No one can hurt you in your imagination
05.09.2005
Pro:
mitreißende und nachdenklich machende Geschichte, großartige Schauspieler
Kontra:
schwer in Deutschland erhältlich, nichts für schwache Nerven . . .
Empfehlenswert:
Ja
 Katez
Über sich:
Leider entpuppt sich so ein Studium wohl doch als etwas stressiger... ;-) Ich bemühe mich aber natür...
Mitglied seit:06.04.2004
Erfahrungsberichte:22
Vertrauende:6
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 62 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Diesmal geht mein Bericht über den wohl beeindruckendsten und nachhaltigsten Film, den ich je gesehen habe. Ursprünglich wollte ich den Film nur sehen, da Alan Rickman darin mitspielt und habe lange, lange Zeit gesucht, bis ich ihn schließlich bei ebay ersteigern konnte. Sonderlich leicht ist der Film nämlich nicht zu erhalten, zumindest nicht innerhalb Deutschlands. Meines Wissens nach existiert der Film auch nur in englischer Originalsprache. Als weiteres Problem stellte sich heraus, dass ich den Film nur im amerikanischen NTSC-Format gefunden habe. Zum Glück gab das weder mit meinem Fernseher noch mit meinem Video Probleme, aber ein anderer Videorecorder konnte die VHS leider nicht abspielen. Aber worum geht es überhaupt, dass dies alles den Aufstand wert ist? Eines Nachts wird eine junge Kinderbuchautorin (Madeleine Stowe) aus dem Bett gezerrt und zum Verhör gebracht. Der Vorwurf? In ihrem neusten - bisher sogar noch unveröffentlichten - Kinderbuch "Closet Land" soll sie angeblich staatsfeindliche Allusionen verwenden. Ihr einziger Ansprechpartner ist hierbei Alan Rickman, der sie verhört und der in diesem Film ebenso wenig einen Namen besitzt wie die Kinderbuchautorin oder das Land, in dem sich alles abspielt. Ein gelungener Effekt um die Präsenz und Häufigkeit solcher Vorfälle zu verdeutlichen. Nicht umsonst entstand dieser Film in Zusammenarbeit mit Amnesty International. Madeleine Stowe versucht Alan Rickman von der Haltlosigkeit seiner Vorwürfe zu überzeugen. Dieser gibt sich verständig, scheint ihr zu glauben und hält sie unter dem Vorwand, man müsse erst noch ein Entschuldigungsschreiben verfassen, länger fest. Die Kinderbuchautorin ihrerseits scheint langsam Vertrauen zu fassen. Bis ihr ein Tape vorgespielt wird, auf dem sie selbst zu hören ist, als sie sich am Sterbebett ihrer Mutter mit dieser unterhält. Alle Gespräche im Krankenhaus würden aufgezeichnet, erfährt sie, und von so verdächtigen Personen wie Schriftstellern bewahre man die Aufzeichnungen auf. Alan Rickman interessiert sich nun brennend für den Hintergrund des Gesprächs, in dem die Autorin ihrer Mutter vorgeworfen hat, "es" niemals bemerkt zu haben. Als sich Madeleine Stowe weigert, diese Frage zu beantworten, wird sie das erste Mal von ihrem Folterer geschlagen. In diesem Moment taucht der Zuschauer auch das erste Mal in die Gedanken der Autorin ein: Ein Wandschrank mit Mäntel, "a closet" also. In der folgenden Zeit steigert der Folterer seine Grausamkeiten kontinuierlich, da sich die Schriftstellerin weigert, ein Geständnis zu unterschreiben, dass sie staatsfeindliche Bücher schriebe. Anfangs brennt Alan Rickman sie "aus Versehen" mit einer Zigarette, da sie im letzten Moment die Hände hochreißt, als er - die Zigarette auf Kopfhöhe - auf sie zugeht. Ein ständiges Abwechseln zwischen Folter und Vertrauens-Erheischen beginnt; Alan Rickman holt sofort Eiswürfel um die Brandwunde zu kühlen, als er bemerkt, welchen Durst die Autorin leidet, holt er ihr sogar eine