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* Einleitung *
Endlich hatte ich mal wieder Zeit zum Lesen, ging in die Bibo und strich wahllos durch die Regale. Da fiel mein Blick auf "Das Haus der Schwestern". Dunkel erinnerte ich mich daran, mit einer Freundin über eben dieses Buch gesprochen zu haben. Also packte ich es ein, und begann zu lesen. Und hab es nicht bereut. Oder doch, als ich am nächsten Morgen tierisch müde in der Uni saß...
* Handlung *
Das Ehepaar Barbara und Ralph Amberg aus Deutschland verbingt Weihnachten und Neujahr in einem einsamen Farmhaus in Yorkshire. Dort will das beruflich äußerst erfolgreiche Paar versuchen, seine zerrüttete Ehe zu retten, wenn das denn möglich ist. Aber anstatt tiefschürfende Gespräche zu führen, müssen die beiden sich erstmal mit wichtigeren Dingen beschäftigen - ein Schneechaos isoliert sie von der Außenwelt, und die erst Sorge gilt nun dem Heizen des Hauses und dem wirtschaften mit den spärlichen Lebensmittelvorräten.
Diese sind nicht gerade reichlich vorhanden, unterstütz durch den Geiz der Hausbesitzerin Laura Shelley. Sie, die während des Aufenthaltes von Gästen ihre griesgrämige Schwester im Süden Englands besucht, hat nur Tee und ungehacktes Holz zurückgelassen.
Und während Barbara einmal Holz holen geht, stolpert sie geradezu über die Geschichte des Hauses und seiner letzten Besitzerin, Frances Gray. Unter einer Holzplanke im Schuppen verborgen findet sie die autobiographische Lebensgeschichte von Frances, die diese kurz vor ihrem Tod niedergeschrieben hat.
Entgegen den Einwänden ihres Mannes und getrieben vom Interesse an der Geschichte beginnt sie zu lesen.
Was sie findet ist die Geschichte einer Frau, die durch weite Teile des 20. Jahrhunderts führt, die Geschichte einer Frau, die sich nicht unterordnete, ihren Weg geht, oft gegen die Norm, manchmal sogar gegen ihre eigenen Gefühle. Meistens ohne Rückdicht auf Verluste, weder die von anderen, noch die für sich selbst.
Von einer inneren Unruhe getrieben geht sie als 17jährige nach London, schließt sich den Suffragetten an, landet dafür sogar im Gefängnis. Im Ersten Weltekrieg fährt sie zu ihrem Bruder nach Frankreich, erlebt den Krieg mit.
Es würde den Rahmen sprengen, hier den gesamten Handlungsbogen auszuführen. (Und es würde wenig Sinn machen, schließlich sollt ihr es selbst lesen!) Es sei nur noch gesagt, dass Frances sich als mutige, selbstbewusste Frau beweist, oft unglücklich mit ihrer eigenen Person, doch mit zunehmendem Alter wohl einschätzend, wo ihre eigenen Stärken liegen.
* Bewertung *
Mehrere Dinge machen dieses Buch so faszinierend. Dazu gehört zum einen der Wechsel zu zwischen drei Handlungssträngen. Da ist zum einen die Situation der Ambergs im eingeschneiten Haus, zum anderen die Rückblende in Frances Grays Leben. Und nicht zuletzt die von Laura Shelley, der Hausbesitzerin. Sie weiß, dass Frances ihr Leben niedergeschrieben hat. Sie weiß, dass dieses Skript ein dunkles Geheimnis verbirgt. Aber sie weiß nicht, wo das Skript ist, und ist von einer panischen (und in diesem Falle berechtigten) Angst besessen, dass einer der Gäste es finden könnte.
Ein weiterer Aspekt, der das Buch so interessant macht, ist die Übersicht über die Geschichte des 20 Jahrhunderts. Nicht trocken aus Geschichtsbüchern, sondern aus dem Leben einer Frau erzählt. Dabei gewinnt man Einblicke in das England des frühen 20. Jahrhunderts, die einen nur mit dem Kopf schütteln lassen. Warum bitteschön kein Wahlrecht für Frauen??? So bringt Charlotte Link einem Teile der Geschichte nah, die man sonst vielleicht nicht so intensiv erfahren hätte. Eine weitere beispielhafte Episode hierfür ist die Geschichte von Frances Bruder, der im Ersten Weltkrieg in einem Erdloch verschüttet überlebt und dieses Grauen danach nie wieder abschütteln kann.
Generell gewinnt man das Gefühl, dass Frau Link außerordentlich gute Recherchen betrieben hat. Die Art und Weise, wie sie über Gesellschaft, Lebensverhältnisse und Zeitgeschehen berichtet, wirkt souverän.
Letzter Pluspunkt, den ich nennen möchte, ist der unsentimentale Stil, in dem sie schreibt. Ähnlich wie die Person Frances Gray, die ihre Memoiren in der dritten Person schreibt, um nicht beschönigend zu werden, schildert Link ihre Charaktere mit sämtlich Stärken und Schwächen. Niemand ist nur gut oder böse, niemand (außer Hitler, und wer möchte ihr das verdenken???) wird verurteilt oder nur schlecht dargestellt. Auch wenn man sagen mag, dass das Leben von Frances ein wenig zu inhaltsreich scheinen könnte, hat man doch das Gefühl, im Allgemeinen realistischen Charakteren gegenüber zu stehen. Also kein schnulziges Frauendrama, nein, ein Buch, dass auch die Herren der Schöpfung ansprechen könnte, aufgrund seines geschichtlichen Inhaltsreichtums und dem doch einigermaßen spannenden Ende, von dem ich hier aber nichts mehr verraten möchte. Lasst es mich so sagen: Am Ende spitzt sich die Sache nochmal verdammt zu...
* Fazit *
Also, wie man vielleicht gemerkt hat, würde ich das Buch empfehlen. Es ist unterhaltsam, inhaltsreich, gut geschrieben (das heißt ohne platte Formlierungen) und erzählt eine außergewöhnliche Geschichte einer außergewöhnlichen Person.
Also - lesen! Und viel Spaß dabei. Als letzter Tip: Nehmt euch absichtlich Zeit für das Buch, ich hatte nämlich eigentlich nicht so viel, wie ich brauchte, hab die halbe Nacht gelesen, und war am nächsten Tag unheimlich schläfrig. Bereut hab ich's aber nicht...
soll also auch was für Männer sein? Irgednwie können mich diese Art von Romanen allerdings nicht zum Lesen bringen, auch wenn sie zweifellos ihre guten Seiten haben und man auch einiges über das Leben in früherer Zeit lernen kann. Gruß vom Boc.
Für dieses Buch habe ich nur ein einziges Adjektiv übrig: GRANDIOS. Das ist ein absolutes Meisterwerk... und deshalb auch noch immer mein Lieblingsbuch :-) LG, tylerfan
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22.05.2004 02:45
soll also auch was für Männer sein? Irgednwie können mich diese Art von Romanen allerdings nicht zum Lesen bringen, auch wenn sie zweifellos ihre guten Seiten haben und man auch einiges über das Leben in früherer Zeit lernen kann. Gruß vom Boc.
21.05.2004 22:21
Super Bericht!
21.05.2004 22:07
Für dieses Buch habe ich nur ein einziges Adjektiv übrig: GRANDIOS. Das ist ein absolutes Meisterwerk... und deshalb auch noch immer mein Lieblingsbuch :-) LG, tylerfan