GANZ GUT GEBRÜLLT, LÖWE !

3  30.10.2006

Pro:
irrsinnig gute "Show"(tolle körperliche Leistungen der Darsteller,Kostüme,Licht)

Kontra:
ein großer Teil der Musik, recht teuer

Empfehlenswert: Ja 

IlkaSehnert

Über sich: Meist woanders unterwegs, aber ich erinnere mich zumindest noch an mein Passwort - liebe Grüße an al...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 125 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ganz ehrlich: Ich stehe nicht auf Großmusicals. Kann ich auch begründen:
Oftmals platte Geschichten, unglaubliche Kostümschlachten, die Musik so kommerziell und musikalisch uninteressant, dass es mir manchmal die Fußnägel hochrollt und Preise, die einfach nur unverschämt sind. Großmusials von Veranstaltern im Stil von "Ich bau ein extra Haus für ein einziges Stück und spiel das dann jahrelang, bis ich reich bin und alle Deutschen es wenigstens einmal gesehen haben" mag ich einfach nicht. So.

Und dennoch war ich am vergangenen Wochenende in Hamburg und habe mir
"König der Löwen" angeschaut. Auch das kann ich begründen:
Leute, die im Prinzip ganz ähnlich ticken wie ich, haben es bereits gesehen und sprachen
von grandiosen Leistungen der Darsteller und von einer wunderbaren und faszinierenden Bühnenshow. Tja -und noch dazu spielt ein Kollege von mir mit. Also gut. Schaun wir mal.

Die Geschichte ist schnell erzählt und unterscheidet sich angeblich nicht sonderlich vom
entsprechenden Walt-Disney-Film, den ich zwar nicht kenne, es wurde mir aber berichtet.

König der Tiere, Löwe Mufasa hat einen Sohn, Simba. Der soll später natürlich in Papas
gewaltige Fußstapfen treten und dann das geweihte Land, die afrikanische Savanne samt ihren dort lebenden verschiedenen Tierarten genauso weise und großmütig leiten und lenken, wie Papa es tut. Papa hat allerdings einen neidischen Bruder - Scar, der dem Lütten das Erbe genauso wenig gönnt, wie er schon den Amtsantritt seines Bruders damals doof fand.
Deshalb schmiedet er mit Hilfe der Hyänen Putsch-Pläne und gedenkt, möglichst auf einen Schlag Vater und Sohn los zu werden, um selber an die Macht zu kommen. Wie junge Löwen nun mal sind, wenn sie mit jungen, schicken Löwinnen (Nala) anbandeln - sie geben mächtig an und begeben sich sehenden Auges in die blödesten, gefährlichen, von Scar natürlich provozierten Lagen. Papa kommt jedes Mal zu Hilfe und geht schließlich unter tätiger Mithilfe von Scar - Brudermord! - dabei drauf. Dem Kleinen wird jedoch von Scar eingeredet, er sei Schuld am Tod des Vaters und er solle sich doch besser ganz fix aus dem Staub machen, was der, ängstlich und voll schlechten Gewissens auch tut.
Scar ernennt sich zum König und das Unglück nimmt seinen Lauf. Die Hyänen breiten sich aus und ruinieren das ganze schöne Land, die Savanne verkommt und ihre Bewohner leiden...

Pause

Simba ist in der Zwischenzeit von Erdmännchen Timon und Warzenschwein Pumbaa adoptiert worden. Okay, das mit der natürlichen Nahrungskette haut da nicht so recht hin, aber schließlich ist Simba fast noch ein Baby und weiß noch nicht so recht, dass man sowohl Erdmännchen als auch Warzenschweine eigentlich auch ganz gut essen könnte...
Er entwickelt sich jedenfalls zu einer Art "Gutlöwe", der Würmer-und Madensandwiches speist. Allerdings ist er auch ganz gut im Verdrängen, denn auch als klar wird, dass sein Volk ihn eigentlich brauchen könnte, um das Gleichgewicht wieder herzustellen und Scar abzusägen, da beruft er sich auf sein schlechtes Gewissen und will von Rückkehr und Kämpfen so gar nichts wissen. Wie es kommen muß: Nala und er begegnen sich wieder und neben den hellseherischen Fähigkeiten der immer mal wieder auftauchenden Figur Rafiki ( zu deutsch: Freund ) ist es -natürlich- die Liebe, die ihn auf den rechten königlichen Löwenpfad führt. Scar und die Hyänen werden bekämpft und besiegt, Nala und Simba sind das neue Königspaar und siehe da: Auch ein neuer Babylöwe ist schon da! - der Cirle of Life schließt sich.

