Vergewaltigung eines guten Stoffes

3  06.12.2002 (08.12.2002)

Pro:
Solide und spannend .  .  .

Kontra:
.  .  . gäbe es da nicht den Roman  !  !  !

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Action:

Anspruch

Romantik:

Spannung

Spaß

mehr


Drea-2170

Über sich: Bay. Bee. Pause.

Mitglied seit:11.12.2000

Erfahrungsberichte:118

Vertrauende:79

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 123 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Update: Und es wurde noch schlimmer…

Nun ist es vorbei. Die Pro 7 – Verfilmung des Romans „Das Jesus Video“ ist zu Ende. Dachte ich nach dem ersten Teil noch, es könnte kaum schlimmer werden, so wurde ich wieder eines besseren belehrt. Denn was dem Zuschauer dort geboten wurde, war die völlige Demontage von Andreas Eschbachs Bestseller.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich den Roman gelesen habe und deshalb sind noch viele Einzelheiten recht frisch in meiner Erinnerung. Natürlich war mir bewusst, dass eine Verfilmung selten detailgetreu ist, vor allem, wenn es sich um eine reine TV-Produktion handelt (Klischee, ich weiß, ist aber so.). Aber wenn im Script ganze Passagen von innen nach außen gekehrt und wichtige Protagonisten der Handlung einfach weggelassen werden und stattdessen durch erfundene und schnöde Balleraction ersetzt wird, schmerzt das schon…

Aber alles schön der Reihe nach…

Zur Handlung:

Eine Ausgrabungsstätte in Israel, nahe Jerusalem. Durch Zufall findet der Student Steffen Vogt einen verborgenen Schacht, in dem die Gebeine einer Leiche liegen, die schon ca. 2000 Jahre als sein muss. Dieses scheint auf den ersten Blick und angesichts einer Ausgrabungsstätte nichts besonderes zu sein, jedoch findet man an der Leiche Spuren von medizinischer Behandlung des 20. Jahrhunderts und neben ihr einen Plastikbeutel, in dem die Anleitung einer Sony-Videokamera, welche zu dieser Zeit aber erst im Entwicklungsstadium ist, enthalten ist. Zunächst halten die Forscher den Fund für getürkt, aber die wissenschaftlichen Untersuchungen an den Funden ergeben ein tatsächliches Alter von knapp 2000 Jahren.

Schnell steht die Theorie eines Zeitreisenden im Raum und als auch noch auf einem Schriftstück das Wort "Jesus" erscheint, steht schnell für alle fest: Es wurde ein Video von Jesus Christus gedreht. Doch wo ist die besagte Kamera ?

Die Nachricht von diesem Fund spricht sich in Windeseile herum und alsbald treten sowohl Vertreter des Vatikans als auch ein Medienmogul auf den Plan, um die Kamera zu finden. Steffen wird von seinen Pflichten bei der Ausgrabung und dem Fund entbunden. In seiner Eitelkeit gekränkt recherchiert er weiter und besorgt sich Kopien des Schriftstückes. Als ein zweiter Teil des Schriftstückes, in dem ein Hinweis auf den Aufenthaltsortes des Videos vermutet wird, verschwindet, verdächtigen alle Steffen, es gestohlen zu haben. Nun beginnt eine Hetzjagd auf ihn, die auch in Mordversuche ausartet.

Steffen steht nun zwischen den Fronten. Lediglich seine Ausgrabungskollegin Sharon und ihr Freund Yehosuah helfen ihm, das Puzzle zu lösen und das Versteck der Kamera zu entschlüsseln…

So viel vorerst zum Inhalt.


Meine Eindrücke:

Vorweg möchte ich ganz neutral sagen, dass die Verfilmung für jemanden, der das Buch nicht gelesen hat, bestimmt amüsant und spannend ist. Mir würde es in diesem Fall bestimmt so gehen. Und immer noch ganz fair und neutral betrachtet wäre es eine sicherlich gute und spannende Unterhaltung gewesen.

Aber es ist nun mal so, dass ich den Roman kenne und nicht verstehen kann und will, wie man ein Buch, das soviel gutes Filmpotential bietet, so verhunzen kann.

