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Der Club der Toten Dichter (DVD)

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Aufbruch zur Freiheit

5  30.05.2005

Pro:
Optimismus

Kontra:
Realität

Empfehlenswert: Ja 

freetibet

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:31

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 87 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Neulich, vor dem Fernseher, dämmerte es mir: ich bin älter geworden. Warum? Ich ärgere mich nicht mehr über Sportreporter. Das Pokalfinale zog an mir vorbei. Herr Beckmann wechselte wie immer unermüdlich zwischen Analyse und dem, was er für die "Fanperspektive" hält. Immerhin noch weniger aufdringlich als Werner Hansch.
O je. In zehn Jahren wirst Du immer noch vor einem Fernseher sitzen und Dir diesen EWIGGLEICHEN Mumpitz anhören. (Und dann, mit fünfzig, zum jungen Gemüse sagen: "Fassbender: DAS war noch ein Reporter!") Ich horche in mich hinein, doch still ruht die See. Nichts. Nicht mal mehr der Sturm im Wasserglas. Das wars. Die dunkle Seite der Macht hat gewonnen. Die Transformation zum illusionslosen Middle-Age-Sack ist vollendet. Nicht mal HEAVY-METAL-HÖREN hilft noch. Erheben Sie sich, Lord Vader! O je...

Eine Naturkulturlandschaft wie in Stein gemeißelt. Mittendrin, hineingeklotzt, als hätte es immer dort gestanden, ein überwältigend wirkendes Gebäude. Es sieht alles nach Natur aus, aber in diesem riesigen Garten hat der Mensch das Sagen.
Der Klotz beherbergt das Eliteinternat Welton für Söhne, deren Eltern es bezahlen - können. Wir werden Zeuge der Begrüßungsansprache des Direktors zum neuen Schuljahr (1956), die vermutlich genauso auswechselbar in jedem Jahr gehalten werden kann wie die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers. Die Ziele der Schule werden auf den Punkt gebracht. Den Schülern wird eine umfassende Ausbildung garantiert, auf deren Basis sie eine Eliteuniversität besuchen können. Eine erfolgreiche Karriere ist nach dem erfolgreichen Besuch dieser Schule beinahe garantiert. Das Gelingen soll ein einfacher Wertekanon bewirken: Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung. Zeitlosigkeit macht sich breit. Schaut man das Gesicht des Direktors, dann ahnt man, daß man hier viele Facetten von Unerbittlichkeit kennen lernen wird. Der neue Englischlehrer wird vorgestellt: John Keating.

Die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Der Unterricht ist eine langweilige Lernmühle, der umfangreiche Stoff kann nur bewältigt werden, weil die Schüler sich nach dem Unterricht in Lerngruppen organisieren. Knox Overstreet, Charles Dalton (Gale Hansen), Neill Perry (Robert Sean Leonhard), Todd Andersen (Ethan Hawke), Stephen Meeks, Gerard Pitts, Richard Cameron sind zwar erst siebzehn, aber haben nur noch wenig Flausen im Kopf. Ihre Zukunft scheint ihnen vorbestimmt, die daran geknüpften Erwartungen haben sie längst akzeptiert, ohne je etwas anderes kennen gelernt zu haben. Fatalismus würde man es heute nennen, wenn es reflektiert wäre. Nur im stillen Kämmerlein, unter sich, regt sich noch ein bißchen Widerspruchsgeist gegen "Höllten", ein Ventil für die angestauten Frustrationen angesichts der täglichen Bücherwälzerei.

Pfeifend betritt Mr. Keating (Robin Williams) er die Klasse, pfeifend verläßt er sie wieder - und führt die Schüler zu den Bildern vorhergehender Schülergenerationen. Er läßt Pitts folgende ketzerische Verse lesen:

"Pflückt Rosenknospen, solange es geht
die Zeit sehr schnell Euch enteilt
die gleiche Blume, die heute noch steht
ist morgen dem Tode geweiht."

