Cyrano, je t'adore!
29.01.2004
Pro:
Das allerbeste Stück aller Zeiten… witzig, tragisch, romantisch, wild !
Kontra:
-
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Wie ergreifend ist die Story?
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 luckynina
Über sich:
Mitglied seit:05.11.2003
Erfahrungsberichte:66
Vertrauende:15
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 68 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wann nahm wohl die Liebe ihren Anfang? Wie ist’s passiert? Süße Siebzehn war ich, als ich das erste Mal SEINE Bekanntschaft machte. Nun ja, der erste Eindruck brachte mein Herz noch nicht zum Flattern. Ein Haudegen. Grob und aufbrausend, aber nie gemein, ein wenig unfein und hart zupackend, aber nie bösartig. Und dann, peu à peu, tritt das Innere zutage und überstrahlt das wenig ansprechende Äußere: witzig ist er, treu den Freunden zugetan, und liebt bedingungslos und mit einer Selbstlosigkeit, die mich völlig für ihn einnahm, die mich immer noch und immer wieder bezaubert. Die Rede ist von meinem Held, dem tragischsten aller Helden: Cyrano de Bergerac. Die meisten haben seine Bekanntschaft nur im Kino gemacht, in der Verkörperung von Gerard Dépardieu, oder im Theater. Wenige werden jedoch das Stück gelesen haben, und genau dieses möchte ich euch hier ein wenig näher bringen. ° Dramatis Personae (Personen des Stücks):Cyrano von Bergerac Christian von Neuvillette Le Bret, Cyranos Freund Madeleine Robin, genannt Roxane Weiters Graf Guiche, Vicomte Valvert, der Bäcker Ragueneau, der Hauptmann Castel-Jaloux, Edelleute, Schauspieler, Nonnen, Kadetten, Musketiere, Mönch, Soldaten... ° Aufbau Dieses Stück ist nach dem Muster klassischer Dramen aufgebaut, das heißt, es spielt in fünf Akten, wobei die ersten vier Akte 1640 in Paris bzw. auf dem Schlachtfeld bei Arras spielen, der letzte Akt spielt 1655 wieder in Paris. Umfangreiche Regieanweisungen ergänzen das gesprochene Wort. ° Plot Zu Beginn des Stücks lernt der Leser Cyrano kennen, wie er leibt und lebt: in einem von ihm provozierten Duell, indem der Raufbold vorgibt, sein Gegenüber hätte sich über seine große Nase lustig gemacht. Sogar während dem Fecht-Duell gibt Cyrano eine Ballade zum Besten, die Valvert, sein Opfer, zugleich bestürzt und zornig macht, da der Refrain lautet:„Denn beim letzten Verse stech ich!“ Diese Drohung (oder war es ein Versprechen?) wird sogleich wahr gemacht. Wenig später vertraut sich Cyrano seinem Freund Le Bret an, und gesteht ihm, dass er sich in Roxane verliebt hat.Le Bret: Du liebst sie? Gut! Du musst es ihr bekennen. Sie war ja Zeugin deiner Tapferkeit. Cyrano: Schau mich doch an und gib mir dann Bescheid, Wie viel Hoffnung dieses Trumm von Nase Mir übrig lässt! Hier erfährt der Leser also den großen Konflikt Cyranos: Er fühlt sich der Liebe Roxanes unwürdig, weil er so hässlich ist, und versucht somit durch Raufhändel und Zweikämpfe, sein Ego aufzupolieren und Dampf abzulassen. Doch dann, im zweiten Akt, bittet Roxane Cyrano zu einem Stelldichein. In letzter Minute will Cyrano kneifen und ihr stattdessen einen Liebesbrief hinterlassen, doch – zu spät – Roxane tritt ein. Sie erklärt etwas zögernd, dass sie ihm etwas bekennen muss. Ihre zaghaften Andeutungen lassen Cyrano bereits hoffen, dass sie ihn auch liebt: Roxane: Nun denn, ich liebe… Cyrano: Ah! Roxane: …jemand, der’s nicht ahnt. Cyrano: Ah! Roxane: Doch er soll’s in kurzer Zeit erfahren. Cyrano: Ah! [hier lasse ich ein paar Zeilen aus] Roxane: Geistvoll sieht er aus, stolz, adlig, herzhaft, Ist jung und schön… Cyrano (sich erhebend, ganz bleich): Und schön!Hier zerplatzt sein Traum, als Roxane ihm gesteht, dass sie einen jungen Kadetten seiner Kompanie, Christian de Neuvillette liebt. Und der arme liebeskranke Cyrano muss ihr zähneknirschend versprechen, dass er dafür sorgen wird, dass dem Neuling nichts zustößt. Sodann richtet Cyrano dem überglücklichen Christian aus, dass Roxane seine Gefühle erwidere, und einen Brief von ihm erwarte. Dies stürzt Christian jedoch in Verzweiflung, da er, wie er von sich selbst sagt, „ein arger Dummkopf“ sei. Doch Cyrano zieht aus seiner Jacke einen fix-fertigen Brief (den von vorhin), und schlägt ihm vor, sein „Ghostwriter“ zu werden. Christian geht darauf ein – und so hat Cyrano wenigstens das kleine Glück zu wissen, dass Roxane seine Liebesbriefe an sie liest…Im dritten Akt will Christian, übermütig geworden, allein mit Roxane sprechen, ohne Cyrano als Souffleur. Doch sein verliebtes ungeschicktes Gestammel lässt Roxanes Leidenschaft sofort erkalten, und sie lässt ihn enttäuscht sitzen: „Denn Unverstand macht selbst die Schönheit hässlich!