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Nicht FÜR SIE, vielleicht aber etwas für Sie

5  16.04.2004

Pro:
eine sehr lesenswerte Zeitschrift

Kontra:
gibt's nicht an jeder Ecke

Empfehlenswert: Ja 

Gemeinwesen

Über sich: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück" (Gottfried Benn) ciao-Merksatz 2006: "...

Mitglied seit:13.10.2003

Erfahrungsberichte:328

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 44 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


Es gibt eine Zeitschrift, die heißt "FÜR SIE".

Da der Titel in Versalien geschrieben ist, bin ich mir jetzt nicht einmal sicher, wie ich das verstehen muß bzw. für wen die fragliche Zeitschrift eigentlich gedacht ist. Ist sie für mich - und stammt sie von jemandem, der mich nicht gut genug kennt und deshalb vorsichtshalber und per Höflichkeitsanrede verbale Distanz hält?

Dann wäre die "FÜR SIE" wohl eine "Für Sie".

Noch wahrscheinlicher ist aber wohl, daß die "FÜR SIE" eine "Für sie" ist. Wobei "sie" vermutlich für "die Frau von heute" steht, vielleicht auch für derer gleich viele. Weiß man's?

Mal sehen, was der Jahreszeitenverlag dazu sagt - der muß es ja wissen, schließlich erscheint die "FÜR SIE" darin. Aha:

"FÜR SIE ist die Zeitschrift für Beauties, Berufstätige, Mütter, Wellness-Fans, Modebegeisterte, Informationshungrige und und und. Kurz: Für Frauen von heute, die wissen, was Sie (sic!) wollen."

(nachzulesen unter www.jalag.de)

Beauties? Am Ende vielleicht gar - Black Beauties, Furies oder Palominos?

Als wenn ich's nicht geahnt hätte: Da sind sie, die Frauen von heute - warum die allerdings wissen oder auch nur ahnen sollen, was ich will, bleibt mir schleierhaft.

Ich jedenfalls beginne zu ahnen, daß der Verlag gegebenfalls einer Orientierungshilfe in Sachen Groß- und Kleinschreibung bedarf - und daß "FÜR SIE" vielleicht etwas für sie, vielleicht sogar für Sie, gewiss aber nichts für mich ist.

Mal sehen, was mir der Zeitschriftenhändler sonst noch anbietet.

Was denn - ein "du"?

Soso. "Irgendwie ziemlich nassforsch, wie!?" hat die deutsche Synchronisation Herrn John Cleese von den "Monty Python's Flying Circus" einmal in den Mund gelegt.

Ich meine - wir kennen uns doch kaum. Und schon sollen wir per du sein? Passen Sie bloß auf, mein Freund! Sonst gehe ich Ihnen noch
perdu - und zwar als zahlender Kunde!

Ach, so. Jetzt verstehe ich - es geht da um eine Zeitschrift. Und die heißt "du"? Dann ist es ja kein Wunder, wenn ich mich sofort angesprochen gefühlt habe.

A propos "Sprechen": Müßte dieses "du", weil die Adresse in Schriftform geschieht, nicht eigentlich ein "Du" sein? Ich habe doch mal gelernt, daß ... halt. Moment. Zumindest in der reformierten Rechtschreibung hat das, ganz gleich ob sich's um zitierte wörtliche Rede oder Anredepronomen in der schriftlichen Korrespondenz handelt, ja wirklich inversal zu sein - also tatsächlich "du".

Wie belieben so sinnig? Wer hat's "du" erfunden - die Schweizer?

A.ch so - wenn es sich bei "du" um eine eidgenössische Publikation handelt, dann gelten für die wohl ohnehin etwas andere Regeln. Gut so - das soll mir recht sein, so kommen wir schließlich auch um das leidige "ß" herum, das uns, so mein Eindruck, seit Beginn der Rechtschreibreform-Probezeit eher noch mehr Verdruß zu bereiten scheint als vorher!

Recht so - Schluss mit dieser halbherzigen Reförmchenbäckerei: als "du"-Leser darf ich alle Eselsbrücken (nicht "Rußland", sondern "Russland", weil der Vokal kurz gesprochen wird) hinter mir lassen.

Also: nicht nur Verdruss, sondern auch verdriesslich, nicht nur Schluss, sondern auch schliesslich - na, bitte, geht doch; weiss der Teufel, warum wir uns solche Massgaben nicht auch zu eigen machen können. Ob die Schweizer das schon immer so gehandhabt haben? Weiss ich leider nicht. Aber als ich das letzte Mal nachgesehen habe, gab's die Schweiz jedenfalls noch - woraus ich schliesse: die Kultur des Abendlandes bleibt von solchen orthographischen Konventionen sicherlich unberührt.

