Beim Lesen der Kommentare von Kommentierenden bin ich auf die Fragebogenrubrik gestoßen. Am Fragebogen Tod kam ich nicht vorbei. Da half kein Weiterblättern, ich las die anderen Themen gar nicht, blätterte nur weiter bis zum Schluss um schließlich wieder hier zu landen.
So soll es dann sein:
1. In welcher Form bist Du dem Tod schon einmal begegnet?Als Kind die Oma begleitend auf dem meist beschwerlichen Wege zum Friedhof, das Ritual des Kannenschleppens, vorbeihuschend an ins Efeu geduckten Hügeln, an schiefen Steinen mit unkenntlicher Schrift, Fragmenten von niedrigen Gattern, als ob die Toten nicht fliehen sollten. Die merkwürdige Ruhe am ovalen Becken, aus dem ich mit kindlicher Anstrengung die schwere wassergefüllte Zinkkanne heraushob. Der Weg zurück. Die Oma gebückt das Grab hackend oder Pflanzen einsetzend. Im Grab war nicht nur der Opa, sondern schon eine ganze Familie ... soviel Tod auf diesem kleinen Flecken.
Als Jugendlicher der Tod der Oma. Unerklärliches Unbehagen, quälende Spannung. Das ganze Gartenhaus war voll davon, trotz der vorwinterlichen Luft standen alle Türen offen. Der Umzug der Oma in die dunkle erdrückende Mietwohnung stand bevor, nicht nur spätes Ende einer Gartensaison. Das Wasserrohr zum Zähler musste getauscht werden, wir hatten ein gewaltiges Loch ausgehoben. Erneut sprang die eiserne Picke vom Stiel. In der Werkstatt schlug ich die Fixiereisen wieder um, da kam ein markerschütternder Schrei aus der Küche. Sie saß auf einem Schemel am Herd, die Augen groß und starr auf etwas Jenseitiges gerichtet. Wir versuchten sie hochzuziehen. Ein Gewicht wie Blei, kalte Schwere zog uns nach unten. Sie gab kein Lebenszeichen von sich. Mit äußerster Kraft trugen wir sie ins Wohnzimmer und legten sie auf die Couch. Plötzliches Erwachen, Aufbäumen, die geschlossenen Augen wieder weit aufreißend. Ein harter Griff um meinen Arm. Sie sank zurück und ging von dieser Welt. Wir schaufelten draußen das Loch wieder zu. Jeder Krume schien auf einen Sarg zu prasseln, während der Leichnam nur einige Meter entfernt im Haus lag.
2. Hast Du Angst vor dem Tod?
Die Angst besteht darin, im Leben (wieder) nicht erleben zu dürfen, was lebenswert erscheint: Das Aufwachsen der Kinder, ein gemeinsames Familienleben im endlich fertiggebauten Haus. Wobei "fertig" nicht als perfekt vollständig zu verstehen ist. Das stetige Tätigsein heißt Leben; die Vollendung zwangsläufig Tod. Wer den letzten Stein gesetzt, den letzten Baum gepflanzt hat - stirbt.
3. Glaubst Du an ein Leben nach dem Tod?
Ja, es erschiene mir schwer vom Gegenteil überzeugt zu sein. Die Urfrage der Seele hat schon tausendfach intelligentere Geister als mich beschäftigt. Selbst die Schulwissenschaft lehrt den Energieerhaltungssatz. Wohin fliegt der Seelenvogel, der im Augenblick des Todes emporsteigt ? Wird er mit seiner Kraft wieder einen Körper erfüllen ? Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis ...
4. Was, glaubst Du, geschieht mit Dir, wenn Du tot bist?
Ich arbeite allein im Scheinwerferkegel. Nur meine Geräusche von mannigfachem Gerät sind zu hören. Meine Frau ist arbeiten, unser Sohn noch nicht geboren. Im riesigen Haus stehe ich bei wenigen Plusgraden auf freigelegtem Geschossgebälk, Dunkelheit ringsum. Ich fühle mich wie der letzte Mensch auf der Welt. Der Atemhauch zieht am Scheinwerfer vorbei. Wenn ich jetzt sterben würde, würde ich's nicht merken. Verdammt zum ewigen Weiterbauen, endlos ohne Zeit und Dimension. Ständig das Ziel vor Augen, die Hoffnung es bald zu erreichen. Nach Hause zu kommen.Ich glaube, wie das Leben so ist auch das Sterben völlig subjektiv. Einer stirbt bewusst, der andere merkt es nicht, mancher sträubt sich und wird der Erste sein, mancher gäbe sich nur zu gern und überlebt die Anderen. So wie im Leben jeder nur nach seiner "Affinität" in "seiner" Welt lebt, so wird er seinen Tod und damit "sein Jenseits" betreten. Wer das Leben damit verbracht hat wegzulaufen, wird weiterhetzen. Der Gequälte wird sich weiter quälen oder von anderen seiner Affinität verfolgt. Wer das Glück hatte, sein Leben erfüllt abschließen zu können, verspürt vielleicht Ruhe und Ausgeglichenheit. Der Tod löst das Leben im Fleisch und keine Probleme.
