Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Am Ende steht die Versöhnung |
| Kontra: |
Vielleicht etwas zu umfangreiches Werk |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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DER JÜNGLING (PODROSTOK), von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij
PROLOG
Meine durch eine schwere Fußverletzung zurzeit erzwungene relative Ruhe "zwingt" mich geradezu zum Lesen. Meine Vorliebe zu der klassischen Literatur dürfte meinen Lesern bei Ciao mittlerweile bekannt sein, dennoch möchte ich an dieser Stelle einmal betonen, dass ich selbstverständlich auch Krimis, Historische Romane und sogar Karl-Mai-Bücher lese. Aber meine Berichte schreibe ich am liebsten über die europäischen Klassiker, weil es mir ein Anliegen ist, diese nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Oft habe ich dazu keine neuere Textausgabe, sondern zehre von den Vorräten aus meiner Studienzeit, und die ist lange her. Daher sind bei mir zwar Leseempfehlungen, aber meistens keine genaueren Preis- und sonstigen Angaben zu finden. Ich gehe aber davon aus, dass sich jeder, der wirklich daran interessiert ist, diese Angaben selbst beschaffen kann.
DER DICHTER
Fjodor M. Dostojewskij wird am 30. Oktober (in einem anderen Buch fand ich das Datum 11.November) 1821 in einem Armenhospital in Moskau geboren, wo der Vater den Dienst versieht und die Familie auch ihren Wohnsitz hat. Der sehr sparsame Vater verordnet seinen Kindern als einzige "Bildungsarbeit" eine genaue und strenge Lektüre der Bibel und einiger weniger Werke über die Geschichte Russlands.
Dostojewskij widmete sich in seinem Leben fast ausschließlich der Schriftstellerei. Er geriet durch eine Gruppe, der er sich zugehörig fühlte, in große Schwierigkeiten, wurde zum Tode verurteilt und auf dem Schafott scheinhingerichtet, anschließend erhielt er vier Jahre Zwangsarbeit und vier Jahre Militärdienst, wobei er es immerhin zum Offizier brachte. Nach Ablauf dieser Zeit durfte er nach Petersburg zurückkehren und nahm seine Schreibarbeiten wieder auf. Er unternahm drei Europareisen, die ihn u.a. nach Paris, London, Genf, Wiesbaden und Italien führten. Er war zweimal verheiratet und lernte in verschiedenen Städten, z.B. Baden-Baden und Bad Homburg, Spielkasinos kennen, so dass er zum leidenschaftlichen Spieler wurde. Er starb im Januar 1881 in Starja Russa.
DAS WERK
Dostojewskij hat ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, von dem einige Romane Weltgeltung erlangt haben. Hierzu gehören vor allem "Die Brüder Karamasow" (1878-1880), "Schuld und Sühne" (1866), "Der Idiot" (1868), "Arme Leute" (1846), "Der Doppelgänger" (1846), "Die Dämonen" (1871), "Der Spieler" (1867) und (1875) "Der Jüngling".
Dazu kommen noch zahlreiche Erzählungen, Aufsätze in der von ihm und seinem Bruder 1860 gemeinsam gegründeten Zeitschrift "Wremja", und Briefe.
Mit einigen autobiographischen Berichten über die Zeit der Gefangenschaft in Sibirien und mit seinen oben erwähnten großen Romanen festigte Dostojewskij seinen literarischen Weltruhm. Sein Werk übte vor allem auf die Symbolisten Russlands großen Einfluss aus, aber auch auf die gesamte europäische, besonders die deutsche Dichtung.
Es gibt zu diesem Gesamtwerk eine große Anzahl Verfilmungen; ich habe insgesamt 65 Filmtitel gezählt, von denen natürlich nicht jeder eine werkgetreue Wiedergabe darstellt. Allerdings habe ich keine Liste gefunden, in der "Der Jüngling" als Verfilmung verzeichnet stand - dies kann aber auch durchaus anders sein, weil ich dahingehend keine besondere Recherche angestellt habe.
DER JÜNGLING (Russischer Titel: Podrostok)
Dostojewskij breitet vor dem Leser die Geschichte einer "zufälligen" Familie aus und folgt damit einem Trend einer geistig-reformerischen Bewegung seiner Zeit, die sich von der Hinwendung zur russischen Intelligenz und den privilegierten Schichten abkehrt zum einfachen Leben einer Dorfgemeinschaft. Es wird davon eine soziale Erneuerung und bessere Zukunft erwartet. In der Form eines Tagebuches erzählt Arkadij Dolgorukij als Ich-Erzähler die Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend. Dabei steht im Vordergrund seiner Entwicklung das widersprüchlich erlebte Bild seines leiblichen Vaters, Andrej Andrejewitsch Wersilow. Dieser hatte seinerzeit die Hingabe einer Leibeigenen, Sofja Dolgorukaja, gewonnen, die er ihrem Ehemann abkaufte. Aus diesem Verhältnis entstand der uneheliche Sohn Arkadij, der jedoch schon sehr früh in einer renommierten Moskauer Adelspension untergebracht wird. Die Hinweise auf seine "Schande" flicht der Ich-Erzähler manchmal ein. Dabei will der Dichter den Eindruck der spontanen Tagebuch-Niederschrift erwecken, will von einer wohlüberlegten Autobiographie nichts wissen. Andererseits spricht er gelegentlich den potentiellen Leser an, was in gewisser Weise doch entlarvend ist.