Flasche zu trinken. Der Inhalt ist jedoch ungenießbar. ("Never trust strangers, didn't your mother tell you that?") Schließlich bekommt sie noch ein Glas Wasser, doch als sie trinkt, sieht man nur noch Alan Rickmans Faust auf sie zuschnellen... Am nächsten Tag erklärt ihr Alan Rickman, dass nun jemand anderes das Verhör fortführen müsse. Nachdem er ihr die Augen verbunden hat, verlässt er scheinbar den Raum, doch nur um ein kleines "Theaterstück" aufzuführen. Mit verstellter Stimme kommt er zurück und scheint einen weiteren Zeugen zu foltern. Dieser gesteht unter der Folter, dass er die Kinderbuchautorin kenne und diese tatsächlich staatsfeindlich eingestellt sei. Der "fremde" Folterer steckt sich außerdem noch eine Tomate und Knoblauch in den Mund und küsst die junge Frau so. Als der "alte" Folterer zurückkommt und der Autorin die Augenbinde abnimmt, legt er ihr "wie zufällig" die restlichen Knoblauchzehen in den Schoß und lässt sie somit von dem vergangenen Betrug wissen. Anschließend kettet er sie auf den Tisch um sie - wie zuvor den fiktiven Zeugen - mit glühenden Eisenstäben zu foltern. Der Schreibtisch verwandelt sich danach in einen OP-Tisch, die Gefolterte wird "an Strom angeschlossen". Beim darauffolgenden "Spiel" kann Alan Rickman sie dadurch jederzeit unter Strom setzen, wenn ihm ihre Antworten nicht passen. Bei diesem "Spiel" gibt er ihr immer einen Begriff (wie z.B. Staat) vor, zu dem sie ihre erste Assoziation ergänzen soll. Als er sie endlich verlässt, damit sie schlafen soll, hinterlässt er ihr ein Tonbandgerät, das ihr am laufenden Band Sätze wie "Resistance is foolish. We must break your body to win your mind" vorsagt. Durch zahlreiche Schnitte wird nun verdeutlicht, wie die Zeit vergeht und die junge Frau weiter gefoltert wird. Schließlich kommt sie wieder zu einem Verhör zu Alan Rickman. Diese Szene finde ich besonders beeindruckend, da plötzlich die inneren Machtverhältnisse umgedreht scheinen, als die junge Frau ihrem Folterer vorwirft, was er eigentlich für einen Beruf habe. Während andere friedliche Berufe in Fabriken etc. hätten, käme er lieber hierher um Leute zu foltern. Alan Rickman scheint verunsichert und kann nur noch auf sein Tonbandgerät zurückgreifen. Resistance is foolish... Als sich Madeleine Stowe wieder weigert, das Geständnis zu unterschreiben, werden ihr diesmal die Zehennägel herausgezogen. Doch trotz unsäglicher Schmerzen triumphiert sie, dass man ihr nichts anhaben könne, da sie sich schon seit ihrer Kindheit in Gedanken nach "Closet Land" zurückziehen könne. Durch überraschend geschicktes und einfühlsames Nachfragen erfährt Alan Rickman, dass die Autorin als kleines Mädchen in einem Wandschrank missbraucht wurde. Somit wäre zwar eigentlich das Rätsel gelöst, was das Buch "Closet Land" für einen Ursprung hat, doch Alan Rickman als reiner Befehlsempfänger eines totalitären Staates benötigt ein Geständnis. Dafür verwendet er selbst dieses Wissen, indem er die damalige Situation nachstellt und als letzten Versuch die psychische Folter anwendet, da die physische keine Wirkung zeigt. ("You can break my body, but you can't break my mind", wie Madeleine Stowe betont) Doch immer noch weigert sich die Gefolterte das Geständnis zu unterschreiben. Als ihr ein Bild gezeigt wird, was mit jemandem passiert ist, der sich ebenfalls weigerte zu unterschreiben, nimmt sie das Blatt mit dem Geständnis in die Hand..... um es zu zerreißen. Alan Rickman bleibt nichts mehr, als ihr Handschellen anzulegen und sie abzuführen...
Insgesamt also ein starker Film, der mich trotz der relativ kurzen Dauer von 95min mehr mitgenommen hat, als fast jeder andere Film. Nicht, weil er sonderlich blutig wäre, nein. In dem ganzen Film ist fast nie Blut zu sehen, jede Folterung wird nur angedeutet, nicht explizit gezeigt. Aber das macht das Ganze nicht besser, im Gegenteil. Außerdem gibt der Film sehr zu denken, wie schnell "ein bisschen Folter" zu einem menschenzerstörenden Werkzeug wird... Auch die beiden Schauspieler, die einzigen in diesem Film, überzeugen durch schauspielerische Meisterleistungen. Gut gefallen hat mir nicht nur die Anonymität dieses Filmes, die zeigen soll, dass ähnliches immer und überall passieren könnte, schneller als man denkt in jedem Land, sondern auch die Liebe zum Detail. Nicht so sehr die Details im "Bühnenbild", denn der gesamte Raum ist komplett nüchtern gehalten, sondern winzige Details in den einzelnen Szenen. Sehr gelungen finde ich zum Beispiel eine Szene am Anfang, bei der Kinderbilder gezeigt werden, während Madeleine Stowe erklärt, dass Kinder - und somit Kinderbücher - nicht politisch sind. Während Alan Rickman widerspricht, dass die Kinder dennoch von Ideologien umgeben sind, weitet sich plötzlich der Blickwinkel und man erkennt, dass diese "unschuldigen" Kinder Soldaten im Krieg sind, oder ein kleines Mädchen auf Hitlers Armen... Wahnsinnig eindrucksvoll finde ich auch die Entwicklung des Filmes in zweierlei Hinsicht. 1. Der ständige Rollenwechsel des Folterers, der einmal das Vertrauen seiner Gefangenen erwecken möchte um sie kurz darauf wieder zu foltern. Auch wenn man dies nicht für möglich gehalten hätte, aber in dieser Situation fühlt man sich immer wieder dazu "verführt", ihm zu vertrauen, obwohl er kurz zuvor erst bewiesen hat, dass er dieses Vertrauen nicht wert ist. Aber er ist der einzige Ansprechpartner und auch die einzige Hoffnung... 2. Der Wandel von einer verunsicherten, jungen Frau, die mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt wird und die Welt nicht mehr versteht, hin zu einer Frau, die alle Folter und Demütigung übersteht und der es sogar gelingt, den so selbstsicher wirkenden Folterer zu verunsichern. Fast scheint es so, als würde er am Schluss Mitleid mit ihr und ihrem Schicksal empfinden. Ein durch und durch empfehlenswerter Film für alle, die nicht nur einen gemütlichen Fernsehabend wollen, sondern einen wirklich packenden Film, der einen auch die darauffolgende Zeit nicht mehr in Ruhe lässt. Denn man kommt nach dem Ansehen dieses Filmes wohl nicht darum herum, sich Gedanken darüber zu machen, in wie weit es sich rentiert, zu sich selbst und zur Wahrheit zu stehen. Rentiert es sich, Folter und evtl. auch den Tod in Kauf zu nehmen, nur weil man sich weigert, ein falsches Geständnis zu unterschreiben? Bzw. auf der anderen Seite: Kann man es verantworten als "schlechtes" und "schwaches" Beispiel voranzugehen, sich dem Staat zu beugen und ihn dazu zu veranlassen, diese Methoden weiterzuführen? Nicht empfehlenswert ist der Film dadurch jedoch für alle Leute mit schwachen Nerven, denn leichte Kost ist der Film bestimmt nicht...
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Verwandte Tags für Closet Land
|
|
21.07.2008 19:54
Habe letztens deinen Erfahrungsbericht gelesen und mir den Film gestern angesehen. Ganz deiner Meinung!! Danke für den guten Tip.
18.10.2007 11:42
Guter Bericht, aber der Film wär nichts für mich. lg
19.02.2007 20:05
der Film wäre , glaube ich, nicht mein Fall.....