Erfahrungsbericht über "Depressionen"

veröffentlicht 05.05.2016 | weaver11
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"Depressionen - Gefangen in der Einsamkeit"

Bei uns in Travemünde - Blick zum Leuchtturm

Bei uns in Travemünde - Blick zum Leuchtturm

Depressionen - Gefangen in der Einsamkeit

Heute möchte ich mich einem Thema widmen, womit ich mich schon mehr als 30 Jahre beschäftige. Nicht, dass ich damit zu kämpfen hatte, aber in meinem Umkreis hatte ich eine sehr liebe Freundin, die darunter litt und ein Segen jetzt als geheilt gilt. Jedoch hat sie mit den Spätfolgen zu kämpfen..... Auch auf meiner Arbeit in der Alten-Residenz habe ich mit dieser psychischen Erkrankung zu tun. Man glaubt es oft kaum, aber gerade viele ältere Menschen haben damit zu tun.

Wie Ihr ja wisst, widme ich mich solchen Themen gerne in Frageform, hier kommen nun meine fünf Fragen dazu, inklusive Abschluss-Fazit:

1.) Was sind Depressionen überhaupt?

Als erstes muss man sich natürlich mit dieser Krankheit beschäftigen. Ich habe einmal den wissenschaftlichen Aspekt von Wikipedia übernommen, danach kommt es mit meinen eigenen Worten und meiner Erfahrung:

"Die Depression (von lateinisch deprimere „niederdrücken“) ist eine psychische Störung. Ihre Zeichen sind negative Stimmungen und Gedanken sowie Verlust von Freude, Lustempfinden, Interesse, Antrieb, Selbstwertgefühl, Leistungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen. Diese Symptome, die bei gesunden Menschen zeitweise auftreten, sind bei Depressionen schwerwiegender.

In der Psychiatrie wird die Depression den affektiven Störungen zugeordnet. Die Diagnose wird nach Symptomen und Verlauf gestellt. Entsprechend dem Verlauf unterscheidet man im gegenwärtig verwendeten Klassifikationssystem ICD 10 die depressive Episode und die wiederholte (rezidivierende) depressive Störung.

Zur Behandlung depressiver Störungen werden nach Abklärung möglicher Ursachen und des Verlaufs der Erkrankung entweder Antidepressiva eingesetzt oder (je nach Schweregrad) auch eine Psychotherapie ohne Medikation (beispielsweise kognitive Verhaltenstherapie).

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff depressiv häufig für eine Verstimmung verwendet. Im psychiatrischen Sinne ist die Depression jedoch eine ernste, behandlungsbedürftige Störung, die sich der Beeinflussung durch Willenskraft oder Selbstdisziplin des Betroffenen entzieht."

(Ausschnitt von Wikipedia)

Meine Sichtweise und Erfahrung dazu:

Als ich das erste Mal mit Depressionen in Berührung gekommen bin, das liegt jetzt mehr als 30 Jahre zurück, hatte ich überhaupt keine Ahnung, was eigentlich mit meiner Freundin los war. Es war noch in meiner Schulzeit und meine Freundin veränderte sich immer mehr. Wir alle wussten zuerst nicht warum??? Jedoch wurde es immer schlimmer, sie zog sich immer mehr aus unserem Freundeskreis zurück, bis sie irgendwann gar nicht mehr zur Schule kam.

Zuerst ließ sie es noch zu, dass wir sie abwechselnd zu Hause besuchen durften, doch dies war dann irgendwann auch vorbei. Von ihren Eltern erfuhren wir, dass sie in eine Klinik eingeliefert wurde.....

Wir waren jung und unerfahren und wussten gar nicht was los war. Jedoch war dies für mich der Auslöser, mich damit zu beschäftigen. Am Anfang durfte keiner, außer ihre Eltern und Geschwister zu ihr, dann irgendwann konnten auch wir sie besuchen und es hieß, sie hätte eine Depression....

Es hatte sich schon auf einen längeren Zeitraum angekündigt, denn sie hatte sich ja immer mehr verändert. Früher war sie fröhlich, hatte jeden Spaß mitgemacht, aber je näher unser Schulabschluss kam, desto ruhiger und introvertierter wurde sie. Sie zog sich immer mehr in ihre eigene kleine Welt zurück. Jedoch wollte sie keine Hilfe, keinen Besuch und auch keinen Kontakt zu uns, was uns damals schon sehr wunderte....