Der heranwachsende Jüngling wird nur selten von seiner scheuen, ärmlichen und in diesen "Kreisen" eher unbeholfenen Mutter besucht, und er schämt sich ihrer vor seinen Kameraden, die ihn sowieso schon wegen seiner illegitimen Herkunft quälen. Hier spiegeln sich auch eigene schlimme Schulerinnerungen des Dichters. Es wäre zu umfangreich und würde auch viel von dem Lesevergnügen nehmen, jetzt weitere Einzelheiten aufzulisten. Es kommt zu einigen Verwicklungen, zu Glück und Unglück, zu Spiel mit hohen Verlusten und Gewinnen, zu Beweisen von Selbstsucht und von christlicher Nächstenliebe, und am Ende zu einer allgemeinen schönen Versöhnung, zu einer Widerlegung aller Vorbehalte, die der junge Mann auch gegen seinen leiblichen Vater hegte, der zu guter Letzt die Bauerntochter Sofja Dolgorukaja heiratet.
Dostojewskij verzichtet auf die sonst übliche Trennung der Begriffe. Der Böse ist auch gut, der Schmutzige ist auch sauber, der Dumme auch klug, der Geizige nicht nur geizig, sondern auch hilfsbereit. Die Begriffe sollen gewiss nicht umbewertet werden; Gut und Böse bleiben Gut und Böse, schwarz bleibt schwarz und weiß bleibt weiß - aber alles dies findet sich nie ganz rein in der Natur. Es entstehen immer neue Mischungen, deren Möglichkeiten unbegrenzt scheinen. Es kann also sein, dass bei Dostojewskij eine einzige Gestalt die Eigenschaften mehrere Figuren vereint.
TEXTPROBE
(aus: Erster Teil, erstes Kapitel)
"Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich habe mich hingesetzt, um diese Geschichte meiner ersten Schritte auf dem Lebenswege niederzuschreiben, obgleich es auch ohne das gehen würde … Eines weiß ich genau: niemals werde ich darangehen, meine Autobiographie zu schreiben, und sollte ich hundert Jahre alt werden. Man muss schon allzu erbärmlich in sich selbst verliebt sein, um ohne Schamgefühl etwas über sich zu schreiben. Als einzige Entschuldigung führe ich an, dass ich nicht - wie alle andern - um des Lobes meiner Leser willen schreibe. Wenn ich mich plötzlich entschlossen habe, Wort für Wort alles niederzuschreiben, was mir seit dem vergangenen Jahr begegnet ist, so entsprang dieser Entschluss einem inneren Bedürfnis; einen solchen Eindruck haben die Ereignisse auf mich gemacht. Ich beschreibe nur die Begebenheiten, wobei ich jeder Nebensächlichkeit und vor allem literarischer Schönrederei möglichst aus dem Weg gehen werde; der Literat schreibt dreißig Jahre lang und weiß am Ende überhaupt nicht, wozu er so viele Jahre geschrieben hat."
Dostojewskijs Schreibstil ist ausschmückend, weitschweifend, manchmal etwas umständlich. Mir selbst macht dieser Stil allerdings Freude; ich genieße diese langen Sätze, die sich angenehm gegen den heute eher üblichen sehr sachlichen Stil abheben. Andererseits braucht der Leser auch eine gehörige Portion Geduld und Ausdauer, um sich durch diese etwa 1000 Seiten hindurch zu arbeiten. Längere Lesepausen sollten nicht eingelegt werden, deshalb wäre dieser Roman als Urlaubslektüre geeignet. Allerdings eine Urlaubslektüre der besonderen, der anderen Art. Wer russische Literatur bisher noch nicht gelesen hat, könnte schnell die Lust verlieren - aber genau das wäre zu schade! Diese klassische Literatur ist zumeist ernsthaft und auch deshalb beste Unterhaltung!
Danke für Eure Geduld, diesen Bericht zu lesen. Danke für alle Bewertungen und evtl. Kommentare!
Uwe
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Rußland aus der Perspektive der Unerfahrenheit
Bewertung für Der Jüngling / F.M. Dostojewski von
MichaelGranada
Pro: Perfekte Darstellung der Abgründe menschlicher Psyche
Kontra: Teilweise etwas langatmig
...Kurz zum Autor:
Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881) zählt zu den wohl bedeutendsten Dichtern der Weltliteratur. Er war der Sohn eines Armeearztes aus Moskau. Nach kurzer Tätigkeit als technischer Zeichner im Kriegsministerium wurde er freier ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich |
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sehr hilfreich
14.02.2006
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