schon mal was von der dänischen Revolution gehört?

5  05.03.2001

Pro:
ein rundum perfektes Buch !

Kontra:
nichts

Empfehlenswert: Ja 

Die_Buchhaendlerin

Über sich: "Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn" Zitat von Erasmus von Rotterdam...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 90 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Per Olov Enquist "Der Besuch des Leibarztes" ist gerade neu im Hanser Verlag erschienen und kostet 42,-- DM.

Ja, es gibt neben Mankell auch noch andere gute schwedische Schriftsteller zu entdecken!!!

Enquist ist Liebhabern guter Literatur auch in Deutschland zwar längst kein Unbekannter mehr (ich lernte ihn durch sein 1982 erschienenes Buch "Auszug der Musikanten" kennen und schätzen), aber sehr erfolgreich ist er dennoch nicht geworden hierzulande. Ein Bestsellerautor wird wohl auch nie aus ihm werden.
Das muss ja auch nicht sein, aber wenn er einem etwas größeren Publikum ein Begriffe würde, fände ich das sehr schön.

Mit seinem neuen Roman hat er vielleicht sogar Chancen, denn das Genre ist ein recht populäres:

"Der Besuch des Leibarztes" ist nämlich ein historischer Roman, in dem die handelnden Personen Könige, Prinzessinnen, Leibärzte und Höflinge sind..
Liebe, Intrigen, Verrat und Tod sind das Thema. Außerdem erfährt man als bildungshungriger Leser auch einiges Interessante über politische Verwicklungen am dänischen Hof und über die ersten Versuche, die Ideen der Aufklärung in die Staatspolitik einfließen zu lassen
Historische Romane, in denen das Schicksal der "Oberen" dem Leser durch innere Identifikation nahegebracht werden, sind zur Zeit en vogue, ich hoffe, dieser Umstand wird Enquist zugute kommen.

Als König Friedrich V. von Dänemark starb, wurde sein einziger Sohn Christian, ein zarter, äußerst sensibler Junge von 15 Jahren König. Christian VII. war für dieses Amt, von dem er doch glaubte, es sei ihm von Gott auferlegt worden, denkbar ungeeignet. Anfangs ein zwar extrem empfindsamer und etwas seltsamer Junge, aber intelligent und freundlich, entwickelt er immer mehr Wahnvorstellungen, zwanghafte Bewegungsabläufe und Rituale. Sein Lehrer Reverdil, ein Jude, ist lange Zeit der einzige, zu dem er Vertrauen hat und in dessen
Gegenwart er nicht nervös wird.

Als Christian 17 Jahre wird, arrangiert man eine Heirat mit der 15-jährigen englischen Prinzessin Caroline Mathilde. Caroline, von der gesagt und gedacht wird, sie besäße keine Eigenschaften, ist ein schüchternes kleines Mädchen, das der Hochzeit mit dem unbekannten König ängstlich gegenübersteht. Ihr Lebensmotto lautet:
Oh, keep me innocent, make others great!
Die Ehe wird auch nicht glücklich, wie sollte sie!
Beide haben Angst voreinander, Erst nach Monaten kommt es zum ersten und einzigen Geschlechtsakt, den Enquist treffend als Deckungsakt bezeichnet, immerhin wird hierbei der Kronprinz gezeugt.
Die Eheleute leben in innerer Einsamkeit und auch äußerlich von der "Welt draußen" abgeschirmt , Caroline verschließt sich , während Christian immer nervöser wird, und in einem Verzweiflungsakt, quasi als Selbstbestrafung seinen geliebten Lehrer Reverdil entlässt.
Christian lernt jedoch auch die Liebe kennen, auf eine sehr absurde Weise: um ihm Sex beizubringen, wird ihm die Prostituierte Caterine zugeführt, doch alles läuft ein bisschen anders, als es die Herren vom Hofe sich das ausgedacht hatten. Für Christian beginnt eine glückliche Zeit, die naturgemäß nicht lange dauert, denn es geht ja nicht an, dass der König sich nun überall mit der an Einfluss gewinnenden Dirne sehen lässt, anstatt mit der Königin...

Man kommt am Hofe überein, dass jemand , der sich um den jungen König kümmert, gefunden werden muss und einigt sich schließlich auf den deutschen Arzt Struensee. Dieser ist gar nicht begeistert von dieser Aufgabe, denn er ist mit Leib und Seele Arzt, spezialisiert auf Pockenimpfungen bei Kindern und kann sich nicht vorstellen, von nun an sich nur noch um eine einzige Person kümmern zu müssen.
Da er jedoch zu einem Kreis von "Aufklärern" (gemeint ist hier die philosophische Richtung der Aufklärung, beeinflusst von Voltaire, Diderot und Rousseau, die eine politische Änderung im Zeichen der Vernunft wünschen) gehört, sieht er es letztendlich als seine Pflicht an, da "wo sich ein Riss in der Geschichte auftut" zur Stelle zu sein. Er nimmt also den Posten als Leibarzt Christians an.

Zu seinem eigenen Erstaunen mag er Christian, er sieht hinter dem zunehmend sich wie ein Geisteskranker aufführenden auch noch den anderen, freundlichen und sensiblen Christian, er macht ihn vertraut mit den Schriften Voltaires und es kommt sogar zum Briefwechsel zwischen den beiden. Voltaire nannte ihn einmal "das Licht des Nordens".