2.) Wie hast Du es erlebt, mit dieser Krankheit in Kontakt zu kommen?

Es war, wenn ich jetzt zurück denke, erschreckend, traurig und furchtbar.....meine damals beste Freundin war davon betroffen, und wir alle wussten nicht, wie wir damit umzugehen haben. Erst ganz langsam kamen wir immer mehr dahinter, was mit ihr los war. Besonders bei mir war es ein prägendes Erlebnis, denn seit diesem Zeitpunkt interessiere ich mich für psychische Erkrankungen und habe mich immer mehr in diese Themen eingelesen. Ich wollte am liebsten Psychologie studieren aber das ging damals nicht, denn damals brauchte man noch das Abi dafür. Ich machte dann meine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin, jedoch hielt es mich nicht davon ab, mich zu belesen.

Ich war sogar zeitweise Mitglied in unserer UNI-Bibliothek, wo ich dann an die richtigen Fachbücher kam, dies wurde mein Hobby und ist es bis heute. Nun blicke ich auf mehr als 30 Jahre zurück und kann schon sagen, dass ich so zu einer Hobby-Psychologin geworden bin und nichts könnte mich heute davon abhalten, noch ein Diplom zu machen, denn die Fachhochschulreife habe ich nun.....aber wozu.....???

Die Erfahrung, die ich damals mit meiner Freundin gemacht habe und auch heute noch immer mache, haben mich sehr geprägt. In meinem jetzigen Beruf in der Sozial-Betreuung bekommt man sowieso eine Psychologie-Ausbildung, das gehört mit zur Ausbildung dazu und reicht mir vollkommen. Denn man lernt auch in diesem Berufszweig nie aus. Immer wieder kommen neue Erfahrungen und Probleme, die man wieder aus einer anderen Warte zu sehen bekommt.

Aber kommen wir auf damals zurück.....

3.) Wie wurde Deine Freundin behandelt?

Vor so vielen Jahren wurde noch sehr viel mit Psychopharmaka gemacht, so bekam auch meine Freundin Anti-Depressiva zur Stimmungsaufhellung. Was ich aber heute nicht immer befürworten würde, denn oft wird da nur eine Stimmung unterdrückt und nicht zugelassen, die aber raus musst, damit man erfassen kann, was mit dem Menschen los ist. Sie bekam wohl auch Therapien in Form von Gesprächen und Gruppenangeboten aber heute ist man da schon etwas weiter. Denn viele müssen erst einmal aus dieser Stimmungslage herausgeholt werden, das ist nicht immer einfach und braucht sehr viel Einfühlungsvermögen.

Wenn ich meine Freundin damals in der Klinik besucht habe, war ich oft erschrocken, wie apathisch sie da in ihrem Zimmer lag. Ich konnte sie nicht aufheitern oder mit ihr ein vernünftiges Gespräch führen. Da wusste ich, sie wurde unter Psychopharmaka gesetzt. Eigentlich sollen es Stimmungsaufheller sein, die einen wieder zurück holen aus dieser Traurigkeit und Einsamkeit, aber bei ihr schlug nichts an. Warum das so war, haben wir leider erst einige Jahre später erfahren.....

Meine Freundin war auch zu Einzelgesprächen mit einer Therapeutin. Sie hatte eine sehr nette Psychologin, die auch mit mir gesprochen hat, denn alle, die mit ihr im Kontakt waren, sollten auch zu ihr kommen, damit sie ihre Patientin besser kennen lernen konnte. Leider verschloss sich meine Freundin immer mehr und nichts konnte sie aus dieser Verfassung holen.

Erst fünf Jahre später stellte sich heraus, dass in ihrem Gehirn ein Tumor gewachsen war, der auf das Frontalhirn drückte und somit auch die Gefühlsebene betroffen hatte. Sie konnte gar nichts dafür, dass sie so war, wie sie war....

Es war für mich ein fürchterlicher Schock, ein Segen hatte sie den Eingriff damals überlebt. Jedoch war der Tumor fast Tennisball-groß gewesen und hatte einen Teil des Gehirn zerstört. Sie war nach der OP nicht mehr dieselbe.......aber für mich war sie es trotz allem......

4.) Warum war dadurch eine Depression entstanden?