5. Glaubst Du, dass Du in den Himmel oder in die Hölle kommst?Ich glaube: Jeder kommt in seinen Himmel oder seine Hölle, die er sich bereitet hat. Es wäre zu simpel, mit nur einer Version dieser uralten Kategorien aufzuwarten. Die strenge Dualität wird auch von Dante in feinere Formen differenziert. Es gibt dort eine "Vorhölle", viele verschiedene "Höllenkreise", die sog. Sünden gestaffelt nach ihrer vermeintlichen Schwere auf verschiedenste Art abstrafen. Doch für alle gilt das gleiche Gesetz: "Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!" - "Die ihr eintretet, lasset alle Hoffnung fahren!".
Nichts kann das markdurchdringender verdeutlichen als das Höllentor-Thema von Liszt's Dante-Symphonie. Wer sich von diesem tongewaltigen Werk atemlos durch das Inferno hetzen und entkräftet und flehend den Läuterungsberg herauftreiben lässt, empfindet den Chor des Magnificat als echte Erlösung - an den Chor der seligen Knaben beim Faust erinnernd. So wie bei Goethe dort die blassen Gesichter seiner geliebten, viel zu früh verstorbenen Kinder aus dem Dunst hervorschauen, bilden auch die Stimmen etwas Unwirkliches, Entrücktes.Ich denke, nichts Böses, das man getan hat, bleibt ungesühnt. Entweder im (aktuellen) Leben oder im Nächsten. Die "Hölle" ist nur der mehr oder weniger lange Zwischenraum, bevor man im Leben die richtige Quittung bekommt. Ähnlich wird wohl auch das Gute vergolten. Die zermalmten Körper derjenigen, die Gutes taten, haben nichts davon, aber die Seele gewinnt. Selten ist es vergönnt, dass der Lohn noch im selben Leben geerntet werden kann.
Auch ich werde wohl in meine selbst vorbereitete Himmel- oder Höllensphäre eintreten, je nach dem, wieviel Gutes oder Schlechtes ich noch tun werde; was für Aufgaben ich wieder nicht lösen konnte, weil mein Geist nicht reif genug war.
6. Wenn Du an ein Leben nach dem Tod glaubst, was meinst Du, als was hast Du wohl schon einmal gelebt?
siehe 7.
7. Hast Du Dich schon einmal hypnotisieren lassen, um festzustellen, ob Du schon einmal gelebt hast?
Ja von einer esoterisch veranlagten Geliebten vor vielen Jahren. Ich hatte jahrelang exessive Gewaltträume, befand mich auch im Wachzustand im steten Kampf; hauptsächlich gegen mich selbst. Das Ergebnis des Experiments war eine kurze Rückschau auf ein Leben als dreindreschender Rittersmann, der als Anführer einer kleinen Schar einen gnadenlosen Krieg für andere führte. Es gab immerhin gewisse Bedenken, in deren Ergebnis keine Greuel gegen Zivilpersonen erfolgten, aber kein Pardon für Mann und Material der feindlichen Krieger.Vielleicht habe ich in früheren Leben soviel zerstört, dass ich nun mit einem jahrzehntelangen Aufbauen bekehrt werden soll.
8. Glaubst Du an Gott?Was ist Gott ? Goethe meinte, es sei nur wichtig zu glauben, egal woran. Ich glaube an das Göttliche, das sich in Musik, Kunst und Natur offenbart. Den "göttlichen Plan" der Schöpfung, den wir bis heute nicht durchschauen. Ich glaube nicht an eine idealisierte Personifikation.
9. Glaubst Du, dass mit dem Tod alles vorbei sein wird oder glaubst Du, dass danach noch etwas kommt?Ich denke, daß ich mich hier nur wiederholen und die Geduld der Leserschaft unnütz strapazieren würde (siehe 3. bis 5.).
10. Hast Du schon einmal Todesträume gehabt?Im Traum bin ich äußerst selten gestorben, was nach alter Zigeunertradition kein langes Leben verheißt. Ich gebe nichts darauf und lebe weiter.
11. Was hältst Du von den Aussagen der Menschen, die ins Leben zurückgeholt wurden und erzählen, was sie erlebt haben? Glaubst Du, dass der Tod so sein könnte?Die sog. "Nahtoderfahrungen" füllen ganze Bibliotheken und sind nicht von der Hand zu weisen. Das in Frage zu stellen, hieße m.E. Unzählige der Lüge zu bezichtigen.
12. Möchtest Du gerne wissen, wann Du stirbst?Nein. Auch mit Sternen, Tarot & Co. will ich nur die Vergangenheit oder das Heute sehen. Was hätte es mir z.B. genutzt, mir bereits vor 20 Jahren die Dreiteilung meiner Lebenslinie der linken Hand auszudeuten ? Ich hätte es weder glauben noch verhindern können. Genauso sehe ich das mit dem Tod.
All das ist nur meine ganz subjektive Auffassung, man muß sich vor jede Aussage ein "meines Erachtens" denken. Um den Text nicht unleserlich zu machen, hab ich darauf verzichtet, ohne deshalb dogmatisch klingen zu wollen. Dogmen gibts genug.
02.04.2010 18:44
Etwas ähnliches habe ich wohl in meinem früheren Leben auch verbrochen ..... Heute, am Karfreitag ist Tod ein Thema für mich. ------ Darum habe ich diesen Frabo auch gemacht ! ----- Maria -----
20.11.2009 19:01
Sehr wissenschaftlich-philosophisch geschrieben. Dennoch so, dass ein jeder es versteht. Bürgerlich-Wissenschaftlich, sozusagen.
19.11.2009 14:42
Gerade die Antwort bei Frage 8... da stimme ich mit dir überein!!!!