Ende.

Schön, nicht? Na ja, es ist halt eine Fabel, und irgendwie nicht mal eine der schlechtesten
Vergleiche mit uns Menschen, was Unglück durch Machtgier etc. angeht, nicht wahr?

Das Ganze ist nun tatsächlich! verpackt in eine wirklich faszinierende und toll gemachte Show, wie ich bisher noch keine gesehen habe.
Ich hatte das große Glück, vor der Vorstellung in den Backstagebereich zu dürfen und mir all die tollen Tierkostüme samt ihren irre ausgetüftelten Mechanismen anzuschauen, denen ich dann später auf der Bühne begegnen würde.
Mein Kollege spielt und singt übrigens den Vogel Zazu, eine wunderbare Figur im Stück, mit Witz, Frechheit - im Gesamtgefüge eine Art Hofnarr, einer, der die Wahrheit sagt und sagen darf und dabei alles andere als närrische Dinge von sich gibt. Manchmal schrammt er dabei hart am Gerupftwerden vorbei...lach...eine wirklich sehr schöne Rolle, zu Recht später von den 2030 Zuschauern, die der Saal fasst, begeistert beklatscht.
Der Vogel ist eine Puppe, fürs Publikum sichtbar vom Darsteller über verschiedenste Mechanismen geführt und scheinbar mit ihm verwachsen. Zazu lebt, wenn er den Hals reckt, seinen Schnabel aufreisst oder in der Gegend herumflattert.

Ja, und genauso tolle Leistungen erbringen auch die anderen Darsteller. Kann von Euch jemand Stelzen laufen? Ich konnte es mal, als Kind. Sogar ganz gut. Aber ich habe es nie auf allen Vieren mit Stelzen an Händen und Beinen probiert, schon gar nicht mit einem ca.zwei Meter hohen Hut auf dem Kopf. Was das für ne Beschreibung ist? Na ist doch klar: eine Giraffe! Genauso "funktionieren" die nämlich. Mit Hilfe einer Leiter steigen die Darsteller auf der Seitenbühne in ihre Giraffenbeine, setzen sich den Giraffenhals auf, greifen sich mit den Händen die Vorderbeine der Giraffen und - laufen! Es ist einfach irre.
Die afrikanische Savanne wird natürlich von den verschiedensten Tieren bewohnt - und alle sind Tänzer und Akrobaten, die an irgendwelchen Körperteilen mit "ihren Tieren" verwachsen scheinen und sie so führen. Ganze Antilopenherden laufen so über die Bühne:
Eine auf dem Kopf, in springender Haltung, jeweils eine weitere an beiden Armen, die dann in unterschiedlichen Sprunghöhen geführt werden und sich dadurch auf der Bühne vervielfachen. In Zebras, Nashörnern und Elefanten stecken jeweils zwei Darsteller. Besonders erwähnenswert sind auch die Hyänen. Gruselige Masken, die vom Nacken ausgehend je nach Kopf-und Körperhaltung vor den Kopf des Darstellers gelangen und ähnlich wie bei den Giraffen der Gang der Darsteller auf allen Vieren, mit kurzen Stelzen in den Händen. Unglaublich. Übrigens spielen die Darsteller sogar die Savanne selbst - eine Gruppe von Tänzern mit Kopfbedeckungen aus großen grünen Grasbüscheln und von anderen Darstellern geführte kleine Tier (Löwen)puppen, die in Höhe der sich bewegenden Köpfe durch die Savanne "streifen", erwecken wirklich den Eindruck von Weite und langen, sehr langen Wegen. Toll gemacht.

Die Lichtgestaltung tut ihr Übriges: Ganz tolle Bilder und Perspektiven, die sich manchmal allein durch das Licht ergeben.

