Dancer in the dark

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Hin und her

4  04.12.2000

Pro:
Alles  -  außer dem einem Nachteil

Kontra:
Kameraführung

Empfehlenswert: Ja 

MKohlhass

Über sich: "Gelassenheit ist die anmutigste Form des Selbstbewußtseins!"

Mitglied seit:25.03.2000

Erfahrungsberichte:106

Vertrauende:32

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 31 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Als ich aus dem Kino aus "O brother, where art thou" kam war ich sehr verwirrt. Als ich einen Tag später aus "Dancer in the dark" in den Nachthimmel trat, war ich dagegen hin und her gerissen. Wieso???

DIE HANDLUNG - genial einfach und eindringlich!

Seit "Dead Man walking" hat es wohl keinen so entschiedenes und unter die Haut gehendes Plädoyer gegen die Todesstrafe gegeben, wie "Dancer in the dark". Der entscheidende Unterschied: letzteres ist ein Musical! Ein Musical gegen die Todesstrafe? Ja!
Selma (oder Thelma?) Yankovich, eine allein erziehende Mutter im Amerika der 50er, versucht als einfache Fabrikarbeiterin sich und ihren 12jährigen Sohn redlich durchzubringen. Nein, mehr als durchzubringen, sie versucht jeden Cent zu sparen, um ihrem Kind eine Augenoperation zu ermöglichen, die seine drohende Erblindung verhindern könnte. Ein vererbtes Schicksal, dem Mutter Selma nicht entgeht. Einziger "Lichtblick" in ihrem tristen Dasein ist ihr Mitwirken in der lokalen Theatergruppe.
Mutter und Sohn leben in einem Wohnwagen bei einem vermeintlich großherzigen Ehepaar. Doch Er, der Kleinstadtpolizist, benötigt dringend Geld, um seine anspruchsvolle Ehefrau zufrieden zu stellen. Als er Selma's Erspartes entwendet, holt diese es sich wieder, wobei er in suizidaler Absicht sie dazu bringt, ihn zu erschießen. Dafür wird sie zum Tode verurteilt.

DIE SCHAUSPIELER - einfach genial und eindringlich!

Zugegeben, ich ließ mich - ohne die Handlung vorab zu kennen - mit dem Vorurteil in den Kinosessel fallen, mir wieder einmal einen Film antun zu müssen, in dem ein erfolgreicher Musikus meint, nun auch sein schauspielerisches Talent beweisen zu müssen. Doch selten habe ich mich so gerne eines Besseren belehren lassen. Die Sensibilität, mit der die Isländerin Björk die einfache, aber zugleich empfindsame und herzensgute Selma spielt, nein verkörpert und lebt, ist faszinierend. Ich habe selten eine glaubwürdigere Umsetzung der schwierigen Rolle einer Todeskandidatin gesehen. Björk schafft es hervorragend, Selmas vermeintliche Naivität mit der einer Mutter innewohnende Urkraft der Liebe und Verantwortung zu ihrem Kind zu vereinen.
Doch auch die Besetzung und Ausfüllung der übrigen Rollen lassen nach meinem Verständnis nichts zu wünschen übrig. Allen voran: Catherin Deneuve als ältere Kollegin und Freundin in der Fabrik, die von Selma liebevoll Cvala genannt wird.

DIE MUSIK - typisch Björk!

Der Film beginnt bei geschlossenem Vorhang mit einem längeren wagnerschen, zumindest wagnerartigen Hornetüde. Das ist aber auch die einzige Musik, die nicht unbedingt Björks Handschrift trägt. Im Gegensatz dazu sämtliche Musicaleinlagen. Sie verkörpern Selmas fröhliche, heitere Traumwelt, die in deutlichem Kontrast zur Tristesse und Last ihres wirklichen Lebens stehen. Sie sind im typischen Björkstil, teils skurril, teils überschäumend und für den Nicht-Fan stets gewöhnungsbedürftig (aber eben nicht schlecht!!!) Unterstrichen wird der bisweilen stakkatoartige Hörgenuß, durch beeindruckende Choreographien. So zum Beispiel bei Selmas Träumerei in ihrer Blechwalzfabrik, ausgelöst durch den Rhythmus der Maschinen. Ebenso faszinierend der Tanz der Angler auf dem Langholzeisenbahnwagen.
Die letzten beiden Musikstücke sind Solis, die in Björks unnachahmlicher Schreie die Einsamkeit der letzten 107 Schritte auf dem Weg zum Galgen wiedergeben, die abgrundtiefe Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf den mit ihm verbundenen Sinn. Keine schöne Musik, aber genial und passend.

Doch warum war ich nun hin und her gerissen, wo doch Handlung, Akteure und Musicaleinlagen einfach klasse waren? Was kann man einem Film denn noch antun?

DIE KAMERAFÜHRUNG - zum Kotzen!

Lars von Trier, was Du Deinen Zuschauern angetan hast, ist schlichtweg eine Unverschämtheit. Goldene Palmen oder Bären oder sonstigen Laudatios zum Trotz. Wie kann man ein so tolles Drehbuch mit so tollen Schauspielern mit solch einer beschissenen Kameraführung derart verhunzen? Wenn das avantgardistisch sein soll, dann bin ich gerne ein konservativer Spießer.

