Erfahrungsbericht über "David Gilmour - David Gilmour in Concert (DVD)"

veröffentlicht 31.03.2005 | Almstedt
Mitglied seit : 12.07.2004
Erfahrungsberichte : 81
Vertrauende : 1
Über sich :
Ausgezeichnet
Pro Musik
Kontra MTV-Sehgestörte werden der DVD nicht viel abgewinnen können...
sehr hilfreich
Bildqualität
Klang
Tonformat:
Action:
Anspruch

"Purer Purismus pur.... (noch ein Update)"

...oder von einem, der auszog um die Welt nicht mehr zu verstehen...

Tach allerseits,

eine Warnung vorab: dieser Erfahrungsbericht ist ziemlich anders als alle meine anderen Beiträge und deshalb bitte ich darum lieber keine Bewertung abzugeben, wenn man diesem Bericht nicht folgen mag - nicht für mich, sondern um der Musik willen...

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Vorwort:
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Warum habe ich mir diese DVD eigentlich gekauft? Nun, ich spiele seit fast 30 Jahren (mit Unterbrechungen) Gitarre und bin ein ziemlicher Musikfreak... - trotzdem hatte ich die DVD nicht auf dem Wunschzettel...
David Gilmour war, wie die meisten meiner Mitmenschen wissen, Gitarrist bei Pink Floyd. Einer Gruppe, die ich seinerzeit wegen ihres pathetischen Bombast-Rocks trotz unbestrittener Qualität nicht unbedingt schätzte. Damals waren Deep Purple, Led Zeppelin und Rory Gallagher eher meine Favoriten - wenn schon, dann favorisierte ich "richtige" Gitarristen: Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jeff Beck, Ritchie Blackmore, später die Jazzer wie Joe Pass, Wes Montgomery, John Abercrombie oder Pat Metheny.

David Gilmour war für mich immer nur der coole "Ex-Dressman" mit Gitarre, trotz seines ebenso sperrigen wie herausragenden Solo-Albums von 1978 mit Rick Wills am Bass und Willie Wilson an den Drums...

Dann stiess ich neulich zufällig auf einige Online-Reviews und kurze Zeit später trotz aller Kunstverhinderungsbemühungen der Musikindustrie auf eben diese DVD... - "nur" 17,99€ für so ein Kunstwerk? Ich habe nicht lange überlegt und bis heute meinem Glück dafür gedankt!

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Die DVD:
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Insgesamt enthält die DVD gut 2 Stunden und 10 Minuten Material. Neben dem sowieso schon sehr guten 5.1 SurroundSound das meiste noch einmal in sensationeller 24bit PCM Stereo Qualität unkomprimiert! (Ich habe meine Stereoanlage schon seit mehr als 10 Jahren nicht mehr so "frisch und detailverliebt" gehört). Wenn ich danach selbst eine gute CD einlege, meine ich immer, ich hätte ein Kopfkissen vor die Lautsprecher gelegt...

Diese DVD ist hervorragend geeignet, um jedem User zu zeigen wie veraltet und unzureichend die heute gut 20 Jahre alte CD Technik ist. MP3 geht gar nicht... - ich habe diese DVD schon drei oder sogar viermal ins MP3 Format konvertiert aber selbst bei 256kbs war der Sound einfach nur ein tragik-komisches Abziehbild dieser DVD!

Die DVD enthält primär ein Konzert aus der Royal Albert Hall von 2002 mit illustren Gastmusikern wie Michael Kamen am Flügel und English Horn (genau: der von Metallica S&M mit dem San Francisco Symphony Orchestra, etc. - der leider inzwischen viel zu früh verstorben ist), Dick Parry am Saxohone, Caroline Dale am Cello, einem hochkonzentrierten 9-stimmigen Chor, Chucho Merchan am Bass und dem ebenfalls auf hohem Niveau spielenden 2. Gitarristen Neill MacColl sowie diversen bekannten Gastmusikern, die aber das extrem hohe Niveau nicht weiter steigern können: u.a. Sir Bob Geldorf, Richard Wright (Ex-Pink Floyd Kollege) und der am ehesten noch überzeugende (weil sperrig daherkommende) querschnittgelähmte Avantgardekünstler Robert Wyatt.

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Was ist drauf:
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Musik... - eigentlich hätte es keiner DVD bedurft und trotzdem nehme ich sie dankbar an. Die DVD enthält erstens, zweitens und drittens Musik. Musik in einer Reinheit und Qualität, die heutzutage fast absurd erscheint - trotzdem bin ich froh darüber, dass die Bilder mitgeliefert werden, so können die Augen wenigstens das bestätigen, was die Ohren mitbekommen!

