Menschen ohne Furcht in der ewigen Nacht
01.10.2007 (02.10.2007)
Pro:
Perfekt lässiger Film voller Eleganz
Kontra:
Ben Affleck wirkt fehlbesetzt
Empfehlenswert:
Ja
 Feldhamster1984
Über sich:
Mitglied seit:06.03.2005
Erfahrungsberichte:140
Vertrauende:5
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 43 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
-Allgemeines:- Der maskierte Rächer Daredevil ist Marvels Pendant zu Batman. Beide haben erleben müssen, wie ihre Eltern (bzw. bei Matt Murdock dessen Vater) getötet wurden, beide sind seitdem psychisch gezeichnet, üben ihre Selbstjustiz in dem hehren Gedanken, das Richtige zu tun und denen zu helfen, denen sonst keiner hilft. Auch die Kostüme ähneln sich - die "Teufelshörner" und Fledermausohren seien heirbei erwähnt. Daredevil, der von Frank Miller erdacht wurde, hat eine sehr komplizierte Comicgeschichte hinter sich. Als kleiner Junge erblindet und dank radioaktiver Substanzen mit erhöhten Sinnen und einem zusätzlichen Radar ausgestattet, versucht er verzweifelt, nicht seinem Hass nachzugeben, fühlt sich zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen (Karen Page und Elektra) und versucht, wenigstens einen Freund zu behalten. "Foggy" Nelson erinnert in seiner Loyalität an Robin, auch wenn er, anders als bei Batman, kein Sidekick ist. Doch als Matts Freund und Kollege in der Anwaltskanzlei versucht er oft, Matt zu besänftigen. Seit einiger Zeit weiß Foggy (wie alle), dass Matt Murdoch Daredevil ist, was die Beziehung der beiden stark strapaziert hat.
Als die ersten Gerüchte über eine Verfilmung des "Mann ohne Furcht" aufkamen, befürchteten viele, der Film würde eine Art "Batman für Arme" werden - dass die psychologische Komponente außen vor bleiben und dafür die Action an erste Stelle treten würde. -Ausstattung:- 1 DVD ca 99 Minuten Sprachen: Deutsch, Englisch Extras: Kommentar von Effekte-Regiesseur John Kilkenny Audio-Kommentar von Mark Steven Johnson und Gary Foster Text-Kommentar
-Darsteller:- Ben Affleck ... Matt Murdock/Daredevil Jennifer Garner ... Elektra Natchios Colin Farrell ... Bullseye Michael Clarke Duncan ... Wilson Fisk/The Kingpin Jon Favreau ... Franklin 'Foggy' Nelson Scott Terra ... Matt (jung) Ellen Pompeo ... Karen Page Joe Pantoliano ... Ben Urich Leland Orser ... Wesley Owen Welch Lennie Loftin ... Nick Manolis Erick Avari ... Nikolas Natchios Derrick O'Connor ... Vater Everett Paul Ben-Victor ... Jose Quesada David Keith ... Jack Murdock -Trivia:- Wie in allen Marvel-Verfilmungen hat es sich auch hier Stan Lee nicht nehmen lassen, einen kurzen Auftritt (Cameo) in den Film einzubauen: er ist der Zeitung lesende ältere Herr, den Matt mit seinem Stock zurückhält bevor er die Straße überquert.
Als Bullseye war anfangs Vin Diesel im Gespräch, er entschied sich jedoch für "Pitch Black", so dass Colin Farell übernahm. -Inhalt:- Schwer verletzt rettet sich ein Mann im roten Kostüm in eine Kirche. Die Kamera schwenkt auf seine blinden Augen und während der Pfarrer noch versucht, zu dem Verletzten durchzudringen ("Matthew?" sagt er wieder und wieder) lässt dieser sein bisheriges Leben Revue passieren.
Als kleiner Junge stets gehänselt und gepiesakt, lebte der kleine Matt Murdock den Traum seines Vaters mit. Dieser wollte, dass sein Sohn studiert und Anwalt wird, dass er nicht wie sein Vater wird. Jack Murdock, ein Boxer, war mittlerweile so weit unten, dass er für einen örtlichen Gangsterboss Schutzgelder erpresste und säumige Schuldner verprügelte. Als Matt dies herausbekam, lief er fort und es kam zu jenem Unfall, der sein Leben verändern sollte: eine radioaktive Flüssigkeit verätzte seine Augen, ließ ihn blind werden, doch all seine anderen Sinne veränderten sich, wurden stärker. Aber noch ein zusätzlicher Sinn entwickelte sich: eine Art Radar, mittels der Matt "sehen kann", ähnlich dem Sinn, den Fledermäuse haben. Nachdem Jack Murdock getötet wurde, wurde Matt Murdock zu Daredevil, dem Mann ohne Furcht, der der Gerechtigkeit (wie er es nennt) helfen will, wenn die Justiz nicht ausreicht.
Neben Foggy werden drei Menschen Matts Weg kreuzen, die nicht nur gefährlich sind sondern auch sein Leben komplett verändern werden: Elektra Natchios, die nach dem Tod ihres Vaters als Rächerin Elektra eine ähnliche Laufbahn wie Daredevil einschlagen will; der Kingpin, der New Yorker Gangsterboss, dessen Imperium Daredevil gefährdet und der psychochapathische Killer Bullseye, der nicht nur Daredevil sondern auch Elektra auf seiner Todesliste hat. Die Frage ist ob es Matt gelingen wird, Elektra zu retten - und sich selbst bevor "Daredevil" sein ganzes Leben bestimmt. -Kritik:- Comicverfilmungen sind immer eine Gratwanderung. Sie können wunderbar funktionieren (X-Men), zwar eng am Comic stehen aber dafür die Psychologie, die im Comic noch perfekt durch die dazugehörigen Bilder funktioniert, endlos auswälzen und so endlos langweilig wirken oder aber sie sind Actionvehikel (Ghost Rider), die u.U. nur dazu dienen, die Hauptdarsteller ins rechte (attraktive) Licht zu rücken (Catwoman).