Einen großen Teil des Romans macht die sich nun anbahnende Liebesgeschichte zwischen Caroline Mathilde "der kleinen englischen Hure" wie sie bald am Hofe genannt wird und Struensee aus.
Es ist absolut faszinierend, wie Enquist schreibt über Liebe: es wird wirklich das "Innere" sichtbar, das was Menschen ausmacht, ihre Gedanken und Gefühle. Auch gelingt es ihm, der an anderen Stellen mit so kalten und sezierenden Worten über Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit spricht, hier hocherotische Textstellen zu entwerfen.
Christian hat nichts dagegen, er ermutigt seinen Vertrauten sogar mit den Worten: "die Königin ist einsam, nehmen Sie sich ihrer an!", obwohl es zu diesem Zeitpunkt gar keiner Ermutigung mehr bedarf.
In dieser Zeit, die insgesamt knapp vier Jahre andauerte, änderte sich nicht nur vieles im inneren Kreis der Macht, sondern auch im Land.
Während Caroline und Struensee glücklich miteinander sind, Christian , da er immer mehr an politischer Verantwortung an seinen Leibarzt abgibt, ebenfalls zufriedener ist, sich gerne mit seinem Hündchen und mit seinem "Negerlein", einem schwarzen Jungen, der "zum Spielen" für ihn "gekauft" wurde, beschäftigt, spielt sich - quasi nebenher - die "dänische Revolution" ab.
Damit ist gemeint, dass Struensee, gemeinsam mit dem König, aber auch zunehmend allein, eine Riesenflut an neuen Gesetzen erlässt, die das finstere Land aus dem Dunkel der Leibeigenschaft, Folter, Menschenverachtung hinführen sollen zum "Licht der Aufklärung".
Konkret bedeutet das : die Gedankenfreiheit und die Pressefreiheit werden eingeführt, Mütter unehelicher Kinder sollen nicht mehr bestraft werden, es werden öffentliche Einrichtungen für Waisen, Kranke und Arme geschaffen. Der Hofstaat wird verkleinert, das Heer wird reduziert und ein Krieg mit Algerien abgeblasen.

Viele gute und sinnvolle Gesetze also! Oft wundern sich Struensee und Caroline, wie einfach das geht, warum hat das noch niemand vorher versucht?!
Caroline wird wieder schwanger, sie bekommt eine Tochter, von der inoffiziell alle wissen, dass sie nicht des Königs Tochter ist, dieser erkennt sie jedoch an.

Selbstverständlich ist, dass diese Zeit der sanften dänischen Revolution, die im Nachhinein in Dänemark die "Struenseezeit" genannt wurde, begrenzt ist, die Reaktion findet sich zusammen, man schmiedet Pläne und Intrigen, aus Freunden werden Verräter und dass die Reaktion, also der Feudalismus und das System der Leibeigenschaft erst mal siegen werden, dass weiß man nicht nur aus der Geschichte, sondern auch schon am Anfang des Buches.

Enquist beginnt seinen Roman auch von hinten, als Struensee bereits hingerichtet ist, und der arme Christian völlig in der Hand Guldbergs (des größten Gegners bei Lebzeiten) ist.
Der Leser weiß also eigentlich in groben Zügen schon alles, normalerweise mag ich eine solche Romankonstruktion gar nicht so gerne, weil dann oft bereits am Anfang " die Luft raus" ist, aber hier ging es mir überhaupt nicht so!

Jede Seite des Buches ist nicht nur in einer bewundernswert treffenden Sprache geschrieben (tatsächlich ist es mir beim Lesen so ergangen, dass ich viele Stellen aus Begeisterung über die Formulierungen mehrmals las), sondern es ist auch äußerst spannend!

Richtig erklären kann ich das nicht, denn auch wenn beispielsweise über dem heiteren Sommer, den Christian, sein Page, Caroline und Struensee miteinander verbringen, immer das Damoklesschwert der drohenden Zukunft hängt, interessiert es doch, wie erst mal der Sommer weitergeht.

Ich glaube, ich habe fast zu viel über die äußere Handlung geschrieben und zuwenig über die Gedanken, die dahinter stehen. Nur so viel: es ist ein wahnsinnig "intelligentes" Buch ( na ja, meine Ausdrucksweise hier ist vielleicht nicht ganz so intelligent, aber wie soll ich sonst erklären, was ich meine), es steckt voller kluger Gedanken und Ideen, es überrascht immer wieder durch neue Einblicke in die Charaktere der Handelnden und nicht zuletzt: es ist wirklich auch vom geschichtlichen und politischen her ein Buch, das einen weiterbringt.

Also, ihr Liebhaber historischer Stoffe: lest es! Und ihr anderen, ihr Liebhaber von intelligenten, psychologisch einfühlsamen Liebesgeschichten : lest es!
Ja , und nicht zuletzt: ihr Liebhaber erstklassiger Literatur: i h r müsst es unbedingt lesen!!!


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
giselamaria

giselamaria

10.08.2008 14:28

ich finde das Buch auch sehr gut, habe es vor einiger Zeit bereits gelesen. Diesr Autor schreibt schon interessant, und dieses Buch ist recht leicht zu lesen, im Gegensatz zu seinem "gestürzter Engel".... :-)

jansdarling2002

jansdarling2002

21.07.2008 10:17

Historisches mag ich nicht so...lg Chrissy

Elira

Elira

09.06.2001 19:27

Dein Bericht hat mich überzeugt und ich werde das Buch ganz sicher lesen. Die Geschichte der dänischen Revolution wurde schon als Schwarzweißfilm gedreht unter dem Titel "Struensee", so viel ich weiß mit Christina Söderbaum. Es geht im Film aber hauptsächlich um die politischen Absichten Struensees und nur sehr am Rande um den menschlichen Konflikt.- Gruß von Elira, die schon alt genug ist, um alte Schwarzweißfilme gesehen zu haben, uff!

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  1. DamarisAnklam
  2. giselamaria
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