Kafka - Meister oder Opfer der Dekonstruktion??
02.09.2004
Pro:
kurz, geheimnisvoll, das ganz Andere
Kontra:
kurz, schwierig, nicht spannend
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Darkgravity
Über sich:
Ja ich lebe noch, aber ich komm grad echt net zum Lesen, geschweige denn ins Internet. Mein Studium ...
Mitglied seit:01.09.2004
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Heute möchte ich mal ein etwas über eine der interessantesten Erzählungen bzw. Novellen oder was auch immer man bestimmen mag geben. "Das Urteil" ein wahres Meisterwerk? KafkaFranz Kafka wurde 1883 in Prag, als Sohn einer deutschsprachigen, jüdischen Familie geboren. Er zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern unserer Zeit. Kafka studierte an der Uni Prag Jura und arbeitete ab 1908 als kleiner Angestellter bei einer Versicherungsgesellschaft. Kaum eines seiner berühmtesten Werke erschien zu seinen Lebzeiten. Ab 1917 litt Kafka an Bluthusten und suchte daher immer wieder verschiedene Sanatorien in Europa auf. In den letzten Jahren seines Lebens hatte er eine beglückende Liebesbeziehung zu einer Frau. Im Frühjahr 1924 begab er sich in ein Sanatorium in der Nähe von Wien, wo er dann 41 - jährig an Kehlkopftuberkulose starb. Sein Grab findet man auf dem Starnitzer Friedhof in Prag. Allgemeines zur Interpretation Kafkas:Ach wie gerne bezieht sich doch jeder auf die Dominanz des Vaters von Kafka. Es ist richtig, dass Kafka sich sein ganzes Leben lang nicht von seinem Vater wirklich lösen konnte und auch große psychische Probleme entwickelte. Es sei aber auch beispiesweise angemerkt, dass Kafka ein ganzes Leben lang kaum aus seiner kleinen Dachbodenwohnung herauskam, um sich die große weite Welt anzusehen. Wer jemals in Prag seine Wohnung besucht hat, wird schockiert sein... Ein weiteres Problem Kafkas war auch seine Beziehung zu den Frauen. Kafka verlobte sich mit Felice Bauer und löste diese Verlobung wieder, auch mit Julie Wohryzek hatte er eine Liebesbeziehung, die in die Verlobung mündete. Auch diese wurde von ihm gebrochen. Dies dürfte eine weiterer dunkler Punkt in seinem Leben gewesen sein, der ihn belastete. Das letzte Problem, das ich ansprechen möchte ist sein oft unnatürlicher, spontanter Drang zum Schreiben. Des öfteren schrieb er seine Erzählungen an einem Stück nieder. Auch das gilt es zu berücksichtigen. Inhalt von "Das Urteil""Das Urteil" ist eine Erzählung Kafkas, die novellenartige Elemente vorweist. Georg Bendeman, ein junger Kaufmann hat das Geschäft seines Vaters übernommen. Er hält immer noch Kontakt zu seinem Freund, der nach Rußland ausgewandert ist und dort ein mehr schlechtes als rechtes Leben zu führen scheint. Georg überlegt sich, ob er seinem Freund schreiben soll, dass er sich verlobt. Danach geht er zu seinem Vater. Ein langes Gespräch wendet sich vom guten ins Böse und der Vater fällt "Das Urteil". Georg führt es ohne zu zögern aus... Diese paar Zeilen Inhaltsangabe sollten genügen. Würde ich mehr schreiben, so würde ich Gefahr laufen, die ganze Geschichte zu erzählen - sie ist ja nur ca. 20 Seiten lang. Die Interpretation "Das Urteil" von Franz Kafka gehört zu den meist interpretierten Werken der Neuzeit. Keine Literaturwissenschaftsrichtung hat Kafka ausgelassen. Ob Rezeptionsästhetik, Positivismus, psychologische Literaturwissenschaft, Dekonstruktion, Formalismus...alle wussten etwas über "Das Urteil" zu berichten. Am nähesten dürfte die Dekonstruktion den Sinn in Kafkas Erzählung getroffen haben. "Das Urteil" Hat nämlich soviele Sinn - und Interpretationsebenen wie kaum ein anderes Werk . Man wird nie schlau daraus. Es stellt sich nur die Frage: War Kafka absichtlich dekonstruktiv oder ist es der Zufall eines in einer Nacht geschriebenen Werkes, dass es so verwirrend geriet?Diesen kurzen Interpretationshinweis möchte ich vor allem für fachlich versiertere Leser geben, um ihnen bei der Lektüre als Denkanstoß zu dienen. BemerkungenFrank Kafka ist ein außergewöhnlicher Autor, der sich nicht einfach in düster, verwirrend, depressiv, Ödipus - Komplex - behaftet darstellen lässt. Kafka ist eine echte Persönlichkeit, die mitten im Leben stand. Die Schwierigkeit, die man mit der Interpretation Kafkas hat liegt darin, oft scheinbar unterbewußte Zusammenhänge der Werke zu erkennen. Kafka schrieb oft einfach drauf los...das ist nicht zu unterschätzen. Es geht auch bei der Lektüre solcher Werke nicht immer darum, das Richtige herauszuziehen...das scheint bei Kafka oft unmöglich, sondern für sich persönlich das Brauchbare herauszufiltern und sich inspirieren zu lassen von solcher literarischer Größe. Deshalb möchte ich das Werk und überhaupt die Lektüre Kafkas nicht unbedingt jedem Laienleser empfehlen. Kafka wirkt oft langweilig und depressiv und ist wohl kaum geeignet für ein entspannendes "Sonntags - auf - der - Couch - Liege - Leseerlebnis". Dafür gibt es bestimmt spannendere Bücher. Kafka ist ewtas für Kunstinteressierte, die auch einen leichten Hang zum Surrealismus haben und die Groteske und die Unwirklichkeit lieben. Kafka versteht es ausgezeichnet, diese Groteske und Unwirklichkeit in die Realität einzufügen. Bruchlos, scheinbar, unterschwellig, fast hinterhältig erlebt man die Entwicklungen - fast zu spät - obwohl sie sich schon lange angedeutet haben. Kafka ist auch etwas für Psychologieinteressierte, obwohl ich mich immer wieder gegen eine einseitige psychologische Interpretation der Werke Kafkas stellen möchte. Kafka ist viel mehr, als das Produkt seiner persönlichen Lebensumstände und psychischer Probleme! Für Schüler ist das Buch sehr wohl geeignet und gehört meiner Meinung nach auch voll und ganz zum Bildungskanon. Ich würde "Das Urteil" ab der 11. Klasse einsetzen. An diesem Werk ist es besonders gut möglich den Schülern das Interpretieren beizubringen und man findet als Lehrer auch unendlich viele Interpretationen - von leicht bis schwer - die man den Schülern als Hilfe anbieten kann.Aus diesen obengenannten Gründen möchte ich mich hiermit auch klar von meinem Vorgängerbericht absetzen, der zwar sehr gut und informativ beschrieben ist, der meiner Meinung aber genau über das Problem des psychologisierenden Lesens noch nicht hinausgeht. - Lest den Bericht selbst und vergleicht! Wir beide freuen uns bestimmt über eine große Leserschaft. Zum Schluss noch eine Altersempfehlung: Ab 16 JahrenVielen Dank für die Mühe des Lesens von meinem langen Bericht ;O)
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21.10.2005 13:38
Viele Interpretationen sehen "das Urteil" im "Urteil" von Franz Kafka als Todesurteil! Dies darf aber nicht als 100% angesehen werden. Das machst du in deinen Bericht auch nicht, sondern erzählst nur vom Urteil! Gefällt mir! Kafka war einer der genialsten Autoren aller Zeiten: Zerrissen, krank, und jede Zeil drückt seine Verzweiflung aus!
04.09.2004 16:29
klasse bericht!! weiter so!!
02.09.2004 16:12
Ich glaube, die Dekonstruktion hat für die Literatur generell viel getan, bringt sie doch viele Kritikrichtungen unter einen Hut. Schwierig ist jedoch die Beliebigkeit, die gerade dadurch entsteht, dass alles möglich ist. Ich finde, dass man bei Kafka den psychologischen Aspekt auf jeden Fall stark herausliest. Es muss ja nicht immer alles auf einen Ödipuskomplex hinauslaufen. *g* ... meiner Meinung nach hatte Kafka eindeutig ein krankes Gehirn... aber das macht seine Texte ja gerade so einmalig. Liebe Grüße! Corinna