Mit dieser Frage habe ich mich lange beschäftigt und es in vielen Büchern nachgelesen. Jedoch gibt es dafür keine passende Antwort, denn ein Tumor im Gehirn ist wohl mit das Schlimmste, was einem passieren kann. Wie er entstanden ist wusste damals keiner......es war nur schon damals für alle ein Schock....so auch für mich...später haben wir dann erfahren, dass meine Freundin aus Kummer das Trinken und die Einnahme von Tabletten begonnen hatte. Dies wurde uns aber damals zuerst nicht gesagt, um uns wohl auch zu schützen. Wir waren gerade Anfang Zwanzig.

Einige Jahre später habe ich meine Freundin dann besucht, mittlerweile lebte sie in einem speziellen Heim, wo man sich darauf spezialisiert hatte, sich um solche Fälle zu kümmern. Leider hatte meine Freundin niemals mehr ins richtige Leben zurück gefunden. Der Tumor hatte einfach zuviel zerstört, er war zu groß gewesen und ein Teil des Frontalhirn waren zerstört.

Ich möchte gleich darauf hinweisen, dass es sich hier wirklich um einen speziellen Fall handelt.Es muss nicht so laufen, Tumore im Kopf können auch schonend herausoperiert werden, es kommt oft auf die Größe an....

Bei meiner Freundin war er einfach zu groß und saß an einer Stelle, wo auch die Gefühlswelt angesiedelt ist, im Frontallappen.

Diese ganzen Informationen habe ich erst viel, viel später erfahren, aber noch heute halte ich zu ihr Kontakt, soweit sie es zulässt. Denn bei ihr hatten sich die Depressionen noch verschlimmert und es kam auch ein Selbstmordversuch dazu. Deswegen war sie viele Jahre auch in einer geschlossenen und überwachten Einrichtung, wo man sehr behutsam versuchte, sie wenigstens ein klein wenig ins normale Leben zurück zu führen. Dies gelang teilweise auch, jedoch lebt sie jetzt in einer öffentlichen Wohngruppe, kann aber ihr Leben nicht allein führen und braucht Betreuung....

Was mich immer am meisten bei den Besuchen gefreut hat war, dass sie mich erkannte. Sie wusste wer ich war, auch nach so vielen Jahren noch. Auch Gespräche konnte ich mit ihr wunderbar führen, denn ihr Sprachzentrum war nicht angegriffen worden. Sie redet nur wesentlich langsamen und bedächtiger, als normal. Aber das stört mich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, es ist sogar mal ganz entspannend, ein so ruhiges und langsames Gespräch zu führen.

Ich muss gestehen, dadurch, dass das Schicksal auch bei mir vor sechs Jahren erbarmungslos zuschlug, mein Mann starb mit 47 Jahren an einer seltenen Lungenerkrankung, war ich seitdem nicht mehr bei ihr. Aber ich möchte sie jetzt demnächst unbedingt besuchen, um zu sehen, wie es ihr geht. Unsere Freundschaft ist nach all den Jahrzehnten bestehen geblieben, und ich denke auch, dass sie es vielleicht verstehen kann, wenn ich ihr erzähle, warum ich so lange nicht bei ihr war.....

5.) Wie ist Deine Abschluss-Meinung zu diesem brisanten Thema?

Dadurch, dass ich eine Freundin habe, die an einer Form der Depression erkrankt war, kann ich ein wenig aus Erfahrung sprechen. Es gibt so unterschiedliche Gründe, warum ein Mensch an einer Depression erkrankt, ob es nun private oder berufliche Probleme sind oder andere Faktoren, die zu einer Depression geführt haben.

Eines haben alle gemeinsam, diese Menschen leben in einer Welt der Einsamkeit, nichts kann sie aufheitern oder am Anfang aus dieser Lethargie herausholen. Man muss viel Geduld haben, sich diesen Menschen widmen und ganz viel Zeit und Ruhe aufbringen, um überhaupt einen Zugang zu diesen Menschen zu bekommen.

Ich habe Euch hier ein Beispiel aufgeschrieben, wie ich eine Form der Depression erlebt habe. Jedoch habe ich auch heute noch mit dieser Erkrankung zu tun, denn bei uns in der Altern-Residenz haben wir auch viele ältere Bewohner, die die Diagnose Depression haben. Da muss man dann ganz behutsam sein, mit vielen Einzelgesprächen und kleinen Therapien bekommen wir viele Bewohner aus ihrer Einsamkeit heraus. Denn oft haben sie es sich nicht selber ausgesucht, so zu leben und erkranken deswegen daran. Der Kummer, dass die Familie keine Zeit für sie hat und sie deswegen in ein Heim abgeschoben hat, bringen viele unserer Bewohner dazu, sich zu verschließen, an keinen Veranstaltungen teilzunehmen oder sich ganz und gar zurück zu ziehen, auch den Kontakt mit anderen Bewohnern komplett zu vermeiden.

