Im Rahmen der „Meyerschen Taschenbuchtage“ erstand ich mitunter einen Roman von Katy Gardner, dessen Titel mal wieder so gar nicht zum Inhalt zu passen scheint:
Das bleiche Herz
lässt die mittvierziger Cass Bainbridge ihre aktuellen Erlebnisse erzählen, die sie im Zuge einer beruflichen ... Bericht lesen
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Verwandte Angebote für Das bleiche Herz / Katy Gardner
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Im Rahmen der „Meyerschen Taschenbuchtage“ erstand ich mitunter einen Roman von Katy Gardner, dessen Titel mal wieder so gar nicht zum Inhalt zu passen scheint:
Das bleiche Herz
lässt die mittvierziger Cass Bainbridge ihre aktuellen Erlebnisse erzählen, die sie im Zuge einer beruflichen Veränderung durchlebt. Cass beginnt neu an einem College, unterrichtet die Studenten über „Geschichtswissenschaftliche Methoden“ und nahm dafür einen Umzug aus London, weg von ihrem Partner Matt, in Kauf.
Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass etwas im argen liegt, was selbst Cass noch nicht ganz in Worte fassen oder gar wahrnehmen kann. Sie verspürt lediglich, dass in der letzten Zeit etwas in ihr in Bewegung geraten ist, was sie weder ihm noch sich selbst erklären kann.
Cass stolpert von einem Missgeschick bzw. Unachtsamkeit in die nächste, ist heilfroh, als zumindest ide junge Studentin Beth Interesse an ihrem Unterricht zeigt. Alle anderen Studenten wirken, wenn überhaupt, eher mittelmäßig interessiert; insbesondere dem strebsamen Alec scheint die neue Lehrkörperin ein Dorn im Auge zu sein.
Cass fühlt sich nicht unbedingt wohl in ihrer neuen Umgebung, vermisst Matt und fühlt sich nach und nach von einem Unbekannten regelrecht verfolgt: dauernd klingelt das Telefon, sie erhält merkwürdige e-mails und nimmt hin und wieder eine Gestalt vor ihrem Fenster war. Hin und hergerissen, ob sie sich manches nur einbildet, klammert sie sich regelrecht an Beth, die mit ihrer einnehmenden Art anfänglich ein Gefühl von Vertrauen suggeriert.
Das unbehagliche Gefühl Cassies, als Beth einfach mal eben vor der Wohnungstür auftaucht, verdrängt sie mehr und mehr ~ zumal sie sich sonstig völlig allein gelassen fühlt.
Die Umsetzung
hat nicht so sehr was mit dem Klappentext zu tun, wie es auch dank meiner Beschreibung den Anschein macht. Insgesamt betrachtet handelt „Das bleiche Herz“ nicht etwa vorrangig von einer Stalker-Geshichte, wie ich es selbst annahm, sondern dreht sich vielmehr und Cass als Person; ihre Vergangenheit, ihre Familie und Freundschaften.
Jenes bringt etliche Zeitsprünge mit sich, Erinnerungen, denen der Leser Folge leistet und nicht immer mit Freude begegnet. Hier und dort ist es etwas zu viel des guten, zu arg durcheinander und „hüpfend“, wird durch die absolute hervorzuheben Schreibweise wieder wett gemacht.