"Daredevil" krankt vor allen Dingen an der Wahl des Hauptdarstellers. Ben Affleck sieht trotz Stoppelbart und Wunden nicht so grimmig-markant aus wie die Comicvorlage und sein Lächeln ist zwar durchaus charmant, doch fehlt die innere Zerrissenheit, die Matt Murdock alias Daredevil anhaftet. Auch das dunkelrote Lederkostüm nach Art der Matrix/X-Men Vorlagen ist nicht wirklich überzeugend, gleiches gilt für Elektra, die in ihrer Lederkluft zwar jeden Mann beeindrucken dürfte, aber von der attraktiven und rassigen Griechin Elektra aus dem Comic meilenweit entfernt ist. Dass der Kingpin hier ein Schwarzer ist, dürfte ebenfalls für Comicfans ungewohnt sein. Eine Offenbarung ist allerdings Colin Farell. Während sein Kostüm auch mit dem Comickostüm nichts mehr zu tun hat, funktioniert bei ihm der Neuentwurf perfekt - die Lässigkeit, mit der er sich bewegt, sein hysterisches Reden und das psychopathische Gebahren, das Augenrollen und der Gesichtsausdruck, wenn er gestresst oder genervt ist - das ist eine perfekte Besetzung, wie man sie sich auch für Matt Murdock gewünscht hätte. Colin Farell (Bitte auflegen) ist einer der Gründe, warum man diesen Film kennen sollte. Wer Bullseye sieht, wie er nachlässig einen Pfeil nach dem anderen wirft (und natürlich "Bullseye" schafft), der wünscht sich, nur einmal so cool zu wirken.
Der andere Grund ist die lässige Inszenierung, voller Witz und Charma und vor allen Dingen: perfekt von der Farbauswahl und von der Gesamtinszenierung her. Endlos in den Himmel ragende Gebäude vor dunkelblau-schwarzer Nachtkulisse wie in Gotham City, flackernde Lichter in einer Kneipe, wenn Daredevil kämpft, die nach und nach zersplittern und der Szene das Licht nehmen, die immer wieder rasanten Schnitte und die Darstellung dessen, was Matt durch seinen Radarsinn "sehen" kann, das ist so elegant gefilmt, dass es eine wahre Freude ist. Dazu kommt das Element Feuer, das immer wieder in den Blickpunkt gerückt wird - dramatisch als "DD" (das Zeichen des Mannes ohne Furcht) auf dem Boden der U-Bahn-Station, erst sichtbar als Journalist Ben Urich die "Benzinschrift" mittels einer Zigarette zu Leben erweckt; symbolisch als brennender Billardtisch. Und das Pendant Wasser, als Regen dominant wenn Matt einen der wenigen Glücksmomente mit Elektra erlebt. Wenn der Zuschauer in einem wunderbaren Moment erleben darf, wie Matt Elektra sieht indem sein Radar ihr Gesicht entstehen lässt, wie es von den Regentropfen erst geformt wird - das ist ein magischer Moment. Vieles wirkt magisch bis mystisch und immer wieder ist das Motiv Kirche/Buße/Beichte/Vergebung zentral. Bunte Kirchenfenster, als Waffe genutzte Orgelpfeifen, Matts an eine Lazarusgrube erinnernder Tank, in den er sich zur Regeneration legt.
Und wie Baletttänzer bewegen sich Daredevil, Elektra und Bullseye durch die Nacht, ihrer eigenen Choreographie unterworfen. Dabei macht der Film nie den Fehler, zu sentimental oder gar humorlos zu werden - im Gegenteil: der Humor, der einem Batman fehlt, das Verschmitzte, ist hier stets präsent und lässt den Film nie ins lediglich Düstere abgleiten. Matts kleine Scherze ("Kennen Sie den da?" "Nein, nie gesehen."), das Lächeln - das sind die hellen Tupfen in der Nacht, die für ihn ewig dauert. Das krönende Sahnehäubchen auf dem Film ist die Musik. Selten war ein Soundtrack so perfekt ausbalanciert, unterstreicht so wunderbar und mit lakonischem Witz die einzelnen Szenen. "House of Pain" als Begleitung bei Bullseye gelangweiltem Dartspiel in der Kneipe, Evanescence, Fuel und Seether werden bei diesem Film zusammen mit den überzeugenden Farben und der Choreographie zu einer Melange, die den Filmfilm erfreut - selbst wenn die Handlung oftmals "hängt".
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02.10.2007 10:34
toller Bericht, ist dir wirklich gut gelungen
02.10.2007 10:05
Deinen Bericht fand ich sehr gelungen, auch wenn ich den Film eher ziemlich mies fand... die Adaption zwischen Comic und Verfilmung ist irgendwie bissel schief gegangen. Sollte da unten bei -Sonstiges:- noch irgendwas kommen?!? LG, Marcus
01.10.2007 23:45
Den Film habe ich auch gesehen. Ich finde aber, dass es eine der schwächeren Comicverfilmungen ist. Aber ein toller Bericht!!! LG Jochen