Da kommen wir dann von der Sozial-Betreuung ins Spiel. Mit sehr einfühlsamen Gesprächen, wo auch gern mal Tränen fließen, bekommen wir viele heraus aus der Einsamkeit. Dafür braucht man aber Geduld und Ruhe, denn zu so einer Depression kommt dann ganz schnell auch die Diagnose Demenz, weil sich diese Menschen immer mehr verschließen und kaum noch Kontakt zulassen. Dies bringt sie dann langsam in die Richtung, an einer Demenz, die dann auch sehr schnell fortschreitet, zu erkranken.

Nicht jeder ist dazu geeignet, mit diesen Erkrankungen umzugehen, denn um sich auf diese Menschen einzulassen, muss man selber ins sich ruhen. Vor gut 25 Jahren hätte ich das wohl noch nicht gekonnt, denn ich bin von Natur aus sehr temperamentvoll und bin früher auch öfter mal mit dem Kopf durch die Wand gelaufen, das haben die Stiere nun mal so an sich. Aber ein Segen wird man älter, ruhiger und weiser.......dann kommt auch irgendwann die innere Ruhe. Ich über diesen Beruf der Betreuungsfachkraft jetzt 7 Jahre aus und bin jetzt erst beruflich angekommen in einem Bereich, der mir am Besten liegt und wo ich mit Herz und Seele dabei bin....

Wie Ihr seht, schreibe ich oft über Themen, die mir sehr am Herzen liegen, ob es nun beruflicher Natur ist oder mein Hobby. Ich liebe die Psychologie und die Erfahrung aus den letzten 30 Jahren, meine Bücher, besonders die von Freud haben eine beeindruckende Prägung bei mir hinterlassen. Jedoch verlasse ich mich zu aller erst immer auf mein Bauchgefühl. Durch meine Ausbildung und Studium der Kommunikation habe ich mir selber die Grundvoraussetzungen erfüllt, die mir reichen, dieses Hobby auch noch die nächsten 30 Jahre zu pflegen....

In diesem Sinne hoffe ich mal, dass Euch mein Bericht interessiert und gefällt. Sollten es Fragen geben, gerne über den Kommentar. So weit ich kann werde ich sie dann beantworten. Ich habe diesem Thema drei Sterne gegeben, weil es immer einen Weg gibt, um aus einer Depression zu kommen......jedoch muss man das auch wollen.......es ist ein zweischneidiges Schwert......

ich freue mich auf Eure Lesungen, den einen oder anderen Kommentar und Eure Bewertungen und verbleibe von einer sonnigen Ostseeküste, Eure Weaver 11.....

Kurzes Update 06.05.2016

Heute wäre Sigmund Freud 160 Jahre alt geworden, er gilt als Pionier der Psychoanalyse, hier ein kurzer Ausschnitt von Wikipedia:

Sigmund Freud

(Neurologe)

Sigmund Freud war ein österreichischer Neurologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker. Er wurde weltweit als Begründer der Psychoanalyse bekannt. Freud gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Geboren: 6. Mai 1856, PÅ™íbor, Tschechien

Gestorben: 23. September 1939, Hampstead, Vereinigtes Königreich

Einflüsse: William Shakespeare, Friedrich Nietzsche, mehr

Beeinflusste Personen: Carl Gustav Jung, Erik H. Erikson

Kinder: Anna Freud, Ernst Ludwig Freud, Jean Martin Freud, Oliver Freud, Mathilde Freud, Sophie Freud
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • AnnaHaeberle veröffentlicht 14.05.2017
    BH
  • Vocando veröffentlicht 03.07.2016
    Topbericht. Sehr emotional und persönlich über eine weit verbreitete (oft unentdeckte) Krankheit berichtet
  • meinemiamaria veröffentlicht 22.06.2016
    Sei froh, daß Du selber nicht darunter leidest. Als ich die Überschrift las, hatte ich schon die Befürchtung ! "BH" von mir !
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