Depressionen können alles zerstören…

1  15.07.2004

Pro:
Es gibt einen Weg heraus .  .  .

Kontra:
Tritt versteckt auf, zerstört oft die Umgebung

Empfehlenswert: Nein 

smaggi49

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Es ist eine Sache über die ich lange nicht sprechen wollte und auch nicht konnte, aber nach einer Zeit der intensiven Arbeit an sich selbst, habe ich gelernt, dass es keine Schande ist. Es fällt mir schon ein bisschen schwer, aber ich hoffe mit meinen Erfahrungen einigen Leuten etwas weitergeben zu können. Oder vielleicht erinnern sich diejenigen, die meinen am Abgrund zu stehen an meine Worte und wenden weiteres Unheil von sich ab.

Es hat bestimmt jeden schon mal irgendwie getroffen, dass man einen Punkt im Leben erreicht, an dem man sich mehr oder weniger die Frage des Lebens stellt oder noch schlimmer genau das Gegenteil von dem.
Heute bin ich schlauer und bin froh, dass ich die Bremse ziehen konnte und mich meinen Problemen zu stellen. Zwar nicht alleine, nicht ohne Hilfe.


*** Die Vorgeschichte ***

~ Als noch alles gut war ~

Als ich vor 16 Jahren mit meiner Noch-Ehefrau zusammenkam, dachte ich es sei für immer. Nie hätte ich geglaubt, dass irgendetwas kommen könnte was uns trennen würde. Wir haben viel miteinander erlebt und sind durch Dick und Dünn gegangen und das hat zusammen geschweißt. Als wir 1997 heirateten änderte sich auch daran nichts, alles war bestens wir waren sehr glücklich und wir verstanden uns sehr gut.


~ Der Wendepunkt ~

Doch es fingen einige Dinge an sich um mich herum zu verändern: Mein Job wurde zunehmend stressiger, hatte oft wenig Zeit für mein Privatleben, aber trotzdem schafften wir es diese Dinge irgendwie zum Kompensieren.

Doch mit der Geburt meiner Tochter kam ein weiterer Wendepunkt: Die Aufmerksamkeit galt nicht mehr alleine nur uns. Es gab ein kleines Würmchen zu umsorgen, was wir auch gemeinsam taten. Sie sicher mehr als ich, sie auch sicher besser als ich, aber darum geht es ja nicht.
Meine Verantwortung meine Familie zu ernähren wuchs immens an, zumal meine Frau aufhörte zu arbeiten.
Somit musste ich das Einkommen sichern und wenn wieder Überstunden anstanden musste ich klein beigeben. Ich habe zwar versucht mir etwas Arbeit vom Leib zu halten, aber unter dem Druck der hohen Arbeitslosigkeit, dass schon einige in meiner Firma den Hut nahmen und ich obendrein schon mal die Antwort erhalten habe: „…wer weiß, ob man nicht seinen Arbeitsplatz gefährdet, wenn man nicht mehr frei planbar wäre!“ Diese Aussage kam von einer Person, die schon Entscheidungskraft hatte.

Obendrein vor lauter Kümmerei um die Kleine ist es eben so gekommen, dass man sich um die Bedürfnisse des Partners nicht mehr so gekümmert hat, wie man es 8 Jahre lang gewöhnt war. Anfangs hat man nichts gemerkt, hat es als normale Entwicklung abgetan.
Aber dann kam der Punkt an den sich die Wege voneinander entfernten: Sie füllte die Mutterrolle sehr gut und gründlich aus, aber ich fing an Dinge zu vermissen, die ich früher hatte, dass Gefühl, dass sich auch jemand um mich kümmerte. Dass jemand da ist für mich.

Zuerst habe ich diesen Bedarf einfach verschwiegen und als ich ihn formulieren wollte, war schon soviel Frust in mir gesammelt, dass ich ständig schlecht gelaunt, immer geladen und ausfallend war. Die Arbeit nahm mich ein, die Angst um meinen Job und meine Familie nicht mehr ernähren zu können.

So waren die netten lieben Worte die man für seine Frau übrig haben sollte eher spärlich gesät. Schlimmer noch: Ich gab zu verstehen, dass Ihre Anwesenheit mir mehr als nur unangenehm war, teilweise kamen verbale seelische Tiefschläge dazu, für die ich mich heute zutiefst schäme.