Katy Gardner verfügt über ein außerordentliches Talent, Personen nicht bloß in ihre Geschichte einfließen zu lassen, sondern wie nebenbei kurze, prägnante Charakteristika zu erstellen. Nicht nur in den Momenten, in denen man an Cassies Gedankengut über ihre Freundin Sarah folge leistet, könnte man sogar die Begründung der Zen-Weisheit finden, die da lautet „wenn jemand etwas über anderen berichtet, so erfährt man vorrangig etwas über den, der erzählt.“ Insbesondere in den nachfolgenden Zeilen spürt der Leser Cassies Gefühl der Heimatlosigkeit, der Sehnsucht nach Zeiten, denen man nur noch den Stempel „Vergangenheit“ aufdrücken kann:
„Während ich zusah, wie Poppy über Sarahs Schoß kletterte, und registrierte, dass der Blick meiner Freundin immer wieder von meinem Gesicht wie magnetisch angezogen zu dem ihrer Tochter schwenkte, wurde mir endlich klar, dass die Zeiten der Freiheit und Unbekümmertheit, in denen wir uns bei einer Flasche Wein lachend und plaudernd die Nacht um die Ohren geschlagen oder sogar einfach mal ein Mädels-Wochenende in Barcelona oder Paris verbracht hatten, vorbei waren. Irgendwann war meine beste Freundin, ohne mich zu fragen, vorgeprescht und hatte alles verändert. Und ich blieb zurück, vor jenem Gebäudesanierungsschild, und fühlte mich bestohlen und völlig fehlt am Platz.“ (ZITAT; S. 61)
„Das bleiche Herz“ besticht vor allem durch seine Vielschichtigkeit; seine diversen Themen, die gleichermaßen zusammenlaufen und ein großes Ganzes bilden. Zwischen den einzelnen Kapiteln finden sich immer mal wieder Briefe, die an „Liebe Mum“ adressiert werden und im ersten Moment einen weiteren Einblick in die gestörte Mutter-Tochter Beziehung zwischen Cass und ihren Erzeugerin zu geben scheint. Im Laufe der Lektüre darf man sich ein wenig wundern, dass Cass diese Briefe abzuschicken scheint; so dass sich mir persönlich recht früh eine Ahnung auftat ~ die sich jedoch völlig anders bewahrheitete, als ich es annahm.
Überhaupt hält der Roman so einige Überraschungen und Wendungen bereit, die jeden winzigen Tropfen der Vorraussehbarkeit wieder wett machen. Einiges meint man, sich denken zu können, ist trotzdem überrascht, wenn sich die Story genauso entwickelt – und noch mehr, wenn sich dann doch wieder alles umdreht.
Genau wie die Hauptprotagonistin fällt der Leser auf Beths Gehabe und Getue, ihre zur Schau getragene Naivität rein; ahnt zwar immer wieder was und würde Cass am liebsten an der Schulter packen, damit diese endlich mal Beth ihre Grenzen aufweist... und erkennt schließlich selbst, dass man selbst nicht viel klüger gewesen wäre.
Spätestens auf S. 299 glaubte ich als Leserin erneut, den Höhe- und Knackpunkt der Geschichte erreicht zu haben ~ und irrte mich erneut.
Ich kann es kaum in Worte fassen, wie sehr die Autorin Katy Gardner mich mit mit dieser Art und Weise beeindruckt hat. Zutiefst beeindruckt, vor allem!
„Das bleiche Herz“ berührt auf mannigfaltige Art und Weise, geht unter die Haut, vereinbart Spannung und Gefühl, Tiefsinnigkeit und Dramen des Alltags in unnachahmlicher Weise.
Als ich mir dieses Buch aussuchte, hätte ich nicht mit dieser intensivsten Qualität gerechnet, die sich hinter diesem doch recht fragwürdigen Titel regelrecht zu verstecken schien. Der Originaltitel des Romans lautet übrigens „The mermaids purse“, was im ersten Augenblick noch befremdlicher klingen mag, schlussendlich jedoch mehr als treffsicher gewählt wurde.
Mehr als bedauerlich somit der Umstand, dass der Buchtitel die potentiell interessierten Leser vermutlich an dem Werk vorbeisehen lässt, eben weil jener recht kitschig nach abgedroschenem Liebesroman klingt.
Dass sich hinter dem Titel eine durch und durch intelligente Veröffentlichung verbirgt, welches von unvorhersehbaren Entwicklungen und einem faszinierenden, anregenden wie zugleich einfühlsamen Sprachwitz zeugt, macht jenen Roman zu einem meiner neuen Lieblingsbücher. Zeilen wie
„Jetzt sehe ich ein, dass ich die Arbeiten zu schnell gelesen habe und zu sehr darauf aus war, Beth eine gute Note zu geben, und innerlich heule ich auf und schlage mir an die Brust. Ich werde die gefürchtete Bev Cope anrufen müssen, welche disziplinarischen Maßnahmen nun zu ergreifen sind, und sie wird mich wie alle anderen, denen es zu Ohren kommt – und die Sache wird garantiert der Witz des Trimesters -, für eine ausgemachte Idiotin halten. Denn es mag zwar in einzelnen Fällen verzeihlich sein, ein Plagiat nicht als solches zu erkennen, zum Beispiel, wenn man, wie in diesem Fall Bev Cope, die Arbeiten von Studenten aus einem anderen Seminar korrigiert, aber das Plagiat der eigenen Doktorarbeit zu übersehen ist fast so, als würde eine Ärztin nicht merken, dass ihr Patient tot ist.“ (ZITAT; S. 164)
umfassen nicht nur einen Einblick in Cassies Seelenleben, sondern weisen obendrein auf die verschiedenen Handlungsstränge des Buches hin. Es geht eben nicht nur um die Überforderung, die sich Cass selbst auflastet; ebenso nicht nur um die Studentin Beth, oder darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen... sondern um dies alles zusammengefasst und noch viel mehr. Um wie viel mehr es geht, hält die Autorin lange Zeit bedeckt ~ lange genug, um den Leser wirklich noch umhauen zu können und rückblickend erkennen zu lassen, dass man manchen Sätzen zu wenig, und anderen dafür zu viel Bedeutung beimaß.
Einziger Wehmutstropfen an dem Buch ist meiner Ansicht nach der Umstand, dass hier und dort ein wenig zu viel Inhalt der Studienfächer breitgetreten wird. Es mag zwar nicht uninteressant sein, sich mit dem Umstand, dass Erinnerungen trügen und im weitesten Falle eine völlig falsche Begebenheit suggerieren können... doch wie gesagt, manchesmal hat es die Autorin hierbei zu gut gemeint.
Summa summarum
kann, will und werde ich auch diese Lektüre mal wieder uneingeschränkt empfehlen. Vermutlich findet der Roman vorrangig bei der Frauenwelt Gefallen; zumal diese die ein oder andere Begebenheit schlicht und ergreifend besser nachempfinden kann ~ doch langweilen werden sich die männlichen Leser bei weitem nicht.
Nicht unerwähnt bleiben soll der Umstand, dass hier auf ein illustres happy end verzichtet wird; fast schon endet die Geschichte recht „offen“, was mir persönlich absolut zusagte. Alles andere hätte dem vorangegangene Meisterwerk nur einen Dämpfer verpasst.
Abschließend lässt sich sagen, dass „Das bleiche Herz“ auf schier unnachahmliche Art und Weise nachhallt; und ich wage zu behaupten, dass dies nicht ausschließlich auf mich zutrifft, die sich – im übertragenden Sinne, wohlgemerkt - in vielen Sätzen genauso wiederfinden konnte wie in dem nachfolgenden:
„Ich bin jetzt nicht mehr wie die rastlosen Wellen, ewig zum Strand hingezogen und von ihm wieder abgestoßen. Jahrelang habe ich diesen Strand gemieden, ihn aber – und das ist die Ironie der Geschichte – in Wirklichkeit nie verlassen.“ (ZITAT; S. 336)
weitere Erfahrungsberichte
Zum Mit-Fiebern Bewertung für Das bleiche Herz / Katy Gardnervon
geistreich
Pro: vielschichtige Handlung, Schreibstil, Ich-Perspektive, Spannungsaufbau Kontra: Nebencharaktere aus subjektiver Sicht dargestellt (aber das gehört hier dazu)
...Oh nein! Ciao hat schon wieder das falsche Cover eingestellt! Auch wenn dieses hier durchaus zur Handlung des Buchs passen mag (und als solches vielleicht sogar zu viel verrät). Also: Bei meinem Exemplar handelt es sich um die grüne, im Knaur Verlag ers ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich