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Das Urteil - und andere Erzählungen / Franz Kafka

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Wer verurteilt da wen?!

5  05.01.2002 (18.12.2002)

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Kontra:
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Empfehlenswert: Ja 

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Hellokittie

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Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:22

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 161 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ich habe mich ja schon als Kafka Spezialist geoutet,obwohl dieser Schriftsteller eine relativ negative Stimmung auf mich (und ich glaube auch auf andere Leser) überträgt.

Ich glaube,zu Kafka selbst muss ich nicht mehr viel schreiben,da ich das in meinen anderen Meinungen nur zu genüge getan habe

Das Urteil

Entstehung:
Franz Kafka schrieb die Erzählungen „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ im Herbst 1912. In beiden Erzählungen handelt es sich um Familienbeziehungen der Haupt-
figuren. Sie geraten in einem Konflikt, für die es keine Lösungen gibt. Der Autor beschreibt seine Situation, daher sind seine Helden Bilder seiner eigenen Person.
Die Geschichte „Das Urteil“ nimmt in Kafkas eigener Schätzung einen besonderen Rang ein. Er las die Erzählung häufig vor; zunächst unmittelbar nach der Fertig -stellung seinen Schwestern, später bei Oskar Baum, vor mehreren Zuhörern. Danach folgte eine Lesung bei Max Brod und am 4. Dezember eine öffentliche Lesung anlässlich eines Prager Autorenabends. (Tagebucheintragung: „Ich hatte Tränen in den Augen. Die Zweifellosigkeit der Geschichte bestätigte sich“)

Inhalt:
Georg Bendemann ist ein junger Kaufmann, der den Betrieb seines Vaters über-nommen hat. Nach langem Überlegen beschließt er seinem Freund, der förmlich nach Russland geflohen ist, zu schreiben. Im Brief erwähnt der junge Mann seine Verlobung mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld. Nachdem Schreiben sucht er seinen Vater in dessen Zimmer auf, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war, um beiläufig diesen Brief zu erwähnen.

Als Georg das Zimmer des Vaters betrat, war er überrascht, wie dunkel der Raum ist. Er bekommt Schuldgefühle, weil die hohe Mauer solchen Schatten warf. Daraufhin beschließt der Sohn seinen Vater in seinen Zimmer zu verlegen.

Der junge Kaufmann erzählt von seinem Freund, aber der Vater zweifelt an der Existenz jenes Freundes. Georg reagiert mit verlegenem Ablenkungsmanöver auf die Anschuldigungen. Er zeigt sich statt zu antworten, besorgt um dessen Gesundheitszustand und bringt den Vater ins Bett und deckt ihn zu. Kaum hat er ihn zugedeckt, richtet sich der Alte im Bett zu voller Höhe auf und schuldigt ihn an, sein Verhältnis zu seiner Braut sei Verrat am Freund, an der toten Mutter und an ihm.

Georgs Vater gesteht nun, dass er dessen Freund schreibt und er informiert ihn über die Ereignisse, die ihn seiner ehemaligen Heimatstadt passieren. Der Briefwechsel zwischen Herr Bendemann und dem russischen Freund erklärt die Tatsache, warum Georg immer seltener Briefe von ihm bekommt.
Außerdem preist der Vater den Freund als Sohn nach seinem Herzen. Georg ist geschockt und distanziert sich noch mehr von seinem biologischen Erzeuger.
Die Raserei des Vaters gipfelt in der Anklage der Ichbezogenheit:

„Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher wusstest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! Und darum wisse: ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!“

Georg fühlt sich aus dem Zimmer gejagt und stürzt sich in den nahe gelegenen Fluss und nimmt sich das Leben.

Er rief leise: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt!“

Meine Interpretation oder Ferndiagnose


AUTOBIOGRAFISCHE BEZÜGE

+Kafka leidet an der herrischen Art seines Vaters

+er studiert Jus wider Willen

+seine Verlobung mit Felice Bauer wird missbilligt

+sein Vater würdigt Kafkas literarisches Schaffen nicht


In dieser Geschichte handelt sich um einen Vater-Sohn-Konflikt. Der Vater verurteilt seinen Sohn zum Tode. Nach dem Urteil verlässt der Sohn das Haus und nimmt sich das Leben.