Überhaupt - was heisst hier eigentlich "Kultur"?

Laut Brockhaus kann mit "Kultur", je nach Zusammenhang, eines der Folgenden gemeint sein:

(1)

"die Gesamtheit der Lebensäußerungen der menschlichen Gesellschaft in Sprache, Religion, Wissenschaft, Kunst und anderem",

(2)

"allgemein: Pflege, Veredlung, Vervollkommnung - vor allem der menschlichen Gesittung, Lebensführung und der Umwelt des
Menschen" und

(3)

"Urbarmachen des Bodens; Anbau, Pflege von Nahrungspflanzen"



"du" bezeichnet sich selbst als "Zeitschrift für Kultur": "Jeden Monat", heißt es auf der zum Magazin gehörigen Website www.dumag.ch, "widmet sich unsere Zeitschrift einem Thema der Kultur." Und weiter steht da zu lesen: "Die Folge der Hefte bildet eine faszinierende Enzyklopädie der Gegenwart."

Aha. Das greift jedenfalls weiter als die Definition unter (3).

Die Bezeichnung "Zeitschrift" darf man in Falle von "du" also tatsächlich sehr wörtlich verstehen im Sinne einer Schrift, die sich mit Themen der Zeit beschäftigt. Noch dazu handelt es sich bei "du" um eine vergleichsweise schriftlastige Zeitschrift (die im März 2004 vom Art Directors Club* Deutschland übrigens mit je einer goldenen Auszeichnung in den Kategorien "Zeitschriftengestaltung" und "Zeitschriftentitel" bedacht wurde): mithin hat "du" mehr Ähnlichkeit mit der (m.E. ebenfalls sehr lesenswerten) Wirtschaftszeitschrift "brand eins" als mit den meisten anderen in (fast) monatlichem Turnus ("du" erscheint, wie "brand eins", 10x im Jahr) erscheinenden Magazinen - übrigens auch inhaltlich, denn auch die "brand eins" pflegt die einzelnen Ausgaben der eingehenderen Betrachtung eines bestimmten Themas aus verscheidenen Blickwinkeln zu widmen.

Und wenn wir schon bei Preisen und Auszeichnungen sind:

Der Kauf einer Einzelausgabe von "du" schlägt mit Fr. 20.- / € 12.- zu Buche (Doppelnummern kosten laut Verlag Fr. 30.- / € 18.- - bei der mir vorliegenden Ausgabe aus dem April 2004 handelt es sich allerdings um eine Einzelausgabe). Mit anderen Worten: "du" ist sicherlich keine der Zeitschriften, die man nach erfolgter Lektüre dem Altpapier zuführt, sondern ist wohl wirklich eher als Teil eines Sammelwerkes zu betrachten - wobei jede Ausgabe thematisch abgeschlossen ist.

Einen ähnlichen Ansatz wie "du" und "brand eins" hat hier zu Lande vor einigen Jahren übrigens die Redaktion des "SPIEGEL" mit dem
spin-off "SPIEGEL spezial" gewagt; leider blieb dem Projekt der gewünschte Erfolg versagt. Langfristig rechnete sich das "spezial" wohl nicht - oder doch zumindest nicht in der ursprünglich gedachten Form, denn geblieben ist davon nur ein meines Wissens lediglich sporadisch erscheinendes Magazin namens "SPIEGEL special", das, wie in der derzeit aktuellen Ausgabe "Die Entschlüsselung des Gehirns", nicht viel mehr bietet als die Kompilation von Beiträgen zu einem bestimmten Thema, die vorab bereits in den regulären Ausgaben des "SPIEGEL" erschienen sind.

Mein Fazit:

Ich habe "du" mittlerweile bereits zum zweiten Mal erworben (mein Erstkauf war die dem Thema "Utopisches Bauen" gewidmete Ausgabe aus dem Dezember 2003) - und wenn es erst das zweite Mal ist, dann liegt das sicherlich eher daran, dass "du" (die Ausgaben haben übrigens eine eigene ISBN, und beim Verlag können auch zurückliegende Ausgaben noch bestellt werden) eine dieser Publikationen ist, die eher im (hoffentlich) gut sortierten Bahnhofsbuchhandel erhältlich ist als an der nächsten Tankstelle bzw. am Kiosk (wenngleich der Zeitschriftenmann des Vertrauens die "du" auf Wunsch bestimmt ebenso besorgen kann wie wahrscheinlich so ziemlich jede andere Zeitschrift).

Die aktuellen Ausgabe du 745, die ich in diesen Tagen lese, hat die Redaktion unter das Motto "Paare. Es geht nicht ohne den Andern, auch wenn es mit dem Andern nicht geht" gestellt - und obwohl der Großteil der Beiträge im aktuellen Heft meiner Lektüre bislang noch harren musste, kann ich doch bereits feststellen, dass sich der Kauf für mich bereits gelohnt hat - schon allein, weil man den von mir so sehr geschätzten Brüderpaar Joel und Ethan Coen einen eine Seite langen, überaus lesenswerten Essay gewidmet hat:

"Max und Moritz. Streiche in der Filmindustrie: Joel und Ethan Coen"

(Auch für diesen Beitrag gilt übrigens, was für die meisten "du"zereien gilt: Bilder entstehen allenfalls im Kopf des Lesers, denn auch das Kurzportrait der Coens verzichtet auf jegliche Illustration - was ich persönlich allerdings nicht weiter schlimm finde.)

Wer interessiert daran ist, mit welchen "Paarungen" sich die aktuelle
Ausgabe von "du" sonst noch beschäftigt, dem empfehle ich, einen Blick auf die Website zu riskieren:

Unter der Adresse


----------------------------
www.dumag.ch
----------------------------


findet sich, neben Angaben zu Erscheinungsweise, Auflage (laut WEMF ** 17'600) und allem anderen, was am Rande interessant sein mag, auch eine Auflistung aller Beitragstitel der aktuellen Ausgabe - darunter so viel versprechende und verheißungsvolle Überschriften wie zum Beispiel

"Hanni und Nanni. Beste Freundinnen überall"

"Tim und Struppi. Manche Menschen wären ohne Hund unvollständig"

"Lindt und Sprüngli. Der Erfinder der Mozartkugel"


Neben dem Teil des Magazins, der sich mit dem Schwerpunktthema der jeweiligen Ausgabe befasst, wartet auf den interessierten Leser im mit "Journal" überschriebenen Heftteil unter anderem ein Ausstellungskalender, die Kolumne "Noch nicht gedrehte Filme" (gefällt mir ausnehmend gut), eine Übersetzungskritik sowie diverse Besprechungen und Empfehlungen verschiedener Couleur.

Der vielsagend mit "Ausklang" betitelte Heftteil schliesslich versammelt Rubriken wie das Impressum, Leserbriefe, die Rückschau "'du' vor 50 Jahren" sowie den Ausblich auf die folgende Ausgabe; gut gefallen hat mir persönlich auch die Rubrik "Selbstgebrannt", in der ein Autor eine imaginäre CD mit Stücken zusammenstellt, die einen Bezug zu einem selbst gewählten Thema haben.


Meine Einschätzung:

Wer Zeitungen vorzugsweise des Feuilletons wegen kauft, kann mit "du" eine Entdeckung für sich machen; ich selbst werde "du" in Zukunft eher öfter lesen als in der Vergangenheit, im Einzelfall meine Entscheidung aber wohl eher in Abhängigkeit vom Schwerpunktthema der jeweiligen Ausgabe treffen, als gleich zu abonnieren: Dass das Erscheinen der "du" von der Anzahl neuer Abonnenten abhängt, ist jedenfalls, der vermutlich überaus treuen Leserschaft sei's gedankt, wohl nicht zu befürchten - schließlich besetzt "du" offenkundig sehr erfolgreich eine Nische, erscheint "du" laut Auskunft des Verlags doch, man höre und staune, bereits seit 1941.


*
Art Directors Club (kurz: ADC): ein aus Damen und Herren bestehendes Gremium, in dem immerhin Einigkeit darüber besteht, dass die Anfertigung von Werbung als Kunstbetrieb zu gelten habe - das sich aber nicht traut, das auch auf Deutsch zu sagen.

**
Ein Verein, der offenbar das Schweizer Pendant zum deutschen Institut für Werbeforschung IWF ist ("Der Verein WEMF bezweckt die Förderung und Unterstützung der Medienforschung in der Schweiz, mit Schwergewicht auf der Printmedienforschung, unter Berücksichtigung internationaler Verhältnisse und Methoden."

Quelle: www.wemf.ch)

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Ingenieuse

Ingenieuse

30.04.2004 02:32

Schade nur, dass der Preis dieser Zeitschrift doch recht heftig ist. Mir gefällt jedoch darin die Werbung, denn die ist dem Leser angepasst.

mickymelli

mickymelli

27.04.2004 00:42

Schöne Überschrift gewählt :-)Melli

IlkaSehnert

IlkaSehnert

25.04.2004 20:02

Hey, <<Du>> - da haste aber einen interessanten Bericht geschrieben! Ich hab die noch nie bewußt in irgendeinem deutschen Zeitschriftenhandel rumliegen sehen, werde aber jetzt mal gezielt danach gucken...LG! Ilka

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