Das bekam teilweise auch meine Tochter zu spüren: Meine Ungeduld, cholerische Anfälle, ruppige Umgangsweise. Zum Ekelpaket war ich mutiert, hatte es aber nicht gemerkt und fühlte mich im Recht und hatte für mich das Gefühl der einzig normale zu sein unter lauter Bekloppten.

So entschied man sich getrennte Wege zu gehen und ich zog in eine neue Wohnung, mit dem Vorhaben mir über alles klar zu werden und in der ernst gemeinten Hoffnung, dass sich vielleicht wieder alles zum Guten entwickeln könnte.

*** Die Ursachen ***

Es war Mitte Februar 2004, als ich schon 5 Monate allein gelebt hatte. Ich habe über so vieles nachgedacht und bei meinen Recherchen stieß ich auf einen Artikel, der sich mit „Männerdepressionen“ befasste. Die Symptome passten sehr genau:

o sehr ausgiebig, fast übermässig Sport betrieben
o hart durchgreifen müssen, damit wieder Ordnung einkehrt.
o die Beherrschung verloren und nachher nicht mehr so recht gewusst, warum sie so heftig reagiert haben
o Ihren Kollegen oder Kindern zeigen müssen, wer das Sagen hat und wo es lang geht
o Streit mit Ihrer Frau oder Ihren Kollegen gehabt
o Medikamente oder Alkohol konsumiert
o Sich letztlich alleine und unverstanden gefühlt
o irgendwie das positive Lebensgefühl verloren
o den Eindruck gehabt, die Kraft von früher sei draussen
o sich nicht entscheiden können in Situationen, die Ihnen früher nie Probleme machten
Ich ging zur psychologischen Beratungsstelle und sie nahmen mich systematisch auseinander. Diagnose: Hochgradige Männerdepression.
Hinter dem Begriff der „Männerdepression“ verbirgt sich eine ganz „normale“ Depression, jedoch äußert sich diese geschlechterspezifisch anderes. Während Frauen mehr aus sich herausgehen und gefühlsmäßig schneller reagieren, sind den Frauen die Symptome leichter anzumerken.

Bei Männern ist es so, dass oft clichéehafte Maxime hochgehalten werden: Stärke, Souveränität, Agilität, Tatkraft und Belastbarkeit. Somit äußert sich diese Depression durch erhöhte Aggressionen, Antriebslosigkeit und hohe Risikobereitschaft.

Leider sieht man eine gesteigerte Aggression als fast schon männertypisch an, dass man anfänglich keinen Verdacht schöpft. Erst wenn die Aggressionen steigen (zum Glück sind diese meist „nur“ verbaler und soziologischer Art), dann bemerkt die Umwelt, dass etwas nicht stimmt und damit beginnt der Teufelskreis:
Die Personen rund um den Depressiven ist so eingeschüchtert, dass diese sich nicht trauen zu sagen, dass sie meinen dass irgendetwas nicht stimmt.
Verschlimmert wird die Sache noch dadurch, dass der depressive Mann von seinem Leiden nichts merkt und sich für völlig normal hält und das eher die Umwelt unnormal ist.

Hat man es bemerkt, ist es meistens zu spät: Man hat Freunde und Verwandte vergrault, die Kinder haben fast schon Angst vor dem Vater und die Ehefrau hat zuerst Angst, macht dem Ganzen aber zurecht bald ein Ende.
Das familiäre Beisammensein ist auf das empfindlichste gestört.

Bei mir war es so, dass meine Frau und ich übereinkamen, dass ich ausziehen sollte, und das habe ich getan im dem Vorhaben, mal wieder klar zu werden und festzustellen was mit mir los ist. Ich ahnte zwar etwas, aber verdrängte es.


*** Krasse Folgen von Depressionen ***

Dadurch, dass ich nun wusste, was mit mir los war, begann ich Hoffnung zu schöpfen wieder eine Basis mit meiner Frau zu haben und erzählte ihr von der Sache und dass ich das Ziel habe nach einer Behandlung wieder mit ihr zusammenzukommen.

Anfänglich sah es gut aus, aber während dieses Annäherungsprozesses, lernte sie einen Mann kennen, mit dem sie zusammenkam. Dies erzählte sie mir, als ich sie besuchte.
Ich rannte heulend aus dem Haus und wollte mich sogar töten und nur einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass ich es nicht tat. Der Suizid stand ernsthaft in Sekunden bevor.

Ich landete in der Psychiatrie in Grafenberg zu Düsseldorf und blieb vorerst unter Verschluss.

Ich habe also meine Familie verloren, meine Freunde wandten sich ab, meine Tochter war verängstigt und meine Frau wollte keinen solchen Mann. Wer kann es ihnen verübeln.


*** Rettung: Moderne Psychiatrie und Psychologie ***

~ In der Psychiatrie ~

Der erste Tag war wirklich absoluter Terror, Medikamente, drei Termine an denen die Zurechnungsfähigkeit überprüft wurde, dann die völlig aufgelöste Familie. Ich fühlte mich wie ausgekotzt.
Ich befand mich insgesamt über eine Woche in der „Geschlossenen“ und habe zig Kilometer durch Umherlaufen auf dem Gang hinter mich gebracht.

Ich schrieb alle meine Gedanken auf, die mich beschäftigten, stelle mir Fragen rund um meine Situation und suchte nach Antworten. So entstand innerhalb kürzester Zeit ein umfangreiches Tagebuch.

Es gab viele Leidensgenossen auf der Station: Viele Suizidgefährdete durch Liebeskummer, Stress, Schulden, Trauer, Depressionen. Aber alle suchten das Gespräch mit den Anderen. Frei nach der Manier: „Geteiltes Leid, ist halbes Leid…“ Diese Gespräche haben mir sehr geholfen.

In dieser Zeit war ich nie allein, die Familie, meine Freunde, sie waren alle da. Sie gaben mir Mut und forderten mich auf durchzuhalten. Verwöhnten mich mit Leckereien und Zeitungen. Ich merkte, dass ich wichtig war, für jemanden und es begann ein zartes Pflänzlein zu wachsen: Ich fing an mir klarzumachen, dass ich wichtig für mich selbst sein musste, es begann Lebenskraft zu wachsen, nicht viel, aber sie wuchs.

Auch war es nicht so, wie es der Volksmund so sagt: Die Klapse mit der Gummizelle. Auch man wird auch nicht abgeschossen mit Tranquilizern. Es kommen die Fragen, ob man was einnehmen möchte und immer die Frage, wie man sich fühle. Die Mitarbeiter waren sehr einfühlsam. Die Entscheidung in die Psychiatrie zu gehen halte ich auch heute noch für völlig richtig.

Ständig Sitzungen mit Psychologen, die einem eine grobe Richtung gaben, um wieder auf die Schiene zu kommen. Abgeklärt und sehr warm im Umgang sind sie gewesen und dazu höchst verantwortungsvoll.

Mit ergotherapeutischen Maßnahmen, kam man auf andere Gedanken, aber auch mit anderen Patienten ins Gespräch. Und dabei stellte ich fest, dass hier alles gefallene Seelen aus verschiedensten Gründen waren: Schulden, Liebeskummer, Angst um den Job, Mobbing und Mord habe die Menschen hierhin gebracht und die Zahlen steigen.


*** Fazit ***

Es ist einfach sehr wichtig nicht nur auf seinen Körper zu hören sondern auch auf die Seele. Viele solcher seelischer Wehwehchen werden bei Männern weggekürzt, weil unmännlich.
Männer sind mutig, Männern kann nichts anhaben, Männer lösen Probleme souverän mit Kraft und Elan.

So werden seelische Probleme wegen alter und völlig verschrobener Chlichéebilder versucht wegzuwischen, tabuisiert.

Der Vorteil einer körperlichen Erkrankung (sofern man überhaupt davon sprechen kann) ist, dass es eindeutige Symptome gibt, an der man eine Krankheit feststellt.
Bei der Depression und anderen seelischen Erkrankungen ist es ungleich schwerer. Von daher ist es zumeist fast schon zu spät um die Folgen einer Depression zu reparieren. So wie in meinem Fall: Meine Frau wusste nun warum ich so war, aber trotzdem sind diese Dinge nicht ungeschehen.

Es kann wirklich jeden treffen und das von jetzt auf gleich. Jeden deshalb, weil es mich als den ausgemachten Sunnyboy auch nicht verschont hat. Aber es gibt auch keinen Grund sich dafür auch nur eine Sekunde lang zu schämen, dass es einen mal niedergeschlagen hat.
Aber ich habe am eigenen Leib gespürt, dass es niemals soweit kommen darf, dass man sich die Frage des Lebens stellt. Es gibt so vieles für das es sich lohnt zu leben und wenn es nur für sich selbst ist.

