Dancer in the dark

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Dogma Rouge

5  24.04.2003 (30.07.2004)

Pro:
Björk, Björk und nochmals Björk !

Kontra:
Kameraführung und Björk (wenn man sie nicht mag)

Empfehlenswert: Ja 

Stingl

Über sich: Liebe Grüsse an alle, die sich hierher verirrt haben. Viel Spaß hier.

Mitglied seit:18.02.2003

Erfahrungsberichte:57

Vertrauende:10

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 52 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Björk trifft auf Lars von Trier, der die amerikanische Musical-Tradition im Dogma-Stil inszeniert. Was für eine Mischung. Ekelhaft wackelnde Handkamera (natürlich digital) trifft auf unglaublich sentimentalen Kitsch. Das waren meine Erwartungen, obgleich ich Börk als Musikerin sehr verehre (Geschmackssache! Wer sie nicht mag… nicht weiter lesen!).

Nun hat Björk 2000 aber die „Goldene Palme“ in Cannes als beste Darstellerin bekommen und war sogar mit einem Song für den Oscar nominiert. Ihre einzigartige Stimme und ihre Avantgarde-Ambitionen, die eine perfekte Mischung zwischen Klassik und Elektro anstreben, sind für mich ja über alle Zweifel erhaben. Und Lars von Trier („Hospital der Geister“ / „Breaking The Waves“ / "Dogville") hat ja auch einiges für sich, wenn man diese Kunstfilm-ambitionierten Regisseure aus Skandinavien mag. Ich denke da z.B. an Kultfilmer wie Aki Kaurismäki („Leningrad Cowboys Go America“ / „Ariel“). Gute Voraussetzung, filmisch betrachtet. Nun zum Ergebnis:

________
Die Story:

Die aus der Tschechoslowakei ausgewanderte Fabrikarbeiterin Selma (eine einzige schauspielerische tour-de-force: Björk) hat einen zwölfjährigen Sohn (Vladica Kostic) und eine schwere Augenkrankheit, an der sie in kurzer Zeit erblinden wird. Um ihrem Sohn dieses Schicksal zu ersparen, die Krankheit ist genetisch bedingt, spart sie alles Geld, was sie verdienen kann für eine Operation, die sein Augenlicht retten könnte. Die einzige Leidenschaft, der sie frönt, sind amerikanische Musicals, in die sie sich auch in ihrer Traumwelt zurückziehen kann. Diese Fähigkeit braucht sie auch, denn das Leben hat einige wirklich harte Schicksalsschläge für sie parat…

Die ganze Tragik der Geschichte würde locker in vier fortsetzende Folgen der legendären „Dornenvögel“ passen, so überladen und doch ultra-realistisch ist die Story. Ein einziger Tränenzieher. Ich muss allerdings zugeben, daß ein derartiges Ensemble (dazu gleich mehr) und gerade Björk in der Hauptrolle eine so authentische Vorstellung abliefern, dass auch ich mir das ein ums andere Mal die Tränen nicht verdrücken konnte.

____________________________________
Die Darsteller gegen die Inszenierung:

Für den Mainstream-Gucker ist der Film ganz und gar nicht leicht verdaulich. Zu der mehr als sentimental-emotionalen Geschichte gesellen sich ein paar Musical-Elemente, die genau wie Björks Musik nicht leichtverdaulich sind. Fragil, hochsensibel und dennoch ausgefeilt bis ins Detail wird u.a. auf einem Zug getanzt, in der Fabrikhalle oder auf dem Weg von der Todeszelle zum Strang! Alles sehr naturalistisch und leicht verfremdet, dabei immer intensiv bis ins Mark. Mitunter das absolute Gegenteil von „Moulin Rouge“, den man selbst schon nicht nebenher laufen lassen kann und der trotz seiner Pompösität und Extravaganz eher leichtere Kost ist als dieses harte, direkte Stück Realität. Die wackelige Handkamera ist allerdings wirklich gewöhnungsbedürftig, da der Film über zwei Stunden lang ist. Grobkörnig und irgendwie zu nah an den Figuren dran. Dafür sind die Eindrücke von allen Darstellern ungewohnt real und hautnah mitzuerleben. Neben Björk, die wirklich eine unglaublich intensive Darstellung liefert (man hat stellenweise Angst um ihre sonst so verspielt-naiv-zarte Künstler-Seele), hat von Trier ein paar wirklich großartige Schauspieler besetzt.