Das Urteil wird aus der Sicht des Geschäftsmannes Georg Bendemann erzählt. Georg befindet sich zu Beginn der Geschichte auf dem Höhepunkt seines Lebens.
Nachdem Tod seiner Mutter hat sich sein Leben komplett verändert. Während er früher im Schatten seines Vaters stand und sich weder entfalten noch im Leben durchsetzen konnte, steht er nun auf der Höhe des Ruhmes. Er hat das Geschäft seines Vaters übernommen, ist mit einem Fräulein verlobt, hat ein Zimmer mit Licht und Aussicht...

Die Wende setzt ein, als Georg an seinen Freund, der in Russland lebt, einen Brief schreibt. Der junge Kaufmann ist sich nicht sicher, ob er diesen abschicken soll, deswegen sucht er seinen Vater auf und bittet diesen um Rat.

Der Vater zweifelt an der Existenz jenes Freundes und mit der Frage:
„Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg“, wendet sich die Fabel ins Absurde, ohne aus der realen Umwelt herauszufallen. Der alte Mann beschuldigt ihn dann, dass seine Verlobung Hochverrat sei.

Franz Kafka verarbeitet seine Erfahrungen im Urteil sehr stark. Hermann Kafka, sein Vater, verhinderte seine Heiratsabsichten, von denen in dem „Briefe an den Vater“ die Rede ist. Das sind die Anschuldigungen, die im Urteil zur Verurteilung und zum Tode führen à Georg akzeptiert das Urteil widerspruchslos und dabei enthüllt sich plötzlich seine bisher verdeckte Abhängigkeit.

Franz Kafka verwendet gern autobiografische Signale. Die Hauptfigur Georg soll ihn widerspiegeln, da dieser Name genauso viele Buchstaben wie Franz hat. Dass der Name seiner Verlobten in den Anfangsbuchstaben mit dem Felice Bauers übereinstimmt, gehört zu Kafkas Spiel mit autobiografischen Signale.

Im Urteil wird Georg Bendemann in einer Welt gezeigt, die von ihm beherrscht wird. Die literarische Phantasie Kafkas hat zwei verschiedene Möglichkeiten der Emanzipation von Macht durchgespielt. Die eine verkörpert der Freund, eine Art verlorener Sohn, der mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Russland geflüchtet hatte. Seine Rückkehr wäre eine Rückkehr in alte Abhängigkeiten.
Die andere Möglichkeit ist die Heiratsabsicht von Georg Bendemann. Kafka schrieb: “Die Heirat ist gewiss die Bürgschaft für die schärfste Selbstbefreiung und Unabhängigkeit. Ich hätte eine Familie, das Höchste, was nach meiner Meinung man erreichen kann, also auch das Höchste, was du erreichst hast, ich wäre dir ebenbürtig, alle alte und neue Schande und Tyrannei wäre bloß Geschichte.

Im Urteil artikuliert sich diese Emanzipationsphantasie in Beschreibung eines Machtkampfes. Georg setzt sich an die Stelle des Vaters. Es entsteht ein Tausch der Positionen in der familiären Machthierarchie:
Der Vater hat keine Frau mehr, statt dessen hat der Sohn eine Verlobte. Georg wird im Geschäft zur dominanten Figur. Aber seine Wünsche nach Selbstbefreiung enden mit ihrer Unterwerfung unter die Instanzen patriarchalischer Macht.


*Das war Hellokittie für heute *
und es soll gesagt werden,wer diese Meinung klaut,dem sollen die Finger abfallen- Hellokittie is watching you


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
EM-Fieber

EM-Fieber

17.06.2008 06:51

Wie traurig, Mensch! Dieser Bericht hat mich schon ziemlich deprimiert.

chief69

chief69

24.04.2005 14:07

auch wenn nicht alle Ciaoaner von Kafka begeistert sind, ich schon! Übrigens: für unseren Ciao-Stammtisch (18. Juni, "Tschocherl", 1150, Wurmsergasse 42) wäre so eine optische Bereicherung toll. (damit wollte ich eigentlich nur sagen: tolles Foto :-)

BlueZidane

BlueZidane

08.03.2003 18:42

Das Urteil wollen wir glaub ich in Deutsch noch behandeln, ansonsten bin ich eigentlich nicht so Kafkabegeistert. Greetings Tom

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