Danach läßt er die Schüler vergangener Schülergenerationen ansehen. "Diese Jungs dienen jetzt den Narzissen als Dünger." Das ist nicht mißzuverstehen. Es gilt also, die eigene Lebenszeit zu nutzen, denn irgendwann ist es vorbei. Verblüfft müssen die Schüler ihre Individualität und ihre Endlichkeit zur Kenntnis nehmen.
Für einen Augenblick erwachen sie aus ihrem metaphysischen Schlummer.

Zunächst aber sind sie orientierungslos. Neill treibt ein altes Jahrbuch auf, indem Keating Mitglied der "Dead Poets Society" aufgeführt wird, eine Vereinigung von Schülern, die sich nachts Literatur vorgelesen haben, die großen amerikanischen Dichter, aber auch eigene Verse. Neill überredet die anderen, mitzumachen. Keating läßt sich nur noch als "O Käptn, mein Käptn", dem Titel eines Gedichtes von Walt Whitman ansprechen.

In der Nacht gehts los. In weite Mäntel eingehüllt laufen die Jungs zu einer Höhle im Wald, zu einem anderen Ort, in eine andere Zeit, in eine andere Realität hinein. Ihr Erwachen beginnt. Inspiriert von den großen amerikanischen Dichtern, entwickeln sie eigene Rituale, zelebrieren sie einen anderen Lebensrhythmus, stoßen sie vor zu eigenen Mythen, entwickeln andere, Welton entgegengesetzte Rituale, formulieren eigene Interessen. Knox umwirbt ein angebetetes Mädchen, Neill findet zur Schauspielerei, Charlie beginnt auf dem Saxophon free jazz zu spielen und lädt Mädchen in die Höhle ein. Keating setzt ihre Erziehung zum selbständigen Denken konsequent fort. Sogar der schüchterne und sensible Todd wird von Keating dazu gebracht, sich in Versen zu artikulieren.

So schön und so pathetisch die Geschichte ist, irgendwann begann es in meinem Magen zu grummeln. Nicht zum ersten Mal hörte ich Sprüche wie "Mache etwas Außergewöhnliches aus Deinem Leben", "Liebe ist was wunderschönes" , "Bleib Dir selber treu", Finde Dich selbst", "Vorsicht vor Konformität".
Älter werden hat ja auch seine Vorteile, schließlich lernt seine Pappenheimer kennen. Von Musik befeuert, hatte auch als siebzehnjähriger schließlich auch geglaubt, das Leben neu zu erfinden zu müssen. Erst nachdem ich gemerkt hatte, daß mir in Form von beliebigen Bands und Jugendkulturen zum x-ten Mal in leichten Variationen der Aufguß eben dieser Sprüche verhökert worden war, wurde ich mißtrauisch. Hatte mir die Musikindustrie nicht genau das beinahe ein Jahrzehnt lang vorgebetet und sich damit dumm und dusselig verdient? Und hatte sich genau dieses eingängige Lebensgefühl in der sperrigen Realität nicht als untauglich erwiesen? Könnte schon sein. Hört sich jedenfalls plausibel an. Oder?

Eines Tages veröffentlicht Charlie in der Schülerzeitung einen Artikel, in dem er im Namen des Clubs fordert, Mädchen in die Schule aufzunehmen. Nicht nur das, als die versammelte Schülerschaft deswegen zur Rede gestellt wir, führt er ein fingiertes Telefongespräch mit Gott, der ihm in seinen Forderungen Recht gibt. Die Schulleitung reagiert auf diesen antiautoritären Spaß erwartungsgemäß humorlos. Charlie bezieht Prügel mit einem Rohrstock und wird dazu aufgefordert alle Mitglieder des Clubs der toten Dichter preiszugeben, ansonsten drohe der Schulverweis.

ACHTUNG: HIER WIRD DAS ENDE VERRATEN

Währenddessen hat Neill die Hauptrolle in einem Theaterstück ergattert. Um dem Widerstand seines Vaters zu entgehen, fälscht er seine Erlaubnis, um die Rolle spielen zu dürfen. Der Schwindel fliegt auf und der Vater erscheint während der Premiere des Theaterstücks. Neill bringt nicht die Courage auf, seinem Vater zu widersprechen, als der ihm ankündigt, ihn auf eine Militärschule zu schicken.

Der maßlos Enttäuschte bringt sich mit der Pistole des Vaters um.

Die darauf einsetzende Untersuchung nimmt inquisitorische Züge an Die Schüler müssen per Unterschrift beglaubigen, von Keating verführt worden zu sein. Sie beugen sich dem Druck der Schule und ihrer besorgten Eltern. Keating wird entlassen. Doch in einer wunderbar pathetischen Schlußszene, steigen die meisten Schüler bei seinem letzen Besuch auf die Tische und bekennen sich noch einmal zu ihrem scheidenden Lehrer. Sein Einsatz war nicht umsonst, seine Aufforderung zum freien Denken ist in den Köpfen angekommen.

(...)
Mein Käptn gibt nicht Antwort, seine Lippen sind bleich und still
Mein Vater fühlt nicht meinen Arm, hat nicht mehr Kraft noch Willen,
Das Schiff liegt heil vor Anker nun, die Reise ist nun aus,
Von schwerer Fahrt das Siegerschiff kam im Triumph nach Haus
Jauchzt, Ihr Gestade! Glocken dröhnt!
Ich aber knie in Not,
Wo auf dem Deck mein Käptn liegt,
Gefallen, kalt und tot.
(zitiert nach Walt Whitmann, Grashalme, S.343
dt. Übersetzung von G. Landauer)


UND HIER GEHTS WEITER


Jetzt, vor dem Hintergrund einer autoritären Tradition, die mit Kanonen auf Spatzen schießt, beginnt sich der Zauber des mentalen Aufbruchs im Medium poetischer Sprache zu entfalten und plausibel zu werden. Denn Keating hatte die Schüler keineswegs dazu aufgefordert, die Schule oder den Unterricht offen in Frage zu stellen. Erst die letztlich mimosenhafte Reaktion der Autorität, nicht verstandene Fragen mit überzogenen Sanktionen zu beantworten, ist das Movens für die folgende Entwicklung und gibt den geistigen Befreiungsversuchen der Schüler die Romantik, die der kommerziellen Ausbeutung jugendlicher Sinnsuche a la MTV abhanden gekommen ist.

Die historische Parallele ist leicht zu fassen. Es werden die gleichen Schüler sein, die einige Jahre später als Studenten in Berkley, inspiriert von Literatur, bildender Kunst und Musik (und Drogen) eine Revolte lostreten werden, die die Welt, vor allem sie selbst, verändern wird. Zielgerichtet und mit der notwendigen Portion Engstirnigkeit werden schon längst hinfällige Tradionen angegriffen, die Lügen der vorherigen Generationen gelüftet und ausgelacht. Jugendkulturen entstehen. In der Folge formierten sich unzählige Gruppen, am prominentesten hier wohl "Die Grünen", die mit dem festen Willen zur Veränderung den "Marsch durch die Institutionen" beginnen. Wer (wie ich) in den achtziger Jahren aufgewachsen ist, kann sich vielleicht noch an die Irritationen erinnern, die es ausgelöst hat, wenn nach dem Kumpeltyp im Jeansanzug (Deutsch) der stockkonservative, IMMER 60jährige Lateinlehrer das Klassenzimmer betrat. Dabei tat sich sicher einen Menge (was war Joschka Fischer doch einmal für eine Figur!), zur Veränderung hat es gereicht, zur Revolution nicht. Die autoritäre Tradition wurde erfolgreich beseitigt, die Demokratisierung vorangetrieben, die freie Meinungsäußerung eine Normalität. Alles tuffi also?

Sicher ist das Leben heute freier, angenehmer, als es das noch in den Zeiten zu zwingender Autorität und Autoritätshörigkeit war. Dennoch werde ich den Eindruck nicht los, daß sich ein nicht mehr so leicht erkennbarer, aber ebenso straffer Wertekanon etabliert hat. Anstelle des Zwangs sich in das Korsett einer autoritären Tradition einschnüren zu lassen ist der biographische Druck getreten, der immer präsente Zwang einen ordentlichen Lebenslauf vorweisen zu können, der in jedem Vorstellungsgespräch anhand eines detaillierten Dossiers nachgewiesen werden muß. Ansonsten droht die Arbeitslosigkeit, mindestens der Eindruck, sein Leben nicht "im Griff zu haben".

Damit wird es für die Meisten schon schwer genug, etwas Normales aus ihrem Leben zu machen, das von Keating geforderte Außergewöhnliche ist längst passe, Kompetenz und Engagement hin oder her. Biographische Kohärenz, Disziplin, Leistung, Effizienz, wirtschaftlicher Erfolg: dieser immer schärfer ins Leben des Einzelnen eingreifende neue Wertekanon scheint die individuelle Freiheit aufs Neue zu ersticken/zur Farce werden zu lassen. Polemisch ausgedrückt: was die Verantwortung für die eigene Biographie anbelangt, haben sich Privatisierung und Dezentralisierung schon längst durchgesetzt, lange bevor sie Forderungen einer liberalen Wirtschaftspolitik geworden sind.
I
Ich hänge mich zu weit aus dem Fenster? Das hat alles nur noch wenig mit dem Film zu tun? Zugegeben. Deswegen jetzt das Fazit.

Der "Club der toten Dichter" ist ein sehr schöner, sehr pathetischer und gut inszenierter Film, der in Form eines Dramas noch einmal das Erwachen einer ganzen Generation beschwört, ohne die Gefahren der Nonkonformität zu verschweigen. Die Schauspieler haben mir durch die Bank gut gefallen, besonders Robin Williams gab hier einer seiner frühen Glanzvorstellungen, die ihn zum Star werden ließen. Wer sich diesen Film ansieht wird kein typisches Hollywoodkino erleben. Philologiestudenten und Intellektuelle mögen den Film (zurecht) kitschig finden, emotional wird er, glaube ich, immer noch viele, vor allem junge Leute gefangen nehmen.

Ein großes Wort, ein hartes Wort, Freiheit. Ist sie durchgesetzt, muß auch sie erstmal aus- und durchgehalten werden.

DVD

Ich selber bin Besitz einer Special Edition, die neben der englischen Original- auch die deutsche und italienische Synchronisation bietet. Obwohl ich die deutsche Synchronisation durchaus gelungen finde, würde ich die englische Originalversion mit Untertiteln empfehlen. Bild- und Tonqualität sind okay.

Als Extras bietet die DVD noch einen Audiokommentar von Peter Weir und Tom Schulman, dem Autoren des Drehbuchs, sowie ein Interview, indem die damaligen Darsteller der Schüler noch einmal von ihren Erfahrungen mit Peter Weir erzählen sowie einige Extras, die die technische Seite der Inszenierung beleuchten.

Alles in allem eine gelungene Investition.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
cute-angel

cute-angel

02.03.2007 18:09

hey das n super bericht über nen richtig guten film, hab vor nem jahr das buch im englischunterricht dazu gelesen und war fasziniert davon,genauso wie von deinem bericht.in dem sinne. "Carpe Diem" lg cute

red_shadow

red_shadow

28.01.2007 14:56

Auch hier ist das „bh“ verdient. Hervorragend.

Fantomiss

Fantomiss

19.01.2007 22:54

hm. komisch. mal ist mein kommentar da, dann isser wieder weg. was ich noch sagen wollte, so generell: DVD-extras? meist überflüssig wie ein kropf. manchmal scheint mir, da ist so eine art sammelleidenschaft wie bei so paninibildchen ausgebrochen. gewonnen hat der mit den meisten extras. und die filme guckt keiner mehr. verrückt.

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