Catherine Deneuve („Die letzte Metro“ / „8 Frauen“) ist wirklich superb als Selmas Arbeitskollegin und einzige Freundin. Respekt vor dieser Grande Dame, die sich nicht zu schade ist für eine derartige Rolle. Ferner der immer wieder geniale Peter Stormare („Fargo“ / „Armageddon“ / „Windtalkers“) als echter Freund. Sein trockenes Spiel passt immer sehr gut zur Handlung, in der die weibliche Hauptfigur alles zu tragen hat. Mitunter sind alle Nebenrollen allerdings auch eher Nebensache, denn an Björk führt hier gar kein Weg vorbei. Wenn sie ihre Liebe zum amerikanischen Musical mit den Worten „da kann nie etwas Schlimmes passieren“ erklärt, weiß man, wohin der Weg führt. Lars von Trier ist hier ein Anti-Musical in extremo gelungen, an dem man wirklich sehr lange zu knabbern hat. Was hat der Mann nur gegen seine Frauen-Figuren? Dieses Leiden ist ja fast schon märtyrer-haft (siehe auch "Dogville", in dem Nicole Kidman bis zum letzten gequält wird).
Und die Hauptschuld trägt die Gesellschaft bzw. deren Form. Das System frisst die Schwachen und begünstigt die Starken.

Augen zu: SPOILER-Alarm!

Wer den Film gesehen hat, wird mit mir darüber einer Meinung sein: der Plot um den versehentlichen Mord an Selmas bestem Freund ist einfach unglaublich hart bis zum konsequent ungerechten Unhappy-End! Als Sühne für den Diebstahl verlangt ihr Freund geradezu den Tod und unter Tränen geschieht dieses dann auch. Mehr unter die Haut geht nur noch der Schluß, wo Björk ein letztes Mal singen darf, bevor die Klappe fällt. Härter geht nicht! Die Todesstrafe sollte nach Ansicht dieses Films komplett aus dem Wortschatz eines jeden ein für allemal verschwinden. Denn wenn nur ein Mensch jemals so ungerecht hingerichtet worden ist, ist dieses System vollkommen katastrophal und unmenschlich! Das ist mein Statement dazu und ich glaube, das war auch von Triers' Absicht.

Augen wieder auf: SPOILER - Ende!

Die Synchronisation ist allerdings dermaßen gewöhnungsbedürftig, dass man schon eine Weile braucht, um Björk ohne ihre kindlich-verschämte Stimme zu akzeptieren. Die Sprecherin hat einfach eine zu dunkle Stimme (ist das nicht Bart Simpson???). Die Lieder wurden aber im Originalton belassen, was klar sein dürfte, denn in Deutsch kann das kein Mensch nachsingen...

________
Das Fazit:

Geweint. Das sollte alles sagen.
Wer Björk mag bis liebt und mit dem verwackelten Home-Video-Stil der Dogma-Filme etwas anfangen kann, dem sei der Film wärmstens empfohlen. Für alle anderen gilt: Finger weg von diesem Anti-feel-good-Musical!


Update:
Für die September-Ausgabe der CINEMA ist der Film als DVD-Beilage angekündigt! Für 6,90 € inkl. Zeitschrift ein Schnäppchen. Zugreifen, Leute!

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
masterp666

masterp666

23.12.2004 13:17

toller bericht. der film ist echt super. leider hab ich deinen tip zu spät gesehen. mfg

Flavius

Flavius

02.08.2004 14:40

Die Änderungen haben deinem Bericht gut getan!! Jetzt ein s.h. vonm mir. Gruß von Flavius

Flavius

Flavius

30.04.2004 11:27

Ich finde sehr gut, wie viele Informationen Du doch in einen relativ kurzen und dabei gut geschriebenen Text hineinpackst. Für ein s.h. fehlen mir allerdings eine etwas ausführlichere Beschreibung der Filmhandlung (das Thema Tod spielt keine Rolle in Deinem Bericht). Daher nur ein "hilfereich plus" von mir. Gruß, Flavius

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