Erfahrungsbericht über "Depressionen"

veröffentlicht 28.10.2012 | dahia
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Über sich :
long time no see.
Nichts für mich
Pro es hat mich dazu inspiriert, diesen Text zu schreiben.
Kontra Schmerz, der zu literarischen Hochgefühlen antreibt, ist eigentlich nicht positiv.
sehr hilfreich

"... der physische Schmerz hilft, den psychischen zu überbrücken."

Dieser Text wurde geschrieben im November 2009. Eine schwere Zeit.

... der physische Schmerz hilft, den psychischen zu überbrücken.


Ohne dich ist es mir nicht möglich, zu leben. Schau doch nur, wie mein leben nun aussieht. Es ist schwarz und pink, manchmal. Ich setze mich in ein Café, um mich nicht alleine zu fühlen... Ich brauche Leute um mich rum, und doch habe ich angst, beobachtet zu werden. Die blicke... Von diesen zwei Mädchen, sie stieren in mich rein. Ich fühle mich schlecht, und trinke meinen zweiten Latte Macchiato. Gestern war ich beim Nervendoktor. Offiziell bin ich nun als depressiv und krankhaft ängstlich eingestuft. Vielleicht habe ich sogar eine soziale Phobie? Ich vermutete es ja schon länger. Aber ja, ich wollte es nicht wahrhaben. Ganz und gar nicht. Ich wollte mir nicht von einem Nervenarzt, von einem Psychiater bestätigen lassen, dass ich krank bin. Das wollte ich nicht. Nun bekomme ich Pillen, obwohl man die eigentlich erst nach einer gescheiterten Psychotherapie bekommt... Heißt das, ich bin der absolute Härtefall?! Was soll das... Ich kam rein, in die Praxis... Ekelte mich vor dieser Atmosphäre, und überhaupt, vor mir selbst... Und ich fühlte mich beobachtet. Irgendwie schuldig.. Aber ich weiß nicht für was. Ich konnte nicht mal die Empfangsdame begrüßen. Sie: "guten morgen." Ich: "ich habe einen Termin... 8 Uhr... Glaube ich." Sie: "nennen sie mir doch erst mal ihren Namen". Ich: "koch". Und in meiner riesigen Daunenjacke versteckt. Vielleicht musste sie deswegen so oft nach haken...
Weil ich nuschelte.

"Sie haben auf jeden Fall... Auf alle Fälle etwas depressives an sich. Auch etwas ängstliches. Und sie sollten dringendst etwas dagegen tun!" Er sah mich dabei fest an, mit ernsten Augen. Ich traute mich fast nicht, seinen blick zu erwidern. Ich schämte mich... "Sie haben die Depressionen schon länger, oder?" Ja. Ich wusste dass die frage kam. Verblüfft war ich allerdings schon. Schließlich hatte ich bisher nur erwähnt, dass es im September begann, besonders schlimm zu werden...
"Versprechen sie mir, dass sie etwas dagegen tun. Gehen sie zur Therapie, OK?" Er redete auf mich ein, wie auf ein Kind, das nicht zuhören will. "Versprechen sie mir das." Ich: "OK..." Und sah ihn nicht an... Ich bemühte mich dennoch, ihm ein Zeichen zu geben. "Ja. Ich verspreche es." Ich konnte mir die Worte abmühen, gerade noch so. Mit einem seufzen. "Alles gute. Und melden sie sich bitte nochmal in 3 Wochen." Ich versprach es, gab ihm die Hand, und ging aus der Tür. Resignation - ja, das war's. Resignation überall. Ich wollte nur noch nach hause.

Aber ich musste noch Medikamente kaufen. Und eigentlich musste ich auch zur uni, beide Vorlesungen die ich besuchen sollte, habe ich bereits 2 mal verpasst. Zum Glück ist diese Woche Streik gewesen, das heißt dass ich sagen kann, ich wäre in Mainz gewesen. So viele Studis, man hätte mein da-sein oder mein fehlen in der menge gar nicht bemerkt... Wie so oft. Und ich musste meine Freundin sehen. Ich war kaputt, ich wollte nur heulen.... Und dann saß ich in der s-bahn, ahnte nichts schlimmes... In L sah ich einen Zug, der auch in Richtung KL fuhr. In H, die Lautsprecher Durchsage: "Liebe reisende. Dieser Zug hält hier, und fährt nach L zurück aufgrund eines Personenunfalls."
Ein Mensch hat sich vor 'nen Zug geworfen. Zug ist in H gestrandet. Unter Schock stand ich auf dem Bahnsteig. Mich beschlich eine dunkle Vorahnung. Und da fragt ein Fahrgast den Schaffner, der den Zug kontrolliert, was passiert ist. Ein Mensch hat sich vor den ICI gestürzt. Was soll das? Warum verfolgt mich dass Thema Robert Enke überall hin, sogar an dem Tag, an dem SED mir vielleicht am schlimmsten geht...???