Ein derartiges Hin und Her, Schwanken, Gewackel, Gezitter und Gezoome hat echtes körperliches Unwohlsein hervorgerufen. Nach den ersten Minuten dachte, nein hoffte ich, daß es sich lediglich um eine, den Eindruck der Amateurhaftigkeit vermitteln wollende Einleitung handelt. Doch weit gefehlt. Die im wahrsten Sinne des Wortes Übelkeit hervorrufende Unruhe zog sich widerlich durch den gesamten Film. Lediglich die Musicalstücke waren Oasen der Ruhe. Nicht daß die Sequenzen kürzer waren, sie waren in MTV - Manier zerhackt und springend. Aber wenigstens befanden sich die Kameras offensichtlich auf Stativen (sorry für meine laienhafte Ausdrucksweise, aber dooyoo ist ja vom Verbraucher für Verbraucher gedacht).
Alle Sequenzen zwischen den Musikeinlagen, die wahrscheinlich wirklich auszugsweise in den einschlägigen Szenesendern verwendet werden und entsprechende Anforderungen erfüllen müssen, waren von derartiger amateurhafter Kameraführung versaut, daß ich ernsthaft nach einer halben Stunde überlegte, das Kino vorzeitig zu verlassen. Ich habe es normalerweise nicht nötig, mir solche Qualen selbst anzutun. Einzig die subtile Spannung, die man da bereits erahnen konnte, sowie Björk, hielten mich davon ab. Daß ich nicht alleine mit dieser Empfindung war, bestätigte meine unbekannte Sitznachbarin, die sich ob der widerlichen Kameraführung ebenfalls bei ihrem Begleiter beschwerte. Und das, obwohl wir in der letzten Reihe des Kinos saßen. Ich mag gar nicht an die armen Sch... in den vordersten Reihen denken. Die Mitnahme von Spucktüten ist eine ernstgemeinte Empfehlung.

Die abartige Kameraführung hat dazu geführt, daß ich etwa 40 % des Werks nicht gesehen, sondern nur gehört habe, weil das Schauen eines Filmes unter Seekrankheitsbedingungen eine Zumutung darstellt. Folglich schloß ich einfach die Augen. Wenn aber das die Absicht des Lars von Trier gewesen sein sollte, um beim Zuschauer die gleiche Dunkelheit wie bei der erblindeten Selma zu erreichen, dann hätte er gleich ein Hörspiel daraus machen sollen. So aber hinterläßt er bei mir den faden Nachgeschmack, einen großartigen Film aus experimenteller Selbstsucht oder künstlerischer Dummheit oder warum auch immer kaputt gemacht zu haben. Wenn andere Kritiker das als hipp empfinden, so sei es ihnen gegönnt - ich fand das einfach nur übel. Der einzige positive Aspekt der Kameraführung lag für mich in der sich durch den ganzen Film ziehenden Großeinstellung des interessanten Himmelfahrtsnasengesichts Björks, das man in dieser Ausführlichkeit in ihren Videoclips so nicht "zu Gesicht" bekommt.

ZUSAMMENFASSUNG

Insgesamt kann ich nur mein Hin und Her Gerissensein wiederholen: ein tolles Musical mit betroffen machendem Finale und großartigen Darstellen, vielen interessanten Details und Feinfühligkeiten, vermiest durch unerträgliche Kameraführung.
Wer sich Letzterem zu stellen traut, sei der großartige Rest dringend empfohlen.

;-) Gruß MKohlhass

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Stingl

Stingl

24.04.2003 18:33

Ich fühle mit Dir, habe ich bisher doch mit derartiger Kameraführung ("Blair Witch Project" oder auch "15 Minuten Ruhm") im Kino bisher immer Glück gehabt. Scheint kein Genuß zu sein. Habe den Film auf Arte gesehen und im TV ist das erträglich. Der Film ist natürlich grandios besetzt. Deine Kritik ist ebenfalls sehr gut. Habe mich auch dran versucht...("Dogma Rouge") LG, Torsten

horsthorstson

horsthorstson

24.07.2001 17:57

Toller Beitrag! Nur zwei Sachen: Die Ouvertüre, von der Du meintest, Sie wäre nicht Björk-like stammt auch von ihr höchstpersönlich (siehe - pardon höre - Soundtrack). Ein weitere Beleg ihrer Genialität, wie ich finde. Zwietens: Die Kameraführung fand ich im Gegensatz zu Dir ziemlich gut. Okay, anstrengend, aber gerade in den Musicalszenen wurde sie plötzlich ganz ruhig, und die Farben wurden auch viel frischer. Ich fand das ein gutes Mittel, um den Kontrast zwischen Selmas tristem Alltag und ihrer Musical-Traumwelt darzustellen.... Ganz zum Schluß bewegt sich die Kamera übrigens gar nicht mehr. Fast noch brutaler als das "Gewackel". Gruß :-)

ju523m

ju523m

14.12.2000 22:01

Ein "ganz doll nützlich" kann ich leider nicht vergeben... Auf den Vergleich mit "Dead man walking" kam ich erst bei den 107 Schritten, da aber ganz heftig. Wirklich toll geschrieben, Danke! Grüsse ju523m

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