Wer normalerweise nur MTV schaut wird sich entweder erstmal verwundert die Augen reiben und nach einer Minute einschlafen oder gar nicht verstehen, was hier eigentlich abgeht. Die Kameraführung ist ruhig, behält ihre Blickwinkel lange bei und erzeugt NULL Dynamik - glücklicherweise! Dadurch ist die volle Konzentration auf die Musik und die Künstler erst möglich.

David Gilmour liefert auf dieser DVD etwas ab, was fast als eine Bibel für wirklich jeden Gitarristen angesehen werden kann. Er macht Musik; mit grandioser Technik und genialem Verständnis um die Macht bestimmter Harmonien - wenn mich jemals einzelne "Töne" (wirklich ein Ton reicht manchmal!) im Mark getroffen und erschüttert haben und kurze Akkordfolgen die ganze Nacht Cinemascope in meinem Kopf ausgelöst haben, dann bei dieser DVD die auf einer nonverbalen Ebene noch stärker funktioniert als auf der Ebene der reinen Musik-Text-Verbindung...


Was ist nicht drauf:
Lightshow, GoGo-Girls, Dance-Acts, MTV-Cuts, Publikumsansprachen, peinliche Entschuldigungen, Hartmut Engler, etc.... ;o)

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Was sehe ich:
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Zeit! Ein lebendes Beispiel der Relativitätstheorie!? Die Abwesenheit jeglicher "Show" ist in der heutigen Zeit eigentlich absurd und gerade deshalb in ihrer Ursprünglichkeit von einer seltenen Intensität...
David Gilmour - inzwischen 60 Jahre jung - steht alleine auf der Bühne, bar jeder Eitelkeit im Schlabber-T-Shirt und ausgebeulten Jeans, mit grauen Haaren und einem imposanten Schmerbauch und stimmt seine Gitarre ohne sich weiter um sein Publikum zu kümmern. Aus dieser sehr intimen Atmosphäre erwächst ein "Shine on you crazy diamond", das anders und differenzierter daherkommt, als es im Pink Floyd Kontext möglich war, das sensible Saxophon von Dick Parry tut ein übriges dazu, den Song neu zu erfinden...
Im Laufe des Abends packt David Gilmour diverse Gitarren aus, auch eine wunderschöne Gretsch Semi-Akustik, diverse Taylors, eine Ovation und sogar eine Pedal-Steel-Guitar, aber letzlich ist die Art der völlig uneitlen Musikdarbietung das Highlight der DVD...
Die Stimme von David Gilmour ist inzwischen auch gereift und erreicht den Hörer sehr direkt - immer noch weniger das Tromelfell als heutzutage vielmehr das Gefühl, den Bauch oder was auch immer Emotionen explodieren läßt...

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Songliste:
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Shine on you crazy diamond
Terrapin
Fat old sun
Coming back to life
High hopes
Je crois entendre encore
Smile
Wish you were here
Comfortably numb
Dimming of the day
Shine on you craz ydiamond
A great day for freedom
Hushabye Mountain

Weitere Songs aus anderen Konzerten:
Dominoes
Breakthrough
Comfortably numb

Dazu weitere Songs aus früheren Jahren bzw. aus Rehearsals...

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Technische Daten:
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Audio Format: Dolby 5.1 und Stereo Linear ohne Kompression mit 24Bit Auflösung (2304 Kbps)
Bildformat: PAL 16:9 (anarmophic)
Country-Code: keiner
DVD-Format: Layer9 Format (auf meinem System kann ich keine Umschaltung zwischen den Layer-Ebenen feststellen)

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Fazit:
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Unverhofft kommt oft! Ich kann diese DVD immer noch kaum glauben... - auch nach einem knappen halben Jahr muss ich sie mir einmal in der Woche anschauen, um sicher zu sein, meiner Erinnerung trauen zu können. Viele "Größen" der populären Musik sind tot, wiederholen sich nur noch vorsichtig oder trauen sich selbst das nicht mehr und da kommt ein dicker, alter, gemütlicher Ex-Dressman daher und erfindet ganz nebenbei in einem Konzert das Rad ein paarmal neu... - unglaublich!

Diese DVD bekommt von mir eine "Allround-Empfehlung"! Wer wirklich Musik um der Musik willen mag, wird diese DVD lieben, der Klassik-Liebhaber, der Jazz-Fan, der Rock-Freak, der Gitarrist und der Musiklehrer. Hier gibt es keine Show, nur Wahrheiten....

Ich werde mich jetzt trotzdem nicht darin versteigen, der DVD unglaubwürdige 10 Punkte von 5 zu geben, aber ernsthaft: ich habe inzwischen knapp 200 ausgesuchte Musik-DVDs im Schrank stehen, knapp 1000 CDs, mehr als 2500 Langspielplatten (falls die noch jemand kennt) aber diese DVD steht über allem - über Pollini's Interpretation der späten Beethoven'schen Klaviersonaten, über Deep Purple's "Made in Japan", über den "Standards" des Keith Jarrett Trio, über den Erdbeben des E.S.T. Trios und ungeachtet der genialen Werke von Rory Gallagher, Jimi Hendrix, Pat Metheny, etc...

Nachwort:
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Eigentlich hatte ich mir geschworen, NIE einen "Erfahrungsbericht" zu CDs oder DVDs zu schreiben, einfach weil Geschmäcker und Kenntnisstand zu unterschiedlich sind. In diesem einen Fall stelle ich mich hin und schreibe - muss schreiben um meine Gefühle in den Griff zu bekommen - egal, wie ihre "Kritik" ausfällt.
Hier also stehe ich und wem danach ist, der werfe den ersten Stein....

Update:
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Auch nach mehr als 18 Monaten mit dieser DVD, die in der Zwischenzeit bestimmt mehr als 70 Mal komplett durchgelaufen ist bin ich immer noch zutiefst ergriffen, wenn ich sie mir mal wieder (einmal pro Woche im Schnitt) einlege...
Es gibt keine Macken, keine Nachteile, keine Fehler, keine diskussionswürdigen Teile - diese DVD ist inzwischen sowas wie mein ewiges Idealbild. Etwas, an dem ich geneigt bin mein Leben auszurichten...
Große Worte gewiß, aber nach Monaten des Innehaltens sehr bewußt so formuliert...

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Noch ein Update:
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Bei manchen "Ignoranten" wie mir dauert es manchmal etwas länger, nahezu ein Jahr um genau zu sein, bevor ich in einer sehr ruhigen Stunde auf dieser DVD ein unglaubliches Zeugnis unserer Musikkultur wirklich wahrgenommen habe.
In den Extras versteckt sich ein Stück namens "Sonnet 18 by Shakespeare", musikalisch veredelt von Michael Kamen und gesungen von David Gilmour - in einer Art und Weise, die mir immer mehr das Blut in den Adern gefrieren läßt, je häufiger ich den Song höre und sehe...

"Shall I compare thee to a summer's day?
Thou art more lovely and more temperate:
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer's lease hath all too short a date:
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimm'd;
And every fair from fair sometime declines,
By chance or nature's changing course untrimm'd;
But thy eternal summer shall not fade
Nor lose possession of that fair thou owest;
Nor shall Death brag thou wander'st in his shade,
When in eternal lines to time thou growest:
So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this and this gives life to thee."

Die Art und Weise in der David Gilmour diesen Text nur vom Orchester begleitet interpretiert - kongenial in Szene gesetzt vom leider viel zu früh verstorbenen verstorbenen Dirigenten und Arrangeur David Kamen - treibt mir zunehmend eine gewisse Feuchtigkeit in die Augen...

PS.: Steine wurden keine geworfen und das Feedback hat mich dazu bewogen, auch über andere Musik-DVDs zu berichten, allerdings ist das Interesse an solchen Berichten wohl nicht wirklich gegeben. Trotzdem mußte ich diesen Bericht noch mehrmals updaten und weiterbringen und hoffe, dass ich damit noch mehr Musikfreunde auf diese einmalige DVD aufmerksam machen kann...

It has been a privilege being able to write about this DVD!

Danke für's Lesen und bis bald,

Bernd Almstedt

Community Bewertungen

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Hottentott veröffentlicht 18.04.2006
    Gilmour steht bei mir zur Zeit auf der Liste. Scheint so, dass ich mich nicht nur nach CDs umsehen muss. Klasse Bericht, VG.
  • thearcadefire veröffentlicht 10.04.2006
    Hallo Bernd, zunächst einmal, ich bin ein erklärter Fan der Post-Waters-Ära bei Pink Floyd, ergo liebe ich die letzten 2-3 Alben und den Bombast, doch bedarf es das nicht unbedingt, denn mir ist es egal, ob Gilmour seine Gitarre nun dezent auf der Bühne stimmt, irgendwo in der Lagune von Venedig das Getöse losgeht oder eine Megashow in einem Stadion dazu zu sehen ist, mir ist der Sound wichtiger (und da finde ich, ist Gilmour ein Meister, wenn er auch anders ist, als es der unvergessene Rory Gallagher oder auch Jimi Hendrix, Carlos Santana, Jimmy Page oder wer auch immer sind bzw. waren) ... Erstaunlich und wesentlich mutiger finde ich das Queen-Cover hier drauf, zudem aber solltest Du weitere Berichte zu DVD / CD's schreiben ... Wie auch immer, leider kenne ich die DVD (noch immer) nicht, obwohl ich unlängst einen Bericht darüber bei ciao.co.uk gelesen hatte ... Gruß, Sven
  • IQIQIQ veröffentlicht 29.03.2006
    wunderbarer (= ausführlicher und persönlicher) Bericht, auch noch mit "Langzeit"-Update - toll!
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