Und was waren die Reaktionen der Menschen, die mit mir da warteten, am Gleis? Die Lockenschopf neben mir: "Warum passiert das jetzt, ich muss in die Vorlesung." Die alte, aufgedunsene Frau in unmittelbarer Nähe:"ich hab keine zeit. Ich hob Hungarr un will noch Haus" ein anderer:"hoffentlich kratzt den schnell einer von den Gleisen, damit die Züge wieder weiterfahren" dann Gelächter. Ich verabscheue sie. Diese Menschen. Nur Ekel habe ich gefühlt. Menschenverachtender geht es wirklich nicht mehr. Wer weiß, welche Gründe diesen Menschen dorthin getrieben haben?

Im Grunde ist es wahr: jeder denkt an sich selbst. Nur an sich. Und die meisten Menschen sind Egoisten.
Mich durchzog ein Schmerz, den ich nicht beschreiben kann. Er war kam auszuhalten. Bin dann zurückgefahren. Ich ging mit leerem blick in die Apotheke. Ich musste nichts zu den Psychopharmaka dazu zahlen. Mehr Geld blieb für andere Medizin. Danach war ich in der Bibliothek. Ich wollte noch nicht nach hause weil ich mich schämte*. Und ich lieh Bücher aus. Eines trug den Titel: Depression als Lebenschance. Ist das ein Witz?7 trotz der Tatsache, dass mich dieser so locker-leicht geschriebene Titel etwas verletzte, nahm ich das Buch mit. Und noch ein paar andere. Vielleicht helfen sie mir. Ich habe mir auch ein Buch ausgeliehen. "Die Sympathie der Goldfische". Koreanische Erzählungen. Ich entdeckte es durch Zufall, von dem platz aus, an dem ich saß, um ein wenig zeit verstrichen zu lassen, ohne mich um etwas kümmern zu müssen. Und einen Roman aus der türkischen Bibliothek. "". Ich möchte wissen. Viel wissen. Wenn ich schon nicht die liebe verstehen kann, dann doch wenigstens genug vom anderen. Welt werden. Dass möchte ich. Habe meine Tabletten. In 3 Wochen soll ich wieder kommen, für Antidepressiva. Weil ich ja der Härtefall bin, der Tabletten kommt, obwohl er noch keine Therapie vorweisen konnte. Das muss auch erst mal jemand schaffen.
Zweifelhafter Ruhm oO ...

Maman merkte nichts... Oder will sie es nur nicht? OK sie hat genug am Hut, und eigentlich möchte ich auch nicht, dass sie weiß, dass ihre Tochter ein Psycho ist... Dann schämt sie sich nur noch für mich.... Ich räumte also auf... In meinem zimmer. Ordnung rein bringen. Ich schmiss ein paar alte Rechnungen weg. Wegwerfen ist das beste aufräumen, meiner Meinung nach... Und dann... Dann nahm ich ein Bad... Mit Klementinen, Milch + Lotus Duft und Lavendel-Rosen-Öl. Ein schönes Delirium, sogar entspannend. Ein Gefühl, dass ich verloren hätte, dachte ich..??

Nacht allerdings wusste ich, dass der Schlaf nur schwer kommen würde. Also ritzte ich mich, zum ersten mal seit vielen Jahren, wieder am arm. An meiner Nagelhaut gab's sowieso nicht mehr zu holen. Der physische Schmerz hilft, den psychischen zu überbrücken. Wenigstens für einen Moment...
Ich muss das Buch lesen...


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • wechmida veröffentlicht 07.11.2012
    Ich hoffe auch sehr, dass es Dir inzwischen besser geht...
  • maus1980 veröffentlicht 31.10.2012
    du hattest diesen Bericht ja bereits 2009 geschrieben... ich hoffe dass es dir mittlerweile besser geht und wünsche dir alles Gute weiterhin!
  • Powerdiddl veröffentlicht 29.10.2012
    Ich hoffe du hast den Rat befolgt und die Hilfe angenommen und es geht dir jetzt wieder besser. Der Tip von Goat2 ist sehr gut. Wenn es meiner Freundin dreckig geht mache ich auch immer mit ihr Yoga oder ich schleif sie raus zum Spaziergang, damit sie den Kopf wieder frei bekommt. Immer kann ich nicht für sie da sein, aber ich würde auch Nachts zu ihr fahren wenn es sein muss. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute.
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