“ Reumütig kehrt Christian zu Cyrano zurück, und bittet ihn, ihm zu helfen, Roxane zurückzugewinnen. So stehen beide wenig später unter ihrem Balkon, Cyrano im Schatten, und Christian plappert Cyranos vorgesagte Liebesschwüre nach. Doch dies funktioniert nicht sonderlich gut, und so tauschen die beiden schnell die Mäntel, und Cyrano spricht anstelle Christians zu Roxane, die bald völlig hingerissen seinen Liebesgedichten lauscht. Als sie ganz bezaubert ist, erklettert Christian den Balkon und küsst sie… und Cyrano geht einsam weg. Wenig später erreicht Roxane durch eine List, dass sie mit Christian vermählt wird. Doch noch in derselben Nacht muss ihr Angetrauter Abschied nehmen – die Gascogner Kadetten ziehen in den Krieg. Selbst vom Schlachtfeld schreibt Cyrano im Namen Christians treu jeden Tag – und kämpft sich heimlich durch die feindlichen Reihen, nur um den Brief aufzugeben. Von den Liebesbriefen verzaubert, trotzt Roxane jeder Gefahr und kommt ins Lager, um ihren Liebsten zu sehen. Sie entschuldigt sich bei ihm, dass sie ihn einst nur seiner Schönheit wegen geliebt hat, und gesteht, nun liebe sie nur noch seine Seele. Das wiederum bestürzt Christian – denn seine Seele, das ist Cyrano! Er hat all die Worte gesprochen, all die Briefe geschrieben. Christian besteht darauf, dass Cyrano ihr alles beichtet. Doch bevor es dazu kommen kann, wird Christian erschossen und stirbt in Roxanes Armen. Nun muss Cyrano schweigen. Fünfzehn Jahre später. Roxane lebt im Kloster, sie hat sich nie von dem schmerzlichen Verlust erholt. Jede Woche kommt ihr treuer Freund Cyrano sie besuchen, und erzählt ihr, was sich in der Welt zugetragen hat. Eines Tages wird Cyrano von seinen Feinden hinterrücks auf den Kopf geschlagen und schwer verletzt. Dennoch schleppt er sich zu Roxane, und verlangt, Christians (eigentlich seinen eigenen) letzten Brief zu lesen. Sie gewährt es ihm, und plötzlich erkennt sie seine Stimme als jene, die Nachts unter dem Balkon Liebesschwüre gesprochen hatte… plötzlich wird ihr alles klar, der Betrug mit den Briefen, und dass sie in Wirklichkeit all die Jahre nur Cyrano geliebt hatte, ohne es zu wissen. Doch es ist zu spät. Die Wunde ist tödlich. Cyrano stirbt in den Armen seiner geliebten Roxane. ° Edmond Rostand Auf die Popmusik umgemünzt, würde man Rostand wohl als „One-Hit-Wonder“ bezeichnen, denn „Cyrano“ war sein einziger Erfolg. Das 1897 in Paris uraufgeführte Stück eroberte bald ganz Frankreich und wurde in viele Sprachen übersetzt. Rostands weitere Stücke, zB. „La Princesse Lointaine“, „Le Gant Rouge“, „Les Musardises“ usw. waren Flops. Einzig die berühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt hielt viel von Rostand. ° Der „echte“ Cyrano Soviel ist sicher: Er hat wirklich gelebt. Doch was ist Wirklichkeit, und was Legende? Tatsache ist, dass Savinien de Cyrano, geboren 1619, Schriftsteller und Poet war. Später nennt er sich de Bergerac, weil das adeliger klingt. Er trat 1938 zusammen mit Le Bret, der später sein erster Biograf werden sollte, den Gascogner Kadetten bei und war in ganz Paris als Degenheld bekannt. Aus einem zeitgenössischen Pamphlet erfahren wir etwas über sein Äußeres: „Bergerac war weder von der Beschaffenheit der Lappen noch jener der Riesen. Sein Kopf schien fast aller Haare verlustig, man hätte sie aus zehn Schritt Entfernung zählen können. Die Augen verschwanden unter seinen Brauen; die Nase, mit breitem Rücken und krumm gebogen sah aus wie die jener gelb-grünen Papageien, die aus Amerika kommen. Seine Beine, die es nicht so mit dem Fleische hatten, nahmen sich aus wie zwei Spindeln. Sein Bauch war ein Nachbild des äsopischen Wanstes.“Also ist auch seine Hässlichkeit geschichtlich belegt. Er schrieb Gedichte, Briefe und utopische Romane, die seiner Zeit völlig voraus waren: „Die Reise zum Mond“, „Komische Geschichte der Staaten und Reiche der Sonne“. Wegen dieser Schriften wurde er als Häretiker abgestempelt und hatte viele Feinde. 1655 starb Savinien de Cyrano de Bergerac, erst 36 Jahre alt, völlig verarmt im Hôtel-Dieu, dem Armenspital von Paris. ° Bemerkungen Nicht umsonst ist dieses Stück unzählige Male inszeniert (ich sah es einmal im Wiener Burgtheater mit Klaus Maria Brandauer als Cyrano) und viele Male verfilmt worden – der Stoff ist einfach zeitlos und immer wieder faszinierend. Eine burleske Komödie, in der Witz, Intrigen, Krieg und Tragödie, aber vor allem Liebe und Romantik nicht zu kurz kommen – das macht einen Kassenschlager sowohl anno 1897 als auch 2004 aus. „Cyrano“ ist sowohl ein modernes, als auch ein historisches Stück, das dem Leser das 17. Jahrhundert näher bringt. Letzteres, weil die Verehrung der adeligen oder doch zumindest preziösen Frau gut beschrieben wird - dass lange Liebesbriefe und viel „romantisches Gesülze“ notwendig ist, um sie schlussendlich zu erobern. Auch durch die Wort- und Degengefechte erlangt man einen guten Einblick in das manchmal überzogene Ehrgefühl dieser Zeit. Als modernes Stück würde ich es deshalb bezeichnen, weil der zentrale Konflikt Cyranos – seine Hässlichkeit gegen den Wunsch, geliebt zu werden, so gut dargestellt wird. Seine Komplexe überschatten sein ganzes Handeln, und hindern ihn daran, das Leben in die Hand zu nehmen und glücklich zu werden. Somit kann man Cyrano durchaus als modernen tragischen Helden bezeichnen. Nach diesem langen Bericht ist es wohl unnütz zu sagen, dass dies mein absolutes Lieblingsstück aller Zeiten ist. Meine deutsche Ausgabe ist völlig zerlesen und eselsohrig. Ich habe es im Original auf französisch gelesen, habe den Film so oft gesehen, dass ich die meisten Stellen mitsprechen kann. Höre oft die CD mit der Filmmusik. Und einmal, da hab ich mich sogar hingesetzt und ein alternatives Ende geschrieben. Was wäre gewesen, wenn Roxane früher erkannt hätte, dass sie in Wirklichkeit Cyrano liebt?Aber dann wäre das ganze Stück nie so mitreißend tragisch gewesen, sondern eine seichte Liebeskomödie. Leider konnte ich in der Inhaltszusammenfassung auf vieles nicht eingehen, was das Stück so besonders macht: Auf Graf Guiche und seine Intrigen – und wie sich Roxane geschickt herausgewunden hat, oder auf Ragueneau und Lignière, Cyranos Freunde. Zudem musste ich auch Cyranos Rolle bei den Kadetten auslassen, und konnte auch nicht seine Unabhängigkeit, sein Streben nach höherem, und gleichzeitig seine Erdverbundenheit erwähnen. Auch nicht, dass er, um seinen Liebeskummer zu kompensieren, ständig Streit sucht, und einmal sogar allein gegen 100 Mann kämpft… Sein härtester Kampf jedoch, das war der Kampf gegen seine eigenen Gefühle. Weil er den Freund (obwohl eigentlich Nebenbuhler) nach dessen Tod nicht verraten wollte, ließ er Roxane in dem Glauben, dieser hätte all die schönen Briefe geschrieben – und erfährt bis kurz vor seinem Tod keinerlei Anerkennung dafür. Ich muss mich bremsen – der Bericht ist schon lang genug. Dieser Stoff fasziniert mich einfach immer wieder. Vor ein paar Jahren machte ich das Stück für unsere Laienschauspielgruppe passend, indem ich es ziemlich kürzte und ein wenig umschrieb, und es kam zu ein paar Aufführungen, wobei ich Regie führte. Aber einmal, wegen Ausfalls unserer Roxane, durfte ich die Roxane spielen… *seufz* ° Fazit Lesen, lesen, lesen! Oder schaut euch wenigstens mal den Film an… Erschienen bei Reclam, 156 Seiten. ISBN: 3150085950 Erhältlich um ca. € 4,-- 01/2004 für Ciao und Yopi
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Cyrano von Bergerac - Rostand, Edmond
Taschenbuch, 156 S., Erschienen: 1977
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Seiten: 156, Taschenbuch, Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
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11.06.2004 16:29
nach langer suche bei deinen berichten nach einer thematik die mir zusagt,bin ich hier fündig geworden:)
05.02.2004 13:25
Den Film habe ich drei Mal gesehen und er ist echt klasse.
31.01.2004 13:11
Ein toller Bericht!! Die Beschreibung über das Äußere von Cyrano sagt mir, daß der Film mit Departieu doch schon sehr wirklichkeitsnah besetzt war ;-). LG Jana