Fangen wir bei den Charakteren an. Unbestritten ist Steffen die Hauptfigur. Aber da hören die Ähnlichkeiten auch schon auf. Im Buch ist Steffen Amerikaner (Stephen Foxx). Aber diese „Eindeutschung“ verzeihe ich einfach mal. Die leicht zynischen und selbstherrlichen Züge der Buchfigur, finden sich in der TV-Figur, wenn auch schwach angedeutet wieder. Soweit so gut.

Sharon ist im Vergleich zum Buch auch relativ ähnlich dargestellt. O.k., im Buch heißt sie Judith, aber Sharon klingt doch stylischer, oder ??? *kopfschüttel*

Das waren aber auch schon die Ähnlichkeiten. Kommen wir zu den Verfälschungen. Zuerst die Figur des Ausgrabungsleiters Wilford. Im Buch ein etwa siebzigjähriger Mann, der sich eher verschlossen gibt. Hier wurde uns ein relativ lockerer Typ Mann präsentiert, dem man eher den kumpelhaften Uniprofessor mittleren Alters abnimmt. Eine Darstellung, die der Romanfigur nicht gerecht wird.

Dann der Medienmogul Kaun. Während dieser im Buch von Anfang die pure Macht verströmt und alle Fäden in der Hand zu halten scheint, wird hier seine Figur bisher nur angedeutet. Nun mag sich seine Rolle im zweiten Teil noch entwickeln, aber es enttäuscht doch sehr, dass ein solch wichtiger Part nicht früher und intensiver in die Handlung eingebunden wird.

Yehosuah spielt auch im Buch eher ein kleinere Rolle; da sehen wir dann auch einfach mal großzügig darüber hinweg, dass er im Buch Sharons (Judiths) Bruder ist und nicht ihr Lebensgefährte.

Ein wichtiger Charakter fehlt allerdings völlig in dieser Umsetzung; für mich sogar eine der komplexesten Figuren des Buches überhaupt: Die des Science-Fiction-Schriftstellers Peter Eisenhardt, der im Buch von Kaun als Berater hinzugezogen wird, weil sein Spezialgebiet die Zeitreisen sind und der im Roman einen mehr als gewichtigen Stellenwert einnahm. Dieser Charakter wurde von den lieben Drehbuchautoren komplett unter den Tisch fallen gelassen.
Schade. Sehr schade.

Und diese ganzen Opfer gingen zu Lasten der Handlung, die dann mit wirren Actionsequenzen und unausgegorenen Handlungssträngen aufgefüllt wurden. Spielte der im Film so allgegenwärtig dargestellte Vatikan-Geheimdienst eine große Rolle als brutale Verfolger, entspricht dieses auch wieder dem ganzen Gegenteil zum Buch, in dem sie im Hintergrund leise und bedrohlich agierten und das Netz um Stephen ganz subtil enger schnürten. Hier sehen wir nur ballernde, katholische Kerle die einfach nur dabei sind, um dem Plot die Action zu liefern.

Und das ist es, was mich an der filmischen Umsetzung bisher am meisten stört: Im Buch kam immer dieses "Was wäre wenn"- Empfinden im Bezug auf das Video und die eventuelle Zeitreise auf. Sowohl bei allen Protagonisten, egal auf welcher Seite sie stehen, als auch beim Leser. Immer wurde einem die Größe eines solchen Fundes oder die Frage nach dem "Wie ?" einer Zeitreise vor Augen geführt. Hier wird das Ziel der Suche absolut zur Nebensache degradiert. Alle jagen danach, doch keiner scheint sich annährend Gedanken zu machen. Genau so gut könnte die Truppe nach dem grünen Diamanten jagen… Das ist der größte Reiz, den das Buch ausmachte und der im Film absolut verspielt wird.

Nun gut, im zweiten Teil wurde dieses Thema dann endlich einmal kurz angeschnitten, aber auch nur, um die drastische Vorgehensweise der Vatikan-Killer und das eigentliche Bestreben Kauns zu rechtfertigen (der dann endlich auch einen etwas ausgebauteren Stellennwert einnahm !)


