Die Macht des geschriebenen Wortes...
21.05.2001
Pro:
Unzählige Aspekte, nicht nur Kriminalroman; spannend; meisterhaft erzählt
Kontra:
schwer zu sagen, möglicherweise interessieren einen die langen sehr historisch orientierten Passagen nicht
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 preflex
Über sich:
Mitglied seit:16.04.2001
Erfahrungsberichte:9
Vertrauende:1
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 10 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
...ist ein zentrales Thema in Umberto Eco's "Der Name der Rose". Aber ich will nicht zuviel verraten... Auch wenn es schon eine Weile her ist, dass ich das Buch gelesen haben, es ist einfach zu gut um von mir nicht bewertet zu werden.Der Roman spielt im Jahre 1327 in einer norditalienischen Benediktinerabtei. Er erzählt die Geschichte des Adson von Melk (aus seiner Perspektive), der mit William von Baskerville mit zwei Missionen in diese Abtei geschickt wird: Erstens bei Verhandlungen zwischen Minoriten und päpstlichen Legaten zu vermitteln, zweitens einen in dieser Abtei geschehenen Mord aufzuklären. Und dieser und die folgenden Morde sind es, die die Spannung durchgehend hoch halten. Eine zweite Handlung entwickelt sich im Bereich der schon erwähnten Vermittlungsaufgabe, eine dritte - kleine - ist die Liebe Adsons zu einem Bauernmädchen.Der Roman ist vielen verschiedenen Leserschichten zu empfehlen. Zunächst einmal ist er ein unglaublich guter Kriminalroman, mit den fast regelmäßig passierenden Morden, die von körperlicher und geistiger Begierde (und nicht zuletzt von religiösem Fanatismus) ausgelöst werden; mit seinen mysteriösen Rätseln, beängstigenden Schauplätzen und zwielichtigen Gestalten. Diese unheimlichen Situationen und Szenarios sind aber immer mit logischem Denken erklärbar, alles ist streng an historische Fakten und Tatsachen gebunden, trotzdem schafft es Eco, soviel Fantasie und Vorstellungskraft einzubinden, dass es niemals trocken oder unspektakulär wird. Zweitens ist er sicher für alle am Mittelalter Interessierten hochinteressant, weil der Roman auf einem tatsächlich gefundenen Manuskript basiert, das wahre Begebenheiten schildert - und weil die Nebenhandlung, in der es um politische Verhältnisse zu jener Zeit geht, voller historischer Details ist (das wird durch die zahlreichen lateinischen Textstellen noch deutlicher gemacht). Drittens sind die Zustände in der mittelalterlichen Abtei leicht auf heutige Gegebenheiten übertragbar. Und schließlich hat das ganze Buch stets einen Hang zur Philosophie - man macht sich wirklich Gedanken, und in den langen Disputen zwischen William und den gelehrten Mönchen sind oft sehr philosophische und zum Nachdenken anregende Stellen zu finden.Eco schafft es außerdem, nahezu perfekt zu erzählen. Aus der Sicht Adsons fühlt man sich wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes' Ermittlungen: Stets ahnt man etwas, aber der Meister erklärt mit spielerischer Leichtigkeit die mysteriösesten Phänomene, nur mit Hilfe seines logischen Denkens und seiner Erfahrung. Man wart also immer auf eine Erklärung, mit der Gewissheit, dass William stets ein paar Gedankensprünge voraus ist. Die Sprache ist stellenweise nicht gerade einfach, aber das macht das Buch umso interessanter. Eco hat einen beeindruckenden Stil und spickt seine Texte unauffällig mit zahlreichen Zeichen und Andeutungen - als Semiotiker versteht er sein Handwerk. Er stellt die Personen facettenreich dar, er zeigt ihre Schwächen genauso wie ihre Stärken, ihre korrumpierten wie ihre rechtschaffenen Seiten. Man sieht, dass die Sehnsüchte, die Rücksichtslosigkeit, die Gewissensbisse, der Wahnsinn, die Unsicherheit, die Hoffnungen, der Egoismus im mittelalterlichen Italien, unter Mönchen einer strengen Abtei trotz der für uns fremdartigen Lebensverhältnisse auch nicht anders waren als heute. Und Eco beschreibt genau das in einer spannenden, erschreckenden, fesselnden Art und einer vielfältigen und komplizierten Sprache, um den vertrackten und komplizierten Auswüchsen menschlichen Erfindungsgeistes, mit denen die beiden Hauptpersonen zu tun haben, gerecht zu werden.Wer den Film kennt, das Buch aber nicht, dem sei es hiermit wärmstens ans Herz gelegt - der Film ist zwar sehr gut, beleuchtet aber nur den Kriminalroman-Aspekt, das Buch geht viel tiefer. Wer auch den Film nicht kennt, der sollte vielleicht zuerst das Buch lesen, ich kannte zuerst den Film und beim Lesen des Buches daher auch schon den Mörder bzw. Hauptverantwortlichen für die Verbrechen. Das Buch ist zwar trotzdem ungeheuer spannend, aber die übliche Reihenfolge bei Buchverfilmungen sollte lauten: Erst das Buch, dann der Film. Langer Bericht, kurzes Fazit: Sehr zu empfehlen.
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09.07.2001 15:56
Ich habe mal angefangen "Die Insel des vorigen Tages" von Eco zu lesen, habe es aber irgendwann wieder weggelegt, a) aus Zeitgründen und b) weil es doch recht schwierig geschreiben war. Aber irgendwie interessiert es mich schon, mal "Der Name der Rose" zu lesen. Vielleicht mach´ ich das, wenn ich etwas mehr Zeit habe... Bye, Trinity__
21.05.2001 17:33
Hallo, echt super Bericht. Bin wirklich beeindruckt. Ich kenne leider bisher nur den Film, aber dank dir werde ich mir jetzt wohl auch das Buch antun. Bin schon richtig gespannt darauf. Liebe Grüße Beate