Das Buch der Illusionen / Auster, Paul

Erfahrungsbericht über

Das Buch der Illusionen / Auster, Paul

Gesamtbewertung (3): Gesamtbewertung Das Buch der Illusionen / Auster, Paul

1 Angebote von EUR 10,00 bis EUR 10,00  

Alle Das Buch der Illusionen / Auster, Paul Testberichte

 Eigenen Erfahrungsbericht schreiben


 


Wenn ich Irving lesen wollte, würde ich es tun

3 24. Dez 2002

Pro:
Paul Auster

Kontra:
Paul Auster im Jahre 2002

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Niveau:

Unterhaltungswert:

Spannung:

Humor:

Aufmachung:

mehr


Finnegan23

Über sich: Scream if you wanna go faster.

Mitglied seit:10.12.2002

Erfahrungsberichte:12

Vertrauende:1

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 36 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Das nette an diesen Rubriken ist: Man muss das Buch erst einmal selbst vorschlagen und man ist 100%ig davor gefeit, dass einen die Horden der Alles-Bewerter (ich warte schon gebannt auf den Tag, an dem Aldi ein neues Mikrowellen-Gericht rausbringt) niederwalzen. Außerdem kommt man nicht in den Ruch, etwas wegen der Punkte / wegen Geldes zu besprechen (das liest hier eh kein Schwein *smile*).

Nun denn, vom Leder: Ich biete blind eine Wette an, dass die meisten Auster-Leser in Deutschland über die New-York-Trilogie über diesen höchst bemerkenswerten Austor (sic!) gestolpert sind. Das war eine feine Sache. Tief, intensiv, nicht, dass viel passieren würde in den drei Geschichten, die sich doch sehr ähnelten. Es wird eine Geschichte erzählt, aber keine Handlung, ein sehr europäischer Ansatz mit einem sehr fesselnden (US-)amerikanischem Plot. In a word, ein Ostküsten-Roman. Die NY-Trilogie ebnete P.A. ohne Zweifel den Weg in die glas- und chromverzierten Vorzimmer der wirklich großen Verlage.

Meine persönliche (überhebliche) Meinung: Von da an ging's bergab. Ich habe mir nun seitdem jedes Buch von ihm gekauft, habe ihn über Obdachlose, Hunde, Bombenleger, seinen Vater (seinen?) schwadronieren hören... Niemals mehr hat er die Tiefe und den subtilen Surrealismus der NYT erreicht. Er erzählt seine Geschichten gut, keine Frage, aber sie wirken für mich seit einigen Jahren wie "hey, ich habe jetzt einen fetten Vertrag mit einem großen Verlag, ich habe eine gewisse Verpflichtung, welchen großen Wurf, welche Überraschung bringe ich jetzt am besten, sollte ich jetzt nicht mal was ganz anderes vorlegen?". (Gut, im Endeffekt laufen wir auf die Frage hin, was passiert, wenn das Establishment die Subkultur via Geld auffrisst; wollen wir hier nicht erörtern).

Falls aus meinem lead hervorgehen sollte, dass ich John Irving nicht mag, korrigiere ich dies hiermit. Seine Art, angeblich erstrebenswerte Idyllen zu entlarven, ihre Oberflächlichkeit sezierend zu vernichten, ist eine große literarische Leistung. Wenn allerdings im 10. Roman die Ringer (er war Ringer) der Highschool immer noch eine ähnlich große Rolle spielen wie in "Eine Mittelgewichtsehe", sehe ich eine gewisse Bequemlichkeit. Diese Larmoyance passt einfach zu beider Werk nicht. Beide sind groß geworden über ein gerüttelt Maß an Melancholie / Depression - ich würde mir wieder mehr davon wünschen (nicht, dass ich die Loneliness of the long distance runner zurück haben wollte).

Finally, et a point: Das Buch der Illusionen hat eklatante Brüche. Die Geschichte, die zu Beginn entwickelt wird (der Autor nach dem Flugzeug-Absturz, bei dem seine Familie stirbt), hat eben etwas gewollt Irving-mäßiges, die Geschichte danach (Rückzug in die Einsamkeit, der Haupt-Protagonist wird vom seinem Recherche-Subjekt eingeholt), wirkt unglaubwürdig (es sind einige so haarsträubende Wendungen darin, dass Chandler sie nicht zu Papier gebracht hätte). Es ist fast groß. Aber es ist nur fast ein Hemingway, fast ein Chandler, fast ein Welles. Nah dran an allen. Mir wäre es lieber gewesen, es wäre ein wahrer Auster gewesen.

Das Buch hat nur drei Ebenen, es entwickelt aber keine von diesen (geschweige denn, der Ideen, die durchaus darin enthalten sind), zu Ende. Im ersten Teil spürt man fast wieder diese Faszination - es kann nur so sein, dass Auster von sich selbst erzählt. Dann bricht es weg, episch ergießt er sich in (fiktiven) Recherche-Ergebnissen über Hector Mann, bemüht sich verkrampft, ein lokales und zeitliches Kolorit zu vermitteln - was zum einen nicht gelingt, was andererseits nie der Grund gewesen wäre, weswegen einer von uns zu einem Buch von Paul Auster gegriffen hätte. Wenn er uns dann in die Welt des Hector Mann zu entführen versucht, wirkt alles genau so wie die Welt, die er vergeblich vor uns zu entwerfen versucht hat: Ein Stummfilm, zappelnd, vorhersehbar, wir sind dankbar für die Zwischentitel.

Es gibt Bücher, auch von Paul Auster, die man nicht mehr weglegt. Das Buch der Illusionenn gehört für mich nicht dazu. Selbst das überraschende Ende wirkt konstruiert, man erwartet es geradezu. Es setzt sich eine Tendenz fort, die man von Auster kennt und einst sogar an ihm zu schätzen wusste: Seine Charaktere bleiben flach und sind nur mittelmäßig entwickelt. Früher war es der Abgrund, der im Autor lauerte und der in der scheinbaren Banalität des Plots virulent wurde. Heute könnte man zu dem Schluss gelangen, man hätte Paul Auster lange Zeit überschätzt.

F23

P.S: Irgend jemand (ich glaube, es war die FAZ-Sonntag) hat das Buch total verrissen. Alle anderen fanden es Weltklasse. 

Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
helpful2

helpful2

26.01.2007 01:50

Ich bin eigentlich auf der Suche nach den Spuren der Allesbewerter und wollte mal schauen, ob auch andere geplagt sind und siehe da, ja sind sie. Dein Erfahrungsbericht ist sicher nicht unverständlich, wenn man schon Teile seines Werkes in der Hand hatte und damit fand ich ihn hilfreich. Das es hier welche gibt, die wieder "wortieren" war schon witzig! Auf das sie wieder ein Rezept finden...

Finetta12

Finetta12

02.01.2007 14:26

Na, da werde ich mir doch mal ein Buch zum testen holen.

Endorfinchen

Endorfinchen

26.05.2003 17:52

Deine spitze Zunge ist Gold wert, ich werde direkt mal mehr von Dir lesen!

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken
Preisvergleich sortiert nach Preis
Das Buch der Illusionen / Auster, Paul

Das Buch der Illusionen / Auster, Paul

Taschenbuch, 384 S., Erschienen: 2005

€ 10,00 Buch24 17 Bewertungen

Versandkosten: versandkostenfre...

Verfügbarkeit: sofort lieferbar

     zum Shop  

Buch24

* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.


Preisvergleich
Das Buch der Illusionen / Auster, Paul
Das Buch der Illusionen / Auster, Paul
Buch24
€ 10,00 *
Versandkosten: versandkostenfre.​.​.​...
mehr
 zum Shop
Buch24
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Ähnliche Angebote
Buch der Illusionen / Auster, Paul Buch der Illusionen - Paul Auster Buch der Illusionen - Paul Auster
Buch der Illusionen ​/ Auster, Paul Buch der Illusionen -​ Paul Auster Buch der Illusionen -​ Paul Auster
Buch24 Amazon.de Marketplace Bücher Amazon.de Bücher
€ 9,95 * € 4,68 * € 9,95 *
Versandkosten: versandkostenf...
mehr
Versandkosten: 3.​00
mehr
Versandkosten: Kostenlose Lieferung
mehr
 zum Shop  zum Shop  zum Shop
Buch24 Amazon.​de Marketplace Bücher Amazon.​de Bücher
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Das Buch der Illusionen / Auster, Paul - Testbericht von martinfwall Sommer, Sonne, Illusionen
  weniger hilfreich Das Buch der Illusionen / Auster, Paul Testbericht von martinfwall als weniger hilfreich bewertet
Das Buch der Illusionen / Auster, Paul - Testbericht von mo.art Prosarisches Wunderwerk
  weniger hilfreich Das Buch der Illusionen / Auster, Paul Testbericht von mo.art als weniger hilfreich bewertet
Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 524 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"sehr hilfreich" von (97%):
  1. berti.r
  2. helpful2
  3. Finetta12
und weiteren 32 Mitgliedern

"hilfreich" von (3%):
  1. ChopSuey

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.