Mein Fazit nach Teil 1:

Wie schon gesagt, selten stimmt ein Film mit der Handlung des Romanes 100 % überein. (Ich freue mich übrigens schon auf "Die zwei Türme" aber das nur nebenbei) Aber erwarten sollte man dürfen, dass sich zumindest annährend an den Stoff gehalten wird. Ich werde mir den zweiten Teil natürlich auch ansehen und dann den Bericht als Update aufarbeiten und entsprechend ergänzen. Aber es war mir wichtig, meinen Unmut schon mal los zu werden.


Mein Fazit nach Teil 2:

Oh ja, es wurde noch viel schlimmer. Nun wurde auch der hoffnungsvolle Rest der Story total zertrümmert. Und zwar auf eine Art und Weise, die mit Leichen gepflastert war. Es wurde getötet und schon während des Anschauens wurde klar, das die Story niemals so ausgehen wird, wie sie im Buch zu Ende gehen würde. (Wie auch, wenn die dafür relevanten Figuren durch Figuren, die es eigentlich gar nicht geben sollte aus dem Weg geräumt werden. Grrrr…) Nun ja, zumindest ab hier wurde für mich persönlich eine ungeahnte Spannung aufgebaut: Denn JETZT wollte ich wirklich wissen, was die Herren und Damen Drehbuchautoren sich für einen Schmarrn als Finale ausgedacht hatten. (Und Schmarrn war dieser Schluss wirklich; obwohl er eine der Theorien widerspiegelte, die der Leser des Romanes sicher zwischendurch auch mal entwickelt hatte. Für alle, die es nicht wissen: Dieses Filmende ist frank und frei erfunden. Holt Euch das Buch und lest nach !)


Meine Empfehlung lautet daher:


Diejenigen, die das Buch noch nicht kennen, aber sehr interessiert sind sollten sich lieber das Buch kaufen.

Diejenigen, die das Buch noch nicht kennen und denen es egal ist, wünsche ich viel Spaß beim Kauf der DVD / VHS (Genau ! Pro 7 ließ es sich natürlich nicht nehmen…). Das meine ich wirklich. Für Euch gibt es prima Unterhaltung, so wie sie ist. Ohne nachzudenken…

Herr Eschbach, sie haben mein aufrichtiges Mitgefühl…


In diesem Sinne, liebe Grüße und viel Erfolg Euch allen


Andrea


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
DottiGross

DottiGross

04.02.2004 17:27

Ich war letzten Herbst bei einer Dichterlesung von Andreas Eschbach und bin froh, dass er diese "Ver"-Filmung mit Humor zu sehen scheint. Doch den anwesenden Besuchern war es trotzdem ein Bedürfnis, ihm zu sagen, dass der Film der größte Mist ist, der jemals produziert wurde. Du hast in deinem Bericht genau die Punkte rausgegriffen, die sich so schrecklich vom Buch unterschieden. Es ist ein Jammer, dass überhaupt jemand auf die Idee kam, dieses fantastische Buch zu als Baller-Film zu veröffentlichen. Gruß Dotti

Rhodenberg

Rhodenberg

13.08.2003 09:46

Auja da kann ich mich noch dran erinnern. Den Abend hatte ich mir extra freigehalten und nach der ersten 15 Stunde hab ich die Welt nicht mehr verstanden. hatte ich ein anderes Buch gelesen oder stimmte da was nicht. Damit haben sich die Medienmogule dieser Welt keinen Gefallen getan. GRUSS RHODI

Destany

Destany

12.08.2003 17:04

es freut mich, dass ich diese kritische meinung lesen "durfte". den roman kenne ich leider nicht. die story ist eigentlich recht gut, nur die umsetzung ist leider komplett misslungen - zu platt, zu "normal"...(...held/unschuldiger wird von bösen vefolgt ---> kämpft um sein leben...blabla)...es scheint als wollte der regisseur auf krampf ganz schnell reich werden...schade um die geschichte. (nur am rande: mehr als 2 sterne hätte ich hier nicht vergeben). liebe grüsse, desty

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