Erfahrungsbericht über

Das Treibhaus / Wolfgang Koeppen

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Keetenheuve gerührter Wanderer durch Gräberavenuen

5  23.10.2002 (29.10.2002)

Pro:
2 . Teil der "Trilogie des Scheiterns"

Kontra:
Wiederbewaffnungsdebattengrundwissen von Nöten

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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sp_66

Über sich:

Mitglied seit:16.09.2002

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Wolfgang Koeppen ist der Verfasser der Nachkriegstrilogie "Tauben im Gras" (siehe meine Besprechung vom 18.10.02), "Das Treibhaus" und "Der Tod in Rom" (29.10.02).

"Das Treibhaus" (1953) ist Koeppens, der mit Kritik an der noch jungen Bundesrepublik wahrhaftig nicht geizte, politischtes Buch.

Das Buch wurde übrigens 2001 von Michael Hofmann ins Englische übersetzt ("The Hothouse") und dort mit großer Begeisterung aufgenommen – eine wie ich finde erstaunliche Tatsache, nichtsdestoweniger zu begrüßen.

(Am Rande sei nochmals erwähnt, dass die drei Nachkriegsromane nicht aufeinander aufbauen, und völlig unabhängig voneinander lesbar sind!)

Historischer Hintergrund:
************************


"Das Treibhaus" entstand vor dem Hintergrund der Deutschland damals (1953) beherrschenden Wiederbewaffnungsdebatte.

Um das Buch besser verstehen zu können, empfiehlt es sich, einige geschichtliche Fakten (die ich hieraber nur ganz kurz anreißen möchte) darüber parat zu haben:

Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg war es zunächst für viele Deutsche (darunter Koeppen selbst) unvorstellbar, dass in Deutschland wieder eine Armee gegründet werden würde.
Vor dem Hintergrund des sich aufbauenden Kalten Krieges wurden jedoch deutschland- und europaweit Stimmen nach einem deutschen Wehrbeitrag laut (z.B. 12.9.1950: Außenministerkonferenz der Westmächte mit Befürwortung eines deutschen Wehrbeitrags,...), so dass seit 1949 in Deutschland die Debatte über die deutsche Wiederbewaffnung die politische Szene mitbeherrschte.

Am 27.5.1952 wurde dann auch zwischen Frankreich, Italien, BRD und den Beneluxstaaten die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) beschlossen.
Am 19.3.1953 stimmte der Deutsche Bundestag nach heftigsten Debatten dem EVG-Vertrag zu – Die EVG scheiterte dann jedoch 1954 an der Ablehnung der französischen Nationalversammlung.

Um das ganze abzukürzen, bleibt mir nur noch, kurz zu erwähnen, dass 1954 die Bundesrepublik der WEU und 1955 der NATO beitrat. Im folgenden Jahr wurde die Bundeswehr wiedergegründet und die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt – ein für viele Deutsche angesichts der historischen Situation unvorstellbarer Schritt, für viele wiederum angesichts der Bedrohung durch die SU ein unabdingbarer Schritt.


Inhalt:
******


Hauptfigur des in Bonn spielenden Buches ist der SPD-Bundestagsabgeordnete Felix Keetenheuve.
Während des Nationalsozialismus harrte er 11 Jahre lang im englischen Exil aus, nach seiner Rückkehr wurde er in den Bundestag gewählt – obwohl er die Wähler nicht mitzureissen vermag:


"...Als Redner überzeugte er nicht. Die Menge ahnte, er zweifele, und das verzieh sie ihm nicht. Sie vermissten bei Keetenheuves Auftritt das Schauspiel des Fanatikers, die echte oder die gemimte Wut, das berechnete Toben, den Schaum vor dem Maul des Redners, die gewohnte patriotische Schmiere, die sie kannten und immer wieder haben wollten. ..."


Doch es ist nicht nur der autoritäre Führungsstil des Bundeskanzlers bei gleichzeitiger Ohnmacht der Opposition, sondern auch seine Außenseiterrolle innerhalb seiner eigenen Partei lassen ihn am Zweck seines Engagements für den Wiederaufbau der Demokratie zweifeln.
In seiner eigenen Partei nämlich, die Keetenheuve zunächst aufgrund seines Lebenslauf (ehemaliger Emigrant) als Aushängeschild gut gebrauchen kann, gilt er als schwarzes Schaf, weil er sich nicht dem Franktionszwang und dem Willen der Parteiführung unterwirft, sondern politische Selbstständigkeit bewahrt, und dabei des öfteren unangenehme Positionen bezieht.

Als heimlicher Freund der Künste (Lyrik von Baudelaire und Cummings) und als jemand, dem die bürgerliche Fassade zuwieder ist, entfremdet er sich immer mehr von seinen Parteigenossen, die sich als realistische und der politischen Lage angepasste Pragmatiker erweisen.
Auch Keetenheuves Ehe mit der viel jüngeren Elke scheiterte, weil er sie vernachlässigte. Nachdem sie Trost in Alkohol und in Drogen suchte, starb sie schließlich daran, wofür sich Keetenheuve die Schuld gibt:


"...Ihm war ein Mensch überantwortet, und er ließ ihn fallen. Er reiste den Gespinsten nach, rang in den Ausschüssen um nebelhafte Menschenrechte, die nicht erkämpft wurden, es war ganz überflüssig, dass er in den Ausschüssen agierte, er würde für niemand etwas erreichen, aber er reiste hin und ließ Elke, das einzige Wesen, das ihm anvertraut, das seine Aufgabe war, in Verzweiflung verfallen. ..."


Anlässlich der Wiederbewaffnungsdebatte, deren realen Verlauf Koeppen stark zusammenrafft, sieht Koeppen, als überzeugter Pazifist ein absoluter Außenseiter, fast ein Geächteter auch in der Opposition, seine letzte Chance, politisch etwas zu bewirken.
Sein scheinbar vielversprechend erscheinender Versuch der Einflussnahme auf die Debatte scheitert kläglich.

Das Angebot der Flucht, eines abgeschiedenen und vergessenen Gesandtenposten in Guatemala, wo er sich ganz seiner poetischen und philosophischen Neigung hätte nachgehen können, lehnt er ab – Keetenheuve wählt als Zeugnis seines Scheiterns auf der ganzen Linie den Tod, den Sturz in den Rhein.


"...Keetenheuve fasste das Brückengeländer, und wieder fühlte er das Beben des Steges. Es war ein Zittern im Stahl, es war, als ob der Stahl lebe und Keetenheuve ein Geheimnis verraten wolle, die Lehre des Prometheus, das Rätsel der Mechanik, die Weisheit der Schmiede – aber die Botschaft kam zu spät. Der Abgeordnete war gänzlich unnütz, er war sich selbst eine Last, und ein Sprung von dieser Brücke machte ihn frei."


Politische Realität und Koeppensche Fiktion:
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Keetenheuve sitzt im Bonner "Treibhaus", in der provisorischen Hauptstadt Deutschlands, dem Zentrum der politischen Intrigen. Er muss erkennen, dass er als Idealist zum Scheitern verurteilt ist angesichts der "Verfestigung der nationalen Restauration" (Durch einen allgemeinen Konsens zwischen Geheimdiensten, Politikern, Wirtschaft und sonstigen Lobbyisten wird eine neue politische Kultur längst verhindert, alte Mächte sind wieder einflussreich und bedeutend wie eh und je.)

"... Die Revolution war tot. Sie war verdorrt...Sie hatte ihre Zeit gehabt habt. Ihre Möglichkeiten waren nicht genutzt worden..."

Was bleibt, ist politischer Pragmatismus, Machtkalkül, Interessensicherung und die Wiedererstärkung/Wiederauferstehung der alten Machtinhaber in neuer Gestalt – Keetenheuve ist verloren, gescheitert.

Es ist jedoch falsch, Koeppens Roman als reine tagespolitische Kritik zu werten. Gewiss weist der Kanzler starke Ähnlichkeiten mit Bundeskanzler Adenauer auf, und auch der Oppositionschef Knurrewahn ist dem SPD-Chef Kurt Schumacher nachempfunden.

Koeppens geschicktes Vermischen von Fiktivem mit der real stattgefundenen Wiederbewaffnungsdebatte hat dazu geführt, dass sein Werk als reine politische Kritik an der CDU/FDP-Koalition missverstanden wurde, was gewiss eine sehr einseitige Sicht der Dinge war.


Aber wie Koeppen selbst sagt:

"Die Dimension der Aussagen liegt jenseits der Bezüge von Menschen, Organisationen und Geschehnissen unserer Gegenwart, der Roman hat seine eigene poetische Wahrheit."


Koeppen wollte seinen Roman hingegen als einen "Roman des Scheiterns" begriffen wissen, in dem das Schicksal und Scheitern Keetenheuves, einerseits privat, andererseits politisch nachgezeichnet wird.


Stil:
*****


Stilistisch vermag dieser Roman, genauso wie "Tauben im Gras" mit einer virtuosen gekonnten Verwendung zu überzeugen: So ist fast das ganze Buch ein einziger stream of consciousness Keetenheuves, durchzogen von zahlreichen literarischen Anspielungen (Nibelungen, Baudelaire, Cummings, Faust, Mythologie...) und, wie schon in den Tauben montageartig auftretenden Zeitungsmeldungen, Werbeslogans und Schlager.

