hängenden Kleidungsstücke zum Leben erweckt und sich mit ihnen in eine Fantasiewelt (Closet Land) flüchtet.

Ihr Peiniger versteht es, sie immer wieder zwischen Vertrauen und Misstrauen hin- und herzureißen, die Frau wird psychischer wie physischer / sexueller Gewalt ausgesetzt, es wird versucht, ihren Willen und ihren Geist zu brechen. Sie wird erniedrigt, zur bloßen Nummer gestempelt, an den Rand des Wahnsinns gebracht. Dennoch gelingt es der jungen Frau, inneren Widerstand zu leisten, womit sie auch ihren Peiniger an seine Grenzen bringt.

Mehr möchte ich inhaltlich einfach nicht ins Detail gehen, um nicht zu viel vorwegzunehmen. Wer mehr wissen möchte, kann sich einfach mal im Gästebuch oder bei den Kommentaren melden.
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Die Umsetzung:

Der Film mutet eher wie ein Bühnenstück an. Minimalistische, kühle Ausstattung, funktionale, aber symbolische Requisiten wie z.B. der Verhörtisch, der als ganz normaler Schreibtisch anfängt, durch Um- und Aufklappen sich aber mehr und mehr zur Streckbank oder zum OP-Tisch wandelt, so wie der Staat sich zunächst nach außen als seriös und an Gesetze gebunden präsentiert, dann aber mehr und mehr sein wahres Gesicht enthüllt.
Eine unglaubliche schauspielerische Tour de Force von Stowe und Rickman. Wer irgendwie auch nur annähernd mal etwas mit Schauspielerei zu tun hatte und sei es nur im Schultheater kann erahnen, wie viel Kraft es gekostet haben mag, diese Rollen zu spielen, die sich durch alle menschlichen Abgründe immer entlang am Rande zum Wahnsinn bewegen.
Beide Schauspieler meistern dies mit einer erschütternden Überzeugungskraft, so bizarr die Handlung auch sein mag, man nimmt den beiden alles ab. Die schauspielerische Leistung in diesem Zwei-Mann(bzw Ein-Mann-eine-Frau)-Drama ist überwältigend.

Die Atmosphäre ist drückend, klaustrophobisch, hat aber auch immer eine unterschwellige Erotik, zumindest zu Beginn, bevor die Gewalt eskaliert. Das psychologische Katz- und Mausspiel des Folterers mit dem Opfer ist erschütternd und faszinierend zugleich. Man sitzt da und schüttelt den Kopf darüber, was Menschen anderen Menschen antun können.

Dennoch bleibt letzten Endes Hoffnung, dass der Geist sich so schnell nicht brechen lässt, am Ende scheinen die Machtverhältnisse zwischen Opfer und Täter beinahe umgekehrt.

Der Film ist von der Handlung her eher wirr und alptraumartig gestaltet und eventuell etwas schwer zugänglich, da er viel mit Symbolik, Assoziation, Psychologie und Andeutung spielt. Aber er hinterlässt einen echten Kloß im Hals.
Es geht um Folter, um Missbrauch, um die Angst sich zu wehren, um das Schweigen und Wegsehen, um menschliche Abgründe.
Von der Atmosphäre erinnert es an die Folterszene in George Orwell's 1984 in Raum 101. Diese totale Ernüchterung, das ungeschönte Präsentieren der Schattenseiten der menschlichen Psyche.

Die Gewaltdarstellungen sind selten direkt und fast gänzlich unblutig, der Film lebt hier mehr vom Horror der Andeutung. Aber wie Alan Rickman in dem Film auch schon sagt : "It's the suspense, not the pain that will drive you mad!" (Was dich in den Wahnsinn treiben wird ist die Erwartung, nicht der Schmerz!)

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Fazit:
Ein wahnsinnig intensiver Film mit erstklassiger schauspielerischer Leistung (auch wenn man mal bei mir von dem allgemeinen Alan Rickman-Bonus absieht), der aber so ganz und gar keine leichte Kost ist.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
ChAosNETTE

ChAosNETTE

28.02.2004 20:05

Hallo, Du hast recht, es gibt den Film in Deutsch nicht, ich war sehr zwiegespalten, als ich ihn das erste Mal gesehen habe, eine Rolle für Alan Rickman, die viel von ihm verlangt...und eine beidseitige schauspielerische Meisterleistung. Der Film ist in seinem Erscheinungsjahr 1991 übrigens von der Presse zerfetzt worden - und war der einzige neuerschienene Film mit Alan Rickman (derer gab es 1991 4 Stück), der nicht in den Top 10 des Jahres war...TMD, Robin Hood und CME waren alle drei in den Top 10, imho gehört CL auf jeden Fall dort auch hin...aber dafür ist er zu unbekannt geblieben. Lieber Gruss, Anette

Mocat

Mocat

25.01.2004 23:54

Sehr schade, dass es diesen Film nicht in Deutsch gibt! Gruß, Marlene

zoobremia

zoobremia

23.01.2004 19:58

Derbes Thema, aber noch nicht gesehen ... Gruß, Sven (Zoobremia)

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