Also, Ihr Lieben: Allein wegen all dieser Dinge, der großartigen, wunderschönen Bilder und der irren körperlichen Leistungen der Darsteller lohnt sich das Ganze!

Ihr merkt jedoch vielleicht, dass ich mich ums Thema Musik und Hauptdarsteller ein wenig herum drücke. Aber es hilft ja nichts, das hier soll ja eine Rundum-Meinung werden.
Also: Ich finde die Musik sehr durchwachsen. Es gibt afrikanische Gesänge und Rhythmen, die einfach wundervoll sind ( die Darstellerin der Rafiki war grandios!), natürlich nicht zu vergessen der tolle Elton-John-Schmachtfetzen "Circle of Live" und noch ein/zwei weitere musicaltaugliche Balladen, die mich nun nicht umgehauen haben, aber in Ordnung waren - aber daneben gibt es viel zu viel belanglose und machmal richtig schlechte Pillepalle-Musik. Normalerweise sind diese Großmusical-Nummern ja wenigstens noch dick "auf Wirkung" komponiert und nerven lediglich deswegen, aber hier gibt's mehr als genug richtig Schlechtes, wie ich finde. Ich war also über weite Strecken sehr enttäuscht.
Ähnlich ging es mir mit den Darstellern der Hauptrollen. Sehr durchwachsen.
Während die erwachsene "Nala" sowohl schauspielerisch wie auch sängerisch sehr gut war, ("Rafiki" und meinen Kollegen "Zazu" hab ich ja schon positiv erwähnt ), fand ich z.B. die beiden Kinderdarsteller (junger Simba und junge Nala) nicht so begnadet, den erwachsenen Simba zwar mit einer guten Gesangsstimme, aber dafür mit einer grausig nervenden Sprechstimme und nicht allzu viel darstellerischem Talent ausgestattet.
Erdmännchen und Warzenschwein sind natürlich sehr dankbare Rollen. Die fand ich auch von beiden gut ausgefüllt, aber eigentlich stand hier auch wieder die Faszination der Führung bzw. des Verwachsenseins mit ihren Tieren im Vordergrund meiner Begeisterung.

Aber, wenn ich jetzt Punkte verteilen soll, werden die trotzdem ganz gut ausfallen:
Wenn man weiß, dass die Leute seit fast fünf Jahren täglich bis auf montags spielen - und an den Wochenende doppelt ! - und dann sieht, was sie auf der Bühne leisten, dann ist ihnen von meiner Seite nämlich schon mal ein Bonusbewunderungspunkt sicher.

Und wie gesagt, die Show ist wirklich toll, das Ambiente ist sehr stimmungsvoll und verfehlt nicht die Wirkung, dass sich ein Gefühl einstellt, man hat hier irgendwas Besonderes vor. Das geht schon los mit der kostenlosen Schiffsüberfahrt von den Landungsbrücken zum Theater, wenn man auf das erleuchtete, große gelbe Zelt mit dem Löwenkopf zu schippert.

Man sollte aber vielleicht darauf achten, dass man sich, wenn es um den Kartenkauf geht, nach Möglichkeit einen der preiswerteren Tage und preiswerteren Plätze aussucht (die Preise schwanken zwischen ca. 26 und 110 Euro), denn sehen kann man eigentlich von überall sehr gut (und hören sowieso, ist ja alles Mikroport-verstärkt ), dann tuts nicht gar so weh, wenn man wie ich doch eher zu den kritischen Musicalzuschauern gehört.

Weitere Informationen zum Musical, einschließlich Preisen, Anfahrt und Informationen zu den Darstellern, findet Ihr unter: www.stage-entertainment.de
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
slidesonly

slidesonly

18.09.2011 18:09

Hervorragend geschrieben! Selten eine dermaßen gute Kritik gelesen. Höchsten Respekt!

Wurzelzwerg22

Wurzelzwerg22

21.05.2007 00:47

BH. Ich habe schon etliche Musicals gesehen - aber das hier war für mich DAS Musical, das man gesehen haben MUSS. LG Angelika

Dobbylein

Dobbylein

04.03.2007 22:51

Irgendwann schau ich mir dieses Musical sicher mal an. Ich hab bisher nur Gutes darüber gehört. Und Dein Bericht gibt mir recht. Gruß Stephan

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