Besonders zu erwähnen wären die kursivgedruckten Passagen (bei ciao leider ist Kursivschrift leider nicht möglich...), die in fantastischer Sublimierung der Sprache die Gedanken Keetenheuves eindampfen:


"...Ein Brief von Elke lag bei den Papieren. Ihr letzter Brief. Elke war die Chance gewesen, die Chance für ein anderes Leben. Vielleicht. Er hatte die Chance verspielt. Vorbei. Blitze. Blitze über dem Grab. Er sah die traurigen Buchsbaumhecken, die süße Verwesung der verfaulten Rosen in den Totenkränzen. Die Friedhofsmauer duckte sich im Licht der Blitze. Furcht und Zittern. Kierkegaard. Kindermädchentrost für Intellektuelle. Schweigen. Nacht. ((ab hier kursiv:)) Keetenheuve furchtsamer Nachtvogel Keetenheuve verzweifelter Nachtkauz Keetenheuve gerührter Wanderer durch Gräberavenuen Gesandter in Guatemala Lemuren begleiten ihn"


Stilistisch beeindruckend und süchtig machend: Mein Interesse wurde durch Koeppen geweckt, und nur logisch war dann der nächste Schritt, die nochmalige Intensivierung der Sprachneuschöpfung: Arno Schmidt!


Film:
******


Aus dem Jahre 1987 stammt eine filmerische Umsetzung des Romans, die ich an dieser Stelle kurz erwähnen möchte. Der Regisseur Peter Goedel erhielt dafür übrigens ein Jahr später den Bundesfilmpreis.

Der Film ist schauspielerisch überzeugend besetzt – besonders die aus dem OFF orginal Buchpassagen zu verschiedenen Szenen vorlesende Stimme erzeugt eine eindrückliche Atmosphäre.
Wolfgang Koeppen selbst, der ja erst 1996 verstarb, sagte dazu:
"Ich halte den Film für gelungen, besonders das Stilmittel, den Text so sprechen zu lassen, wie die Musik bei manchen Filmen eingesetzt ist. Gefällt mir."

Gespickt ist der Film einerseits mit zeitgenössischen Bundestagsfilmausschnitten, die dem ganzen einen realpolitischen Hintergrund zu verleihen wissen, andererseits mit einem kurzen Interview mit Koeppen persönlich vor und nach dem Film. Dieses hängt allerdings so sehr in der Luft, dass ich es lieber gestrichen hätte...

Trotzdem, wem dieses nicht allzu häufig gesendete Film unter die Finger kommt (ich hab in aus der Stadtbücherei...), sollte nicht verpassen, ihn interessehalber einmal anzuschauen: recht gelungen!

Der Film ist in Farbe / SW und dauert ca. 99min.


Fazit:
******


Das Scheitern des idealitischen Abgeordneten Keetenheuves und all seiner Hoffnungen und Pläne am politischen Alltag, an Intrigen, Machtpolitik und der Parteistruktur ist, losgelöst von der damaligen historischen Situation, auch heute noch von erstaunlicher Aktualität:
Mit dem Selbstmord des Protagonisten verneint Koeppen den vermeintlich idealen Aufbau der Demokratie der 50er Jahre. Er unterstreicht, dass im Bonner-Treibhaus-Klima von Wahlkampf, Opportunismus, politischer Realität und alten-neuen Machtzentren derjenige zum Scheitern verurteilt ist, der sich nicht an die ungeschriebenen Regeln hält.

Ich wüsste nicht, was sich im großen und ganzen daran bis heute geändert haben soll, die Lektüre dieses Buches sollte man noch heute einigen Politikern wärmstens empfehlen.

Als Kritikpunkt wurde gegenüber Koeppen häufig vorgebracht, er wisse die "Leistungen der Demokratie" nicht genügend zu würdigen, rede die Situation schlecht und hänge den Gedanken der Vergangenheit nach. Nichts falscher als das, gerade Koeppen, der auch zu den im Nationalsozialismus Verfemten zählte, auch wenn er in Deutschland blieb, wusste wohl die geänderte politische Lage zu schätzen – was ihn aber nicht von berechtigter beissender Kritik abhielt!

Dieses Buch ist genauso wie die beiden anderen Nachkriegsromane ein absolutes Muss, eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe! (Das ist bei meinem nicht ganz unehrheblichen Lesepensum schon ein sehr großes Lob! ;-)

Ausgaben:
*********


Eine Ausgabe, in der alle drei Nachkriegsromane in einem Band versammelt sind, ist leider zur Zeit nicht mehr lieferbar.
Als Einzelausgabe ist "Das Treibhaus" beim Suhrkamp-Verlag als Taschenbuch für 8,50€ (ISBN 3518396595), beziehungsweise als gebundene Ausgabe für 13,75€ (ISBN 3518016598) erhältlich.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Athomzombie

Athomzombie

09.12.2004 19:26

sehr umfang- und lehrreich! Gratulation!

Jonas_Prior

Jonas_Prior

10.10.2004 15:26

sehr ausführlich geschrieben..

cujimmy

cujimmy

28.10.2002 17:31

Wieder ein sehr interessanter Bericht! ... Gruß aus Dublin ... Ken

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Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 1854 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

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