Und es steckt in jedem von uns, es gibt vielleicht einen Punkt an dem man es kurz vergisst, aber dann muss man wissen, wo man Hilfe bekommt. Wenn es denn sein muss auch in der modernen Psychiatrie. Es ist keine Schande und auch kein Makel. Leider ist der Bedarf an psychologischer Betreuung steil steigend. Ich selbst stehe seit Ende Februar auf mehreren Wartelisten und kann frühestens auf einen Termin im September hoffen.

Und wo stehe ich heute: Ich habe eine neue Freundin, die ich liebe, meine Tochter liebt mich, meine Freunde sind bei mir und ich habe eine Korrektur in meiner Einstellung erfahren. Dinge, die ich früher für viel zu wichtig gehalten habe, stehen jetzt da wo sie sein sollten, hinter den Dingen die wirklich wichtig sind.

Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich dies durchleben musste, um für mich zu erkennen, welchen Wert die Dinge haben. Quasi: Man muss am Boden sein um die durchschnittlichen Dinge als hohes Gut zu bewerten.

Meine Noch-Frau und ich haben ein gutes und sehr friedfertiges Verhältnis zueinander. So kann meine Tochter so entspannt wie möglich die Sache mit uns durchstehen. Meine Tochter liebt mich, meine Freunde sind wieder für mich da. Meine Familie hinterfragt meine Vergangenheit
Und jetzt wo ich wieder gebunden bin, entwickelt sich alles zum Guten.

Wohl wissend, dass ich noch eine Verhaltenstherapie nötig und einen langen Weg vor mir habe. Und als hätte ich vom Baum der Erkenntnis gegessen, weiß ich nun, dass ich derjenige war, der Schuld an der gescheiterten Ehe hat. Ich wollte es nicht so, ich habe es nicht gewusst, aber das hilft auch nicht. Das ist nun mal Fakt.

Heute bin ich leider darauf angewiesen Medikamente in Form von Stimmungsaufhellern zu nehmen, bis ich in Therapie gehen kann. Aber es ist schon gut so, ich fühle mich gut. Schuldig, aber gut soweit.

An alle die mal in so eine Situation geraten sollten, es gibt dabei nur einen statthaften und auch wirklich guten Ausweg: Lasst Euch helfen, es funktioniert, denn es gibt immer etwas an dass Ihr glauben könnt und zwar an Eure eigenen Kräfte und an Euren eigenen Wert. Man darf hinfallen, man muss aber auch wieder aufstehen, auch wenn nicht alleine geht.

Und an die Männer den Tipp, schluckt Depressionen nicht herunter, sondern öffnet Euch nach außen und lasst Euch helfen, anderenfalls frisst es Euch auf.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
mctweetybaby

mctweetybaby

26.06.2009 13:38

Das versprochene BH auf einen Oldie-Bericht, Frage ist nur, wie geht es dir jetzt? LG Annette

mctweetybaby

mctweetybaby

22.06.2009 21:51

Männer sind nicht immer nur stark, auch sie sind verletzlich und haben Gefühle. Vieles läuft schon in der Erziehung flasch, wie "Du bist ein Junge, heul nicht" oder "ein Indianer kennt keinen Schmerz" und vieles mehr. Ich finde, du zeigst Stärke, weil du deine vermeintlichen Schwächen offenbarst. Und andererseits, du bist nicht allein, es gibt viele Betroffene, die unter einer Depression leiden, manchmal hilft einem das Gefühl, das man damit nicht allein ist. Du bist kein "Aussätziger", nur weil deine Seele erkrankt ist. Sie gehört nun mal zum Körper dazu. Wenn sich einer ein Bein bricht, scheint das normal zu sein, aber wenn die Seele erkrankt, wird man schief angeschaut. Ich weiß, wovon ich rede, habe selber Depressionen. Ich wünsche dir alles Gute. Das BH bekommst du etwas später, nur Geduld, es ist in der Warteschlange. LG Annette

sheep90

sheep90

01.08.2006 15:03

is echt cool, das du das geschafft hast! bist sicher ein vorbild für einige. mach so weiter!

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