"Ach wir armen Weiber sind so übel dran!"
15.02.2005
Pro:
umfassend, kenntnisreich, wissenschaftlich fundiert
Kontra:
- -
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 philo.grant
Über sich:
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Die Autorin: Nathalie Heinich wurde 1955 geboren. Sie ist Soziologin und wurde 1997 für ihr Buch „Das ‚zarte’ Geschlecht“ mit dem Journalistenpreis „Sévérine“ ausgezeichnet. Der Inhalt: Nathalie Heinich analysiert und interpretiert in diesem Buch das Frauenbild in der abendländischen Literatur aus anthropologischer und sozialgeschichtlicher Sicht. Dazu zitiert sie aus 258 Werken und untermauert so ihre Thesen über die Darstellung der weiblichen Identität in den Romanen des 18. bis 20.Jahrhunderts, wobei der Schwerpunkt auf den Romanen des 19.Jahrhunderts liegt.Im ersten Teil untersucht sie den Mädchenstand. Der Titel des zweiten Teils lautet „Der Platz der Ersten“, womit hauptsächlich die Ehefrau gemeint ist. Der dritte Teil handelt vom „Komplex der Zweiten“, das ist die zweite Ehefrau, die geheiratet wurde, nachdem die erste verstorben ist. „Die Stadien der Zweiten“ beleuchtet Heinich im vierten Teil, darin geht es um die illegitimen Zweitfrauen wie Mätressen, Prostituierte, aber auch Schauspielerinnen. Der fünfte Teil beschäftigt sich mit der Sicht der „Dritten“. „Dritte“ Frauen sind Frauen, die gewollt oder ungewollt auf Sexualität verzichten wie Gouvernanten, alte Jungfern, Blaustrümpfe oder Witwen. Im sechsten Teil erläutert Heinich Krisenzustände und im siebten schreibt sie über „Die ungebundene Frau“. Eingerahmt sind diese Teile von einer Einführung, in der Heinich ihre Vorgehensweise erläutert und von einer Schlußfolgerung, in der sie ihr Fazit über die weibliche Identität im Roman und über die identitätsstiftende Funktion des Romans zieht.Außerdem gibt es einen Anhang mit Anmerkungen, einem Literaturverzeichnis, einem Register der literarischen Werke und einem Register der zitierten Autoren. Wie es mir gefällt: Es ist ganz selbstverständlich, daß man das Schicksal der Heldin (oder des Helden) verfolgt, wenn man einen Roman liest, hätte man daran kein Interesse, würde man das Buch erst gar nicht zur Hand nehmen und natürlich sind die Heldinnen vom Schicksal gebeutelt und nehmen oft –außer in Trivialromanen- ein tragisches Ende, denn ein Roman über eine vollkommen glückliche Frau, die ein Leben ohne Höhen und Tiefen führt, wäre schlichtweg langweilig. Und wenn man schon einige Romane gelesen hat, dann weiß man auch, daß es im Großen und Ganzen zwei Muster gibt: 1. Die verheiratete bürgerliche oder adelige Ehefrau begeht einen Fehltritt, verliebt sich in den falschen Mann und bezahlt dafür mit dem Leben wie Anna Karenina, Effi Briest oder Emma Bovary. 2. Ein armes Dienst- oder Bauernmädchen wird von einem höhergestellten Mann verführt oder vergewaltigt, bekommt ein Kind, wird von der sogenannten guten Gesellschaft verstoßen, gerät dadurch ins Elend und stirbt ebenfalls. Nathalie Heinich zeigt in ihrem Buch, daß Frauen in der Literatur noch weit mehr Bedrohungen ausgesetzt sind als diesen. Die Fülle dieser Gefährdungen hat mich zunächst verblüfft und dann gefesselt, denn daß die Chancen der Frauen auf ein Happy End gegen Null tendieren, hat mich dann doch überrascht. Schon der Mädchenstand ist eine höchst bedrohte Existenzform: Die Kindfrau, die keine Ehefrau werden möchte, sucht die Nähe zur Natur, wird quasi zum Naturkind, riskiert damit aber ihren Platz in der Gesellschaft oder sogar ihr Leben. Die „heroische Jungfrau“ (ein Typus wie z.B. die Jungfrau von Orleans) kann diesen Stand nur bewahren, wenn sie rechtzeitig stirbt, d.h. bevor sie zu einer lächerlichen alten Jungfer wird oder bevor sie ihre Jungfräulichkeit doch noch aufgibt und Ehefrau wird. Sie kann auch Nonne werden, ist dann aber auch keine „heroische“ Jungfrau mehr, weil sie ihre Jungfräulichkeit nicht mehr in der gefährlichen Welt bewahrt, sondern im geschützten und abgeschlossenen Raum des Klosters. Nonnen haben es in der Literatur aber auch nicht leicht, werden sie im Roman doch meistens gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt, was Anlaß zu heftigen Komplikationen gibt, vor allen Dingen wenn das Mädchen in einen Mann verliebt ist, von dem sie getrennt werden soll.Mädchen, die ihre Jungfräulichkeit nicht aus dem ein oder anderen Grund bewahren (wollen), nennt Heinich „erwählbare Mädchen“, d.h. sie sind potentielle Ehefrauen. Diesen Mädchen drohen mannigfaltige Gefahren von den Bewerbern um ihre Gunst. Das erste Problem liegt darin, überhaupt von einem Mann erwählt zu werden. Das Mädchen muß sich gegen viele andere heiratsfähige Mädchen durchsetzen und den Mann auf sich aufmerksam machen, es muß mit ihm flirten. Dieser Flirt darf aber nicht so weit gehen, daß sie sich verführen ließe. Denn sollte sie das Unglück haben, sich vor der Heirat „zu vergessen“ und gar noch schwanger zu werden, dann ist sie ein gefallenes Mädchen und wird nie den (im Roman) einzig erstrebenswerten Status einer ehrbaren Ehefrau erreichen. Sie darf auch nicht nur aus Liebe heiraten, sondern muß auch die Familieninteressen im Auge behalten, der Mann muß also mindestens von gleichem gesellschaftlichem Rang und möglichst reich sein. Setzt sich das Mädchen durch und besteht auf einer Liebesheirat, anstatt sich dem Familieninteresse zu unterwerfen, endet dies häufig mit ihrem Tod. Beugt sie sich dem Diktat ihrer Familie und heiratet einen Mann, den sie nicht liebt, muß sie lernen sich mit dieser Situation zu arrangieren, was ihr aber nur gelingen kann, wenn ihr Ehemann sich ihr gegenüber zumindest korrekt verhält, gerät sie an einen bösartigen, gewalttätigen Ehemann, dann wird ihr Leben zur Hölle. Dies ist nur eine kurze Zusammenfassung dessen, was einem Mädchen im Roman alles zustoßen kann. Ich kann Euch verraten, daß das Mädchen nicht sicherer lebt, wenn sie in einen anderen Stand eingetreten ist. Die Ehefrau wird ständig von einer „Zweiten“ bedroht, z.B. von der Geliebten des Ehemannes. Falls der Ehemann die Zweite heiraten möchte, dann kann es der Ehefrau passieren, daß sie entweder weggesperrt und versteckt wird wie in „Jane Eyre“ oder, wenn sie Blaubart zum Mann hat, wird sie ermordet. Ist man die zweite Ehefrau eines Mannes, hat man ebenfalls nicht das große Los gezogen, dann muß man z.B. gegen den übermächtigen Schatten der verstorbenen ersten Ehefrau ankämpfen, wie die Ich-Erzählerin in „Rebecca“ von Daphne du Maurier. Und daß die „dritten Frauen“ seien sie nun ehrbare Gouvernanten oder höchst unmoralische Subjekte, die sich für Sex bezahlen lassen mit Sicherheit im Roman nicht glücklich werden, wird Euch bestimmt nicht überraschen. Es ist nicht von Nachteil, wenn man viele der hier besprochenen Romane nicht kennt, da Heinich stets so viel vom Verlauf der Geschichte erzählt, daß der Leser versteht, wovon sie redet. Die meisten Romane werden nur über wenige Zeilen hinweg zitiert. Mit „Jane Eyre“ und „Rebecca“ beschäftigt Heinich sich etwas länger, d.h. mehrere Seiten lang, auch hat sie anscheinend eine Vorliebe für Balzac, von dem sie verschiedene Werke etwas ausführlicher zitiert. Stil und Sprache sind akademisch, im Allgemeinen aber gut verständlich. Man sollte aber keine Abneigung gegen Texte mit vielen Fremdwörtern haben, von denen einige dem Leser in seinem Alltagsleben noch nicht begegnet sein dürften. Manchmal gerät sie etwas ins Theoretisieren, auch setzt sie sich mit Freud auseinander, dessen Thesen zum weiblichen Ödipuskomplex sie nicht teilt. Mich hat die Fülle an Informationen in diesem Buch beeindruckt. Heinichs Analysen und Interpretationen sind einleuchtend, nachvollziehbar und hochinteressant. Dieses Buch zeugt nicht nur vom umfangreichen Wissen seiner Autorin, sondern ist auch noch eine außerordentliche Fleißarbeit. Jeder, der dieses Buch liest, ist mit Sicherheit über jede mögliche Gefahr bestens unterrichtet, die einer Frau vom Mädchen bis zur Greisin in der Literatur zustoßen kann und die sie zu dem macht, was sie sonst nicht wäre: eine Romanheldin. Die Fakten: Nathalie Heinich Das „zarte“ Geschlecht Artemis & Winkler Hardcover 486 Seiten ISBN: 3-538-07055-5 Zur Zeit nur antiquarisch erhältlich
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25.10.2005 14:31
Eine super Analyse, die mich schon neugierig auf alles macht. Und nun gibt's das nur antiquarisch. Der Weg in die Bibliothek ist also unausweichlich. ;-)
30.06.2005 16:36
Köstlich. Gruss Dieter
22.03.2005 08:50
Oh, da werde ich an eine Seminararbeit von mir im zweiten Semester erinnert. Da ging's auch um Frauen in der Literatur - leider hat Heinichs offenbar höchst aufschlussreiches Werk damals nicht zu meinen Quellen gehört. LG bridge