Das Meisterwerk der erotischen Weltliteratur
02.09.2007
Pro:
der Klassiker schlechthin
Kontra:
manchmal schwer zu verstehen, Worterklärungen wären teilweise sinnvoll
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Fantomiss
Über sich:
Und sollte ich vergessen haben, jemanden zu beschimpfen, dann bitte ich um Verzeihung!
Mitglied seit:20.06.2006
Erfahrungsberichte:162
Vertrauende:92
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 107 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Dieses Buch darf sich ohne weiteres "Klassiker und Meisterwerk der erotischen Weltliteratur" nennen. Über das Kama Sutra gibt es wohl unendlich viele Klischees und Vorurteile, und die meisten halten es wohl für eine Auflistung und Beschreibung verschiedener Stellungen. Bei Google gibt es über 20 Millionen Einträge, und bezeichnenderweise ist der erste Eintrag nicht der von Wikipedia, sondern - natürlich - eine bebilderte Liste von Sexstellungen… Nicht, dass die uninteressant wären, aber das Kama Sutra ist doch ein wenig - bzw. sogar sehr viel - anders… Die wörtliche Übersetzung von "Kama Sutra" lautet nach Wikipedia "Verse des Verlangens", ich war der Meinung, es handle sich um "Lehrsätze der Liebe", aber mit etwas Wohlwollen kann man auch einfach beides gelten lassen. Es wurde vermutlich zwischen 200 und 300 n. Chr. von Mallanaga Vatsyayana in der Gelehrtensprache Sanskrit verfasst, von Richard Francis Burton wurde es 1884 erstmals ins Englische übersetzt - und auch meist als schlüpfriges Erotiklehrbuch missverstanden. Dabei handelt das Kama Sutra nicht nur von sexuellem Vergnügen, sondern von allen Arten der Sinneslust, und es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die damalige Kultur von der unsrigen heute unterscheidet - zumal wir doch alle denken, wir seien über die Maßen aufgeklärt und abgebrüht. Dennoch ist Sexualität bei uns, wie ich finde, nach wie vor von jeder Menge Scham besetzt, und das beste Beispiel sind dabei nach wie vor die USA mit ihrer unglaublichen Doppelmoral, wo einerseits in manchen Staaten Sex nur in der Ehe, im Dunkeln und in der Missionarsstellung erlaubt ist und 14jährige Töchter in Therapie geschickt werden, weil sie "aus Versehen" mal einen nackten Mann gesehen haben - gleichzeitig aber die größte Pornoindustrie des Erdballs ihre vielfältigen Blüten treibt. Gewiss war das Indien zur Zeit der Entstehung des Kama Sutra keineswegs frei von Doppelmoral. Doch entsteht der Eindruck, dass sexuelle Sinnenfreuden sehr viel freier gelebt werden konnten und Teil der Kultur waren, wie die freizügig-erotischen Darstellungen an Tempelfassaden nahelegen - so lange man sich an die gesellschaftlichen Einschränkungen insbesondere durch das Kastenwesen hielt. Das Erreichen der "drei Güter" galt als Lebensziel, wobei Dharma, das spirituelle Wohl durch Befolgung religiöser Richtlinien, auf höchster Stelle stand, gefolgt von Artha, der Anhäufung materieller Güter und Reichtum. Kama, der sinnliche Genuss, der vom Kama Sutra gelehrt werden soll, stand erst an unterster Stelle, was sein "Lehrbuch" sogar selbst betont. ~~~ Stellungsbibel oder mehr? ~~~ Das Kama Sutra ist in Versen, den Sutren, verfasst, und in 7 Bücher, Adhikarana, unterteilt, die wiederum in einzelne Kapitel, Adhyaya, gegliedert sind. Das erste Adhikarana beginnt dabei ganz allgemein mit den Hinweisen auf eben die drei Lebensziele, es folgt die Beschäftigung mit den 64 Künsten, die bereits zeigt, dass das Liebesleben sich
Bilder von Das Kamasutra / Mallanaga Vatsyayana
nicht auf den Akt an sich beschränken soll, sondern dass zur Sinnenlust und Verführung einiges mehr gehört. Allerdings sollte ich hier bereits einwenden: Die Frau wird zwar als ebenbürtige Geliebte betrachtet, und ihr Genuss zu verschaffen soll das oberste Ziel jeden Liebhabers sein, intellektuelle Fähigkeiten werden aber den meisten von ihnen abgesprochen, und nur wenige, z.B. gebildete Kurtisanen oder höhere Töchter, seien in der Lage, auch die Theorie des Kama Sutra zu verstehen, weswegen diese dann angehalten seien, ihre weniger befähigten Geschlechtsgenossinnen in Theorie und Praxis zu unterrichten. Zu den 64 Fächern der Liebeswissenschaft, wie sie das Lehrbuch der Liebeskunst den Frauen vorschreibt (Sutra 16 im dritten Adhyaya des ersten Buches) gehören u.a. Gesang, Tanz, die Beherrschung des Instrumentalspiels, das Malen, das Blumenstreuen (man schmückt sein Heim mit Blumen und Sträußen), die Anwendung von Parfum, das Anlegen von Schmuck, Kochen, Töpfern, die Übung des Taktgefühls oder sogar, einen Papagei sprechen zu lehren - was alles dazu dienen soll, Bewunderung zu erlangen, Liebe zu erzeugen und die Schicklichkeit zu wahren. "Aber auch der Mann, der in den vierundsechzig Künsten bewandert ist, trägt großen Gewinn davon. Er vermag sich nämlich auf solche Weise schnell und leicht ins Herz der Frauen einzuschmeicheln." (Sutra 24)Zu den allgemeinen Lehrsätzen gehören auch Angaben zum Schmücken des Hauses, zur eigenen Hygiene und zur Freizeitgestaltung, ehe sich das fünfte Adhyaya den zum geschlechtlichen Umgang geeigneten und ungeeigneten Frauen, sowie den Freunden und Kupplerinnen widmet. Man darf nicht vergessen, dass es in Indien mit seinem Kastenwesen feste Regeln gab, die genau besagten, mit wem wie verkehrt werden darf und mit wem nicht. Dazu kommen aber im Kama Sutra auch Regeln, die einen manchmal schmunzeln lassen, so ist die körperliche Vereinigung mit einer, die Geheimnisse weitererzählt, mit einer die sehr blaß ist oder auch einer, die sehr dunkelhäutig ist, unter allen Umständen verboten… Das zweite Adhikarana geht dann endlich zur Sache, für die, die schon die ganze Zeit darauf gewartet haben: Die Vereinigung von Mann und Frau. Dabei werden beide zunächst nach der Größe ihrer Genitalien unterschieden: Sutra 1: "Die Männer werden nach drei Typen unterschieden, was die Größe ihres Lingam anbelangt: den Hasentyp, den Stiertyp und den Hengsttyp." Sutra 2: "Desgleichen gliedert man die Frauen in drei Typen, die von der Größe ihrer Yoni bestimmt werden: den Gazellentyp, den Stutentyp und den Elefantenkuhtyp."Ergo gibt es unterschiedliche Vereinigungsmöglichkeiten, und da auch noch nach jeweils drei Typen von Leidenschaftlichkeit und der jeweiligen Dauer des Verlangens unterschieden wird, gibt es vielfältige Kombinationsmöglichkeiten. Und ich muss mal wieder schmunzeln, darüber, wie übergenau alles festgelegt ist, und ich muss mich fragen, ob bei aller Reglementierung nicht das Vergnügen auf der Strecke bleibt… Denn es gibt auch Regeln für verschiedene Arten von Umarmungen, von Küssen, und von Lauten, die man beim Liebesspiel macht. Ganze Kapitel widmen sich der Anbringung von Nagelmalen, Bissen und Schlägen und der dafür geeigneten Körperstellen, weswegen das Kama Sutra auch als eines der ersten Bücher gilt, die sadomasochistische Praktiken zum Thema machen. Allerdings: Solche Praktiken sollen nur angewandt werden, wenn beide damit einverstanden sind - und am Ende stehen über allen Regeln doch noch Lust und Verlangen. Und dann kommen sie endlich, die Stellungen. Aber: Wer das Kama Sutra nur deswegen liest, wird wohl enttäuscht sein. Denn die Beschreibungen sind manchmal recht vage und alles andere als blumig, und bei manchen kann man sich so gar nichts darunter vorstellen, wohingegen man bei anderen echte Probleme haben wird, was Gelenkigkeit und Ausdauer angeht. Und, so lernen wir zum Beispiel auch, "in den Provinzen Gramanari, Strirajya und Bahlika befriedigen viele junge Männer dieselbe Frau, einer nach dem anderen oder alle auf einmal, so, wie sie es sich wünscht." Ebenso geschildert werden homosexuelle Praktiken mit Eunuchen, besonders Oralsex gehört dazu - diese wurden in den ersten Übersetzungen fürs prüde England damals übrigens einfach weggelassen. Aufgefallen ist mir: "Der Mundverkehr wird nur von unzüchtigen und unsittlichen Frauen, die von allen Hemmungen frei sind, praktiziert, manchmal auch von Dienerinnen und von Masseusen." (10. Adhyaya, Sutra 21) Aha… Das dritte Adhikarana widmet sich dann dem richtigen Werben um die zukünftige Ehefrau und die Heirat, das vierte Buch widmet sich der Ehefrau selbst: Ihre Lebensweise, ihr Verhalten während der Abwesenheit des Mannes oder das richtige Benehmen. Und das fünfte - den Ehefrauen anderer Männer. Wie man ihre Zuneigung gewinnt, wie man die eigene Frau behütet und so weiter - und ich schmunzle mal wieder… Buch Sechs ist mit "Die Kurtisanen" betitelt und beinhaltet vielfältige Aspekte, nebst Anmerkungen, wann es sich für eine Kurtisane lohnt, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen. Die Kurtisanen selbst genossen offensichtlich eine höhere Stellung als heutige Prostituierte, dennoch wird ihnen empfohlen, ihre Gier nach Geld stets zu verbergen, denn ein Mann könne nur Vertrauen zu einer Frau fassen, wenn sie allem Anschein nach verliebt in ihn ist. Die Kurtisane zeichnet sich zudem durch eine ganze Reihe guter Eigenschaften aus, die im Kama Sutra in einer langen Liste gepriesen werden. Und wer Tips braucht, sich als Freudenmädchen Geld zu verschaffen, wie man merkt, wann ein Liebhaber einem überdrüssig wird oder wenn man wissen will, wie man ihn am besten loswird: Auch hier kann das Kama Sutra helfen, ebenso wie bei der Versöhnung mit einem früheren Liebhaber.Das siebte Adhikarana ist für uns heute zumindest in der Praxis wohl weitgehend unbrauchbar, denn es beinhaltet Rezepte und Methoden, wie man sich für andere anziehend macht. Das Problem besteht vor allem darin, dass es teilweise gar nicht mehr bekannt noch übersetzbar ist, um welche Zutaten es sich dabei manchmal handelt. Kostproben gefällig? Sutra 31: "Einen Duft, der Frauen betört, erzeugt man, indem man Vachastücke in Mango-Saft tunkt und sechs Monate im Spalt eines Sinshapa-Baumes liegen lässt." Sutra 36: "Stark wie ein Stier wird ein Mann, wenn er die Wurzeln von Uchchata, Chavya und Yashtimadhuka pulverisiert, mit Milch und Zucker vermischt und zu sich nimmt." Und im zweiten Kapitel wird gar impotenten Männern empfohlen, sich einen künstlichen Lingam zuzulegen, der aus Gold, Elfenbein, Kupfer, Eisen, Zink, Blei oder auch anderem Material gefertigt sein kann. Und danach gibt es sogar Tipps fürs Intimpiercing des Mannes, das finde ich allerdings etwas gruselig. Dann lieber folgender "Vergrößerungstipp": Sutra 25-26: "Der Lingam kann der Länge wie dem Umfang nach vergrößert werden. Das geschieht so, dass der Lingam rundum mit den Borsten von Tieren gerieben und dann mit Öl massiert wird; das ist zehn Nächte lang auszuführen. Ist der Lingam zu der gewünschten Größe angeschwollen, legt sich der Mann bäuchlings in eine Hängematte und lässt den Lingam durch ein Loch herunterhängen." ~~~~~~ Das Kama Sutra ist also viel mehr als ein "Stellungsbuch", auch wenn uns diverse als "Kama Sutra" verkaufte Büchlein und Filme anderes vormachen wollen. Es ist ein Dokument alter Kulturen, dessen Anspruch, eine Anleitung zu einem erfüllten Leben zu vermitteln, aber bis heute gelten kann, wenn man es behutsam der heutigen Zeit anpasst. Und wenn man sich klar darüber wird, dass zu einem erfüllten lustreichen Leben mit viel Sinneslust mehr gehört, als ein paar neue Stellungen, kann man sicher aus diesem uralten Buch über die Liebe so manche Weisheit ziehen… Ich finde es immer wieder erheiternd und anregend, und es macht mir Lust auf Düfte und Blumen und Musik und Räucherstäbchen und würziges indisches Essen. Und wenn man mag, kann man es ja gemeinsam durchblättern, sich gegenseitig einige Sutras vorlesen und die netten Bildchen betrachten, die die mir vorliegende Heyne-Ausgabe illustrieren und die Beispiele der höfischen Rajasthani-Malerei zeigen, in der hinduistische und islamische Einflüsse verschmelzen. Herausgegeben hat diese Ausgabe Werner Heilmann, der anscheinend bei Heyne für erotische Literatur verantwortlich ist, denn von ihm ist auch meine Josefine-Mutzenbacher-Ausgabe des gleichen Verlags. Ich hoffe, ich konnte mit ein paar Vorurteilen aufräumen und den einen oder die andere dazu anregen, mal einen Blick in dieses spannende Buch zu werfen. Und wer danach Lust auf mehr hat, kann sich ja noch den gleichnamigen Spielfilm von Mira Nair anschauen, der im Indien des 16. Jahrhunderts spielt und in herrlichen Farben und Sinnlichkeit schwelgt. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ "Ein Mensch, der die wesentliche Aussage dieser Liebeswissenschaft begriffen hat, kommt schließlich dazu, alle seine Sinne zu beherrschen; er wird sein Leben ganz nach den Gesetzen des Dharma, Artha und Kama führen. Wenn er niemals erlaubt, dass übertriebene Leidenschaft seine Handlungen als Liebender überschattet, und wenn er sich immer die zwei Ziele des Dharma und Artha vor Augen hält, wird er in der ganzen Welt als Vorbild gelten." ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Preisvergleich
sortiert nach Preis
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Verwandte Tags für Das Kamasutra / Mallanaga Vatsyayana
|
|
27.06.2008 16:13
Tiefschürfend, umfassend und auch noch gut lesbar, nahe am perfekten Artikel. Ein erotisches Thema wird sachlich und trotzdem flüssig beschrieben.
14.01.2008 12:05
wow super geschrieben
12.10.2007 11:30
Und trotzdem haben wir früher die Stellungen "nachgemacht" und sind aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen...